Dach des Glashofs des Jüdischen Museums in Berlin, Autor: Kemmi.1, CC-BY-SA 3.0

Kultureinrichtungen sind derzeit nicht zu beneiden. Neben das Kerngeschäft – die Bestandspflege des kulturellen Erbes – tritt die Herausforderung, schnellstmöglich den Anschluss an veränderte Rezeptionsgewohnheiten und Nutzerbedürfnisse im digitalen Zeitalter zu finden. Zentrale Fragen, die im Wikimedia-Kontext oft schon nicht mehr gestellt werden, treiben sie deshalb verstärkt um: Wie schaffen wir möglichst niedrigschwellige Zugänge? Heißt “freier Zugang” automatisch auch “kostenloser Zugang”? Wie gestalten wir den Austausch zwischen Experten und Ehrenamtlichen, die das Interesse an Vermittlungsarbeit eint? Es geht also, mit anderen Worten, um das Selbstverständnis von Gedächtnisinstitutionen.

Dabei hat das Open-Access-Paradigma auch dort längst Einzug gehalten. Den meisten Beteiligten ist die legitimatorische Kraft des Rufs nach Öffnung durchaus bewusst: Das in den Kultureinrichtungen geschaffene Wissen ist vielfach bereits mit Steuermitteln finanziert worden. Eine Öffnung der Inhalte folgt jedoch nicht dem Gebot einer vermeintlichen “Kostenloskultur”, sondern ist geradezu die Basis für die gemeinschaftliche Aneignung und das Fortleben des kulturellen Erbes. Diese Einsicht mag zwar vielerorts schon Konsens sein, aber die Umsetzung hakt gewaltig, weil oft genug die Ressourcen nicht ausreichen, um Digitalisierungsprojekte zu stemmen oder neue Wege z.B. in der Lizenzierung von Bildmaterial einzuleiten.

Häufig unterscheiden Museen und Archive, ob Bestände für wissenschaftliche bzw. private Zwecke genutzt werden oder ob eine kommerzielle Verwertung angestrebt wird. Doch wo beginnt eine „kommerzielle Nutzung“? Welche Businessmodelle wurden und werden mit der Nutzung des kulturellen Erbes verbunden? Warum genügt eine Lizenz, die nur nicht-kommerzielle Nutzung zulässt, für eine Aufnahme von Inhalten in die Wikipedia nicht? Wie ist das Einstellen von „privaten“ Fotos in soziale Netzwerke zu beurteilen? Wie verträgt sich die Einschränkung auf nicht-kommerzielle Nutzung überhaupt mit dem Grundsatz des offenen Wissens?

Diese und andere Fragen wird am kommenden Montag und Dienstag die internationale Konferenz „Zugang gestalten! – Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ im Glashof des Jüdischen Museums Berlin behandeln. Zwei Tage lang werden Fachleute aus Kultur, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik aktuelle Fragen des Zugangs zum kulturellen Erbe im Informationszeitalter erörtern. Rund 250 Teilnehmer haben sich bereits zu der Konferenz angemeldet.

Wikimedia Deutschland ist Mitveranstalter, u.a. werden Vorstand Pavel Richter sowie die beiden aktuellen Wikipedians-in-Residence Marcus Cyron (Deutsches Archäologisches Institut) und Lennart Guldbrandsson (Schwedische Nationalbehörde für Kulturelles Erbe) Inputs liefern. Zur bunten Partnerphalanx gesellen sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Internet & Gesellschaft Collaboratory, das iRightsLab sowie die Open Knowledge Foundation.

Das gegenwärtige Dilemma für die Institutionen kann man vielleicht so beschreiben: Einerseits wird von ihnen gefordert, ihre Arbeit auch durch die Verwertung der von ihnen verwahrten Kulturgüter zu finanzieren. Auf der anderen Seite erwartet man, dass sie ihrem Bildungsauftrag nachkommen und einen möglichst unbeschränkten Zugang gewähren. Dazu treten rechtliche Unsicherheiten, wie etwa die Behandlung verwaister Werke. Konferenzleiter Paul Klimpel dazu: “Im Alltag von Museen, Archiven und anderen Gedächtnisinstitutionen wird häufig bereits auf die Nutzung von Werken verzichtet, wenn die Recherche der Rechteinhaber zwar möglich wäre, aber befürchtet wird, dies sei mit größerem Aufwand verbunden.”

Die zweitägige Konferenz versteht sich als Follow-up einer Veranstaltung, bei der Wikimedia Deutschland ebenfalls beteiligt war. Im Rahmen von „Ins Netz gegangen“ kamen im November 2011 Vertreter vieler deutschsprachiger Kultureinrichtungen in der Kinemathek zusammen und warfen ein Licht auf die Möglichkeiten, mit Hilfe des Internets kulturelles Erbe sicht- und verfügbar zu machen. Auf Youtube und der Konferenzwebseite sind die Videoaufzeichnungen dieser Konferenz immer noch abrufbar.

Alle Interessierten an der Konferenz “Zugang gestalten!” sind herzlich willkommen und können sich in einem dafür bereitgestellten Formular registrieren. Update: Alternativ dazu ist der Live-Stream auf der Veranstaltungswebsite bzw. hier abrufbar.]