Auf dem 34. Chaos Communication Congress in Leipzig beteiligte sich auch Wikimedia Deutschland an einer Assembly mit einem kleinen selbstorganisierten Programm von Workshops und Vorträgen zu Themen wie Wikidata und SPARQL.

Am letzten Tag organisierten wir eine kleine Diskussionsrunde mit der bewusst provokativen Frage nach dem (gefühlten?) Rückgang von Benutzendenbeiträgen beim Freien Wissen oder einfach gesagt: Was wurde eigentlich aus dem Wikipedia-Account, den du 2007 hattest? Warum schreibst du nichts mehr auf dein Blog?

Beiträge aus der Diskussion haben wir notiert und möchten sie hier zusammenfassen.

Immer wieder wurde Facebook als der Ort genannt, wohin die Aufmerksamkeit und Produktivität abfließt. Kommerzielle Webseiten seien gut darin, Aufmerksamkeit zu binden. Möglicherweise hat ein kultureller Wandel hin zu (Bewegt-)Bildern und weg vom Text im Web stattgefunden, was sich auf die Produktion von Texten für Wikipedia oder auch das eigene Blog auswirkt.  Facebook sei auch der Ort, wo die selbst gemachten Fotos am Ende landen, anstatt sie unter freien Lizenzen auf Wikimedia Commons oder auch Flickr zu veröffentlichen.

Ein Diskussionsteilnehmer aus Taiwan merkte an, dass auf Facebook dort auch Politikerinnen und Politiker oder allgemein Influencer zu finden seien. Das mache die Beteiligung alternativlos, wenn man zum Diskurs beitragen möchte. Dazu käme die Möglichkeit, direkt Feedback zu bekommen — auf Facebook gäbe es Likes und Kommentare, bei Wikipedia manchmal gar keine Reaktion oder Inhalte würden entfernt. Einstiegshürden beschäftigten die Runde ebenfalls — selbst bei großer Motivation fiel es einem Teilnehmer schwer zu erkennen, was genau er beitragen kann und ob seine Beiträge wertvoll sind.

Technologische Gründe wurden auch angeführt: Seitdem sich der Internetzugriff auf das Smartphone verlagert hat, sei es weniger attraktiv, Texte beizutragen — die winzige On-Screen-Tastatur sei viel weniger praktisch bei der Eingabe von Texten als eine richtige Tastatur auf einem ausgewachsenen Computer. Ein Teilnehmer gab einen praktischen Grund für den Rückgang seiner Beiträge zu OpenStreetMap an: Seitdem die Abdeckung in Deutschland nahezu komplett ist, blieben nur noch Änderungen wie Ladenöffnungszeiten von Geschäften übrig.

Die Tatsache, dass Benutzendenbeiträge im Web eine eindeutige Adresse haben (einen Uniform Resource Locator, URL) verschwimmt immer mehr; zwar haben auch Facebookbeiträge einen Link, aber dieser ist kompliziert zu finden und wird selten geteilt — es verschwimmt alles im Strom der Nachrichten. „Facebook killed the Hyperlink“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt. Vielleicht brauche es eine Kampagne, um eindeutige Webadressen für Inhalte neu zu beleben.

Technische und gesellschaftliche Aspekte scheinen beide eine Rolle dabei zu spielen, warum weniger selbst produziertes Wissen im offenen und freien Web landet. Die Lösung für dieses Problem konnte in der einstündigen Diskussion nicht gefunden werden — was auch nicht zu erwarten war — aber etliche interessante Aspekte konnten gesammelt werden. Eine Fortsetzung oder Wiederholung dieser Diskussionsrunde mit einem anderen Publikum ist auf jeden Fall wünschenswert, um noch mehr Sichtweisen zu sammeln.