Das Fellow-Programm Freies Wissen geht in die dritte Runde! Noch bis zum 15. Mai können sich interessierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus allen Fachrichtungen bewerben. Zur aktuellen Ausschreibung geht es hier entlang.


Das Fellow-Programm Freies Wissen ist eine Initiative von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung, um junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei zu unterstützen, ihre eigene Forschung und Lehre im Sinne Offener Wissenschaft zu öffnen und damit für alle zugänglich und nachnutzbar zu machen. Denn: Wir glauben an das Potential offener und kollaborativer Forschung. In unserem Blog stellen die Fellows einige ihrer Projekte vor und berichten über ihre Erfahrungen im Umgang mit offener Wissenschaft in der Praxis. Hier berichtet Stipendiat Aleksej Tikhonov über sein Projekt „Autorenidentifikation und linguistische Merkmale der Rixdorfer Handschriften: Eine Untersuchung anhand von Manuskripten aus dem 18./19. Jahrhundert“.

Bei der Entwicklung eines Assistenzsystems/eines Tools/eines Programms, das eine konkrete Art von Daten analysieren soll, wird Trainingsmaterial benötigt. In unserem Projekt entwickeln wir ein Assistenzsystem zur Analyse von historischen Handschriften aus dem 18.–19. Jahrhundert. Durch eine Untersuchung der visuellen und der sprachlichen Muster, soll die Anwendung sagen können, ob zwei oder mehrere historische Dokumente von derselben Schreiberin oder demselben Schreiber stammen oder nicht. Das Vorhaben wird vom Fachgebiet der Westslawischen Sprachen und dem Fraunhofer IPK mit der Förderung der VolkswagenStiftung (Förderlinie „Mixed Methods“) umgesetzt.

Bild: Elena Tikhonova, Open Sciene by Aleksej Tikhonov at the Moravian Church (Evangelische Brüdergemeine) in Rixdorf (Berlin-Neukölln)CC BY-SA 4.0

Von dem Fellow-Programm Freies Wissen habe ich über eine Rundmail der VolkswagenStiftung erfahren. An der Vermittlung des Wissens der breiten Öffentlichkeit und in unserem speziellen Fall – an der Vermittlung von Inhalten historischer Handschriften war ich bereits vor der Ausschreibung interessiert. Dabei hatte ich dafür weder finanzielle Ressourcen noch eine Plattform oder ein Netzwerk von Gleichgesinnten. Denn ein gemeinsames großes Ziel – die Öffnung der Wissenschaft – kann in einem Team viel schneller und auch nachhaltiger erreicht werden. Mit dem Freies Wissen-Fellowship wollte ich unsere Trainingsdaten zugänglich und verständlich für die Gesellschaft machen. Damit sollten sie nicht „nur“ der Softwareentwicklung, sondern auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dienen.

Was ist aber an den Handschriften so interessant?

Die Handschriften stammen hauptsächlich aus dem 18. Jahrhundert. Es sind Predigten und Lebensläufe (ein paar Verse sind auch dabei) von böhmischen, mährischen und schlesischen Religionsflüchtlingen, die vor fast 300 Jahren von Katholiken verfolgt wurden. In Preußen fanden sie eine neue Heimat. Genauer – in und bei Berlin. Von den ca. 5000 handgeschriebenen Seiten machen die Lebensläufe ca. 1500 Seiten aus und handeln vom Leben einfacher Menschen – Bauern und Handwerker. Der Tradition der sogenannten Brüdergemeine1 nach, zu der die Exulanten2 gehörten, sollten die Lebensläufe autobiografisch sein. Das ist aber der Idealfall, der nicht immer eingetreten ist. Deshalb ist es heute unbekannt, wer welche Lebensläufe verfasst hat. Nichtsdestotrotz sind die Dokumente für ihre Zeit Unikate, denn es handelt sich um individualisiertes nicht-katholisches Schreiben von einfachen Menschen im 18. bis frühen 19. Jahrhundert. Damit die Inhalte dieser Biografien nicht weiterhin im Archiv „rumstehen“ und sprachlich nur denjenigen zugänglich bleiben, die Tschechisch dieser Zeit können, beschloss ich die Texte zu übersetzen und zu präsentieren.

Warum gehen die Rixdorfer Lebensläufe alle Berlinerinnen und Berliner etwas an?

Die Manuskripte, die das Leben der böhmischen Flüchtlinge in Berlin zeigen, spiegeln auch gleichzeitig die Berliner Gesellschaft und ihren Umgang mit den Neuankömmlingen im 18. Jahrhundert wider. Das Ziel der Lesereihe und der Publikationen ist es, aufzuzeigen, dass in Berlin eine Tradition der Multikulturalität und der Aufnahme von Verfolgten seit Jahrhunderten gepflegt wird. Dessen Verständnis soll das Publikum für die aktuelle politische Lage sensibilisieren, die Geschichte der böhmischen Exulanten in Berlin aufarbeiten sowie die lange Historie der Einwanderung nach Berlin und Deutschland in Erinnerung rufen und verfestigen.

Nun kommen wir zur Sache.

Ich habe mein Anliegen auf zwei Seiten geschildert und bekam eine Zusage für die Förderung. Die czEXILe-Lesereihe, findet nun seit Dezember 2017 statt. Beide Lesungen, die bis jetzt ausgerichtet wurden, sind beim Publikum gut angekommen. Bei der ersten Lesung im Hauptgebäude der Humboldt-Universität waren ca. 70 Gäste da und das an einem Mittwochabend. Die Ankündigung der ersten Lesung kam auch im Newsletter des Tagesspiegels vor. Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass die Texte auszuwählen, zu transliterieren3 und zu übersetzen maximal 50 % des Projekts ausmacht. Es steckt viel mehr dahinter – Werbung mittels Plakate, Flyer, Facebook-Anzeigen, Blog- und Twitter-Pflege, Newsletter-Marketing und das gezielte Anschreiben von potenziellen Interessenten mit einem Ansehen in dem jeweiligen Bereich (Theologie, Geschichte, Slawistik, das Tschechische Kulturinstitut, die Botschaft der Tschechischen Republik, das Bezirksamt, das Büro der Bezirksbürgemeisterin etc.). Bei der zweiten Lesung im März 2018, die direkt bei der Brüdergemeine im Böhmischen Dorf in Berlin-Neukölln durchgeführt wurde, waren über 50 Gäste da. Zwei weitere Lesungen sollen bis Ende Mai stattfinden.

Bild: Elena Tikhonova, Open Sciene czEXILe presentation at the Moravian Church (Evangelische Brüdergemeine) in Rixdorf (Berlin-Neukölln), CC BY-SA 4.0

Bei der Organisation solcher Veranstaltungen ist aber viel mehr zu beachten. Einiges war mir vorher klar – so z. B. gehören auch Buffet und ein Umtrunk dazu, denn bei solch einem Ausklang werden die Inhalte und der Kontakt zu der Öffentlichkeit verfestigt. Word-of-Mouth funktioniert immer noch. Schwieriger war die Terminfindung, denn Doodle wollen am Ende doch nicht alle verwenden und so musste mit bis zu zehn Beteiligten persönlich sowie per Telefon und E-Mail kommunizieren. Diese Koordination benötigt dabei zwischen einer halben und drei Stunden am Tag – ja nach Vorbereitungsphase.

Ist es denn tatsächlich nachhaltig?

Nein, in der reinen Form einer Lesereihe ist die Vermittlung des Wissens nicht nachhaltig. Es ist jedoch eine effiziente offline Maßnahme, um Menschen an das Thema zu binden und sie tatsächlich zu erreichen. Allein nach zwei Lesungen kamen bereits zwei Anfragen, ob solch eine Lesung nicht auch als ein Programmpunkt einer anderen Veranstaltung stattfinden könnte. Zwecks der Nachhaltigkeit sollen aber die Originale und die Übersetzungen mit Kommentaren von Expert*innen am Ende des Fellowships online publiziert und frei zur Verfügung gestellt werden. Einige erfahrenere Kollegen aus meinem Fachbereich haben auch bereits Interesse, an dieser Publikation aktiv mitzuwirken. Das Fachgebiet des Westslawischen Sprachen, in dem ich promoviere, steht dabei gar nicht schlecht da, denn es macht z. B. bei dem Language Science Press: A Publication Model for Open-Access Books mit. Ich freue mich, meinen Beitrag dazu leisten, dass Science (bald) Open Science wird.

Mehr zu der czEXILe-Lesereihe findet ihr hier.

1 Eigenname korrekt ohne „d“.
2 Exulanten – religiös motivierte Auswanderer. Exilanten – politisch motivierte Auswanderer.
3 abzutippen

 


Zum Autoren: Aleksej Tikhonov promoviert seit April 2017 in einem gemeinsamen Projekt vom Fachgebiet der Westslawischen Sprachen (Institut für Slawistik der Humboldt-Universität), dem Fraunhofer IPK und der Musterfabrik (gefördert durch die VolkswagenStiftung (‚Mixed Methods‘). Seit September 2017 ist er Stipendiat im Fellow-Programm Freies Wissen.


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