Etwas ungläubig liest Petra Landers den Beitrag über ihre Person in Wikipedia. „Da fehlt ja die Hälfte und die andere Hälfte ist so nun auch nicht richtig“, seufzt die ehemalige Nationalspielerin. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen gewann sie vor 30 Jahren den ersten Europameisterinnen-Titel für die deutschen Fußballerinnen und ist zudem noch eine der Weltrekordhalterinnen für das höchste je nach FIFA-Regeln ausgetragene Fußballspiel. Das war vor zwei Jahren auf dem Kilimandscharo.

Im Juli zwei Jahre später sitzt sie gemeinsam mit den U17-Spielerinnen des SC Würzburg in der Stadtbücherei und erzählt den jungen Fußballerinnen aus der Anfangszeit des vom DFB wieder erlaubten Frauenfußball. Sie berichtet von den Vorurteilen der Männer, der geringen Anerkennung für die Europameisterschaft und zeigt Bilder von jenem legendären Kaffee-Service, dass sie und ihre Teamgenossinnen seinerzeit vom DFB als Lohn für den Titel erhielten. „Das hat der DFB uns nicht mal persönlich überreicht, das kam mit UPS“, erzählt die gebürtige Bochumerin und muss ein wenig schmunzeln.

Ex-Nationalspielerin Petra Landers besucht die U17-Juniorinnen des Sportclub Würzburg (Heinz.ReindersLanders-petra-2019-© Heinz ReindersCC BY-SA 4.0)

Unbekannte Fußball-„Großmütter“

Dass die jungen Spielerinnen diese und viele weitere Geschichten des deutschen Frauenfußballs nicht kennen, liegt auch an der Verfügbarkeit von Informationen aus der Anfangszeit. Silvia Neid erkennen die meisten Mädchen noch, sie war immerhin lange Zeit Nationaltrainerin. Darüber hinaus sind den Dragons ihre Fußball-Großmütter kaum bekannt. Beachtliche 13 Nationalspielerinnen haben auf Wikipedia keinen Eintrag, was dem digitalen Vergessen der Leistungen dieser Spielerinnen gleichkommt.

„Bei den Männern gibt es selbst dann Wikipedia-Beiträge, wenn sie nur mal auf der Bank der Nationalmannschaft gesessen haben“, erklärt Gudrun Reinders den Unterschied zu den Nationalspielerinnen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann, der Stadtbücherei und Wikimedia Deutschland das Projekt „PowerGirls go Wikipedia“ ins Leben gerufen. Das Ziel: an zwei Wochenenden mit Zeitzeuginnen sprechen, Informationen zu den frühen Nationalspielerinnen recherchieren und Wikipedia-Beiträge über die Pionierinnen der ersten Stunde schreiben.

Sieben neue Wikipedia-Beiträge zu Nationalspielerinnen

Die PowerGirls beim Editieren (Heinz.ReindersPowerGirls go Wikipedia 002CC BY-SA 4.0)

Immerhin sieben Artikel sind auf diese Weise an den zwei Projekt-Wochenenden entstanden und wurden Dank der Unterstützung erfahrener Wikipedia-Autorinnen bereits in der weltweit größten Online-Enzyklopädie veröffentlicht.

„Über 90 Prozent der Schreiberlinge bei Wikipedia sind Männer“, weiß die als Iva Berlin bekannte Wikipedianerin zu berichten und hat sich deshalb schon sehr lange zur Aufgabe gemacht, Mädchen und Frauen für das Schreiben von Beiträgen zu begeistern. Deshalb ist sie mit zwei weiteren Autorinnen nach Würzburg gereist und erklärt den Spielerinnen des SC Würzburg, wie Wikipedia funktioniert.

Die jungen Fußballerinnen lernen die technische Seite der Enzyklopädie kennen, erfahren die Regeln zur Veröffentlichung von Informationen und üben sich in der Korrektur bestehender Artikel. „Auf diese Weise verlieren die Mädchen ihre Scheu vor Technik und den neuen Medien und werden sicherer im Umgang mit dem Internet“, so Reinders. Sie hat bereits durch die iPad-Klasse an ihrer Schule viel Erfahrung mit dem pädagogisch sinnvollen Einsatz neuer Medien.

„Das betrifft die Spielerinnen selbst, da geben sie Vollgas“

Wichtige Infos für die Artikel-Recherche (Heinz.ReindersPowerGirls go Wikipedia 001CC BY-SA 4.0)

Und sie ist keineswegs verwundert, mit welchem Engagement und Lerneifer die zwölf Spielerinnen an den beiden Wochenenden das Projekt angehen. „In der Schule hätten die Mädchen kaum diese Energie aufgebracht, aber hier, bei einem Thema das sie interessiert und sie selbst betrifft, da geben sie Vollgas“, ist auch Heinz Reinders nicht verwundert. Der Bildungsforscher der Universität Würzburg hat das Konzept für die beiden Wochenenden mit entwickelt und beobachtet die Spielerinnen des Vereins, in dem er auch Vorstand ist, mit großer Freude.

Medienkompetenz und die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als junges Mädchen in einer Männerdomäne sind dem Bildungsforscher denn auch die wichtigsten pädagogischen Ziele des Vorhabens. Beide Ziele wurden, so ist sich Reinders sicher, durch das Projekt „PowerGirls go Wikipedia“ auf jeden Fall erreicht. Und natürlich das Ziel, die vergessenen Nationalspielerinnen in das kollektive, digitale Gedächtnis zu hieven. Monika Boll, Petra Landers, Andrea Limper, Rosemarie Neuser, Judith Roth, Daniela Stumpf und Ingrid Zimmermann waren bislang unbekannt. Das hat sich durch die neuen Wikipedia-Beiträge der Würzburger Nachwuchskickerinnen nun geändert. „Wir haben schon viele Workshops geleitet“, so Iva Berlin, „aber so produktiv wie die Mädchen war bislang kaum einer“.

Der Wikipedia-Artikel von Petra Landers ist dank des Engagements aller nun deutlich ausführlicher geworden. Viele spannende Details aus ihrem Leben haben die Spielerinnen des SC Würzburg ergänzt. Landers, die bereits für andere Projekte wieder unterwegs ist, gratuliert den Würzburg Dragons aus der Ferne zu ihrer Arbeit in Wikipedia und bedankt sich für die schöne gemeinsame Zeit: „Es war ein tolles Wochenende mit euch und hat mir sehr viel Spaß gemacht mit Euch zu arbeiten, lieben Dank“.

Dieser Artikel ist im Original auf der Internetseite der Würzburg Dragons erschienen. Weitere Informationen über das Projekt „PowerGirls“ unter https://www.wuerzburg-dragons.de/index.php/powergirls