„Europe goes OER. Welchen Weg geht Deutschland?“ – Freie Bildungsmaterialien waren am 3. April das Thema des Abends in der Wikimedia Geschäftsstelle. V.l.n.r: Prof. Fred Mulder, Nina Lindlahr, Jöran Muuß-Merholz.  Foto von Sebastian Horndasch, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Am 3. April stellten wir bei Wikimedia Deutschland die Frage: Europe goes OER – und welchen Weg geht Deutschland? Auf der gut besuchten Veranstaltung diskutierten Fred Mulder und Jöran Muuß-Merholz über den Stand von Freien Bildungsmaterialien in Deutschland und international. Mehrere Blogs berichteten über die Veranstaltung. Eine zusammenfassende Presseschau.

Vor knapp 50 Interessierten stellte zunächst Jöran Muuß-Merholz die zweite Auflage des OER-Whitepapers vor, das er im Auftrag des Internet & Gesellschaft Collaboratory gemeinsam mit Felix Schaumburg geschrieben hatte (hier die Präsentation). Im Anschluss sprach Fred Mulder, Professor für Open Educational Resources an der Open Universiteit der Niederlande, über die Situation von OER in ganz Europa (hier die Präsentation). Eine Reihe von Bloggenden schrieben ihre Gedanken zu der Veranstaltung nieder.

OER: Ein diffuser Begriff?

Ole Winterman von der Bertelsmann Stiftung setzte sich in einem Blogartikel zu der Veranstaltung zunächst mit dem Begriff Open Educational Resources auseinander.

“Der Begriff der OER ist nach wie vor sehr diffus und zudem auch noch nicht adäquat ins Deutsche übersetzt worden. Diese Diffusität ist ein Indikator dafür, dass nach wie vor kein besseres konsensuales Verständnis der Materie vorliegt, obgleich das Thema inzwischen nicht mehr neu ist. Diese Unübersichtlichkeit ist zu einem gewissen Teil den vielen Perspektiven der unterschiedlichen Stakeholder geschuldet, deren Bandbreite vom Lehrer an der dörflichen Grundschule bis hin zu multinationalen Versuchen, aus OER eine tragfähige Social Business Modell zu entwickeln, reicht.”

Um diese verschiedenen Perspektiven zusammenzufassen, stellte Fred Mulder in seinem Vortrag einen Kriterienkatalog zum Begriff “Open” im Bildungsbereich vor. Verschiedene Nutzergruppen hätten verschiedene Ansprüche daran, was Freie Ressourcen seien. In seinem “5COE-Modell” stellte er fünf Dimensionen von “Open Education” dar. Diese Modell kommentiert Ingo Blees eher skeptisch“(…) inwieweit das abstrakte Modell sich operationalisieren und zur Steuerung einsetzen lässt, sei dahingestellt.”

OER weiter entwickeln

Jöran Muuß-Merholz präsentierte das zweite, komplett überarbeitete Whitepaper zu OER an Schulen in Deutschland, das er für das Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V. verfasst hat, Foto von Sebastian Horndasch, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Fred Mulder sprach über OER aus internationaler Perspektive. Aus seiner Sicht bewegt sich Deutschland eher langsam, wie auch Kristin Narr festhielt“Im internationalen Vergleich, so machte Mulder in der anschließenden Diskussion deutlich, nehme Deutschland eher eine konservative Haltung ein, die es in Opposition zu OER gebraucht habe.”

Jöran Muuß-Merholz stellte eine Reihe von Kriterien vor, die die Entwicklung von OER in Deutschland beflügeln oder behindern könnten:

Urheberrecht: Ein strenges Urheberrecht würde die Nutzung von OER beflügeln, eine laxe Auslegung würde OER behindern.

  1. Digitalisierung: Je digitaler und offener die Bildungssysteme und -materialien, desto besser für OER.

  2. Verfügbarkeit, Kosten: Je schlechter die Finanzausstattung der Schulen und je teurer die traditionellen Schulbücher, desto besser für OER.

  3. Pädagogik, Didaktik: Je individueller und projektorientierter der Unterricht, desto besser für OER.

  4. Auffindbarkeit und Qualitätssicherung: Je einfacher das Auffinden qualitativ hochwertiger Materialien, desto eher wird OER sich durchsetzen.

  5. Angebote und Verhalten der Verlage: Sollten die Verlage qualitativ gute und leicht kopierbare proprietäre digitale Materialien veröffentlichen, wäre dies schlecht für OER.

  6. “Prüfstelle für bildungsgefährdende Unterrichtsmaterialien”: Je weniger administrative Vorgaben, desto besser für OER.

  7. Förderung / Modellprojekte: Je mehr gute und gut geförderte Modellprojekte ins Leben gerufen werden, desto besser für OER.

  8. Geschäftsmodelle: Je mehr ausreichend finanzierte und marktwirtschaftliche Modelle es im OER-Bereich gibt, desto besser für die Sache.

Prof. Fred Mulder, Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Open Educatiobnal Resourcers an der Open Universiteit der Niederlande sprach über den Stand von Freien Bildungsmaterialien in anderen Ländern Europas, Foto von Sebastian Horndasch, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Fred Mulder widersprach dem Wettbewerbsgedanken, den Muuß-Merholz in seinem letzten Punkt nannte. Gerade die USA als “kapitalistischstes Land der Welt” unterliefen im OER-Bereich den Wettbewerbsgedanken. Ingo Blees berichtete:

“Die USA (folgen) dem Modell öffentlicher Ausschreibungen (‚an interesting model to think about‘), z.B. in der kalifornischen Initiative zu frei verfügbaren Lehrbüchern. Und es gebe einige Länder, in denen OER hinsichtlich der Qualität mit proprietären Bildungsmaterialien durchaus mithalten könne, ja diese sogar teilweise überträfen. Überhaupt verdanke sich die Qualität von Lehrbüchern wesentlich der professionellen Kompetenz von Autoren  – also vornehmlich Lehrkräften. Über den genuinen Anteil der Verlage an guten Schulbüchern lasse sich diskutieren, Mulder ging sogar so weit zu sagen, ‚the added value of publishers ist pretty restricted“. Und es gebe auch genügend Personen, die Kompetenzen als Redakteure oder Herausgeber mitbrächten, ohne notwendig einen Verlagshintergrund zu haben.’”

Ole Winterman zeigt sich vorsichtig optimistisch: “…die OER-Bewegung [kann] auf der einen Seite eine immer breitere Basis in Gesellschaft und Bildungsinstitutionen aufbauen […] aber auf der anderen Seite [hat] auch an der einen oder anderen Stelle Ernüchterung oder Konsolidierung eingesetzt. Das muss der Bewegung und der Entwicklung nicht schaden, sollte aber mit Blick auf die Beurteilung des realistisch Machbaren im Blick behalten werden.

Fazit: “Es geht am Ende nur miteinander”

Alle Blogger stimmten überein, dass OER ein Thema ist, das sich im Werden befindet. Der Blog open-educational-resources.de fasste zusammen: “OER ist in Europa ein großes Thema, während es in Deutschland nur wenig Beachtung findet – allerdings mit hohem Potential und großem Wachstum.”

Kristin Narr ist überzeugt, dass uns das Thema OER noch lange erhalten bleibt: “Der Abend und die vielfältigen Entwicklungen zeigen letztlich, dass uns das Thema OER auch in den nächsten Jahren noch beschäftigen wird und auch sollte.”

Auch Ole Wintermann zog ein optimistisches Fazit: “Ich persönlich betrachte die Entwicklung der OER seit dem Jahr 2001 eher als das Sammeln von Erfahrungen bezüglich kollaborativen Erarbeiten von Inhalten. Dass am Ende das Erstellen mühsamer als gedacht oder aber auch gesteuerter als erwartet verlaufen muss, ist für mich keine Enttäuschung sondern deutet eher in die Richtung, in die OER-Protagonisten in Zukunft eher agieren sollten. (…) Es geht am Ende nur miteinander.”

Blogartikel:

Weitere Fotos und die Präsentationen der beiden Referenten sind bei Commons zu finden, der Videomitschnitt der gesamten Veranstaltung kann hier angesehen werden (Veranstaltungsstart bei 19:47min):