Coding da Vinci Süd: In München fließen die Kulturdaten

Coding da Vinci wird fünf Jahre alt und ist gekommen um zu bleiben! Letztes Wochenende fand der Kick-Off der siebten Auflage des Kulturhackathons statt, dieses Mal in München mit Coding da Vinci Süd. Und wir feiern auch noch die Einweihung unserer neuen Geschäftsstelle in Frankfurt/Main!

  • Lucy Patterson
  • 12. April 2019

Der Kultur-Hackathon Coding da Vinci wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert als gemeinsames Projekt der Deutschen Digitalen Bibliothek, des Forschungs- und Kompetenzzentrums Digitalisierung Berlin (digiS), der Open Knowledge Foundation Deutschland und Wikimedia Deutschland. Das Projekt hilft Kulturinstitutionen auf ihren ersten Schritten in Richtung Open Data. An Coding da Vinci Süd nahmen 31 Institutionen aus ganz Bayern und dem angrenzenden Baden-Württemberg teil. Für die Festivitäten am Wochenende, in den Räumlichkeiten der Münchener Bibliothek, wurden ihre Datensätze vorbereitet und “offen” lizenziert.

Unterstützung dafür kam vom regionalen Coding da Vinci Süd-Team, u.a. federführend verantwortlich waren Sybille Greisinger, die in der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern den Bereich Digitale Kommunikation leitet, und Dr. Kathrin Zimmer, Koordinatorin Bildung-Wissenschaft-Kultur im Zentrum Digitalisierung.

Jede der teilnehmenden Institutionen stellte ihre Datensätze den mehr als 120 Teilnehmenden des Hackathons vor, darunter auch eine Delegation aus Brasilien, Indonesien und Südafrika, die durch eine Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut teilnehmen konnte. Dazu verfolgten rund 5.000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Live Stream auf Twitch.

Hacking the library. Bild: Coding da Vinci Süd, Diane von Schoen, Die Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig, CC-BY 4.0

Entwicklerinnen und Entwickler, Designerinnen und Designer, Künstlerinnen und Künstler, Gamedesignerinnen und -designer und für offene Daten und an Kultur Begeisterte waren bereit, in die Daten einzutauchen und Ideen für neue Möglichkeiten zu sammeln, diese für das digitale Zeitalter neu zu entdecken und miteinander zu verbinden.

Von Schildkrötensuppe bis Fränkisch für Anfänger

Die vielfältige Auswahl an Datensätzen umfasste u.a. 300 Speisekarten aus den letzten 100 Jahren aus traditionsreichen Münchner Wirtshäusern, Cafés und Festhallen (einschließlich dem Verweis auf Schildkrötensuppe zum 60. Geburtstag Gabriel von Seidls im Jahr 1855) aus der Sammlung Monacensia im Hildebrandhaus.

Eine überraschende Quelle der Inspiration boten Belege eines Fränkischen Wörterbuchs der Bayerischen Akademie der Wissenschaft. Die Ideen der Teilnehmenden dazu reichen von einem Crowdsourcing-Projekt über Audioaufnahmen zur Aussprache, über ein Tool zur Generierung fränkischer Memes bis bin zu einem (letztendlich ausgewählten) Vorschlag eines indonesisch-deutschen Teams, ein textbasiertes Abenteuerspiel in die Fränkische Vergangenheit hinein zu kreieren – um in der Handlung voranzukommen, muss man fränkische Sprachkenntnisse nachweisen (oder entwickeln).

Wir haben größten Respekt vor all den Institutionen, die sich dazu entschieden haben, sehr anspruchsvolle, in einem kolonialen Kontext entstandene Sammlungen aus ihren Archiven zu präsentieren. Die Südsee-Sammlung Obergünzburg z. B. stellte Photographien eines Schiffskapitäns vor, der in den Jahren 1903 bis 1913 im Dienst der Norddeutschen Lloyd durch Deutsch-Neuguinea, der ehemaligen deutschen Kolonie im Pazifik, reiste.

Martina Kleinert, die Leiterin des Museums, lud die Teilnehmenden des Hackathons ein, sich kritisch mit der Sammlung auseinanderzusetzen – die Bilder nicht nur als einen faszinierenden Blick in die Vergangenheit zu sehen, sondern ihre Komposition auch skeptisch zu hinterfragen und die Fotos als Tor in das Denken eines deutschen Kolonisators aus dem frühen 20. Jahrhundert zu verstehen.

Ein Team lokaler Gamedesigner interessierte sich besonders für einen Datensatz des Stadtmuseums Landsberg am Lech. Dieser beinhaltet Abbildungen historischer Bildtafeln mit Sterbeszenen missionierender Jesuiten. Das Team arbeitet unter dem Titel „162 ways to die“ an einer Toniebox-ähnlichen Installation, die Hörspiele und Animationen für jedes Szenario abspielt. Die Tafeln sind aus dem 16. und 17. Jahrhundert und zeigen teils rassistische Darstellungen Andersgläubiger. Wir (und das Stadtmuseum) sind gespannt, freuen uns aber auch darauf, wie das Team damit umgehen wird.

Nach einigen Tagen des Planens, Tüftelns und Mate-Trinkens zwischen all den Büchern der Münchener Bibliothek entwickeln die Teams nun ihre Projekte (hier zu verfolgen) über eine 6-wöchige Sprint-Phase weiter. Dann werden sie für die Abschlusspräsentationen und Preisverleihung am 18. Mai in der Tafelhalle im KunstKulturQuartier in Nürnberg eingereicht. Eine Jury zeichnet dort die besten Projekte in verschiedenen Kategorien aus.

Das Hacken verstetigen

Außerdem war dieser Kick-Off ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Projektes Coding da Vinci! In unserem nun fünften Jahr sind wir sehr stolz darauf, dass das Team der gerade gegründeten Coding da Vinci-Geschäftsstelle, vertreten durch Projektkoordinator Phillippe Genêt und Projektassistenz Andrea Lehr, sich zum ersten Mal vorstellen konnte.

Anfang April bezog das Team, das demnächst um einen Datenexperten erweitert wird, seine Räumlichkeiten in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/Main. Die Mitarbeitenden werden für den laufenden Betrieb des Projektes Coding da Vinci, die zentrale Organisation sowie die Unterstützung der regionalen Veranstaltungsorganisation verantwortlich sein. Ermöglicht wird die Einrichtung dieser neuen Geschäftsstelle durch die Kulturstiftung des Bundes (KSB), die Coding da Vinci in den Jahren 2019 bis 2022 mit 1,2 Millionen Euro fördert. Die Kooperation mit der KSB soll in den kommenden Jahren weitere sieben Ausgaben des Kulturhackathons an bundesweit wechselnden Standorten ermöglichen. Wikimedia Deutschland und die anderen Partnerorganisationen begleiten als Steuerungsgremium die strategische Weiterentwicklung des Projekts. So wollen wir beispielsweise eine nachhaltigere Entwicklung der im Hackathon entstehenden Projektprototypen möglich machen und weitere Ansätze entwickeln, um die Entwicklung offener Kulturerbe-Daten in Kultureinrichtungen zu unterstützen. Wir freuen uns auf viele weitere Jahre des Kulturhackens!

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