Archiv für die ‘Freies Wissen’ Kategorie



Deutsche Bahn an OpenplanB: „Wir werden das Gespräch mit anderen Open-Data-Förderern suchen.“

Vor zwei Wochen enstand aus einem Twitter-Austausch zwischen Jens Best, dem Social Media-Team der Deutschen Bahn und mir ein offener Brief über die Bitte um Freigabe von Fahrplandaten unter einer nachnutzungsfreundlichen Lizenz. Die Antwort der Bahn war schnell, freundlich und aus unserer Sicht nicht zufriedenstellend. Wir wissen, dass es hier nicht um ein primär technisches Problem geht, sondern eine Reihe von rechtlichen Fragen zusätzlich zu den Aspekten Qualitäts- und Imagesicherung zu klären sind. Solange Open Data mit der Gefahr verstanden wird, daß Onkel Ernst an einem Sonntag Abend an einem Regionalbahnhof strandet, weil er sich auf veraltete oder falsch formatierte Fahrplandaten verlassen hat, erscheint es für ein in der Öffentlichkeit stehendes Unternehmen als Risiko, nicht als Chance.

Wer nicht darauf hoffen will, daß die Bahn in Sachen Open Data ihren Kollegen in anderen Ländern folgt, kann Petitionen schreiben, sich für eine nationale Open-Data-freundliche-Gesetzgebung engagieren, mit ausländischen freigegebenen Daten experimentieren und mithelfen, die Vorteile greifbarer zu machen. Keine dieser Maßnahmen wird jedoch kurzfristig deutsche Fahrplandaten verfügbar machen. Diese Situation kann für jemanden so unbefriedigend wirken, dass Selbsthilfe legitim erscheint, zum Beispiel das Scrapen von Daten aus offiziellen Quellen. Der Wikipedia-Artikel listet bereits eine Reihe von Gründen auf, warum die Rekonstruktion von Datenbanken via Scraping problematisch sein kann.

Die Deutsche Bahn hat sich heute mit einem Offenen Brief an das Projekt openPlanB gewandt. Sie erklären dort, warum sie den von openPlanB gewählten Weg der Extraktion von Planplandaten aus einer CD-ROM für rechtlich unzulässig halten. Sie weisen auf das Risiko für Nachnutzer hin, die sich auf das von openPlanB gesetzten Label einer freien Datenbanklizenz verlassen und bringen die naheliegenden Qualitätsprobleme von alternden Daten an. In eindeutiger Sprache schreibt die Vorsitzende der Geschäftsführung der DB Vertriebs GmbH, Birgit Bohle, dass man auf rechtliche Schritte für die zurückliegende Aktion verzichte, sich aber rechtliche Schritte bei zukünftigen Verstößen vorbehalte.

Die Bahn schreibt, daraus die Konsequenz gezogen zu haben, in Zukunft auf die Mitarbeit von openPlanB verzichten zu wollen und kündigt an, das Gespräch mit anderen Open-Data-Förderern suchen zu wollen.

An diesem letzten Satz wird man die Deutsche Bahn messen können, denn mögliche Kooperationspartner für das Unternehmen sind bekannt und auch nach Abzug der Probleme, z.B. von Datensätzen anderer Verkehrsverbünde, gibt es weiterhin noch eine Reihe von Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch und zur Zusammenarbeit zu kommen.

[update:

Weitere Presseberichterstattung zu dem Offenen Brief gibt es von

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Urheberrecht in der Medienbranche

Wer als Medienschaffender arbeitet, kommt mit dem Urheberrecht in Kontakt.
Als Autor geschützter Werke, die andere nutzen wollen, als Nutzer von Werken anderer oder durch die Berichterstattung über urheberrechtliche Themen.

Am Wochenende trafen sich in Mainz junge Medienschaffende beim JugendMedienEvent. Zum Podium mit dem Titel “Ist meins auch deins?” wurde ich eingeladen um über das Thema Urheberrecht zu sprechen. Mit dabei waren der Stellvertretende Justitiar des ZDF, Gregor Wichert und Kilian Trotier, Redakteur im Feuilleton der ZEIT. Moderiert wurde das Panel von Philipp Sümmermann.

Wie zu erwarten war, wurden dabei viele unterschiedliche Themen angesprochen: von der  Kulturflatrate und die Rolle von Verwertungsgesellschaften bis hin zur Frage, ob wir ein ganz neues Urheberrecht brauchen.

Die kritischsten Fragen kamen dabei von die jungen Medienschaffenden, die auch schon jede Menge eigene Erfahrungen mit dem Urheberrecht einbringen konnten.

Besonders Interessant war die Diskussion darüber, unter welchen Bedingungen die öffentlich rechtlichen Sender mehr Inhalte unter freie Lizenzen stellen könnten. Gregor Wichert betonte dabei, dass er sich eine größere Verbreitung der Inhalte durchaus wünsche, jedoch ein Problem in der Rechteklärung sähe, die dadurch noch komplizierter würde.

Lea Sophie Preusser hat einen schönen Bericht über das Podium geschrieben.

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Geschlossene Gesellschaft: Fahrplandaten der Bahn weiterhin geschlossen

Der Anlass war da, der symbolbeladene rote Startknopf auch. Heute haben auf einer gemeinsamen Pressekonferenz die Firma Google und das Staatsunternehmen Deutsche Bahn die Integration der Bahn-Fahrplandaten in den Kartendienst Google Maps bekanntgegeben. Netzpolitik, Zeit Online, Spiegel Online und andere beschreiben diese Kooperation als überfällig und hinsichtlich der Bahn-Lizenzierungspraxis als bedauerlich. Tenor der Berichterstattung ist, wieso die Bahn zwar Google, aber nicht dem Rest des Internets die (Nach-)Nutzung der Fahrplandaten erlaubt. Wir haben letzte Woche ähnliches gefragt und dazu eine sehr unbefriedigende Antwort der Deutschen Bahn erhalten.

Aus technischer Sicht wäre die zusätzliche Weitergabe der Fahrplandaten an die Allgemeinheit oder an Projekte wie openplanB kein Problem, das verwendete Format GTFS ist für diesen Zweck hinreichend geeignet. Und betriebswirtschaftlich müsste es auch im Interesse der Bahn sein, auf möglichst vielen Wegen Kunden anzulocken, zumal Google für die Daten in dieser Kooperation keinen Cent zahlt und auch sonst keine Einnahmen aus dem Verkauf von Fahrplanmetadaten zu erwarten sind. Der schwarze Peter liegt hier eindeutig im Spielfeld des Staatskonzerns, die alle zaghaften Open-Data-Bemühungen der Bundesregierung konterkarieren. Wir haken nach.

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Ein Projekt, das sie Pferdefuß nannten – die EU-Richtlinie zu verwaisten Werken

Das Europäische Parlament hat am Donnerstag in Straßburg die Richtlinie über bestimmte zulässige Formen der Nutzung verwaister Werke verabschiedet. Das Abstimmungsergebnis fiel sehr eindeutig aus: 531 Abgeordnete votierten für die Vorlage, 65 dagegen. Wie bereits im Kommissionsentwurf vorgeschlagen, erlaubt die Richtlinie bestimmten Institutionen die nichtkommerzielle Nutzung von Büchern und audioviosuellen Werken, für die kein Rechteinhaber mehr aufgefunden werden kann. Fotos außerhalb von Sammelbänden werden von dieser Regelung nicht berührt.

Voraussetzung für die Nutzung ist eine vorherige sorgfältige Suche. Es wird nun den nationalen Gesetzgebern vorbehalten sein, dafür genauere Vorgaben zu machen. In seiner Stellungnahme vom August hat Wikimedia Deutschland u.a. die Veröffentlichung der Katalogdaten und der Suchergebnisse nach offenen Standards erbeten, um Dritte zur Mitrecherche zu ermuntern. Die wesentliche Vorgabe aus Brüssel wird jedoch auch das Bundesjustizministerium nicht umbiegen können: Zum Kreis jener Einrichtungen, die künftig verwaiste Werke digitalisieren und online zur Verfügung stellen können, gehören ausschließlich Bibliotheken, Museen, Archive und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und demnach nicht gemeinnützige Open-Content-Projekte wie Wikipedia oder die Privatwirtschaft.

Einen Pferdefuß für die Massendigitalisierung stellt auch die Entschädigungspflicht für jene Rechteinhaber dar, die erst nachträglich aufgespürt werden. Hier gilt es, das Kostenrisiko für die kulturellen Einrichtungen zu minimieren und gleichzeitig finanzielle Anreize für freie Lizenzierungen zu schaffen. Wir erwarten gerade bei letzterem keine große Gegenliebe durch die Verwertungsgesellschaften. Bei einem Podiumsgespräch mit Wikimedia in Berlin deutete jüngst ein Vertreter der VG Wort an, die aus dem Lizenzmanagement für verwaiste Werke generierten Einnahmen nicht etwa zweckgebunden für gemeinnützige Digitalisierungsprojekte einsetzen zu wollen, sondern an wahrnehmungsberechtigte Autoren und Verlage auszuschütten. Trotz der spektakulären Archivschäden in Weimar und Köln scheint der Aspekt einer vorsorgenden Kulturpolitik immer noch nicht überall oberste Priorität zu haben.

P.S. In den letzten Wochen haben wir wiederholt die Erfahrung gemacht, dass das Thema “Verwaiste Werke” nur selten jene Aufmerksamkeit erhält, die ihm eigentlich gebührt. Denn solange ein Rückbau der urheberrechtlichen Schutzfristen auf internationaler Ebene nicht ernsthaft diskutiert wird, sind punktuelle Verbesserungen bei der Übertragung von Nutzungsrechten der einzige Weg, die Wissensallmende zu bereichern. Um Interessierten einen besseren Einstieg in die Debatte zu verwaisten Werken zu ermöglichen, haben wir deshalb ein Kurzdossier und ein Q+A erarbeitet. Mein besonderer Dank gilt hierbei Kelda Niemeyer und Michael Jahn.

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Erinnerung: Noch bis Montag Anträge für die aktuelle Runde des Community-Projektbudgets anmelden!

Mit dem Community-Projektbudget stellt Wikimedia Deutschland 250.000 Euro für die Umsetzung von Ideen zur Verfügung,  die geeignet sind, Freies Wissen mit besonderem Schwerpunkt auf die Wikimedia-Projekte zu unterstützen und zu verbessern. Für die aktuell laufende dritte Ausschreibungsrunde können noch bis 1.10. Anträge eingereicht werden.

Ideen dafür müssen vorab angemeldet werden. Anmeldeschluss ist der kommenden Montag, 17.09.2012 – 23:59 Uhr.

Alle Informationen zur Teilnahme sind auf der Seite zur  Antragseinreichung im Community-Projektbudget zu finden. Dort sind auch die ausführlichen Förderbedingungen verlinkt.

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Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Open Data für die Bahn. [update: Antwort der Bahn]

Manche Gespräche beginnen in einem Cafe, in einer Sbahn, einem Konferenzraum, manche Gespräche beginnen auf Twitter:

Und weil 140 Zeichen nicht für alle Belange des Lebens ausreicht, kommen wir der Bitte der Bahn zum Medienwechsel gerne nach:

 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Kai (/ki),

gerne möchten wir unser auf twitter begonnenes Gespräch hier fortsetzen und Ihnen kurz das Anliegen schilden, damit Sie es an die zuständige Stelle bei Ihnen im Haus weiterleiten können.

Im Interesse ihrer Kunden und zur Verbesserung der Qualität ihrer Dienstleistung schlagen wir der Bahn (wieschonvielevoruns) vor, umfangreiche Datensätze über den Fahrplan und die aktuellen Fahrinformationen zum Download und zur freien Nachnutzung bereitzustellen. Freie Nachnutzung bedeutet hier die Einräumung von Nutzungsrechten, die die nichtkommerzielle wie kommerzielle Speicherung, Verarbeitung, Bearbeitung und Weitergabe der Daten ermöglicht.

Wir gehen davon aus, dass diese Daten auf viele Arten genutzt werden, die weit über das Leistungsspektrum der bisherigen, u.a. auch durch die Verkehrsbetriebe angebotenen Webservices hinausgehen; von Visualisierungen über hochpersonalisierte Fahrempfehlungen über die Integration in andere Dienstleistungen, und sei es die Immobiliensuche, auf der Wohnungen nach Kriterien wie “maximal 30 Fahrminuten von X (z.B. dem Arbeitsplatz) nach Potsdam Charlottenhof, erreichbar bis mindestens 22:30 Uhr auch an Samstagen” gefiltert werden können.

Wir gehen insbesondere davon aus, dass eine Reihe von Anwendungen so entwickelt werden, an die keiner von uns bislang gedacht hat, von denen aber jeder nach einer Woche sagen wird, es sei unmöglich, ohne sie zu leben. Nichts sollte die Bahn davon abhalten, auf diesen Pool an Ideen, Mockups und Implementierungen zuzugreifen und ihr eigenes Angebot auf ihren eigenen Seiten damit anzureichern, wenn sie darin einen Mehrwert sieht.

Die Daten liegen der Bahn bereits vor, sie müssen nicht erst extra erhoben werden. Sie sind aus datenschutzrechtlicher Sicht unbedenklich, erkennbar schon daran, weil sie – konfektioniert als Einzeldatensätze über die entsprechenden Masken auf bahn.de – abrufbar sind.

Folgende Datensätze bieten sich insbesondere an, um vielfältige Nachnutzungen zu ermöglichen:

* Basisdaten über Bahnhöfe und Stationen (Geokoordinate, Bezeichnung)
* Fahrplandaten
* Live-Daten über die aktuelle Situation, Verspätungsmeldungen, zusätzliche Halte, etc, analog der von bahn.de/ris angebotenen Daten

Diese Liste ist nicht abschließend.

Wie die zuständigen Fachabteilungen schon wissen sollten, ist das Interesse an der Freigabe dieser Daten hoch und es arbeiten bereits jetzt schon engagierte Menschen an Alternativen, solange es hier von DB-Seite noch keine eigene Bereitstellung gibt. Eines dieser Projekte ist openPlanB, sie sollten dieses Team unterstützen.

2007 wurden in einem sehr gut lesbaren Dokument definiert, was die Voraussetzung für Open Data sein sollte, es gibt neben dieser Sebastopol Open Government Data-Definition noch ein weiteres Dokument, das die insbesondere lizenzrechtlichen Mindestvoraussetzungen für das Label Open erklärt: Die Open Definition.

Als Betreiber einer systemrelevanten Infrastruktur unserer Republik sähen wir gerne die Bahn als Vorreiterin einer innovationsfreundlichen Kultur des Austausches zwischen ihr und ihren Kunden. Wir stehen für Rückfragen jederzeit zur Verfügung,

Jens Best (@jensbest)
Mathias Schindler (@presroi)

 

[update 12. September 2012, 15 Uhr:]

Die Bahn hat auf das twitter-vermittelte-email-blogposting mit einer Email geantwortet, ich gebe diese Antwort aus dokumentarischen Gründen ungekürzt wieder:

Hallo Herr Schindler,

ich habe heute die Rückmeldung unserer Kollegen erhalten, die ich Ihnen –wie angekündigt- weiterleite. Hier nun die Rückmeldung des Fachbereichs:

Wir haben das Projekt „openPlanB“ noch nicht abschließend bewertet. Dazu ein paar grundsätzliche Bemerkungen. Reine Rohdaten (Open Data) helfen eigentlich nicht wirklich weiter, da ja ohne den entsprechenden Algorithmus damit wenig angefangen werden kann. Dass wir Crowd-Sourcing (also die vielen freien Ideen) zwar nicht offiziell unterstützen, aber üblicherweise tolerieren, zeigen ja die zahlreichen Apps und Anwendungen, die es zu bahn.de gibt. Diese parsen die entsprechenden Daten auf bahn.de aus. Für uns stellt sich die Frage, welchen Mehrwert „openPlanB“ bietet. 

Die Deutsche Bahn (DB) investiert einen hohen Aufwand in die Pflege und die Aufbereitung der Fahrplandaten, um daraus für die Kunden optimale Fahrplanauskünfte für den jeweilig konkreten Reiseanlass anbieten zu können. Entsprechende Anwendungen wie die Fahrplanauskunft auf bahn.de oder den DB Navigator entwickeln wir ständig weiter und sind dabei für Anregungen von Kunden und Dritten offen. Bahn.de arbeitet seit einigen Jahren auch mit einer großen Anzahl an Partnern in verschiedenen Kooperationsformen (Schnittstellen, Widgets, etc.) zusammen, auch hier evaluieren wir regelmäßig weitere neue Modelle. Hierbei ist für die DB die Qualitätssicherung der Auskünfte für ihre Kunden immer von besonderer Bedeutung. 

Lieber Herr Schindler, da dieses Thema auch für uns und unsere Kunden interessant ist, werde ich die Information auch als Service-Notiz auf www.bahn.de/dbbahn einstellen.

Viele Grüße vom Twitter-Team und mir, /to

Ihr Twitter-Team (http://twitter.com/DB_Bahn)

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Föderalismus ist, wenn es sechzehnmal mehr Gelegenheiten gibt, etwas richtig zu machen

Die Larmoyanz unter deutschen Netzaktivisten ist derzeit unüberhörbar. Nichts gehe so richtig voran, weil im Bund eine Koalition regiert, die sich aufgrund geteilter Verantwortlichkeiten und ordnungspolitischer Differenzen gegenseitig blockiere. Und wenn etwas passiere, dann seien dies grundsätzlich Schritte in die falsche Richtung. Die Aufreger des Sommers waren das ungeliebte Leistungsschutzrecht für Presseverleger, der anhaltende Streit um die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung sowie das handstreichartig beschlossene Meldegesetz, das die kommerzielle Verwendung personenbezogener Daten erleichtert. Wer jammern will, der wird es nicht schwer haben, dieses Jammern zu begründen.

Wer „mit der Gesamtsituation unzufrieden“ ist, neigt aber mitunter dazu, die vielen kleinen und etwas größeren Fortschritte zu übersehen, die quer durch die Republik stattfinden und durch ihre Wirkung und Vorbildfunktion über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus mithelfen, Zugang und Verbreitung von Daten, Informationen und Wissen zu befördern. Wir stellen drei unterschiedlich fortgeschrittene Projekte aus drei Bundesländern vor:

  • Die schwarz-rot, bzw. rot geführten Bundesländer Berlin und Hamburg bemühen sich gemeinsam über eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Telemediengesetzes mit dem Ziel, den rechtssicheren Betrieb von WLAN-Hotspots, z.B. für Cafébetreiber zu ermöglichen. Es finden bereits Diskussionen darüber statt, ob der gewählte Weg ausreichend ist, dieses – einhellig begrüßte – Ziel zu erreichen.
  • Die neu-, bzw. wiedergewählte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen arbeitet auf der Grundlage eines Koalitionsvertrages, der sich mehrfach positiv zu Open Data und Open Government ausspricht. Die Fraktionen von SPD und Grünen in NRW haben nun in einem Entschließungsantrag (Drucksache 16/811 vom 4. September 2012) erste etwas konkretere Vorschläge gemacht, wie der Weg zu einer offenen Form des Regierungshandels beschritten werden soll.
  • Wie mächtig die landespolitische Initiative sein kann, zeigt der Erfolg von Hamburger Bürgern und Vereinen, sich auf dem Wege der Volksgesetzgebung für ein Transparenzgesetz stark zu machen. Diese Initiative wurde vom Parlament übernommen und mit den Stimmen aller Fraktionen entstand nun das HmbTG, des Hamburgischen Transparenzgesetzes (Inkraftreten ist am 6. Oktober 2012 mit einer zweijährigen Übergangsphase). Das Transparenzgesetz ist der bisher weitreichendste Hebel, Vorgänge in der öffentlichen Verwaltung und Daseinsvorsorge öffentlich zu machen und kann als Blaupause für andere Bundesländer oder die Bundesebene gelten. Wikimedia Deutschland ist darum auch stolzer Gastgeber für das erste Vernetzungstreffen der Berliner Zivilgesellschaft für die Arbeit an einem Transparenzgesetz für die Hauptstadt.

Diese Liste ist selbstverständlich unvollständig. Wir, der Bereich Politik und Gesellschaft, freuen uns über alle sachdienlichen Hinweise auf laufende Gesetzgebungsverfahren und andere Initiativen in den Bundesländern, die Möglichkeiten zur Partizipation, Erstellung und Verbreitung von Inhalten zu mehren. Schreibt uns bitte oder kommentiert.

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Home Alone? Wie man verwaiste Werke besser behandeln könnte

Das Thema “Verwaiste Werke” spielt im Kontext der Urheberrechtsdebatte eine, nun ja, etwas stiefmütterliche Rolle. Die große Öffentlichkeit nimmt von den praktischen Probleme für Archivare und Mitarbeiter anderer Gedächtnisinstitutionen, die Rechtelage der von ihnen vorgehaltenen Dokumente, Fotos oder audiovisuellen Werke zu klären, kaum Notiz. Auch die Konsequenz daraus, dass weite Teile des kulturellen Erbes ungenutzt bleiben, wird selten zum Thema oder gar skandalisiert. Dennoch, und das ist zu loben, gibt es einen weitgehenden politischen Konsens darüber, dass eine neue Schrankenbestimmung im Urheberrecht den Umgang mit verwaisten Werken klären und vereinfachen soll. Wie freilich der beste Weg der gesetzlichen Ausgestaltung sein könnte, diese Debatte steht nun auf der Tagesordnung.

Am heutigen Tag hat Wikimedia Deutschland eine Stellungnahme an das Bundesjustizministerium gesandt, die wir Euch in diesem Blogposting kurz vorstellen wollen. Da an dieser Stelle bereits mehrfach über das Problemfeld der verwaisten Werke berichtet wurde, mag der kurze Verweis auf die Vorgeschichte hier und hier genügen.

Vor einigen Monaten entstand auf Europäischer Ebene ein neuer Vorschlag für eine zukünftige “Richtlinie über die zulässige Nutzung verwaister Werke”. Dieser Vorschlag baut auf einem Entwurf der Kommission auf, zu dem wir am 10. August 2011 schon einmal vom Bundesjustizministerium (BMJ) zur Stellungnahme aufgerufen wurden und uns dazu positioniert haben. Im Juli 2012 schickte das BMJ an seinen Verteiler der am Urheberrecht interessierten Kreise eine Aufforderung zur Stellungnahme über vier konkrete Fragen zur Umsetzung einer solchen Richtlinie in nationales Recht. Die vollständige Antwort von Wikimedia Deutschland haben wir online gestellt. Sie besteht aus drei Teilen:

  1. Den Vorschlag an das BMJ, künftig genau wie bei Einholungen von Stellungnahmen durch die Europäische Kommission die eingegangenen Stellungnahmen zeitnah, vollständig und online zu veröffentlichen, sofern nicht eine klare Bitte seitens der Antwortenden enthalten ist, dies nicht zu tun;
  2. Die Antworten auf die vier konkret gestellten Fragen;
  3. Ergänzende Anmerkungen zum Richtlinienentwurf insgesamt, über den wir derzeit eher unglücklich sind.
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Bericht von der Commons-Sommerschule 2012

Für die Teilnahme an der Commons-Sommerschule 2012 hatten wir Julia Gechter ein Reisestipendium zur Verfügung gestellt. Julia hat die Sommerschule filmisch begleitet und wird diese Videodokumentation unter CC-BY-SA bereit stellen. Ihr Bericht von der Sommerschule:

Mit dem Filmequipment in der Hand komme ich abends in dem 164-Einwohner-Dorf Bechstedt in Thüringen an und öffne die große Holztür zur alten Scheune. Vor mir erstreckt sich eine lange Tafel, in Kerzenlicht getaucht und nahtlos umsäumt von Menschen zwischen 16 und 60, die sich neugierig und konzentriert beim Abendessen austauschen.

Die Teilnehmer der Commons-Sommerschule sind mit den unterschiedlichsten Projekten hierher gekommen: eine Garten-Coop und ein Wohnprojekt aus Freiburg, eine Food-Coop in Potsdam, ein online Nähforum und „Freifunk“ – um nur ein paar zu nennen. Manche suchen Themen für ihre Abschlussarbeit, andere wollen neue Initiativen gründen, wieder andere das bereits Gegründete kritisch beleuchten oder ihren Erfahrungsschatz austauschen. Für manche steht die theoretische Auseinandersetzung mit „Commons“ im Vordergrund, für andere deren tagtägliche Praxis. So unterschiedlich Teilnehmer und Projekte auch sind, alle sind verbunden in dem Wunsch, eine nachhaltige, soziale, verantwortungsvolle und gleichzeitig selbstbestimmte Lebensform zu ermöglichen.

Da „Commons“ ein sehr vielfältig eingesetzter Begriff ist, nehmen wir uns immer wieder Zeit, ihn zu definieren und im Zusammenhang mit anderen Begriffen zu verstehen. Commons definiert nicht mehr nur das, was wir unter „Allmende“ bzw. „Gemeingut“ verstehen. Es beschreibt kein Gut an sich, sondern eine soziale Praxis, wie wir mit Gütern umgehen. Und diese folgt den Grundprinzipien: Selbstorganisation und Transparenz, Konsens- vor Mehrheitsprinzip, Freies Nutzen und Teilen von Wissen, keine Übernutzung aber auch keine Unternutzung von Ressourcen (z.B. die Unternutzung von von Wissen durch strenge Lizenzen). „Commons“ nicht nur als Gemeingut sondern auch als eine Methode zu verstehen, macht es möglich, es auf jegliche „Nutzergruppe“ einer Ressource, es also auf alle möglichen Dinge und Lebensbereiche anzuwenden. Es eröffnet die Diskussion, was ein Gemeingut ist bzw. sein sollte – denn im Grunde kann alles Gemeingut sein, wenn wir es einer sozialen Praxis diesen Prinzipien folgend dazu machen.

Ganz nach diesen Prinzipien gestaltet sich dann auch der Ablauf der Sommerschule selbst. Es gibt Vorträge von unseren „Experten“ (u.a. Silke Helfrich, Brigitte Kratzwald, Stefan Meretz und Heike Löschmann), die auf Eigeninitiative oder auf Nachfrage der Teilnehmer stattfinden. Unter anderem werden hier die Verhältnisse von Commons zum Kapitalismus, zum Geld, zum Markt, zum Staat beleuchtet und besprochen. Es werden Lesezirkel gebildet und das neu erworbene Wissen geteilt, diskutiert und auf die eigenen Projekte bezogen (Vorträge und Texte finden sich auf der Website der Sommerschule). Wie sich die Gruppen zusammenstellen, was thematisiert wird – und wie –, entscheidet jeweils die Gruppe selbst. Es ist hoch spannend zu beobachten, wie das von statten geht. Nur wenn es Konsens gibt, kann die Gruppe mit einer Diskussion wirklich fortschreiten. Das bedarf einerseits einer großen Offenheit und Aufmerksamkeit sowohl den eigenen Bedürfnissen als auch denen der anderen gegenüber, und andererseits einer ordentlichen Portion Geduld. Im Wesentlichen, das wird schnell klar, kommt es bei der „Commons-Praxis“ auf erfolgreiche Kommunikation an. Das hört sich banal und sehr allgemein an, ist aber nicht zu unterschätzen! Also gibt es auch einen Vortrag über verschiedene Methoden des Dialogs.

Von meiner Seite, die der Filmemacherin, ist der Dreh eine wahre Herausforderung. Es ist praktisch unmöglich als Ein-Frau-Team die angeregten Gespräche von über 20 Menschen mitzuschneiden. Dazu scheint das Tagesprogramm jederzeit offen zur Diskussion zu stehen und kann/darf eine Wende nehmen – das ist kein Mangel sondern teil der Kernidee, denn zur wahren Selbstorganisation gehört die stetige Reflektion und Möglichkeit des Wandels dazu.

Am letzten Tag bin ich erschöpft aber vor allem auch verblüfft über die handfesten Resultate. Neben dem Erlernen einer „Sprache“, in der man den Inhalt der Commons besser ausdrücken und selbstbewusst über sie sprechen kann, wurden ganz konkrete Ziele umgesetzt – Elenor Ostroms acht „Designprinzipien“ für die Commons in einem intensiven Prozess neu formuliert bzw. aus dem Englischen neu übersetzt, mit der Überarbeitung des Commonsartikels auf Wikipedia begonnen, Lernnetzwerke konzipiert, mögliche Multiplikatoren und Kooperationspartner für Foren gesammelt u.v.m.. Und ohne Zweifel kann man sagen: Die Commons-Sommerschule war ein recht perfekt gelebtes „Commons“.

UPDATE: Und hier ist nun auch der Film zur Sommerschule, den Julia produziert hat.

Commons Sommerschule from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

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Paralympics – Keine Fotos für Wikipedia

Wikipedia, das ist mehr als die derzeit allein 1,4 Millionen Artikel in deutscher Sprache. Wikipedia ist ein Projekt von ehrenamtlichen Helfern. In ihrer Freizeit schreiben, bebildern, korrigieren und verbessern sie die freie Enzyklopädie. Bei ihrem Engagement ist gerade den Fotografen für Wikipedia kein Weg zu weit. Erst im Juni reiste eine Gruppe von Ihnen zur Einkleidung der deutschen Olympiamannschaft nach Mainz. Dabei machten Sie hunderte von Fotos, die in der Wikipedia und darüber hinaus frei genutzt und weiterverwendet werden können. Die Initiative sollte nun bei der Einkleidung der paralympischen Athleten an diesem Wochenende (3.-5. August 2012) eine Fortsetzung finden. Doch die Ehrenamtlichen dürfen nicht fotografieren. Und das ist bitter. Und es kam so:

Die Verwertungsrechte für Bilder der Athleten sind vom Deutschen Behindertensportverband exklusiv an die Fotoagentur Picture Alliance vergeben worden. Die Hintergründe kennen wir nicht, aber es gibt da leider keinen Platz für das ehrenamtliche Fotoprojekt. Wie gut so eines funktionieren kann, hat der Termin bei der Einkleidung der Olympiamannschaft im Juni gezeigt.

Mit den Fotos der Paralympioniken hätten entsprechende Artikel in der Wikipedia bebildert werden können. Da die Dateien dafür im freien Medienarchiv Wikimedia Commons hochgeladen und zum Einbinden zur Verfügung gestanden hätten, hätte sie zusätzlich jeder Interessierte auch außerhalb von Wikipedia nutzen können. Genau das ist das Besondere an Inhalten der Wikimedia-Projekte: Sie stehen Jedem frei zur Verfügung – unter Einhaltung der entsprechenden Lizenz, versteht sich.

Fehlende Artikel, davon hat die deutsche Mannschaft für die Paralympics reichlich in der Wikipedia. Hier gibt es wirklich, was überall sonst ein Widerspruch ist: Viel von nichts. In der Liste der 150 Sportler sind die Namen rot gefärbt, über die Millionen Leser der deutschsprachigen Wikipedia nichts lesen können. Noch nicht. Das ist der Punkt an der freien Enzyklopädie: Sie ist nie fertig. Fotos aller Athleten wären ein riesiger Fortschritt gewesen, um die Paralympischen Spiele auch enzyklopädisch aus dem Schattendasein zu bringen. Denn das passiert, gerade bei diesen Spielen in London. 1996 in Atlanta mussten die Sportler noch antreten, während um sie herum bereits Tribünen und Gebäude abgebaut wurden. In diesem Jahr wurden die Olympischen und die Paralympischen Spiele zum ersten Mal gleichzeitig und gemeinsam geplant. Noch fehlt die große Öffentlichkeit für die Sportler, die wie alle anderen Olympioniken auf die Spiele hinarbeiten, auch wenn sie nicht annähernd über deren Trainingsmöglichkeiten oder finanzielle Unterstützung verfügen. Die Wikipedia-Fotografen wollten einen Beitrag leisten, das zu ändern. Dass sie das nicht können, ist bedauerlich für alle Beteiligten.

Update

Es gibt mittlerweile eine Initiative, einen offenen Brief an den Präsidenten des Deutscher Behindertensportverbands, Friedhelm Julius Beucher (dessen Wikipedia-Artikel übrigens leider auch noch ohne Bild ist) zu schreiben. Wer sich daran beteiligen möchte, der klickt einfach hier und fügt seinen Namen am Ende des Briefes hinzu.

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