Wikimedia 2030: Das Wissen, das noch fehlt

Knapp 1.000 Wikimedia-Freiwillige und Vertretende der Wikimedia-Organisationen kamen Mitte August in Stockholm zusammen, um über die Wikimedia-Projekte, Freies Wissen und ihren Beitrag zu den globalen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen zu sprechen. Hochwertige Bildung, Verringerung von Ungleichheiten, freier Zugang zu Wissen als Mittel auf dem Weg zu gerechteren Gesellschaften – zahlreiche Projekte der Wikimedia-Community leisten bereits konkrete Beiträge zu diesen Zielen. Mit Blick auf die eigene Strategie für 2030 wurde aber auch über Ungleichheiten innerhalb der freien Wissensbewegung diskutiert. Ein Zwischenstand:

  • Abraham Taherivand
  • 13. September 2019

Als Verein Wikimedia Deutschland und als Teil einer internationalen Bewegung setzen wir uns für Wikipedias Vision ein, allen Menschen freien Zugang zum Wissen der Menschheit zu ermöglichen. Damit meinen wir nicht nur den passiven Gebrauch, sondern auch die aktive Teilhabe einer lebendigen und diversen Community von Freiwilligen, die ihr Wissen teilen und ihre Perspektiven in die Wikimedia-Projekte einbringen.  

#Wikimedia2030. Bild: NASA + VGrigas (WMF), Knowledge belongs to all of us. 2030 Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Als offenes Projekt, das durch die tägliche Zusammenarbeit Tausender Ehrenamtlicher entsteht, ist Wikipedia ein Spiegelbild der Welt – auch ihrer Ungleichgewichte. Das Wissen der Welt, das uns in Schulen vermittelt wird, unser Verständnis von Geschichte prägt und sich heute in Wikipedia-Artikeln wiederfindet, ist noch immer vor allem eine Erzählung der Welt von Männern aus Europa und Nordamerika. 

So hat auch die größte freie Wissenssammlung des Internets noch immer große Lücken: Weniger als ein Fünftel der Biographien beschreiben Frauen. Dieses Gefälle lässt sich nicht allein mit historischen Barrieren und einem Mangel an Quellen zu weiblichen Errungenschaften erklären. Auch wenn genaue Zahlen schwer zu bestimmen sind*: Wir wissen, dass Wikipedia weit überdurchschnittlich von Männern akademischen Hintergrundes aus dem globalen Norden geschrieben und bearbeitet wird – mit Folgen für die Themen, die Wikipedia aufgreift. Es fehlt nicht nur das Wissen von Frauen, die Wikimedia-Projekte brauchen auch die Perspektiven von LGBT+ Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund, nicht-akademischem Hintergrund, und vieler weiterer Gesellschaftsgruppen, wenn wir dem Ziel, das gesamte Wissen der Welt zu sammeln und allen zur Verfügung zu stellen, gerecht werden wollen. 

Wir als gemeinnütziger Verein unterstützen die Freiwilligen-Communities der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte bei ihrer Arbeit das Wissen der Welt zu sammeln, zu bearbeiten, und zu kuratieren. Wie auch die Wikimedia Foundation und andere Wikimedia-Organisationen sind wir gegründet worden, um die Neutralität und die Unabhängigkeit der Wikimedia-Projekte und die Selbstbestimmtheit der Freiwilligen-Communities zu bewahren. Eben aus diesem Grund nehmen wir keinen Einfluss auf inhaltliche Entscheidungen, beurteilen nicht die Relevanz von Artikelvorschlägen und verpflichten niemanden, über bestimmte Themen zu schreiben. Die Offenheit, das Prinzip des freien Mitmachens von allen für alle, ist es, die Wikipedia zur größten Wissensquelle des Netzes gemacht hat. Anders als kommerzielle Plattformen dieser Größe entscheiden wir nicht top-down, sondern finden gemeinsam Lösungen. Wir sind uns als Community von Freiwilligen und Wikimedia-Organisationen bewusst, dass diese radikale Offenheit strukturelle Ungleichheiten repliziert und teils sogar verstärken kann. Digitales Ehrenamt ist essentiell für ein freies Netz, doch es ist auch ein Privileg derer, die über die nötige Zeit und Ressourcen verfügen. 

Wir unterstützen schon jetzt freiwilligen-getragene Projekte und fördern Partnerschaften, die diese Wissensungleichheiten verringern, ob in der Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen, Wikimedia-Organisationen und schwedischen Botschaften (WikiGap) oder in der Förderung lokaler Stadtprojekte wie den PowerGirls Go Wikipedia. Lücken füllen sich langsam – unserem Ziel, das Wissen der Welt allen Menschen frei verfügbar zu machen, werden wir jedoch noch nicht gerecht. Als Teil einer internationalen Bewegung haben wir uns deshalb 2017 dazu entschlossen, gemeinsam unsere Strukturen zu hinterfragen und umzubauen, um bis zum Jahr 2030 knowledge equity, die gerechte Teilhabe aller am Wissen und an der Wissensvermittlung, zu ermöglichen. So wird beispielsweise über die gezielte Förderung unterrepräsentierter Gruppen gesprochen oder die Bindung finanzieller Ressourcen an konkrete Diversitätsziele. Auch Online-Kommunikationskultur und Barrieren der Anerkennung marginalisierten Wissens sind dabei zentrale Themen. Parallel zu unserem globalen Strategieprozess arbeiten wir daran, diesen Zielen besser gerecht zu werden. 

Es gibt keine einfachen Lösungen, wo Freiwilligkeit, Offenheit und Internationalität Kernbausteine des Vorhabens und des Ziels sind. Wir sind bemüht, Antworten zu finden, die diese Werte erhalten und gleichzeitig mit lange bewahrten Traditionen des gezielten Ausschließens ganzer Gruppen und Gesellschaften vom Zugang zu Wissen ebenso wie modernen strukturellen Barrieren innerhalb unserer Projekte zu brechen. 

*Erklärung: Niemand ist bei Wikipedia verpflichtet, Angaben zur eigenen Person zu machen, Anonymität ist zentral für den Bestand Wikipedias insbesondere in Gesellschaften, in denen die Weitergabe von Wissen bestraft werden kann.

Worüber wird in der internationalen Wikimedia-Community diskutiert? Welche Ideen und Projekte für mehr Wissensgerechtigkeit gibt es? Hier geht’s zu den Videoaufzeichnungen der Wikimania 2019 (siehe insbesondere die Vorträge und Talks in ‘Lessing’). 

  1. In der Geschichte Polens wird fälschlich erklärt, dass die Marienburg (Westpreußen, an der Nogat gelegen) 1457 von Polen erobert wurde. Tatächlich urde sie von den Söldnern dem Polnischen König kampflos übergeben, nachdem er versprochen hatte, den rückständigen Sold zu bezahlen, was auch geschah. Diese grösste mittelalterliche Burg wurde niemals erobert (natürlich urde sie im Februar? 1945 von russischen Truppen und der polnischen Heimatarmee nach langem Kampf auch nicht eingenommen, sondern von der Deutschen Wehrmacht kampflos bei Nacht und Nebel geräumt, nachdem die Verteidigung wegen der Gefahr der Einkreisung ausichtslos geworden war (ich war dabei). Polen hat die stark zerstörte mittelalterliche Anlage in vorbildlicher Weise nach 1945 wieder aufgebaut. Sie ist ein turistischer Magnet geworden.

    Kommentar by Werner Bonfert on 5. November 2019 at 21:08

  2. In der Geschichte Polens wird fälschlich erklärt, dass die Marienburg (Westpreußen, an der Nogat gelegen) 1457 von Polen erobert wurde. Tatächlich urde sie von den Söldnern des Ritterordens dem Polnischen König kampflos übergeben, nachdem er versprochen hatte, den rückständigen Sold zu bezahlen, was auch geschah. Diese grösste mittelalterliche Burg wurde niemals erobert (Sie wurdevon russischen Truppen und der polnischen Heimatarmee nach langem Kampf auch nicht eingenommen, sondern von der Deutschen Wehrmacht kampflos bei Nacht und Nebel am 9. unnd 10. März 1945 geräumt, nachdem die Verteidigung wegen der Gefahr der Einkreisung ausichtslos geworden war (ich war dabei). Polen hat die stark zerstörte mittelalterliche Anlage in vorbildlicher Weise nach 1945 wieder aufgebaut. Sie ist ein turistischer Magnet geworden.

    Kommentar by Werner Bonfert on 5. November 2019 at 21:18

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