Archiv für die ‘Freies Wissen’ Kategorie



ACTA in Aktion: Unschärfe als Prinzip [Update]

Bereits seit 2008 wird ACTA (Anti-Counterfeiting and Trade Agreement, auf deutsch ungefähr: “Handelsabkommen zur Abwehr von Fälschungen”) verhandelt, das u.a. zum Ziel hat, internationale Standards gegen Verletzungen von Marken- und Urheberrechten zu harmonisieren. Es geht um das “Policing” von Immaterialgütern, seien es nun digitale Musikstücke, Patente auf Medikamente oder Saatgüter. Die Verhandlungen von 39 Staaten waren bis zur finalen Fassung des Dokuments so geheim, dass es dazu so gut wie keine öffentliche Kommentierung gab. So blieb das Blog von Michael Geist, wo auch die verschiedenen Entwurfsstadien des Vertragstexts geleakt wurden, lange Zeit die wichtigste Informationsquelle. Mittlerweile skandalisieren zahlreiche NGOs und Wissenschaftler das Abkommen bzw. den Weg dorthin. Selbst der zuständige EU-Berichterstatter Kader Arif warf, entnervt über die außergewöhnliche Intransparenz des Verfahrens, jüngst die Brocken hin. Nicht nur die Wikipedia-Gemeinde fragt sich: Was steht eigentlich in diesem offensichtlich brisanten, multilateralen Vertrag?

Tja. Das größte Problem mit ACTA ist, dass der Vertragstext mit seinen schwammigen Formulierungen kaum richtig zu greifen ist. Man kann viel hineinlesen oder auch wenig. Vorerst ist eine Sache der Interpretation (oder aber der intimen Kenntnis der entsprechenden Verhandlungsprotokolle, die nie offiziell veröffentlicht wurden), ob das Abkommen nun auf der bekannten Klaviatur der restriktiven Maßnahmen bei z.B. Urheberrechtsverletzungen spielt oder ein völlig neues Niveau der Rechtedurchsetzung gleichsam “auf dem kurzen Dienstweg” etablieren will. Offensichtlich ist aber, dass ACTA die Access Provider stärker in die Mitverantwortung nehmen will, ihr Haftungsprivileg soll fallen. Zwar werden im Art. 27 vorsorglich “principles such as freedom of expression, fair process, and privacy“ genannt. Letztlich wird es jedoch stark darauf ankommen, ob diese Prinzipien bei der konkreten Umsetzung in EU-Recht oder nationales Recht auch Anwendung finden.

Eine besonders kritische Analyse legte La Quadratur Du Net vor. Die netzpolitische NGO nennt ACTA schlicht  “eine globale Blaupause für repressive Gesetze ähnlich wie SOPA.” Nach ihrer Einschätzung geht es bei dem Abkommen im Kern um eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung. Demnach sollen Internet Service Provider künftig zu einer Kooperation mit den Content-Industrien verpflichtet werden, um den Datenverkehr auf Internet-Plattformen proaktiv zu überwachen und ggfs. zivil- oder strafrechtliche Ansprüche zu ermöglichen. Eine richterliche Anordnung (wie bei der in Deutschland noch heiß diskutierten Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung) wird nach Art. 12 von ACTA dazu nicht mehr erforderlich sein, d.h. Maßnahmen wie z.B. die Sperrung inkriminierter Seiten können ohne vorherige Anhörung der Betroffenen angewandt werden. Dazu kommt: Um Rechtsverstöße überhaupt konsequent ahnden zu können, würden im schlimmsten Fall Filtertechniken bis hin zu “deep packet inspection” zum Einsatz kommen. Folgt man diesem düsteren Szenario, wäre dies in der Tat das Ende des zugangsoffenen Internets bzw. eine völlige Abkehr vom Prinzip der Netzneutralität, an der auch “User Generated Content”-Projekten wie Wikipedia gelegen sein sollte.

Zumindest etwas klarer als die Umsetzung von ACTA ist das verbleibende Zeitfenster, das bis zum endgültigen Inkrafttreten des Abkommens bleibt. ACTA muss bis 2013 von mindestens sechs Verhandlungspartnern ratifiziert werden. Die Unterschrift unter den Vertragstext von 22 EU-Mitgliedsstaaten (Ausnahmen bildeten z.B. Deutschland und die Niederlande) am 26. Januar 2012 bedeutete zunächst einmal nur die formale Zustimmung über den Gehalt und Regelungsrahmen des Abkommens. Eine rechtlich bindende Wirkung hatte dieser deklaratorische Akt noch nicht. Erst nach einem erfolgreichen Ratifizierungsprozess in den Mitgliedsstaaten kann die Umsetzung in nationale Gesetzgebung erfolgen. Nun kommt es auf das Europaparlament an, in dem bei ACTA das “International Trade Committee” (INTA) federführend ist. Bei der nächsten Sitzung des Gremiums (29. Februar) wird voraussichtlich eine Empfehlung der Obleute erarbeitet, an die sich die Fraktionsgemeinschaften weitestgehend halten dürften. Eine endgültige Abstimmung aller EP-Abgeordneten über die Ratifizierung ist nach derzeitigem Stand Mitte Juni möglich. Für den 11. Februar ist – nach dem Vorbild der polnischen Massenproteste – ein bundesweiter Aktionstag angekündigt. Eine internationale Petition gegen ACTA kann hier unterzeichnet werden.

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Open Knowledge meetup Berlin ab heute

Die Open Knowledge Foundation Deutschland startet ein neues regelmäßiges Treffen für Interessierte an Open Knowledge und Open Data in Berlin. Immer am zweiten Dienstag eines Monats, ab 18 Uhr. Und lädt dazu alle Interessierten ein.

Los geht es etwas kurzfristig schon heute, in den neuen temporären Büroräumen der Open Knowledge Foundation Deutschland in der Co-Working Etage über dem St. Oberholz am Rosenthaler Platz.

Das Format besteht aus einem kurzen Vortrag / einer kurzen Präsentation zu spannenden Projekten aus der Community, gefolgt von einer offenen Diskussion + Zeit für Ideenaustausch.

Ort und Zeit: Open Knowledge meeting Berlin
Dienstag, 10. Januar von 18 – 21 Uhr
Coworking über dem St. Oberholz, Rosenthaler Straße 72a, 10119 Berlin (2. Stock, Eingang um die Ecke)

@okfde #openberlin

http://okfn.de/projekte/open-knowledge-meetup-berlin/

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Wikipedia und SOPA

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat in der englischsprachigen Community der Online-Enzyklopädie die Diskussion angestoßen, Wikipedia aus Protest gegen ein geplantes US-amerikanisches Gesetz für kurze Zeit zu sperren. Er verweist auf die italienische Community, die so in diesem Jahr ihren Protest gegen einen netzpolitischen Gesetzesentwurf ausgedrückt hat. Das Gesetz mit Namen „Stop Online Piracy Act“ beschäftigt sich mit Möglichkeiten für Copyright-Inhaber, gerichtlich gegen Webseiten vorzugehen. Eine kurze Zusammenfassung der allgemeinen Argumentation findet sich hier, Näheres zum Gesetzesvorschlag unter anderem im entsprechenden Wikipedia-Artikel.

Für die Wikimedia Foundation hat deren Justiziar, Geoff Brigham, eine Stellungnahme veröffentlicht. Einige Kernpunkte:

  • Die Wikimedia Foundation lehnt das Gesetz ab.
  • Ob und auf welche Weise die englische Wikipedia-Sprachversion als Protestmittel genutzt werden sollte, ist eine Frage, die jedoch allein von der Community beantwortet werden sollte. Die Foundation kündigt an, jede Entscheidung diesbezüglich zu unterstützen.
  • Nach einer Überarbeitung der Gesetzesvorlage am 12.12. seien verschiedene Verbesserungen erreicht worden. Trotzdem sei der Entwurf nach wie vor nicht akzeptabel. Drei Argumente als Auswahl:

    a) Das Gesetz sieht die Sperrung kompletter Websites vor (auch außerhalb der USA), selbst wenn nur Teilinhalte als Grund angeführt würden.

    b) Aus finanziellen Gründen könnten sich viele kleinere Betreiber und gemeinnützige Organisation einen teuren internationalen Rechtsstreit von vornherein nicht leisten.

    c) Wikipedia könnte unter diesem Gesetz als Internet-Suchmaschine eingestuft werden, was die Wikimedia Foundation praktisch zwingen würde, Millionen von Quellenangaben in Wikipedia zu prüfen. Das wäre ein kaum zu bewältigender Aufwand, der auf Kosten von Spendengeldern gehen würde – und zwar im Auftrag der Blockade von Websites.

Geoff Brighams Blogpost:

http://blog.wikimedia.org/2011/12/13/how-sopa-will-hurt-the-free-web-and-wikipedia/

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WissensWert 2011: Herzchenbonus, Publikumspreis und Verlängerung!

Schon wieder was neues zu WissensWert: Am Montag fand eine Vorbesprechung mit einigen Jurymitgliedern statt und wir haben zwei schöne Ergänzungen zum laufenden Wettbewerb ersonnen.

Herzchenbonus

Bei der Bewertung sind zwei Dimensionen von besonderer Bedeutung: Impact für Freies Wissen und die Community sowie die Umsetzbarkeit der Projekte. Die Bewertung erfolgt anhand von vier Fragen, für die insgesamt 30 Punkte vergeben werden können und die sich an den vorgegebenen Bewertungskriterien orientieren. Wir möchten uns aber nicht nur an einer strikten Bewertungsmatrix orientieren, sondern den Juroren auch ermöglichen, ihre Leidenschaft auszudrücken. Damit hier weiche Faktoren Berücksichtigung finden, vergibt die Jury einen Herzchenbonus für ihre vier Favoriten: Das jeweilige Lieblingsprojekt erhält 20 Punkte, das zweitliebste 15, dann 10 und dann 5 Punkte.

Publikumspreis

In diesem Jahr haben wir uns – gemeinsam mit der Jury – einen Publikumspreis einfallen lassen: Öffentlichkeit und Community küren ihr Lieblingsprojekt und dieses erhält von uns 2.000 Euro extra für die Umsetzung der Idee. Der Einreicher, der die meisten Leute begeistert, bekommt damit die Chance, seine Idee noch schöner und wirkungsvoller zu machen. Dieser Publikumspreis ist unabhängig von der Entscheidung der Jury. Er wird auch für Projekte zur Verfügung gestellt, die nicht unter den von der Jury ausgewählten Gewinnern des Wettbewerbes sind.

Selbstverständlich darf dieser Bonus nur den Förderrichtlinien entsprechend eingesetzt werden. Die Jury behält sich vor, Teilnehmer bei offensichtlicher Manipulation zu disqualifizieren. Automatisch rückt dann das zweitbeste Projekt nach.

Ihr dürft also bald eure Lieblingsidee liken (oder pluseinsen, wie immer ihr das nennen mögt ;)).

Verlängerung!

Aufgrund dieser Neuigkeiten legen wir noch eine Woche drauf und verlängern die Einreichungsfrist bis zum 24. November 2011. So habt ihr mehr Zeit, eure Ideen auszuformulieren und euch zu überlegen, wofür ihr den Publikumspreis einsetzen würdet. Wir sind gespannt!

Mitmachen!

Ausführliche Informationen und Teilnahmebedingungen findet ihr auf der Webseite. Für alle Fragen zu WissensWert erreicht ihr mich per Mail an nicole.ebber@wikimedia.de.

Wir zählen bei der Bekanntmachung unseres Wettbewerbes übrigens auf Eure Unterstützung: Erzählt Euren Freundinnen, Kollegen, Musen, Wirten und Partnerinnen von der tollen Möglichkeit dieser Förderung. Damit das Ganze auch hübsch wird, haben wir ein paar Banner zum Einbinden auf Eure Wikis, Blogs und Social Networks gebastelt. Danke!

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GLAM in der Wikipedia

Irgendwie begann es im Herbst 2007 mit der Zusammenarbeit von Wikimedia Deutschland mit dem Bundesarchiv. Die Zusammenarbeit zwischen Institutionen und Wikipedia beziehungsweise den Mitarbeitern der Wikipedia wurde auf eine neue Ebene gehoben. und das Schöne – dabei profitierte nicht nur die Wikipedia. Weitere Projekte folgten, so mit der Deutschen Fotothek oder dem Tropenmuseum Amsterdam. In anderen Ländern ging man andere Wege. So wurde im Juni 2010 der Australier Liam Wyatt „Wikipedian in Residence“, also wikipedianischer Mitarbeiter des British Museum in London. Seitdem konnten diverse weitere Projekte durchgeführt werden, insbesondere sind sicher Zusammenarbeiten mit dem Château de Versailles, der British Library, dem Israel Museum, Jerusalem, dem Museum of Modern Art oder der Smithsonian Institution zu nennen. Mittlerweile wurden Projekte unter dem Label „GLAM“ auf drei Kontinenten durchgeführt. GLAM steht dabei für „Galleries“, „Libraries“, „Archives“ und „Museums“.

Im DACH-Raum, Deutschland, Österreich und der Schweiz, hinken wir der internationalen Entwicklung mittlerweile etwas hinterher. Um diesem Umstand etwas aktiver entgegen zu treten, gibt es seit gestern in der deutschsprachigen Wikipedia ein GLAM-Projekt, das neben den Vereinen Wikimedia Deutschland, Wikimedia Österreich und Wikimedia CH als zentraler Anlaufpunkt sowohl für Interessierte in den Projekten wie auch für Interessierte aus Museen, Archiven und so weiter dienen soll. Packen wir es zusammen an!

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Workshops und Sue Gardner auf der Mitgliederversammlung

Am Wochenende vom 19./20. November 2011 findet in Hannover die 9. Mitgliederversammlung von Wikimedia Deutschland statt. Der erste Tag konzentriert sich dabei auf die vereinsinternen Themen Wirtschaftsplan 2012, Wahlen und Anträge. Dieser Teil ist nur für Mitglieder.

Am zweiten Tag stehen die Wikimedia-Projekte klar im Fokus. Alle, die sich für Freies Wissen interessieren und zur Wikipedia, Commons und den weiteren Wikimeida-Projekten beitragen oder beitragen möchten, sind herzlich eingeladen. Es wird zu verschiedenen Themen Workshops geben, darunter welche zum „Lizenzdickicht auf Commons”, „Die Geschäftsstelle stellt sich vor”, das „Life, the Universe and Everything” und vieles mehr.

Für den Nachmittag des zweiten Tages wird Sue Gardner, die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation, für eine ausführliche Diskussion mit der deutschen Wikimedia-Community zur Verfügung stehen. Neben dem brennende Thema Bildfilter und die Beziehung zwischen der Wikimedia Foundation und der deutschen Wikipedia-Community stehen auch der Rückgang an aktiven Autoren in der Wikipedia und warum es so wenige Frauen unter den Autoren gibt auf der Themenliste.

Veranstaltungsdetails

Ort: Buhmann-Schule, Prinzenstr. 2, 30159 Hannover, http://www.buhmann.de

Ablauf

  • 10:00 bis 12:00 Uhr: Workshops
  • 12:00 bis 13:00 Uhr: Mittagessen mit Sue Gardner und weiteren Mitarbeitern der Wikimedia Foundation
  • 13:00 bis 15:00 Uhr: Fragen & Antworten mit Sue Gardner zum Bildfilter, Autoren-Schwund und Frauen-Förderung

Es wird auf jeden Fall eine Simultanübersetzung Deutsch – Englisch – Deutsch geben, so dass jeder an der Diskussion teilnehmen kann. Weiterhin wird es einen Live-Stream über das Internet geben, wobei hier eine Simultanübersetzung nicht garantiert werden kann.

Um auch allen, die nicht vor Ort in Hannover sein können, die Möglichkeit zu geben, sich mit Fragen an der Diskussion zu beteiligen, haben wir in der Wikipedia einen Bereich eingerichtet um Fragen zu sammeln.

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Italienische Wikipedia im Streik

Die italienische Wikipedia-Community ist in diesen Tagen einen Schritt gegangen, der so in der 10-jährigen Geschichte der freien Enzyklopädie einmalig ist. Seit gestern Abend  ist die italienische Version der größten Wissenssammlung der Menschheit für Leser nicht mehr erreichbar – die Inhalte sind vorübergehend versteckt. Stattdessen erklärt ein Brief die Gründe für dieses Vorgehen. Ursache dafür ist der Paragraph 29 eines italienischen Gesetzesentwurfs, den das italienische Parlament zurzeit debattiert. Dieser enthält eine Verpflichtung für Webseiten, innerhalb von 48 Stunden kommentarlos jegliche Korrektur am Inhalt vorzunehmen, die der Antragsteller im Interesse seiner Reputation fordert. Unerfreulicherweise verlangt dieses Gesetz keine Evaluation durch eine unabhängige dritte Person.

Die ehrenamtlichen Wikipedia-Autoren haben in den letzten 10 Jahren in Gemeinschaftsarbeit eine neutrale, frei lizenzierte und vor allem unabhängige Wissensquelle erstellt. Relevanzkriterien, Löschanträge, Änderungen in Artikeln und Umgang mit Persönlichkeitsrechtsverletzungen werden öffentlich diskutiert. Durch Quellennachweise, Belege und die Einhaltung eines neutralen Standpunkts wird die Qualität der Artikel gesichert.  Wikipedia hat eine Reihe von Mechanismen etabliert, über die Sorgen und Beschwerden von Einzelpersonen oder Organisationen gesammelt und gelöst werden. Das jetzige System zur Entfernung falscher Informationen ist erprobt und belastbar. Diese bewährten Arbeitsmethoden sind nun durch eine mögliche Gesetzesänderung in Italien in Frage gestellt und damit werden die Grundprinzipien der freien Enzyklopädie missachtet.

Seit Bestehen des Online-Lexikons haben Wikipedia-Benutzer auf Nachfrage hin jede Art von Inhalt überprüft, der für jemanden nachteilig sein könnte, ohne dabei auf die Neutralität und Unabhängigkeit des Projektes verzichten zu müssen. Eine Korrektur ohne Recht auf Diskussion und Überprüfung der Inhalte veröffentlichen zu müssen, würde zu einer inakzeptablen Einschränkung der Freiheit und Unabhängigkeit von Wikipedia führen.

Als gemeinnütziger Verein zur Förderung Freien Wissens setzt sich Wikimedia Deutschland nicht nur für den freien Zugang zu Wissen ein, sondern fördert und unterstützt auch die Erstellung und Verbreitung von Freiem Wissen. Wikimedia Deutschland ist nicht an redaktionellen Prozessen beteiligt und mischt sich auch nicht in die gewachsenen Strukturen und das komplexe Regelwerk von Wikipedia ein. Die aktuelle Diskussion über den Gesetzesentwurf in Italien widerspricht jedoch unseren Grundsätzen und der Mission der Förderung Freien Wissens.

Die italienische Autoren-Gemeinschaft hat sich für eine drastische Reaktion entschieden, die nicht nur auf Zuspruch stößt. Vielleicht hätte es andere Maßnahmen gegeben, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Aber die Entscheidung, Wikipedia für geplante 48 Stunden nicht verfügbar zu machen, ist zumindest sehr wirkungsvoll. Es geht hier um ein grundsätzliches Problem im Umgang mit Freiem Wissen, Neutralität und Meinungsfreiheit. Dies zeigen auch die zahlreichen Medienberichte, Online-Unterstützer weltweit und Solidaritätserklärungen.

Wikimedia Deutschland steht an der Seite der Freiwilligen aus Italien, die gegen den „Kill-Blog“ genannten Gesetzesentwurf protestieren. Dieses Gesetz würde die Arbeit von Projekten wie Wikipedia behindern: offene, ehrenamtliche und gemeinschaftliche Orte, die dem Teilen von Wissen gewidmet sind. Ganz zu schweigen von der Einschränkung der Möglichkeit für alle Internet-Benutzer, sich an demokratischen Vorgängen zu beteiligen und ihr Recht auf freie Rede auszuüben.

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Netzpolitisches Katerfrühstück!

St. Oberholz
St. Oberholz

Rachel Glaves, CC-BY-SA 2.0 US

Seit dem spektakulären Einzug der Piratenpartei ins Abgeordnetenhaus hoffen selbst neutrale Beobachter auf eine Belebung der netzpolitischen Debatte. Vielleicht, so das gängige Argument, könnte der Newcomer ja als Treiber für die etablierten Parteien fungieren, die freilich die Netz-Community als nachwachsende Klientel auch längst im Blick haben.

Ehemals nur Spezialisten vorbehaltene Themen wie Creative Commons oder Open Access fanden denn auch wie selbstverständlich Eingang in viele der vorgelegten Wahlprogramme. Während in den Gremien von SPD und Grünen bereits an den Details einer Koalitionsvereinbarung gefeilt wird, möchten wir ausloten, welche netzpolitischen Initiativen für die nähere Zukunft zu erwarten sind.

Und wo ginge das besser als im St. Oberholz – dem mutmaßlichen Epizentrum der digitalen Bohème von Berlin-Mitte? Wer nach dem Open Government Camp am Donnerstag und Freitag immer noch nicht genug hat, ist herzlich dazu eingeladen.


Netzpolitisches Katerfrühstück

Samstag, 1. Oktober, 11 Uhr

St. Oberholz
Rosenthaler Straße 72a
10119 Berlin
U-Bahn Rosenthaler Platz
www.sanktoberholz.de

Mitwirkende:

  • Dr. Martin Dickopp (Mitglied des Landesvorstands, FDP Berlin)
  • Yannick Haan (Forum Netzpolitik des SPD-Landesverbandes Berlin)
  • Christine Sobolewski (LAG Netzpolitik, B90/Die Grünen)
  • Tobias Schulze (Mitglied des Landesvorstands, DIE LINKE Berlin)
  • Stephan Urbach (Leiter der Bundesgeschäftsstelle, Piratenpartei)

Wie kann die deutsche Hauptstadt, die auf so wenig industrielle Substanz bauen kann, zu einem Zentrum für digitale Innovation werden? Wie kann Berlins Bevölkerung, die in viele soziodemografische Milieus zerfällt, eine möglichst barrierefreie, digitale Öffentlichkeit für alle entwickeln? Wie können Selbstorganisation und Schwarmdenken produktiv für den Bildungsbereich genutzt werden?

Das sind die Fragen, die am 18. September auch zur Wahl standen. Darüber sollten wir reden.

Ein “Netzpolitisches Katerfrühstück” im St. Oberholz will das kurze Zeitfenster, das sich jetzt vor dem Beginn der neuen Legislaturperiode öffnet, für die Debatte nutzen. Anknüpfend an die im Vorfeld der Wahl veröffentlichten Wahlprüfsteine möchten Wikimedia Deutschland e.V., Open Knowledge Foundation Deutschland e.V., Open Data Network und Digitale Gesellschaft e.V. die Vertreter der Parteien und das interessierte Publikum in ein Gespräch zur netzpolitischen Zukunft Berlins verwickeln. Und ja: Gefrühstückt werden soll dabei auch.

Unter den Sammelbegriff “Netzpolitik” fallen viele Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal etwas unterbelichtet bleiben: etwa die infrastrukturelle Versorgerung der Berliner mit Breitband, die offenen Zugänge zu behördlichen Daten und Statistiken, Anreize für Publikationen unter Open Access an Berliner Hochschulen oder der Einsatz von freien Lizenzen und kollaborativen Werkzeugen im Schulunterricht. Welche Rolle messen die zukünftigen Regierungs- und Oppositionsparteien diesen Baustellen zu?

Diskutiert mit!

Wir freuen uns auf euer Kommen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Nichts zu editieren.

Fast 100 Gäste durften wir bei unserer Wikipedia-Buchpräsentation am Samstag in der Literaturwerkstatt begrüßen; unter ihnen Autoren, Wikipedianer, WMDE-Mitglieder, Presseverterter und Wikipedia-Interessierte. Nach der Begrüßung durch unseren Geschäftsführer Pavel führte Catrin durch den weiteren Verlauf des Abends. Auf der Bühne diskutierten Marcus Cyron, Till Jaeger, Tobias Lutzi und Boris Marinov über die Entstehung des Buches, die Abstimmung mit den vielen Autoren sowie die Auswirkungen unseres Anspruchs, das Buch unter Creative-Commons-Lizenz heraus zu bringen. Zwei Autoren gaben dann sogar noch ihre eigenen Geschichten aus dem Buch zum Besten: Gereon Kalkuhl berichtete von seinen ganz eigenen „Wikipedia-Momente(n)“, Michael Schlesinger referierte in seinem Beitrag launisch über „Die dunkle Seite der Wikipedia“. Ein Bericht findet sich z.B. bei ZEIT Online „Buchvorstellung – Wikipedia-Autoren leuchten das Innenleben der Enzyklopädie aus.

Eine ganz besondere Überraschung hatte sich unser Praktikant Khesrau Behroz einfallen lassen: Mit seinem Text „Nichts zu editieren“ – vorgetragen in bester Poetry-Slam-Manier – hat er das gesamte Publikum in seinen Bann gezogen. Man lauschte zunächst verwundert, schockiert, fasziniert, belustigt und am Ende dann erleichtert ob des guten Ausgangs seines Kunststücks. Damit auch die Daheimgebliebenen in den Genuss kommen, haben wir die Situation heute nochmal in der Geschäftsstelle nachgestellt. Aber seht selbst:

Nichts zu editieren from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

Und hier nochmal zum Nachlesen und Nachsprechen:

Nichts zu editieren (Khesrau Behroz)

Sie dürfen diese Arbeit missbilligen.
Sie dürfen sie verachten, sie dürfen sich angeekelt fühlen.
Scheuen Sie sich nicht und kritisieren Sie.
Toben und tosen Sie, hauen Sie mit der Faust auf den Tisch,
schmeißen Sie ihn meinetwegen um.
Weisen Sie auf Ihre schwere Vergangenheit hin, denken Sie darüber nach,
welche Verbrechen in Ihrem Land ausgeübt worden sind, aber seien Sie großzügig.
Unter einer Million Toten brauchen Sie gar nicht erst anzufangen.
Spucken Sie beim Sprechen, das verleiht Ihrer Missbilligung einen ganz besonderen Akzent,
sagen Sie Ihrem Gegenüber ruhig, in welchen suboptimalen familiären und sozialen Verhältnissen er oder sie doch aufgewachsen ist,
denn – in der Tat – es muss ja so, es kann ja nicht!

Seien Sie wie Kerner, distanzieren Sie sich sogleich von Ihrer Maßlosigkeit,
schließlich sagen Sie ja nur, Sie meinen ja nicht.

Fluchen Sie, ja, fluchen Sie, wozu haben Sie denn diese Stimme?
Stellen Sie sich trotzig in den Raum und zeigen Sie auf den Urheber – mit dem nackten Finger! –
Schändung!, schreien Sie ruhig „Schändung“, es ist ein außerordentlich kluges Wort –
vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, dabei ein- und wieder auszuatmen,
Sie wollen es tunlichst vermeiden, dass Ihnen ausgerechnet dann der Atem stockt,
wenn Sie parieren müssen.
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Berliner Open Data Portal gestartet – Berlin gibt Daten frei

Mit daten.berlin.de hat Berlin heute als erstes Bundesland ein eigenständiges OpenData-Portal gestartet. Wirtschaftssenator Wolf, der Staatssekretär für Inneres Ulrich Freise, die Präsidentin des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg Ulrike Rockmann und Ina Schieferdecker von Fraunhofer Fokus stellten das Portal auf einer Pressekonferenz vor. Einfach und zugänglich werden auf dem Berliner Open Data Portal ab sofort Metadaten-Informationen zu Freien Daten mit Berlinbezug an einer Stelle zentral gesammelt und zur Weiternutzung zur Verfügung gestellt.

Das Statistische Landesamt geht mit gutem Beispiel voran und veröffentlicht zum Start u.a.  Mikrozensus-, Wahl- und Beschäftigungsdaten. Auch nicht-staatliche Stellen können auf dem Portal Daten veröffentlichen. Die Datensätze für OpenStreetMap und (in Kürze auch) Wikipedia sind dort bereits zu finden.

Senator Wolf und Professorin Rockmann verwiesen darauf, dass das Portal eine gute Möglichkeit sei, die mit Steuergeldern produzierten Daten aus der Verwaltung dem Bürger auch öffentlich zu machen. Staatssekretär Freise betonte, dass der Wandel hin zur offenen Verwaltung auch für die Behörden selbst ein neues Zeitalter darstellt. Weitere Daten werden nach und nach folgen.

Auch wenn das Portal wenige Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl gestartet ist, ist nicht zu befürchten, dass es nach der Wahl wieder verschwindet. In ihren Antworten auf die Wikimedia Wahlprüfsteine befürworten alle antwortenden Parteien eine offene Informationspolitik im Sinne der Berliner Open Data Agenda.

Auch in den Wahlprüfsteinen zu Open Data vom Digitale Gesellschaft e.V., auf die Netzpoltik.org noch mal hinweist, sichern die antwortenden Parteien explizit eine Unterstützung des Berliner Open Data Portals zu (Seite 3 im PDF).

Im Bereich „Interaktion“ des Portals wird um Feedback und aktive Mitwirkung gebeten. Im Moment sind zum Beispiel die Datensätze der Umweltverwaltung zwar frei zugänglich, aber noch nicht frei weiternutzbar. Es gibt also auch in Zukunft noch genug zu tun, mit dem Hinweis auf das offizielle Open Data Portal sollte in Berlin die Veröffentlichung und Nutzung von Daten aus der Verwaltung ab sofort etwas einfacher möglich sein. Konkrete Wünsche nach Daten für das Portal sind willkommen, freundliche Hinweise auf das Portal an Stellen, die interessante Daten zur Verfügung stellen könnten sicher hilfreich sein.

Als Mitunterstützer des Berlin Open Data Days im Mai und der Berliner Open Data Agenda freuen wir uns über den Start des Portals und viele Freie Daten, die dort zukünftig zu finden sein werden.

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