Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 1)

Den Zugang zu kulturellem Erbe zu sichern, ist ein zentrales Anliegen von Wikimedia – und die Digitalisate von Sammlungen in Museen sind eine der Voraussetzungen für das Freie Wissen in z. B. der Wikipedia. Besonders wichtig ist es hierbei über den Umgang mit Objekten aus der kolonialen Vergangenheit zu sprechen. Teil 1 einer Blogserie.

  • Sabine Müller
  • Lucy Patterson
  • Alex Möller
  • Claudia Bergmann
  • 30. September 2021

Der freie Zugang zu kulturellem Erbe ist ein zentrales Anliegen für Wikimedia Deutschland (und die ganze Wikimedia-Bewegung). Das kulturelle Erbe ist der Ausgangspunkt für alle Narrative eines kollektiven Gedächtnisses, auf das das Wissen von Gesellschaften fundiert. Der freie Zugang zu Kulturgut ist deshalb ein Kernanliegen von Wikimedia. Deutlich geworden ist jedoch auch, dass durch historisch fundierte Machtverhältnisse, und damit verbundener Selbst- und Fremdkonstruktion/-wahrnehmung, die Narrative, auf denen unser Wissen und unsere Wissensannahmen basieren, fundamentale Biases enthalten. Deshalb ist für Wikimedia nicht nur der Einsatz für den offenen Zugang zum Kulturgut entscheidend, sondern vor allem auch die Frage, wie Zugang gestaltet werden kann. Mit Blick auf kulturelles Erbe betrifft dies insbesondere sensibles Sammlungsgut aus Unrechtskontexten.

Kolonialzeit als Leerstelle im deutschen Geschichtsbewusstsein

Die öffentliche Debatte um unrechtmäßig erworbenes oder gewaltsam angeeignetes Kulturgut in Sammlungen deutscher Kulturinstitutionen ist auch in Deutschland nicht neu. In der Vergangenheit wurde sie meist im Kontext heimischer, autoritärer und diktatorischer Regime geführt, insbesondere in der historischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Jünger ist die öffentliche Diskussion über Kulturgut in deutschen Sammlungen, die aus kolonialen Kontexten stammen. Dieses langjährige Schweigen und auffallende Nicht-Präsenz korrespondiert mit dem Fehlen der deutschen Kolonialgeschichte im Geschichtsunterricht. Grundlage hierfür ist ein historisches Narrativ, das Kolonialismus zur Nebensache deutschen internationalen Handelns im 20. Jahrhundert darstellte. Der Bericht und die Diskussion um den Restitutionsprozess in Frankreich1, der Bau des Humboldt Forums2, Straßennamen in Berlin und anderswo3 haben nun auch in Deutschland die Aufmerksamkeit auf diesen Teil der Geschichte gelenkt und bieten die Chance einer Auseinandersetzung mit dem (Kultur-)Erbe dieser Zeit. 

Transparente Aufarbeitung und ethische Verpflichtungen

Einen ersten Vorstoß dieser Auseinandersetzung stellt die 3-Wege-Strategie4 der Staatsministerin für Kultur und Medien, der Staatsministerin im Auswärtigen Amt für internationale Kulturpolitik, der Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder sowie der kommunalen Spitzenverbände dar, die unter dem Titel Zugang-Transparenz-Kooperation: Leitlinien einer „3 Wege-Strategie“ für die Erfassung und digitale Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland den nationalen Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten beschreibt. 

Deutschland hat mit ihr einen nationalen Weg im Umgang mit der Aufarbeitung und Restitution gewählt. Das übergeordnete Ziel der Strategie lautet „‚größtmögliche Transparenz’ […] durch Inventarisierung und digitale Erfassung und Veröffentlichung“5 zu schaffen. Die im Titel des Papiers bereits detaillierten Säulen oder drei Wege sind Zugang (bereits digitalisierte Bestände werden zugänglich gemacht), Transparenz (Erschließung und digitale Grunderfassung) und Kooperation (Veröffentlichung des Erfassten in Rücksprache mit Mitgliedern auf Herkunftsgesellschaften und Vertreter*innen der Diasporen). 

Das Anliegen, größtmögliche Transparenz durch Digitalisierung und Veröffentlichung zu schaffen, scheint unmittelbar passend zu den Zielen von Wikimedia Deutschland: Die umfassende Inventarisierung, Erschließung, Digitalisierung und Veröffentlichung der Gegenstände in Sammlungen und Depots unter freien Lizenzen ist schon lange ein Wunsch und eine Forderung, die Wikimedia Deutschland formuliert. Eine Strategie, die die umfassende Digitalisierung aller Objekte zum Gegenstand hat, ist jedoch kritisch6: Diese Öffnung bedeutet auch einer ethischen Verantwortung für die zahlreichen Gegenstände nachzukommen, die ans Tageslicht gebracht und – so der Anspruch – auch für die Herkunftsgesellschaften zugänglich gemacht werden. Die Fragen, die wir uns stellen müssen, sind, ob das derzeitige Vorgehen nicht doch ein Ausdruck einer ungebrochen imperialistischen und hegemonialen Haltung ist. Werden durch unsere Vorannahmen die durch frühere und bestehende Machtverhältnisse erzeugten Narrative perpetuiert? Dabei müssen verschiedene Dimensionen bedacht werden, im Folgenden kurz umrissen.

Ist das Urheberrecht geeignet, um die Rechte der Herkunftsgesellschaften zu beschreiben? 

Die rechtlicher Status des Digitalisats und sein Verhältnis zum Objekt ist nur bedingt geklärt7. Entsprechend ist auch nicht klar, auf welchen rechtlichen Grundlagen hier über die Frage der Erfassung und Veröffentlichung entschieden wird. Im Detail müsste geklärt werden: Wem gehört das Digitalisat des Objektes? Hierzu müssen also nicht nur die Herkunft und Inbesitznahme des jeweiligen Objekts geklärt sein, sondern zuallererst in welchem Verhältnis die digitale Kopie zu ihrem materiellen Original steht. Kann über das Digitalisat unabhängig vom Objekt entschieden werden? Oder müsste die Frage, ob überhaupt digitalisiert wird, unmittelbar an die Frage der Souveränität über das Objekt gebunden sein? Noch grundlegender müsste jedoch überlegt werden: Ist der rechtliche Rahmen und sind die rechtlichen Kategorien, anhand derer wir in Deutschland und anderen europäischen Ländern über diese Fragen entscheiden, überhaupt eine angemessene Grundlage für diese Entscheidungen? Ist beispielsweise das Urheberrecht geeignet, um Eigentumsrechte in oder für die Herkunftsgesellschaften zu beschreiben? Und kann es dann Grundlage für eine freie Veröffentlichung, etwa in Wikimedia-Projekten, bieten?

Wie beschreiben wir Objekte im Einklang mit ihren unterschiedlichen kulturellen Identitäten? 

Mit rechtlicher Status ist daher auch grundsätzlich die Erfassung und Beschreibung der kulturellen Identität eines Objektes verbunden. Eines der Beispiele, das mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhielt, sind die Masken der Kogi8. Entscheidend in diesem Fallbeispiel ist der Zweck, dem die Artefakte dienen. Es geht nicht um die Urheberschaft, sondern die Art und Weise der Nutzung der Masken. Hierzu ist Juan Mayr Maldonados Bericht zum Besuch der Kogi im Ethnologischen Museum Berlin bei diesen Masken eindrücklich und ermöglicht Einblicke in die spirituelle und emotionale Dimension der Objekte, zu der jeder außerhalb dieses Zusammenhanges keinen Zugang hat9. Er beschreibt wie die Masken im Depot zwischen tausenden anderen in der angewandten Klassifikation “ähnlichen” Objekte (d. h. weitere Masken) aufbewahrt werden, wie die Besucher – spirituelle und weltliche Führungspersonen der Kogi – ihre Masken dennoch direkt entdecken und in einen Dialog mit den Masken treten konnten: Er berichtet, wie die Masken mit den Vertreter*innen der Kogi sprechen, ihr Gefühl des Verlorenseins und ihre Verwirrung ausdrücken. Diese Wahrnehmung der Objektwelt mag mit westlichen Erkenntniskategorien nicht unmittelbar verständlich sein: Objekte können wie im Beispiel in der Auffassung einer Herkunftsgesellschaft keine unanimierten Objekte, sondern “lebendig” sein.

Dass die Identität von Gegenständen durch ihre Geschichte und die zahlreichen Wechsel der Besitzverhältnisse angereichert wird, bleibt immer weniger ein Einzelfall. Ein weiterer Effekt dessen ist aber auch, dass gewisse Narrative drohen, an den Rand gedrängt und so aus dem kulturellen Gedächtnisses des Objektes gelöscht zu werden. Die dann verbleibenden Narrative sind daher häufig mono-perspektivisch, wenn nicht gar exotisierend, rassistisch, herabsetzend und nostalgisierend oder stellen in anderer Weise “Andersheit”in der Vordergrund. 

Vorrangige, konsequente und systematische Übersetzung und Freisetzung der Narrative scheint eine notwendige Voraussetzung, viel mehr als nur die nachgelagerte Kür der Museumspraxis. Die Frage sollte lauten: Welche kulturellen Identitäten trägt das Objekt und was bedeutet dies für die kulturellen Identitäten des Digitalisates? Sind unsere epistemischen Grundlagen, also unsere Begriffe, Kategorien und Wege die Welt wahrzunehmen, zu beschreiben und in Wissen zu verdichten, angemessen, um die Objekte entsprechend der Wissenskontexte (epistemischen Kontexte), aus denen sie stammen, abzubilden? Und wie können wir Objekte so beschreiben, dass sie die verschiedenen Dimensionen, Kontexte und Perspektiven ihrer Identität nachhaltig abbilden? Erlaubt es die kulturelle Identität, dass ein Gegenstand ausgestellt, überhaupt digital erfasst oder veröffentlicht werden darf?

Diese Fragen sind letztlich nicht ohne die enge Zusammenarbeit mit Vertreter*innen der Herkunftsgesellschaften zu beantworten. Jedoch existieren hierfür noch keine geeigneten Prozesse und auch wenn die 3-Wege-Strategie eine Sensibilität zeigt, so ist der Prozess offenbar doch vielen Entscheidungen von Priorität und in zeitlicher Abfolge nachgeordnet. Der Pilot, der die 3-Wege-Strategie auf die Schienen setzen soll, stellt eine Chance dar, etwa eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, um zu testen, wie die strukturierte Zusammenarbeit aussehen könnten. Dabei muss auch grundlegend selbstreflexiv mit Themen wie Prozesshoheit, Befugnisse und Perspektiven umgegangen werden. 

Welche Wege gibt es, transparent zu veröffentlichen, ohne Persönlichkeitsrechte und Würde zu verletzen? 

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und Zuweisungen ist zentral für die freie und offene Veröffentlichung auf nationalen und internationalen Plattformen und in Projekten. Wie geklärt oder gekennzeichnet werden kann, ob die Veröffentlichung der digitalen Kopie in den Augen der Herkunftsländer rechtens oder erwünscht ist, ist bisher noch ungeklärt. Diese Klärung muss, wie die obenstehenden Erläuterungen zeigen, schon früh im Prozess stattfinden – eigentlich bereits vor der digitalen Erfassung. Dennoch bleibt die ethische Verantwortung der Überprüfung auch an dieser Stelle erhalten. Dazu gehört ebenfalls immer die Frage, ob die Würde einzelner oder von Gruppen durch das Gezeigte verletzt wird. Welche Wege gibt es also, Transparenz und Zugänglichkeit auch für die Herkunftsgesellschaften herzustellen, ohne etwa durch voreilige Digitalisierung oder Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte und Würde zu verletzen?

Damit rückt die Darstellung und Vermittlung weiter in den Mittelpunkt. Das bedeutet zum einen sensiblen Umgang mit der Kontextualisierung zu finden und das Narrativ durch verschiedene Perspektiven anzureichern. Dass z. B. Wikipedia Ungleichheiten in der Darstellung allein dadurch aufweist, dass die Autorschaft in einer überwältigen Anzahl aus dem globalen Norden stammt oder ansässig ist, in einer kleinen Anzahl von Sprachen veröffentlicht, spezifische Gender- und Altersrange aufweist, ist hinlänglich bekannt. Das macht die Herausforderungen noch größer, gemeinsam ein ausgewogenes Narrativ zu erstellen.

Zusätzlich muss die Auffindbarkeit der veröffentlichten Objekte sichergestellt werden. Strukturierte Metadaten sind hierfür zentral. Genauso zentral ist damit auch, dass unsere westlichen Ordnungssystemen und Hierarchien, denen diese Metadaten folgen, an dem jeweiligen Objekt gegebenenfalls völlig vorbeigehen. Auch hier findet eine Form der Dominanz oder Bevormundung statt, die sich nur gemeinsam lösen lässt, indem auch die Ordnungssysteme des Wissens für unterschiedliche Traditionen des Wissens durchlässig werden.

Fazit und Ausblick

Transparenz und Offenheit müssen zentrale Ziele im Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten sein. Die nähere Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe der deutschen Kolonialzeit zeigt jedoch auch, dass Transparenz und Offenheit Herausforderungen bergen. Die meisten von ihnen können nicht auf Seiten der Täternationen allein entschieden werden, sondern nur durch Konsultationen und partnerschaftlichen Austausch mit Mitgliedern der Herkunftsgesellschaften, der Diasporen und Institutionen, die das kulturelle Erbe in den Ursprungsregionen bewahren. Die Aufgabe ist sicher eine große: Es ist nicht davon auszugehen, dass Herkunftsgesellschaften mit einer Stimme sprechen oder dass überhaupt Ansprechpartner*innen für nicht mehr existierende Kulturen zu finden sind. Dennoch scheint es ratsam, den Austausch zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu suchen, weil die Fragen grundsätzlicher Natur sind. Dafür braucht es nicht nur ein Bewusstsein und Expertise, sondern auch geeignete (sicher komplexe) Prozesse. Obwohl beispielsweise die 3-Wege-Strategie eine gewisse Sensibilität ihrem eigenen Vorhaben gegenüber erkennen lässt, so bleiben sie im Vorgehen doch einigermaßen unberücksichtigt und es bleibt den beteiligten Akteurinnen und Akteuren der Pilotphase überlassen, diese zu klären. Diese und weitere Fragen müssen in der öffentlichen Debatte noch mehr Raum und in den Entwurf weiterer Strategien Einlass finden. 

Wikimedia möchte in dieser Blogserie sowie mit ihrer Beteiligung bei „Zugang gestalten“ einen Raum schaffen, um offen und gemeinsam über geeignete Wege nachzudenken, um manche Fragen zu beantworten und weitere zu stellen. 

  1. vgl. hierzu den sogennanten “Savoy-Sarr-Bericht” 2018:http://restitutionreport2018.com/ sowie die Antwort der Juristinnen der University of Exeter Mathilde Pavis and Andrea Wallace: Response to the 2018 Sarr-Savoy Report Statement on Intellectual Property Rights and Open Access relevant to the digitization and restitution of African Cultural Heritage and associated materials (March 25, 2019). Journal of Intellectual Property, Information Technology and E-Commerce Law 10(2) 2019, 115-129, Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=3378200 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.3378200). Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass der Bericht und die Antwort den Autor*innen viele Impulse gegeben haben – viele der Überlegungen bauen darauf auf.
  2. vgl.beispielsweise folgendes Interview von Jan Böhmermann mit Benedict Savoy: https://www.youtube.com/watch?v=nE89z19uha4 (2021) oder folgende Berichterstattung: https://www.dw.com/en/colonial-legacy-where-do-africas-treasures-belong/av-57318509 (Juli 2021) https://www.dw.com/de/humboldt-forum-er%C3%B6ffnung-koloniales-erbe-raubkunst-kolonialismus/a-59251512 (September 2021)
  3. vgl. hierzu beispielsweise folgende ausgewählte Medienberichte zu Berlin, Freiburg oder Würzburg: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/u-bahnhof-mohrenstrasse-berlin-wird-umbenannt-100.html (03.07.2021), https://taz.de/Debatte-um-U-Bahnhof-Mohrenstrasse-in-Berlin/!5694152/ (08.07.2021), https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/mohrenstrasse-kolonialismus-geschichte-kommunen-rassismus-100.html (21.08.2021) Freiburg: https://rieselfeld.biz/rieselfeld-infos/aktuelles/geschichte-und-fakten-%C3%BCber-das-rieselfeld/ludwig-heilmeyer-weg-wird-in-george-de-hevesy-weg-umbenanntWürzburg: https://www.br.de/nachrichten/bayern/kommission-empfiehlt-mehrere-strassenumbenennungen,SInKp0d
  4. vgl. dazu auch die Zusammenfassung der Kontaktstelle für koloniales Sammlungsgut https://www.cp3c.de/3-Wege-Strategie/
  5. vgl. Zugang-Transparenz-Kooperation: Leitlinien einer „3 Wege-Strategie“ für die Erfassung und digitale Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland, S.1
  6. vgl. Pavis und Wallace
  7. vgl. Pavis and Wallace, für die rechtliche Unsicherheit vergleiche insbesondere Kapitel 1, S. 117-119  
  8. bspw. https://www.deutschlandfunkkultur.de/ethnologisches-museum-berlin-volk-der-kogis-fordert-zwei.1013.de.html?dram:article_id=349554
  9. https://www.kulturstiftung.de/video-panel-3-cultural-exchange-and-international-cooperation/ , Minute 36:40 – 39:35