Das Fellow-Programm Freies Wissen geht in die dritte Runde! Noch bis zum 15. Mai können sich interessierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus allen Fachrichtungen bewerben. Zur aktuellen Ausschreibung geht es hier entlang.


Das Fellow-Programm Freies Wissen ist eine Initiative von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung, um junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei zu unterstützen, ihre eigene Forschung und Lehre im Sinne Offener Wissenschaft zu öffnen und damit für alle zugänglich und nachnutzbar zu machen. Denn: Wir glauben an das Potential offener und kollaborativer Forschung. In unserem Blog stellen die Fellows einige ihrer Projekte vor und berichten über ihre Erfahrungen im Umgang mit offener Wissenschaft in der Praxis. Hier berichtet Stipendiat Tobias Steinhoff über sein Projekt „Expedition mit FS Poseidon, Untersuchungen zum Gasaustausch im Auftriebsgebiet vor Mauretanien“.

Open Science: Gut gemeint, aber…

… grandios daran gescheitert. Das war auf jeden Fall mein Gefühl nach meiner Expedition, die ich doch ganz im Zeichen von offener Wissenschaft gestalten wollte. 

Studenten und Wissenschaftler beraten in der Messe der FS POSEIDON, wo die beste Position zum Aussetzen des Drifters ist. (Foto: Lisa Hoffmann, CC-BY 4.0)

Mein Projekt dreht sich um eine Forschungsreise mit dem deutschen Forschungsschiff FS POSEIDON. Für drei Wochen (22.01. – 11.02.2018) ging es mit der POSEIDON von Gran Canaria aus ins Auftriebsgebiet vor Mauretanien. Bedingt durch die Passatwinde ist das die Jahreszeit, wo warmes Oberflächenwasser von der Küste „weggedrückt“ wird. Dadurch kommt kaltes und nährstoffreiches Wasser an die Oberfläche. Zusammen mit der starken Sonneneinstrahlung der Tropen ist das eine wunderbare Umgebung für Organismen und eine starke biologische Produktion beginnt. Wir wollten nun einen solchen frischen Auftriebs-„Patch“ identifizieren und mit einem Oberflächendrifter markieren. Diese Wassermasse wollten wir für ca. 2 Wochen als natürliches Labor benutzen, um den Gasaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre unter verschiedenen Bedingungen zu beobachten.

Soweit die wissenschaftlichen Voraussetzungen. Nach dem Eröffnungsworkshop des diesjährigen Fellow-Programms im Oktober 2017 in Berlin habe ich mich ganz motiviert an die Arbeit gemacht. Nun hieß es für mich, neben der Projektarbeit in anderen Projekten, die Expedition vorzubereiten und das möglichst transparent. Nach vielem Ausprobieren habe ich mich dafür entschieden, sowohl die Vorbereitung als auch die Fahrt selber in einer Art offenem Laborbuch auf gitlab zu führen. Neben der für mich ungewohnten Syntax sah ich mich aber auch noch mit weiteren offenen Fragen konfrontiert. Als wissenschaftliche Fahrtleitung ist man nicht nur für sein eigenes wissenschaftliches Programm verantwortlich; es gilt die Interessen aller Teilnehmenden zu berücksichtigen, man muss An- und Abreise und alle Transporte organisieren, es sind ewig viele Listen zu erstellen. Hier kam mein offenes Laborbuch schnell an seine Grenzen. Die Vorbereitung beinhaltet auch die Abfrage allerlei persönlicher Informationen. Hier muss dann also eine zweite Version her, die nicht online und nicht offen ist, dafür aber auch Namen und andere Details beinhaltet, die nicht ungefragt veröffentlicht werden können. Hier war es dann einfach in den alten Trott zu verfallen: Ich führte mein handschriftliches Buch und beschloss, dass was online kann später hochzuladen. Sobald einem die Zeit wegläuft, ist das aber schon der erste Punkt, der leidet: Update-Intervalle meines offenen Laborbuchs wurden immer länger. Damit aber leidet auch die eigene Unzufriedenheit, da man jetzt schon hinterherhängt.

An Bord selber wurde es nicht besser. Der ursprüngliche Plan war es, täglich neue Daten im gitlab hochzuladen und ein paar Stichworte zu den aktuellen Arbeiten an Bord zu verfassen. Außerdem sollten natürlich vernünftige Metadaten für die Daten zur Verfügung gestellt werden. Zusätzlich sollte die Expedition auf Oceanblogs populärwissenschaftlich und mit schönen Bildern begleitet werden.

Der Drifter ist im Wasser. Nun heißt es hoffen… (Foto: Lisa Hoffmann, CC-BY 4.0)

Ich hatte zwar tatkräftige Unterstützung, sowohl für meine wissenschaftlichen Arbeiten als auch für die Betreuung des Blogs, dennoch stieß ich schnell an meine Grenzen. Die Arbeiten an Bord nahmen mich derart in Beschlag, dass ich zu nicht viel anderem gekommen bin. Zum einen gab es etliche Probleme mit einigen Messgeräten und sobald das Schiff den Hafen verlassen hat, ist man auf sich alleine gestellt. Hier hilft bei Problemen oft nur Improvisation, was aber auch eine Menge Zeit kostet. Zum anderen hatte ich die Rolle als wissenschaftliche Fahrtleitung doch unterschätzt. Die ganze Organisation und Kommunikation zwischen Schiffscrew und wissenschaftlicher Besatzung nahm mehr Zeit in Anspruch als erwartet. Zudem ich mir auch vorgenommen hatte, an Bord selber die Entscheidungen möglichst transparent zu gestalten, was eben auch Zeit kostet, wenn alle in den Entscheidungsprozess eingebunden sein sollen. In den drei Wochen habe ich es erst an Tag 18 geschafft, ein paar Daten im gitlab hochzuladen. An eine vernünftige Dokumentation war nicht zu denken. Immerhin liefen die Beiträge auf Oceanblogs; die musste ich jeweils nur gegenlesen und absegnen.

Aber was hieß das nun für mich? Wenn ich meine erzielten Erfolge mit der Roadmap vergleiche, die ich auf dem Eröffnungsworkshop erstellt hatte, sieht es wirklich nach Scheitern aus. Allerdings hört sich das so negativ an, und das Wort berücksichtigt nicht alle die Sachen, die ich in den letzten Monaten gelernt habe. Ich bin jetzt eher um einige Erfahrungen reicher und sehe für mich wesentlich klarer, wie ich das Thema Open Science in meinem Gebiet angehen kann. Nach drei Wochen Expedition und jeder Menge guter Vorsätze würde ich in Bezug auf Open Science das nächste Mal einiges anders machen:

Sonnenuntergang mit Wüstenstaub aus der Sahara. (Foto: Lisa Hoffmann, CC-BY 4.0)

Muss immer alles sofort online? Für mich kann ich das mit einem klaren „Nein“ beantworten. Natürlich ist es wünschenswert schon den Prozess (also in meinem Fall die Messungen im Feld) einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aber an erster Stelle steht für mich die Qualität der Messungen. Und ein offenes Laborbuch erfordert mehr Zeit und Aufmerksamkeit als meine handschriftliche „Kladde“. Außerdem können die handschriftlichen Aufzeichnungen auch Informationen enthalten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Weiterhin stellt sich mir die Frage, ob eine git-Umgebung wirklich die richtige Plattform ist. Der Vorteil des git liegt klar auf der Hand, aber die gewöhnungsbedürftige Syntax wird sicherlich auch viele Wissenschaftler davon abhalten, diese zu benutzen.

Also doch nicht so richtig gescheitert. Eher eine Menge gelernt. Das Projekt ist noch nicht zu Ende und wir sind alle mit der Datenauswertung beschäftigt. Nach der Auswertung werde ich zumindest meine Daten gut dokumentiert auf dem gitlab zur Verfügung stellen und natürlich werden wir auch Open Access veröffentlichen.

Das nächste Projekt ist schon in Arbeit und auch diese will ich ganz im Sinne von Open Science durchführen und dabei versuchen einiges anders/besser zu machen.

Weiterführende Links:


Zum Autoren:

Dr. Tobias Steinhoff arbeitet als Postdoc am GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er beschäftigt sich mit dem marinen Kohlenstoffkreislauf und hier speziell mit dem CO2-Austausch zwischen Ozean und Atmosphäre. In diesem Rahmen trägt er Messdaten zu einem internationalen Netzwerk bei Surface Ocean CO2 Atlas, die frei verfügbar sind. Im Rahmen dieses Projektes möchte er die offene Verfügbarkeit seiner Forschungsdaten auf den gesamten Prozess von der Datenerhebung bis zur Auswertung ausweiten.


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