Egon Schiele, Porträt des Max Oppenheimer (1910)

Der Eintritt gestaltet sich etwas schwierig. Im Obergeschoss des altehrwürdigen Ephraim-Palais drängeln sich die Besucher. Eine begehbare Installation bildet den ersten Knotenpunkt eines Netzwerks, das sich in roten Linien durch den gesamten Ausstellungsparcours schlängelt. In den engen Kabinetten finden sich biografische Spuren von Menschen, Videoaufzeichnungen und Artefakte, die zunächst so wirken, als habe man die Geschichte Berlins durch den Mixer gedreht. Der so innig geliebte und tragisch geendete Entertainer Harald Juhnke schreitet noch einmal die Showtreppe hinab, gleich daneben hängt ein Portrait des expressionistischen Malers Max Oppenheimer. In der Ecke des Raumes, aufgebahrt auf einem kleinen Tisch, liegt die Gründungsurkunde der Stadt Cölln von 1237, die heute die faktische Grundlage sämtlicher Stadtjubiläen von Berlin bildet.

Anlässlich des 775. Stadtjubiläums zeigt die Stiftung Stadtmuseum Berlin vom 17.4. – 28.10.2012 die Ausstellung BERLINmacher. Sie versammelt die Lebensgeschichten von 75 historischen Persönlichkeiten und 700 heutigen Stadtbewohnern. Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hatten sie danach befragt, was Berlin denn für sie ausmache. Resultat ist ein spannendes Kaleidoskop von Stimmen und Stimmungen in einem urbanen Umfeld, das spätestens seit dem 19. Jahrhundert einem rasanten Wandel unterworfen war.

Warum erzähle ich das?

Schon durch die Anlage des Projekts, Biografien und historische Ereignisse in Form eines Netzwerks zu organisieren, verhält sich BERLINmacher im Grunde kongenial zur Wikipedia. Auch hier bilden sich Verbindungen zwischen einzelnen Elementen, auch hier geht es um das Ringen einer möglichst “neutralen” Einordnung von menschlichem Handeln und historischen Begebenheiten, auch hier ist der Betrachter immer aufgefordert, Informationen kritisch zu hinterfragen und miteinander zu verknüpfen. BERLINmacher ist ein Bildungsprojekt, das mit analogen Mitteln die Begrenztheit einer hegemonialen und linearen Wissensordnung im digitalen Zeitalter hinterfragt.

Die Stiftung Stadtmuseum Berlin sah bereits in der Vorbereitung der Ausstellung das Potenzial, über existente oder noch fehlende Artikel in der Wikipedia eine Verknüpfung zum Kontext Freien Wissens zu schaffen. Initiiert von Präsidiumsmitglied Sebastian Wallroth kam es zu zwei Treffen mit Vertretern von Wikimedia Deutschland. Dabei kamen wir schnell überein, dass das im Wikimedia-Kontext immer beliebter werdende Konzept eines “Wikipedian in Residence” eine gute Möglichkeit sein könnte, die Verzahnung von analoger Ausstellung und Online-Enzyklopädie voranzutreiben.

Grundidee des Vorhabens ist, die im Museum für das befristete Ausstellungsvorhaben erarbeiteten Inhalte nachhaltig als Bildungsgut im Internet bei Wikipedia für jedermann zugreifbar zu machen. Die bestehenden Inhalte auf Wikipedia sollen durch die Ausstellungsinhalte aktualisiert sowie die Museumspädagogik um den Einsatz von MediaWiki erweitert werden. Darüber hinaus soll das Projekt den Impuls geben, die Inhalte des Museums durch die Wikipedia-Community zu erweitern und gegebenenfalls auch neue Erkenntnisse für die Museumsarbeit zu generieren. Bereits verabredet ist, dass die Stiftung Stadtmuseum einen Sonderöffnungstermin für die Wikipedia-Community als Austauschplattform von Museums- und Netzkuratoren anbietet.

Die Residency bildet den Jahresauftakt all jener Maßnahmen, die Wikimedia Deutschland in seiner neuen “Mission Kultur” in Angriff nehmen möchte. Alle Details zur Stellenausschreibung finden sich hier.