Falls nicht noch etwas Unerwartetes passiert, wird die deutschsprachige Version der Wikipedia am 21. März 24 Stunden lang nicht erreichbar sein. Zum allerersten Mal wird die deutschsprachige Community von Autorinnen und Autoren eine Komplettabschaltung durchführen. Mehrere andere Sprachversionen der Wikipedia werden möglicherweise diesem Beispiel folgen oder Banner auf der Hauptseite anzeigen, um gegen bestimmte neue Regeln zu protestieren, die eine neue Urheberrechtsrichtlinie enthält, über die das Europaparlament wahrscheinlich am 26. oder 27. März abstimmen wird.

Wiederum andere Wikipedien in anderen Sprachen werden womöglich gar keine Änderungen vornehmen. Dies liegt daran, dass die Menschen in jeder Wikipedia-Community ihre eigenen Entscheidungen dazu treffen, ob und wie sie sich zum vorgeschlagenen Gesetz äußern wollen.

Jede dieser voneinander unabhängigen Wikipedia-Communitys hat online und öffentlich darüber debattiert, wie sie vorgehen will, und darüber abgestimmt, ob und wie protestiert werden soll. Dies geschah jeweils in Einklang mit den eigenen Meinungsbildungsregeln jeder dieser Communitys. Die Regeln einiger Wikipedien verlangen beispielsweise, dass jemand 25 Einträge gemacht haben muss, um an der Abstimmung teilzunehmen. Andere verlangen dagegen 200 akzeptierte Wikipedia-Änderungen. Einige Communitys halten ihre Abstimmungen auf extra dafür vorgesehen Seiten ab; andere diskutieren darüber auf einem Abschnitt einer allgemeinen Diskussionsseite.

 


 

Gastbeitrag von Wikipedia-Autor EH⁴²

Wer Informationen zu einem beliebten Thema sucht, landet seit fast zwei Jahrzehnten fast unweigerlich bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Hier teilen ehrenamtliche Autorinnen und Autoren ihr Wissen mit allen Menschen – unabhängig von kommerziellen Interessen, kostenfrei und weltweit verfügbar. Die deutschsprachige Wikipedia wird am 21. März 2019 mit dieser Gewissheit brechen und erstmals zu der schärfsten Waffe greifen, die uns zur Verfügung steht: Der vollständigen Abschaltung des Angebots für einen ganzen Tag.

Die Institutionen der Europäischen Union arbeiten seit mehreren Jahren an einer Reform des Urheberrechts, die in vielerlei Hinsicht mehr als notwendig und sinnvoll ist. In der öffentlichen Debatte sind dabei die beiden Artikel 11 und 13 der geplanten Richtlinie spätestens seit Anfang des Jahres 2018 hoch umstritten:

Artikel 11 führt ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger auf dem gesamten Gebiet der Europäischen Union ein. Dieser Versuch wurde bereits in Deutschland und Spanien unternommen und muss in jeglicher Hinsicht als gescheitert betrachtet werden.

Artikel 13 verpflichtet Plattformen dazu, Lizenzen mit den Rechteinhabern von urheberrechtlich geschützten Inhalten abzuschließen. Es wird allerdings nicht definiert, mit welchen Rechteinhabern dies geschehen soll. Plattformen müssten mit praktisch jedem Menschen auf der Welt Lizenzen abschließen. Sollte es keine Lizenzierung geben, haften die Plattformen für jede Urheberrechtsverletzung unmittelbar. Dies gilt nicht, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind wie technische Voraussetzungen, um Urheberrechtsverletzungen zu verhindern (sog. Upload-Filter). Damit die Plattformen nicht in die Gefahr der Haftung kommen, werden sie diese Filter aller Wahrscheinlichkeit nach sehr streng einstellen. Von der Regelung sind Satire und Parodien, Kritik, Rezensionen oder auch das Zitatrecht zwar ausgenommen. Allerdings ist es technisch weder heute noch in naher Zukunft möglich, dies von automatisierten Filterprogrammen erkennen zu lassen.

Nach Einschätzung des Bundesdatenschutzbeauftragen müssten kleine Plattformen entsprechende Filtertechnologien bei den großen amerikanischen IT-Unternehmen einkaufen, welche teils Summen im dreistelligen Millionenbereich investiert haben, um diese zu entwickeln. Ein großer Teil des Datenverkehrs im Internet würde demnach über wenige gigantische Konzerne und deren automatisierte Filtersysteme laufen müssen, mit unabsehbaren Folgen für die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit.

24 Stunden lang wird Wikipedia nicht wie gewohnt Antworten liefern. Grafik: Pretzels, Wikipedia SOPA Blackout Design W cropped, CC BY-SA 3.0

In der deutschsprachigen Wikipedia wurde eine Ur-Abstimmung (im Wikipedia-Sprachgebrauch „Meinungsbild“) durch mich initiiert. Im Ergebnis schlossen sich mehr als 2/3 der Teilnehmenden der Forderung des Protestes an. Über 4/5 entschieden sich im zweiten Schritt für die komplette Abschaltung unseres Angebots.

Wir möchten, dass Kreativschaffende für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden. Wir möchten auch, dass qualitativ hochwertiger Journalismus weiterhin möglich ist. Was wir nicht möchten, ist ein Aufbruch in ein unfreies Internet. Zwar ist zumindest die eigentliche Enzyklopädie Wikipedia von Artikel 13 ausdrücklich ausgenommen und wir könnten uns demnach „entspannt zurücklehnen“. Unser Ziel ist es aber nicht, eine Oase Freien Wissens in einer unfreien Wüste des Internets zu sein. Unsere Solidarität gilt den vielen kleinen und mittelgroßen Foren, sozialen Netzwerken, Wissens- und Informationsplattformen.

Alle beteiligten Stakeholder müssen wieder an den Verhandlungstisch geholt werden, um eine tragfähige Lösung für alle zu finden.

Wir fordern deshalb die Streichung von Artikel 11 und 13 aus dem derzeitigen Entwurf zur Urheberrechtsreform.

Ein Tag ohne Freies Wissen für die Zukunft des freien Internets. Foto: Sandro Halank (WMDE), I edit Wikipedia – but not today. Blackout der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 4.0