Am 26. November 2018 fand in den Räumen von ALEX TV eine öffentliche Podiumsdiskussion unter dem Titel “Open Science Policy und gute wissenschaftliche Praxis” statt, bei der Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Politik über die Chancen und Herausforderungen Offener Wissenschaft diskutierten. Die Diskussion schloss an einen gemeinsamen Workshop zu Open Science von Wikimedia Deutschland und dem Weizenbaum-Institut an, über den an dieser Stelle bereits berichtet wurde.

Das Podium war hochkarätig besetzt: Neben Prof. Dr. Claudia Müller-Birn, Professorin für Human-Centered Computing an der Freien Universität Berlin, nahmen Prof. Dr. Manfred Hauswirth, Institutsleiter am Fraunhofer FOKUS und Principal Investigator am Weizenbaum-Institut, sowie Dr. Martina Franzen vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung an der Diskussion teil. Dr. Ernst Dieter Rossmann vertrat den Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag, den er seit 2018 leitet.

Auf dem Podium diskutierten (v.l.n.r.): Prof. Dr. Manfred Hauswirth, Dr. Martina Franzen, Christian Friedrich (Moderation), Prof. Dr. Claudia Müller-Birn und Dr. Ernst Dieter Rossmann. Bild: Ben Bernhard, Podiumsdiskussion – Open Science Policy und gute wissenschaftliche Praxis (26.11.2018) 050, CC BY-SA 4.0

Nachdem Dr. Dominik Scholl (Wikimedia Deutschland) und Dr. Sonja Schimmler (Weizenbaum-Institut) für die veranstaltenden Organisationen begrüßt hatten, bat Moderator Christian Friedrich die Podiumsgäste zu sich auf die Bühne und schnell entbrannte eine leidenschaftliche und kontroverse Diskussion über Chancen und Herausforderungen, aber auch Missverständnisse und vermeintliche Risiken, die mit einer Öffnung wissenschaftlicher Prozesse und Ergebnisse verbunden werden.

Offene Wissenschaft sei die Art von Wissenschaft, wie sie eigentlich gelebt werden müsse, davon zeigte sich Claudia Müller-Birn überzeugt, denn sie biete die Möglichkeit der Selbstreflexion von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen auf den Prozess ihrer Arbeit und auf ihre Position in der Gesellschaft. Angesichts der aktuellen Probleme des Wissenschaftssystems wie einer zunehmenden Ökonomisierung und dem damit verbundenen steigenden Erfolgsdruck, von dem gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler getrieben würden, sei es wichtig, gemeinsam an einer Vision für ein zeitgemäßes Wissenschaftssystem zu arbeiten.

Open science: just science done right“ – Claudia Müller-Birn zeigte sich überzeugt davon, dass Offenheit die Antwort auf aktuelle Probleme und Herausforderungen in der Wissenschaft sein kann. Bild: Ben Bernhard, Podiumsdiskussion – Open Science Policy und gute wissenschaftliche Praxis (26.11.2018) 069, CC BY-SA 4.0

Prof. Dr. Hauswirth mahnte zur Vorsicht vor der Formel “je offener desto besser” und verwies auf unterschiedliche Publikationskulturen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Es sei verständlich, dass in manchen Disziplinen teilweise eher geschlossen gearbeitet werde, während eine Öffnung in anderen Disziplinen absolut sinnvoll sei. Dies sei ein Anpassungs- und Schutzmechanismus von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im bestehenden Wissenschaftssystem. Man müsse daher zunächst aus den Fächerkulturen lernen, wie wissenschaftliche Prozesse aktuell ablaufen und wie man diese unter Umständen so beeinflussen könnte, dass sich die akademische Kultur insgesamt verbessere. Vor dem Hintergrund einer allgemein festzustellenden Publikationspraxis des “Kleinschneidens zur kleinsten publizierbaren Einheit” sei jedoch eine Entschleunigung wünschenswert, sodass die erscheinenden Beiträge auch eine wirkliche Relevanz entfalten können.

Martina Franzen betonte, dass Open Science eine Antwort auf aktuell bestehende Herausforderungen in der Wissenschaft bieten könnte und verwies dabei unter anderem auf die Replikationskrise, mit der unter anderem die Psychologie derzeit zu kämpfen hat. Open Science beinhalte dabei neben einer technischen Dimension auch eine soziale. So könne Offene Wissenschaft helfen, die Distanz zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit abzubauen. Schließlich sei eine stärkere Öffnung aber auch aus ökonomischen Gründen sinnvoll, etwa indem Forschungsdaten nicht mehrfach erhoben werden müssten. Zentral für gute Wissenschaft sei jedoch der Diskurs, welcher mit der Ökonomisierung der Wissenschaft abgenommen habe: Offen Wissenschaft sei hier als ein Angebot zu verstehen, kritische Diskurse zu führen.

Auch wenn Open Science großes Potenzial biete, könne man nicht generell sagen „je offener, desto besser“, warnte Prof. Dr. Hauswirth (links) und verwies auf die unterschiedlichen Publikationskulturen in verschiedenen wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Bild: Ben Bernhard, Podiumsdiskussion – Open Science Policy und gute wissenschaftliche Praxis (26.11.2018) 064, CC BY-SA 4.0

Tatsächlich wird der Wert Offener Wissenschaft inzwischen auch von der Politik stärker wahrgenommen und Open Science entsprechend gefördert, insbesondere auf EU-Ebene. Auf die Nachfrage, warum das Thema Offene Wissenschaft dann in der bisherigen Arbeit des zuständigen Bundestagsausschusses seit Beginn der Legislaturperiode keinen Platz findet, räumte Ernst Dieter Rossmann ein, dass bislang tatsächlich Möglichkeiten versäumt wurden, das Thema mit relevanten Akteuren wie der zuständigen Ministerin oder den Präsidenten großer Wissenschaftsinstitutionen zu diskutieren. Dennoch stellte er in Aussicht, dass Offene Wissenschaft in den kommenden Monaten vermehrt thematisiert werde: so stünden beispielsweise noch in diesem Jahr Gespräche u.a. mit dem aktuellen EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation Carlos Moedas an. In diesen Gesprächen soll auch explizit über Open Science gesprochen werden.

Fragen um die Öffnung von Wissenschaft seien also durchaus auf dem Radar der deutschen Politik und man wisse um die damit verbundenen Potenziale, betonte Rossmann. Gleichzeitig sei es aber wichtig, die Herausforderungen, die mit einer Offenen Wissenschaft verbunden seien, zu benennen und ernst zu nehmen, wobei er sich konkret vor allem auf Fragen der Qualität bezog. Es müsse gewährleistet werden, so Rossmann, dass bei einer Öffnung der Wissenschaft angesichts der riesigen Datenmengen und der Vielzahl an beteiligten Akteuren entsprechende Mechanismen zur Qualitätssicherung mitgedacht und entwickelt würden. Wer entscheidet, was qualitativen Maßstäben entspricht? Wie können die qualitativ hochwertigen Ergebnisse und Daten identifiziert und gefunden werden? Dies seien Fragen, die in der politischen Diskussion aktuell eine große Rolle spielen müssten, so Rossmann.

Das Thema Offene Wissenschaft sei auf dem Radar der Politik, versicherte Ernst Dieter Rossmann und stellte in Aussicht, dass in den kommenden Monaten verstärkt mit relevanten Akteuren darüber gesprochen werde. Bild: Ben Bernhard, Podiumsdiskussion – Open Science Policy und gute wissenschaftliche Praxis (26.11.2018) 043, CC BY-SA 4.0

Tatsächlich kann gerade Offene Wissenschaft für die Qualitätssicherung wissenschaftlicher Ergebnisse und Prozesse von zentraler Bedeutung sein. Denn: Bislang wird wissenschaftliche Qualität fast ausschließlich anhand der Zitationsraten einzelner Artikel und personalisierten Indikatoren wie dem Hirsch-Index gemessen. Aspekte wie Nachvollziehbarkeit und Replizierbarkeit der Ergebnisse spielen in der derzeitigen Qualitätsbewertung von Wissenschaft kaum eine Rolle. Dabei sind doch gerade dies die Kriterien, an denen wissenschaftliche Qualität eigentlich gemessen werden sollte. Offene Peer-Review-Verfahren sowie die transparente Offenlegung der verwendeten Forschungsmethoden können hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Natürlich würden Mechanismen zur Qualitätssicherung auch und insbesondere bei Offener Wissenschaft mitgedacht, unterstrich Claudia Müller-Birn. Das eigentliche Problem, welches Offene Wissenschaft konkret adressiere, sei doch vielmehr die Frage des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es könne nicht sein, dass große Verlage extrem hohe Gewinnmargen verzeichnen würden und das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Produktion und Qualitätssicherung von Forschungsergebnissen zuständig seien und dann die Bibliotheken der Wissenschaftsinstitutionen, an denen diese Ergebnisse generiert wurden, erneut Geld in die Hand nehmen müssten, um sie in Form der Publikationen wieder einzukaufen.

Es stellt sich also die Frage, ob Inhalte, die von der Öffentlichkeit durch Steuern finanziert werden, nicht auch grundsätzlich frei verfügbar gemacht werden sollten (Open Access). Dies wird unter anderem derzeit im Rahmen der Kampagne Öffentliches Geld? Öffentliches Gut!” von Wikimedia Deutschland diskutiert. Die Debatte geht dabei weit über die Ursprünge in der Free Software-Bewegung hinaus.

Auch nach Ende der eigentlichen Veranstaltung gab es unter den Podiumsgästen noch reichlich Diskussionsbedarf. Bild: Ben Bernhard, Podiumsdiskussion – Open Science Policy und gute wissenschaftliche Praxis (26.11.2018) 135, CC BY-SA 4.0

Die Podiumsgäste waren sich einig darin, dass Open Science einen erheblichen Beitrag leisten kann, Herausforderungen des derzeitigen Wissenschaftssystems zu adressieren. Replizierbarkeit, Relevanz von Wissenschaft in der Gesellschaft, Finanzierungsmodelle und Publikationsmechnismen, das in weiten Teilen angespannte Verhältnis von Wissenschaftseinrichtungen und wissenschaftlichen Verlagen – zu diesen Fragen kann Offene Wissenschaft einen Lösungsbeitrag leisten.

Neben der Optimierung des bestehenden Wissenschaftssystems bietet Offene Wissenschaft aber auch eine Vision von wissenschaftlicher Praxis, die auf die Kulturen und Entwicklungen einer von Digitalität geprägten Gesellschaft Antworten und Lösungsvorschläge liefern kann. Eine Vision des Freien Wissens, das für alle Mitglieder einer Gesellschaft zugänglich ist, muss aus Sicht von Wikimedia Deutschland auch und insbesondere im Kontext von Wissenschaft eine zentrale Rolle spielen.

Wir bedanken uns an dieser Stelle bei allen Teilnehmenden für die spannenden Einblicke in die Praxis Offener Wissenschaft und die kontroversen und leidenschaftlichen Diskussionen, die im Laufe des Tages und des Abends geführt wurden!