Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk, neu gedacht!

Seit 2018 lädt Wikimedia Deutschland Repräsentant*innen aus öffentlich-rechtlichem Rundfunk, Politik und Zivilgesellschaft zum Austausch über Bildungsinhalte und freie Lizenzen. Worum ging es beim letzten Treffen Ende Juni 2021?

  • 29. Juni 2021

Für die Schule war das letzte Jahr eine echte Herausforderung. In Wechsel- oder Distanzmodellen hieß es Unterricht neu denken. Dabei helfen hochwertige Bildungsinhalte wie die von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Voraussetzung ist aber, dass diese Inhalte auch flexibel an die Bedürfnisse der Nutzenden – in dem Fall Schüler*innen – angepasst werden können. Remix ist der Standard in der unterrichtlichen Praxis.

Der „Runde Tisch Freie Lizenzen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ macht dies seit 2018 möglich. Jedes Jahr lädt Wikimedia Deutschland Vertreter*innen der Rundfunkanstalten, Bildungsakteure und Ehrenamtliche dazu ein, gemeinsam über den freien Zugang zu Inhalten zu diskutieren. Beim Runden Tisch am 25. Juni wurde Bilanz gezogen. Denn Vieles hat sich in den letzten Jahren bewegt:

„Seit über einem Jahr stellen wir im ZDF ausgewählte Clips von Terra X unter CC-Lizenz zur Verfügung. Unsere Bilanz fällt sehr positiv aus. Allein über die Wikipedia konnten wir schon über 15 Millionen Abrufe sammeln. Auch die Rückmeldungen von den Schulen sind positiv.“

Sophie Burkhardt, ZDF, HR Neue Medien, Leitung funk

Eine Befürchtung in den ersten Runden war, dass die bereitgestellten Inhalte in sinnentstellenden Kontexten auftauchen. Geklärt haben wir daraufhin, was auch die freien Lizenzen CC BY oder CC BY-SA eben nicht erlauben: Sinnentstellendes, Verbreitung ohne die Kenntlichmachung der Bearbeitung, Verletzung der Urheberpersönlichkeit. Weder das ZDF noch wir konnten bisher Fälle von Missbrauch ausmachen. Im Gegenteil: Die Inhalte werden mit korrektem Quellennachweis auf Schulserver, auf Videoplattformen und Sammlungen gespiegelt. Zudem nutzen Wikipedia-Aktive die Inhalte, binden sie in Artikel ein und übersetzen sie ins Englische, Niederländische, Spanische, Katalanische und sogar Lateinische!

„Herdenimmunität“ gegen Desinformation

Falschinformationen, das wissen wir, verbreiten sich schnell. Die Teilnehmenden des Runden Tisches sind sich einig, dass es gerade jetzt wichtig ist, verlässliche Informationen bereitzustellen – nur so lässt sich der Tendenz zur gezielten Desinformation wirksam begegnen. Gesicherte Informationen aus guten Quellen müssen möglichst schnell, einfach und leicht verbreitet und genutzt werden können (vgl. dazu diesen Blogbeitrag).

„Verlässliche und gut recherchierte Informationen bewirken – wenn sie sichtbar und überall zugänglich sind – eine „Herdenimmunität“ gegen Fake News und Verschwörungstheorien, nicht nur in der Pandemie. Deshalb wünschen wir Länder uns eine stärkere Zusammenarbeit von ARD, ZDF und Deutschlandradio gerade auch mit Kultur- und Bildungseinrichtungen, wie sie im Rahmen des Runden Tisches nun schon seit 2018 mit Leben gefüllt wird.“

Staatssekretärin Heike Raab, Staatskanzlei Rheinland-Pfalz

Lizenzhinweis

Heike Raab beim Runden Tisch 2020. Christian Schneider, Runder Tisch ÖRR StS Heike Raab 1, CC BY 4.0

Freie Lizenzen von Beginn an einplanen

Seit dem 16. Juni stellt erstmals auch die Deutsche Welle einige Inhalte unter Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung, sofort waren sie auch in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln zu finden.

Die ARD veröffentlicht seit einiger Zeit unter Creative-Commons-Lizenzen mit den Einschränkungen „nicht-kommerziell“ und „keine Veränderbarkeit“. Auch das Deutschlandradio hat signalisiert, sich freien Lizenzen gegenüber mehr öffnen zu wollen. Sie kommen damit den Wünschen der Gruppe Wiki Loves Broadcast entgegen. Die Freiwilligen dokumentieren online die Fortschritte dieser Zusammenarbeit. Aus dem Bestehenden kann geschöpft werden – und freie Lizenzen bei jeder neuen Produktion mitgedacht.

Gefordert wird dies auch im SPD-Wahlprogramm:

„Ebenfalls begrüßen wir die verstärkte Veröffentlichung von Inhalten unter offenen und freien Lizenzen, um die Nutzung der Inhalte zum Beispiel im Rahmen freier Wissensprojekte (Wikipedia) oder auch im Schulunterricht leichter möglich zu machen.“

Aus Respekt vor Deiner Zukunft. Das Zukunftsprogramm der SPD, hrsg. v. SPD-Parteivorstand, 2021. S. 14.

Das Thema freie Lizenzen ist bei allen Parteien auf der Agenda, wird aber selten so explizit wie hier. Dabei empfiehlt mit Blick auf „Demokratie und Digitalisierung“ auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina im Juni 2021:

„Voraussetzung für ihren Beitrag zur Meinungsbildung ist allerdings, dass die Informationsangebote niedrigschwellig verfügbar sind und auch junge Menschen erreichen […] Um die Zugänglichkeit und die Verwendungsmöglichkeiten von öffentlich-rechtlichen Telemedienangeboten auszubauen, sollten die Rundfunkanstalten zudem angehalten werden, Beiträge verstärkt unter offenen Lizenzen zu veröffentlichen.“

Digitalisierung und Demokratie, hrsg. v. Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina e. V., 2021. S. 47.

Wir werden die medienpolitischen Diskussionen weiter begleiten und fordern hier konkrete Bekenntnisse ein. Die Fortschritte sind dabei deutlich. Das Protokoll des Runden Tisches 2021 wird in der nächsten Woche veröffentlicht werden. In der Kampagne „Öffentliches Geld? – Öffentliches Gut!“ haben wir eine überwältigende Anzahl an Stimmen gesammelt, die mit uns zusammen ARD, ZDF und Deutschlandfunk auffordern, ihre Bemühungen zu verstärken.

Lizenzhinweis

ZDF/Ralph Orlowski, Übergabe Unterschriften Kampagne ÖGÖG an ZDF-Fernsehratsvorsitzende Marlehn Thieme, CC BY-SA 4.0

Haben Sie Erfahrungen, Fragen oder wünschen sich bestimmte Sendungen oder Inhalte unter freien Lizenzen? Für Hinweise sind wir unter politik@wikimedia.de dankbar.

  1. Die Zusammenarbeit mit den Staatsmedien ARD und ZDF gefällt mir gar nicht, weil diese Sender in den letzten Jahren gezeigt haben, dass sie selbst Quelle von allerlei Fake News, Haltungsjournalismus, Erziehungsfernsehen und einseitiger Berichterstattung sind.
    Von neutraler Berichterstattung des ÖRR kann schon lange keine Rede mehr sein. Skandalpolitiker der Regierung werden geschont, auch wenn sie nach früheren Regeln längst zurückgetreten sein müssten. Dagegen werden regierungskritische Politiker regelmäßig diffamiert, der Kampf gegen Rechts hat schließlich Vorrang.
    Sogar Krimis in der Tatortserie werden dazu benutzt, die unkontrollierte Massenmigration zu beschönigen und grundsätzlich Biodeutsche als Verbrecher und Nazis, Flüchtlinge als Opfer darzustellen. Zeigen Sie mir 1 Film, in dem der Verbrecher ein Flüchtling war, obwohl die Kriminalitätsrate bei Flüchtlingen viel höher ist!
    Ich überlege mir, ob ich meine Förderung deshalb von Wikimedia einstellen werden.

    Kommentar von Eugen Schiebel am 13. Juli 2021 um 11:37

  2. Hallo Herr Schiebel. Mein Name ist Bernd Fiedler, ich bin Projektmanager bei Wikimedia Deutschland. Ihre Einschätzung teile ich absolut nicht.
    Zur Kriminalitätsdebatte empfehle ich zur Einordnung https://www.tagesschau.de/faktenfinder/fluechtlinge-kriminalitaet-105.html sowie die dahinterliegenden Statistiken, die jedes Jahr u.a. vom Bundesinnenministerium veröffentlicht werden.

    Die Kooperation von Wikimedia Deutschland und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk erstreckt sich derzeit auf den zwar gesellschaftlich-politisch relevanten, aber in erster Linie wissenschaftlichen Bereich, z. B. Gesundheit, Umwelt und Klima sowie Kulturerbe und Geschichte. 10.000 Unterzeichnende, vor allem Unterstützer*innen von Wikimedia Deutschland, die regelmäßig auch spenden, haben sich unter https://www.wikimedia.de/oeffentliches-gut/ für diese Art der Kooperation und mehr freie Inhalte aus dem ÖRR ausgesprochen. Trotzdem: Vielen Dank für Ihre Anregungen!

    Mit freundlichen Grüßen
    Bernd Fiedler

    Kommentar von Bernd Fiedler am 13. Juli 2021 um 14:00

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