Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 2)

Den Zugang zu kulturellem Erbe zu sichern, ist ein zentrales Anliegen von Wikimedia – und die Digitalisate von Sammlungen in Museen sind eine der Voraussetzungen für das Freie Wissen, etwa in der Wikipedia. Besonders wichtig ist es hierbei, über den Umgang mit Objekten aus der kolonialen Vergangenheit zu sprechen. Teil 2 einer Blogserie.

  • Juma Ondeng
  • 18. Februar 2022

Juma Ondeng ist der Leiter [der Abteilungen] der Antiquitäten, Gedenkstätten und Denkmäler der westlichen Regionen am Nationalmuseum Kenia und Projektpartner des International Inventories Programme (IIP). Das IIP ist eine internationale Forschungs- und Lernkooperation, die sich der Frage widmet, wie kenianisches Kulturerbe und Objekte, die sich im Besitz von US-amerikanischen oder europäischen Institutionen befinden, in Kenia zugänglich gemacht werden können. In der Ausstellungsreihe „Invisible Inventories„, die im März 2021 im National Museum of Kenya (Nairobi) eröffnet wurde, im Mai 2021 ins Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln) und anschließend im Oktober 2021 ins Weltkulturen Museum (Frankfurt am Main) zog, stellt das IIP die Ergebnisse seiner Forschung der Öffentlichkeit zur Verfügung und eröffnet einen Dialog über die Präsenz dieser Artefakte in Deutschland, ihr Fehlen in Kenia und ihre Provenienzgeschichten. Das Projekt zielt auch darauf ab, eine Datenbank mit kenianischen Objekten, die in Institutionen des „globalen Nordens“ zu finden sind, aufzubauen, um diese Exponate verfügbar und leicht auffindbar zu machen.

In der WMDE-Blogserie, die sich mit der Rolle der Digitalisierung im Umgang von Institutionen mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten befasst, erzählt Juma Ondeng mehr über das Projekt und gibt Einblicke in seine Erfahrungen und Erkenntnisse.

Erzählen Sie uns ein wenig über sich. Was sind Ihre Aufgaben am Nationalmuseum Kenia?

Ich bin derzeit der Leiter [der Abteilungen] der Antiquitäten, Gedenkstätten und Denkmäler im westlichen Kenia, eine Verwaltungsposition, die früher als “stellvertretender Direktor” bezeichnet wurde. Zu meinen Aufgaben gehört die Aufsicht über die Kurator*innen, die für die Museen, Gedenkstätten und Denkmäler in der Region Westkenia zuständig sind. Neben meinen administrativen Aufgaben bin ich auch an Forschungsaktivitäten in der Region und in anderen Teilen des Landes beteiligt.

Erzählen Sie uns etwas über das Projekt “International Inventory Programme” (IIP): Worum geht es dabei? Warum und wie wurde es initiiert? Warum ist es ein so wichtiges Projekt?

Das IIP ist ein Datenbankprojekt, das mit der Erstellung einer Datenbank kenianischer Sammlungen in Museen und Kulturerbestätten des globalen Nordens außerordentlich erfolgreich war. Das Projekt hat Museen und Kunstsammlungen verbunden, damit sie auf eine sich gegenseitig ergänzende Weise zusammenarbeiten. Das IIP setzt sich aus Partner*innen aus Kenia, Deutschland und Frankreich zusammen: The Nest Collective aus Kenia, The Shift Collective aus Deutschland und Frankreich, die Nationalmuseen Kenia (NMK), das Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln) und das Weltkulturen Museum (Frankfurt am Main).

Das IIP wurde gegründet, um auf Wissenslücken zu reagieren, die damals zu den kenianischen Exponaten, die sich außerhalb des Landes befanden, bestanden. Unmittelbar nach dem Afrika-Besuch des französischen Staatspräsidenten [Emmanuel Macron] im November 2017, bei dem er seine Bereitschaft zur Rückführung von Objekten nach Afrika erklärte, gab es einen Aufruf des Africa Council of Museums – AFRICOM an die Mitgliedsländer, ihre Objektlisten einzureichen. Nicht nur, dass für Kenia keine solche Übersicht existierte, es stellte sich heraus, dass kein afrikanisches Land eine solche Liste besaß! Die Institutionen und Personen, die derzeit das IIP bilden, diskutierten in einem vom Goethe-Institut Kenia in Nairobi gesponserten Workshop informell über die Möglichkeit, eine solche Datenbank für Kenia zu erstellen. Damals wurde beschlossen, Fördermittel für die Arbeit an einer kenianischen Datenbank zu beantragen, die das Ausmaß des Verlustes beleuchten und in Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften ein Bewusstsein für die Objekte schaffen sollte, die das Land seit der Kolonialzeit verlassen haben.

Die Hauptziele des IIP sind folgende:

  1. Netzwerkaufbau und Stärkung der Kooperationen zwischen den NMK und den beteiligten Institutionen.
  2. Erstellung eines umfassenden Inventars kenianischer Objekte, die sich in Museen in Europa und Nordamerika befinden. 
  3. Austausch von Wissen und Informationen, die bei der korrekten Identifizierung, Beschriftung, Aufbewahrung und Ausstellung kenianischer Objekte hilfreich sind, und schließlich die Präsentation einer Ausstellung in drei Museen in Kenia (Nairobi) und Deutschland (Köln und Frankfurt am Main).

Wie hat es funktioniert?

Von Anfang an haben wir deutlich gemacht, dass das IIP kein Restitutionsprojekt ist. Wir ermittelten Institutionen mit Sammlungen kenianischer Herkunft und verschickten Briefe an diese Einrichtungen. Ich kann sagen, dass insgesamt etwa 100 Briefe, oder etwas mehr, verschickt wurden. Die Resonanz war, wie erwartet, gemischt, mit Erfolgen und Misserfolgen. Aktuell haben wir Datenbanken von 32 Institutionen aus sieben Ländern erhalten. Die Briefe wurden gemeinsam entworfen, wobei sich alle Teammitglieder über die Wortwahl einig waren. Es mag an dieser Stelle erwähnenswert sein, dass das große IIP-Team sehr divers war, mit unterschiedlichen philosophischen Orientierungen, Kontexten und Anliegen, die die individuellen Ansätze unserer Arbeit prägten.

Gibt es Objekte (und folglich auch Digitalisate), die nicht öffentlich geteilt werden sollten?

Natürlich gibt es Objekte wie die Pokomo-Trommel – die „Ngadji“, die die britische Kolonialverwaltung der Pokomo-Gemeinschaft im Tana River County, einer Küstenregion Kenias, gewaltsam entwendet hat. Die Pokomo verehren diese Trommel, sie ist die Seele dieser Gemeinschaft, und nur einige wenige eingeweihte Mitglieder der Gemeinschaft dürfen diese Trommel sehen. Es ist unverständlich, warum solch ein heiliger Gegenstand in einem Museum aufbewahrt wird! Und doch kann er nicht in einer Ausstellung gezeigt werden.

Wie könnte man sicherstellen, dass diese Objekte weiterhin (digital) zugänglich sind und von ihren Gemeinschaften gefunden werden können?

Der Schlüssel zur Lösung solcher Probleme liegt in einer stärkeren Einbeziehung der Herkunftsgemeinschaften. Kulturen sind nie statisch, und wenn Menschen mit anderen Lebensstilen und einer anderen Art Bildung in Berührung kommen, werden sich einige dieser Verbote [der Zugänglichkeit mancher Objekte] mit Sicherheit ändern. Alles, was wir tun müssen, ist, mit den betroffenen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten. Ich bin mir sicher, dass sie trotz der kulturellen Verbote, die mit einigen dieser Objekte verbunden sind, ebenso stolz auf sie sind und ihr Wissen gern mit dem Rest der Welt teilen würden, vor allem, wenn solche Formate ihnen bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen helfen könnten.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Beschreibungen und Metadaten gemacht, die von den Institutionen des Westens bzw. des globalen Nordens bereitgestellt werden?

Die meisten Datenbanken sind voller sachlicher Fehler, zeigen einen deutlichen Mangel an kulturellem Verständnis für diese Objekte und eine große Anzahl enthält abwertenden Worte und beschreibende Begriffe. So ist beispielsweise das Wort “Lumbwa”, das von der britischen Bevölkerung während der Kolonialzeit für die Gemeinschaft der Kipsigis verwendet wurde, ein beleidigender Ausdruck, der auf den Lumbwa-Vertrag zurückgeht, den die Gemeinschaft mit einem britischen Militärkommandanten geschlossen hatte – dieser Vertrag beinhaltete das Zerteilen eines Hundes und das Vergießen von Blut1. Wie erwartet, hielten sich die Briten nicht an ihren Teil des Vertrags, denn sie nutzten die Friedenszeit, um militärische Verstärkung anzufordern, und unterwarfen die Kipsigis schließlich durch eine militärische Strafexpedition. Die Datenbank ist voller solcher Geschichten!

Was sind Ihre persönlichen Lehren und Erfahrungen aus dem Projekt?

Dieses Projekt hat mir die Augen für verschiedene Gräueltaten geöffnet, die während der militärischen Besetzung des heutigen Kenia begangen wurden, denn so sehe ich das gesamte koloniale Unternehmen. Wenn ich in der Vergangenheit Museen im globalen Norden besucht habe, achtete ich eher auf die Art und Weise, wie afrikanische und andere Exponate ausgestellt wurden. Ich konzentrierte mich auch auf das Lesen von Ausstellungstexten. Das hat sich durch das IIP-Projekt geändert. Ich interessiere mich mehr dafür, wie die afrikanischen Objekte in Ausstellungen und Depots ihre Herkunftsgemeinschaften verlassen haben. Nachdem ich die verschiedenen Wege untersucht habe, auf denen diese Objekte vom Kontinent fortgeschafft wurden, bin ich zum Schluss gekommen, dass es sich um Objekte handelt, die unter groben Menschenrechtsverletzungen den Kontinent verlassen haben, und dass niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird, nur weil es sich um Afrika, Asien, Südamerika, Aborigines und indigene Gemeinschaften in Amerika, dem Pazifik und Ozeanien handelt. Der Nettoeffekt dieses Projektes ist folgender: Gegenstände, die dem afrikanischen Kontinent durch Gewalt, geänderte Gesetze und religiöse Bekehrungen entwendet wurden, sind allesamt Kriegsbeute und sollten daher an die Herkunftsgemeinschaften zurückgegeben werden.

WMDE denkt über die Rolle der Digitalisierung für kulturelles Erbe (und eine Datenbank des kulturellen Erbes) aus kolonialen Kontexten nach. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Die Digitalisierung des kulturellen Erbes ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Angesichts des Zeitraums, in dem einige dieser Objekte den Kontinent verlassen haben, und der verlorenen Erinnerungen an diese Objekte, einschließlich des Wissens über ihre Herstellung, wäre es gut, solche Sammlungen der jüngeren Generation in Afrika zugänglich zu machen. Da die Bevölkerung in einer Zeit wächst, in der die Technologie so viele globale Interaktionen und Verbindungen ermöglicht, kann eine Datenbank mit kolonialem Kontext dazu beitragen, den Zugang zu solchen Sammlungen zu erweitern. Wenn es den führenden Köpfen des globalen Nordens mit der Restitution als Mittel der Wiedergutmachung des vergangenen Unrechts ebenso ernst ist, sollten sie solche Initiativen finanziell unterstützen und den Herkunftsgemeinschaften helfen, den Zugang zu den endgültigen Ergebnissen zu erleichtern. 

Was wäre weltweit notwendig, um diese Art Arbeit nachhaltig und effektiv zu unterstützen? Welche Rolle könnten Ihrer Meinung nach Wikimedia-Projekte in diesem Prozess spielen?

Partnerschaften sind der beste Weg, um nachhaltige und wirksame Möglichkeiten zur Unterstützung von Projekten wie dem IIP zu schaffen. Durch Partnerschaften mit nationalen Akteurinnen und Akteuren des Sektors kann jedes Land eine größere Fähigkeit entwickeln, Datenbanken zu erstellen und zu pflegen, die für seine Gerichtsbarkeit relevant sind. Eine globale Partnerschaft nationaler Partner*innen, die an Datenbanken arbeiten, die in einem für alle Beteiligten akzeptablen Format miteinander verknüpft werden können, kann den Zugang zu Informationen erweitern und dazu beitragen, die derzeit bestehenden Lücken zu schließen. Wenn man sich die Arbeit des IIP anschaut, sind wir durch den Finanzierungszyklus eingeschränkt worden. Das Projekt begann im November 2018 und soll im März 2022 enden. Wenn Wikimedia eine Partnerschaft mit dem IIP in seiner derzeitigen Zusammensetzung oder in einer neuen Form eingehen würde, könnten wir dieses Datenbankprojekt fortsetzen, es auf andere Partner*innen in Ostafrika ausdehnen und schließlich eine panafrikanische Partnerschaft mit Schwerpunkt auf Online-Datenbanken schaffen.


Interview & Redaktion: Sabine Müller, Lucy Patterson, Claudia Bergmann
Übersetzung: Claudia Bergmann

Weitere Teile dieser Blogserie:

Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 1)


  1. Der Lumbwa-Vertrag basierte auf einer kulturellen Praxis der Kipsigis, die Mumma genannt wird. Mumma bedeutet „etwas unmöglich Ekelhaftes tun“. Dabei legen zwei Parteien einen Eid ab und beschwören einen präventiven Fluch, falls der Eid von einer der Parteien gebrochen werden sollte.