Archiv für die ‘Wikimania’ Kategorie



​Im Land des lächelnden Regierungshandelns

Beth Noveck by Joi Ito, CC-BY 2.0

Wenn man eine Reise tut, verbinden sich mit dem Zielort häufig Bilder im Kopf, die dann nur allzu gerne bestätigt werden. Wer an Washington D.C. denkt, assoziiert damit vermutlich die klassizistische Architektur des Capitols und die reißbrettartigen Straßenverläufe, die dem funktionalen Zusammenhang einer Hauptstadt gehorchen. Schließlich muss hier die geölte Maschinerie des Regierungshandelns mit den zeremoniellen Anforderungen einer präsidentiellen Demokratie versöhnt werden. Und tatsächlich meint man, in jedem Schlipsträger sofort einen hohen Regierungsbeamten oder zumindest einen slicken Lobbyisten zu erkennen. Wer sich – wie einige mir bekannte Wikipedianer – im narrativen Strudel der ultimativen Polit-Serie „The West Wing“ verirrt hat, wird jetzt wohl schmunzeln.

Im Stadtteil „Foggy Bottom“, wo auch das von Hillary Clinton geführte U.S. Department of State seinen Sitz hat, geht es indes legerer zu als erwartet. Khakihosenträger und Jogger säumen die Straßen rings um die George Washington University, die die diesjährige Wikimania beherbergt.  Und bereits in der Opening Session des Tracks Tech@State, der unter der Ägide des Außenministeriums entstand, wird deutlich, warum Washington D.C. eben nicht nur ein architektonische Symbol für staatliche (Selbst-)Repräsentation, sondern eben auch ein politisches Ideenlabor allererster Güte ist.

Beth Simone Noveck, die im Weißen Haus die Stabschefin für Technologie war, spricht über die Open Government Initiative, die sie von 2009-2011 für die Obama-Administration ins Leben gerufen hat. Und Noveck spricht dabei über die Freigabe staatlicher Daten in einer Weise, wie man sie in Good Ol‘ Europe nur allzu häufig vermisst: enthusiastisch. Die Autorin des Buchs „WikiGovernment: How Technology Can Make Government Better, Democracy Stronger  and Citizens More Powerful“ (2009) glaubt nämlich fest an die Erneuerungskraft “smarter” Instiutionen – mithilfe der Leidenschaft und fachlichen Expertise von interessierten Bürgern.

In ihrem Konzept eines „hybriden Wiki“ denkt sie die Freigabe von Verwaltungsdaten und die Partizipationsmöglichkeiten von User Generated Content zusammen. Dabei macht sie nicht bei der aktiven Weiterverarbeitung z.B. von Geodaten Halt, sondern denkt diese Struktur als Grundlage für ein „crowd sourcing of the drafting of politics“. Nicht auszudenken, ein deutscher Staatssekretär würde eine solche Beta-Version von kollaborativer Gesetzesgebung an die Wand malen. Wie erst kürzlich im Open-Data-Papier von Wikimedia Deutschland beschrieben, ist man über zögerliche Mitwirkungsmöglichkeiten wie z.B. virtuellen Sachverständigen in der stärker beamtengeprägten Bundesrepublik noch nicht hinausgekommen.

Bei der sich anschließenden Townhall-Debatte regt sich leiser Widerstand. Wo blieben denn in einem System des „nicht-gewählten Flashmobs“ die notwendigen Checks & Balance, die das natürliche Machtmobile des US-amerikanischen Systems bilden? Noveck muss grinsen. Natürlich kennt sie die Vorbehalte auch ihrer Landsleute: „Government“ ist praktisch ein Schimpfwort, „Demokratie“ steht mindestens unter Generalverdacht. „Wir brauchen ein neues Vokabular“, fordert sie lächelnd. Und neue Bilder im Kopf.

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„Nothing about us without us“ – Mary Gardiners Keynote auf der Wikimania

Mary Gardiner Bildautor: Mary and Andrew @Flickr unter CC-BY-SA 2.0

Gleich am ersten Tag der Wikimania 2012 bekommt ein wichtiges Thema prominenten Raum: “Fostering diversity: not a boring chore, a critical opportunity” lautete die diesjährige Keynote, gehalten von Mary Gardiner. Mary ist die Mitbegründerin der Ada Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen in Open Technology zu unterstützen. Die Initiative wurde nach Ada Lovelace benannt und ehrt damit die erste Programmiererin der Welt. Mary gehört außerdem zum Organisatoren-Team des AdaCamps, welches vor der Wikimania in Washington D.C. stattfand und auf denen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zum Wirken von Frauen in Open Culture austauschten. Weit über 250 Sprachversionen zeigen die Vielfalt der Wikipedia auf. In ihrer Keynote wies Mary aber auch auf jene Bereiche hin, die nach mehr Diversität verlangen.

Die Zahl der weiblichen Autorinnen in Wikipedia liegt bei unter 10 Prozent, wenig Vielfalt also unter der Autorenschaft, zumindest was den weiblichen Beitrag angeht. Dass nicht über jene Köpfe hinweg gesprochen und entschieden werden sollte, um die es sich handelt, stellte Mary insbesondere heraus. Auf die kurze Formel gebracht: „Nothing about us without us“. So müssen Fehler identifiziert werden, gleichzeitig aber auch Fragen gestellt und auf die Antworten gehört werden. Mit dem Ziel: Das mehr Vielfalt allen zu Gute kommt, insbesondere dem Projekt Wikipedia.

 

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Hallo Washington!

So, die Wikimania hat begonnen. Die große Eröffnungsveranstaltung ist vorbei, und gerade laufen die ersten Session des regulären Programms. Alle Anwesenden sind sehr hilfreich, und wie immer verbreiten die Teilneher die gute Laune einer Schullandheimfahrt.

Ein paar erste Eindrücke aus Washington und von der Wikimania:

* Washington ist nicht ganz so heiß und schwül wie befürchtet.

* Anscheinend haben alle Teilnehmer aus Deutschland die Einreiseprozedur gut überstanden.

*Die Organisation wirkt bisher gut und professionell, auch wenn es erste Kaffee-Engpässe gibt. Dafür funktioniert das Wlan meistens.

* Der Wikimedia-Deutschland-Stand ist im großen Pausen/Essens/Aufenthaltsraum; etwas arg in die Ecke gedrängt, aber soweit ich hier von schräg gegenüber aus sehen kann, ist der Stand durchaus besucht.

* Die gestrige Reception war eine eindrucksvolle Veranstaltung. Die Räume in der Library of Congress sind schon sehr beeindruckend, ein Haufen Wikipedianer in Hemden, Anzügen und Abendkleidern ein einmaliges Erlebnis. Viele Wikipedianer auf einmal können richtig gut aussehen.

* Die Jimmy-Wales-Rede ist halt die Jimmy-Wales-Rede. Aber Jimbo hatte einen eher guten Tag.

* Die Keynote von Mary Gardiner war inhaltlich sehr spannend, wenn auch etwas unter der Vortragstechnik leidend. Ich hoffe sehr, dass eine schriftiche Fassung existiert.

* Ja, liebe Deutsche, in Washington trifft man Radfahrer und der öffentliche Nahverkehr existiert. Nur ist mir noch unklar, warum die Washingtoner die U-Bahnhöfe im Dämmerlicht halten.

* Als Speaker hat man rot/goldene-Bordüren am Namensschild.

* Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht.

 

 

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Wikimania Takes Manhattan – Eine Vorspeise in drei Gängen

Die Wikimania ist das jährliche Treffen von engagierten Helfern aus den Wikimedia-Projekten. Vom 12.-14. Juli findet die diesjährige Wikimania in Washington, D.C. statt. Am Wochenende vor der Konferenz kamen ca. 50 Wikipedianer aus verschiedenen Ländern nach New York City, um am von Wikimedia New York City organisierten Wilkommensprogramm „Wikimania takes Manhattan“ teilzunehmen.

Es berichtet der Wikipedia-Autor mit dem Benutzernamen toblu. Er ist einer von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt.

 

Wer im Jahre 1912 von Europa nach Amerika reiste, konnte sicher sein, von der Freiheitsstatue im Land der unbegrenzten Möglichkeiten begrüßt zu werden. Wer im Jahre 2012 nach Amerika reist, hat diese Sicherheit nicht. Wer – so wie dieser Tage einige  hundert Wikipedianer – nach Washington möchte, kann die Küste einfach überfliegen und direkt auf dem Washington Dulles International Airport landen.

Dieser Umstand war einigen New Yorker Wikipedianern Grund genug, die Teilnehmer an der diesjährigen Wikimania ein Wochenende vor Konferenzbeginn nach Manhattan einzuladen. Gut 50 Wikimanians folgten dem Aufruf und freuten sich über eine Vorspeise in 3 Gängen.

Wikipedianer erobern Manhattan. Bildautor: toblu unter CC-BY-SA 3.0.

1. Gang: Sightseeing

Der erste Gang dauerte drei Tage. Sightseeing. Uptown – Downtown – Midtown. Entlang eines von den Organisatoren vorgeschlagenen, auf Anregungen der (stetig wechselnden) Teilnehmer aber immer wieder modifizierten Programms, das versuchte Schlaglichter auf einige ausgewählte Orte zu werfen. Darunter: das American Museum of Natural History, das Metropolitan Museum of Art, die Wall Street, China Town, die UN Headquarters und die New York Public Library. Nicht die schnellste, aber eine spannende und definitiv lustige Methode, Manhattan kennenzulernen.

Höhepunkt – wenigstens für mich, der wie die meisten Teilnehmer nur einen Teil des angebotenen Programms wahrnahm: der Besuch einer Off-Broadway-Production mit dem Titel Too much light makes the baby go blind im East Village. Ein exakt 60-minütiger Auftritt bestehend aus 30 verschiedenen, teilweise für den Abend neu geschriebenen Stücken, deren Reihenfolge spontan durch das Publikum vorgegeben wird. Eintrittspreis: $ 11 + „whatever you roll with the dice“. Bonus für uns: 2 Stunden Warten in der ebenso schlecht beleuchteten wie dubiosen KGB Bar.

2. Gang: Wiknick

Wiknick auf Gouvernor’s Island. Bildautor: toblu unter CC-BY-SA 3.0.

Der zweite Gang bestand aus Pizza. Viel Pizza. Und Chips. Und Limo. Ein Wiknickam Samstagvormittag auf Gouvernor’s Island, zugleich die gemeinsame Errichtung eines „Pavillons“ aus Bambusstäben („That’s no building, that’s a situation“) unter dem Motto Wiki’s World Fair. Nach anfänglichen Motivationsschwierigkeiten (bei Temperaturen bis zu 39° Celsius) dann doch relativ lustig und tatsächlich zu einem Austausch über einzelne Projekte führend.

Besonders spannend: Ideen für ein unabhängiges Mobilfunknetzwerk, das durch Übertragung des Signals über verschiedene (tragbare oder fest installierte) Mini-Sender funktioniert und dank Holzschachtel-Prototyp live vorgeführt wurde. Kein Wiki-Projekt, dafür aber wirklich grass roots.

3. Gang: Wikibus

Der dritte Gang schließlich war eine Fahrt. Gemeinsam im (von Wikimedia New York gesponserten und theoretisch mit W-LAN ausgestatteten) Greyhound nach DC. Abschluss eines tollen Events. Zugleich Höhepunkt einer unglaublichen Flut an „Hey, when exactly do we meet? I got like 5 different times already“-E-Mails über (mindestens) zwei verschiedene Mailinglisten. Twitter ist so 2011. Facebook eh.

Nach einer dennoch erfolgreichen Ankunft zunächst in DC, für mich etwa eine Stunde später dann auch im Hostel, bleibt die Erinnerung an eine tolle Initiative und eine genutzte Gelegenheit, schon vor Beginn der Wikimania nicht nur Manhattan, sondern auch viele Teilnehmer (wenigstens ein bisschen) kennengelernt zu haben.

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Zahlen und Bilder! – Die Wikimania 2012 in Washington, D.C.

Wikimania Haifa, Gruppenfoto (Wikimedia Israel, CC-BY 3.0*; via Wikimedia Commons)


 
Das größte Treffen von Enthusiasten aus den Wikimedia-Projekten ist die jährliche Wikimania. Nach der letzten Zwischenstation in Haifa 2011 findet die Wikimania 2012 vom 12.-14. Juli in Washington, D.C. statt. Wikimedia Deutschland wird vor Ort sein, um über Ziele und Arbeit unseres Vereins zu informieren. Details hierzu finden sich in unserer Pressemitteilung zum Thema.

Ein Bild sagt mehr als…

Und so weiter. Die Metapher der sprichwörtlichen tausend Worte macht nicht gerade Werbung für das Lesen von Texten. Zu Unrecht! Definitiv lesenswert und voller Hintergrundinformationen in weit mehr als tausend Worten sind die gesammelten Berichte der Vereinsmitarbeiter zur letzten Wikimania in Haifa. Hier eine Auswahl entsprechender Blogbeiträge, die einen Eindruck vom internationalen Austausch aus Wikimedia Deutschlands Perspektive geben:

Wer dennoch mit einem Bild vorlieb nehmen möchte, dem sei das obige Gruppenfoto empfohlen. Bei weitem nicht alle der rund 700 Teilnehmer der Wikimania Haifa sind auf diesem Bild vertreten. In Washington wird nun sogar mit 1.000 Gästen gerechnet (schon wieder diese Zahl). Die wird wohl kein Kameraobjektiv gleichzeitig fassen können – und noch weniger den Wert geteilter Erfahrungen von so vielen engagierten Wiki(p/m)edianern. Das wird im Mittelpunkt der zahlreichen Veranstaltungen zu Themen wie beispielsweise Autorenvielfalt, technischen Entwicklungen oder Kooperationen mit kulturellen/wissenschaftlichen Institutionen stehen.
 
* Dieses Bild steht unter einer CC-BY-SA 3.0-Lizenz. Das gleiche Motiv aus einer anderen Perspektive ist ebenfalls im freien Medienarchiv Wikimedia Commons zu finden. Diese Version ist annotiert, zeigt also an, wer dort eigentlich alles auf dem Foto zu sehen ist. Für solche Fotos mit Zusatzinformationen gibt es eigene Bildkategorien in Wikimedia Commons. Angucken!
 

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Stipendien für Wikimania 2012

2012 findet die Wikimania in Washington DC statt. Vom 12. bis 14. Juli treffen sich Wikipedianer und interessiertes Publikum aus der ganzen Welt, um Erfahrungen auszutauschen, sich zu vernetzen und neue Ideen rund um die Förderung Freien Wissens zu entwickeln.

Wikimedia Deutschland e.V. unterstützt die Wikimania mit Reisestipendien. Zusätzlich zu den 15 Stipendien, die wir für Teilnehmer mit Wohnsitz in Deutschland aus dem allgemeinen Stipendien-Pool übernehmen, vergibt Wikimedia Deutschland 5 Stipendien in Höhe von je 1500 Euro zur Unterstützung der Teilnahme an der Wikimania. Von diesem Festbetrag sind Flug, Unterkunft und Eintrittskarte zu finanzieren. Natürlich bieten wir Hilfe bei der Buchung an.

Wir möchten euch herzlich dazu einladen, euch bis zum 31. März 2012 UPDATE: 16. April 2012 via dieses Formular bei uns zu bewerben.

Und nun zur Bewerbung: Wir haben uns für 2012 sieben strategische Ziele gesetzt und möchten von dir wissen, wie du mit deiner Aktivität auf der Wikimania 2012 konkret zur Zielerfüllung beitragen kannst. Dabei ist es wichtig, dass deine Idee nachhaltig ist und die Wikimedia-Bewegung auch nach der Wikimania davon profitieren kann.

Darüber hinaus ist es geplant, dass die fünf Stipendiaten für die Community und die Öffentlichkeit zu „Wikimania-Berichterstattern“ werden. Während der Konferenz wird es die Möglichkeit geben, täglich Berichte in Form von Artikeln, Fotos und Videos auf einem von uns eingerichteten Gruppen-Blog zu posten.

Was man noch wissen muss: Stipendiaten verpflichten sich, für die komplette Dauer der Konferenz anwesend zu sein (12.-14.7.2012 inkl. Anreise am 11. und Abreise am 15.7.). Beachtet bitte auch, dass die Wikimania in englischer Sprache stattfindet. Ihr solltet also über ausreichend gute Sprachkenntnisse verfügen. Es lohnt sich auch die Hinweise der Organisatoren zu der Konferenz zu lesen.

Fragen zur Stipendienausschreibung könnt ihr sehr gern an mich (kasia.odrozek@wikimedia.de) richten.

Zu meiner Person: Seit dem 1. März 2012 bin ich Assistentin des Vorstands und unter anderem für die Wikimania-Stipendien zuständig. Außerdem mache ich noch vieles mehr – was genau werde ich euch hier in den nächsten Tagen ausführlicher vorstellen. Ich freue mich mit an Bord zu sein und bin gespannt auf eure Ideen.

Viel Glück für die Bewerbung!

Kasia

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Hacken in Haifa – die Wikimania Developer Days

Wikimania Developers Lounge (by Sarah Stierch, CC BY 2.0)

Die Wikimania ist nun schon ein paar Wochen her. Dennoch möchte ich, frisch aus dem Urlaub, noch einen Rückblick auf die Developer Days geben, die vor der eigentlichen Konferenz am 2. und 3. August statt fanden. Gemäß der Tradition von Wikimania trafen sich vor der Wikimania MediaWiki-Entwickler, Server-Administratoren und andere technisch interessierten Wikimedian für zwei Tage, um sich über die Weiterentwicklung der Software und den Ausbau der Serverlandschaft auszutauschen, auf der Wikipedia und die anderen Wikimedia-Porjekte laufen. In diesem Jahr waren besonders zwei Schwerpunkte auszumachen:

Der erste Schwerpunkt wandte sich an Entwickler, die neu zum MediaWiki-Projekt hinzu gestoßen sind oder sich jetzt verstärkt einbringen möchten. Die Voluntär-Entwickler-Koordinatorin der Wikimedia Foundation, Sumana Harihareswara, hatte dazu zwei Veranstaltungen organisiert: „How to become a MediaWiki hacker“ und „Mediawiki code review“. In ersterer wurde Erklärt, wie man überhaupt zu MediaWiki beitragen kann. In der zweiten wurde dann erläutert, wie die Qualitätssicherung für den Entwicklungsprozess funktioniert.

Der zweite Schwerpunkt war die Benutzeroberfläche von MediaWiki. Aber anders als bei dem Hackathon, den Wikimedia Deutschland im Frühjahr in Berlin veranstaltet hatte, stand diesmal nicht der Editor im Mittelpunkt – statt dessen ging es vor allem um die Leser. Amir Aharoni hatte zu zwei Themenbereichen Referenten eingeladen: zuerst sprachen wir über die verschiedenen Probleme die entstehen, wenn man in Sprachen wie Hebräisch oder Arabisch, die von rechts nach links geschrieben werden, Textteile hat, die im europäischen Stil von links nach rechts geschrieben werden. Auch die Gestaltung der gesamten Oberfläche der Webseite hängt in weiten Teilen davon ab, in welche Richtung der Text fließt. Die Kombination von verschiedenen Schreibrichtungen führt hier häufig zu Problemen.

Spannender fand ich persönlich aber den Erfahrungsbericht von Adi Kushnir, einem blinden Wikipedia-Nutzer, der uns detaillierten Einblick in die Probleme, die blinde und sehbehinderte Menschen im Umgang mit Wikipedia haben. So sind zum Beispiel die ausklappbaren Menüs im Navigationsbereich von MediaWiki-Seiten, die seit einiger Zeit die Seite für die meisten Nutzer übersichtlicher gestalten, für Blinde unzugänglich.

Angeregt durch diese Begegnung nahm ich Kontakt mit Lisa Seeman, einer Expertin für barrierefreihe Webseiten, auf. Großartigerweise entschloss sich Lisa spontan, zur Wikimania zu kommen und mit den Entwicklern der Wikimedia Foundation zu sprechen. Ich glaube, dass diese Verbindung zu wichtigen Verbesserungen der MediaWiki-Software führen kann, die es noch mehr Menschen erlauben, an den Inhalten der Wikimedia-Projekten teilzuhaben.

 

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Haifa Tag 3: Das große Finale

Zum Anfang der Zusammenfassung von Tag 3 erlaube ich mir eine kurzes Rückblick auf den Freitag und meinen eigenen Vortrag „Wikipedia and beyond: Incentivizing engagement“ (Folien). Darin habe ich einige der Projekte (Zedler-Medaille, WissensWert und Wiki loves Monuments) vorgestellt, mit denen wir Menschen zum Mitmachen motivieren möchten und sie bei der Förderung Freien Wissens unterstützen und begleiten. Auch wenn es keine Raketenwissenschaft ist, dass die Motiviation durch Preise und Geld wohl nicht maßgeblich erhöht werden kann: Viele der kleineren Chapter sind sehr an einem Erfahrungsaustausch interessiert und bekamen in Anschluss an den Vortrag die Gelegenheit, eigene Wettbewerbe vorzustellen und mit dem Publikum zu diskutieren.

Article Feedback Tool

Erik Möller hat in seinem Vortrag zum Article Feedback Tool zunächst die wohl den meisten bekannte und von vielen gefürchtete Grafik „Retention vs. active editiors“ gezeigt und deutlich gemacht, wie sehr die Motiviation von (neuen) Autoren, langfristig dabei zu bleiben, mit der Qualität der Inhalte verbunden ist. Da die Hemmschwelle zum Klick auf den Edit-Button für viele Leser zu hoch ist, sucht man andere Wege, um mit diesen in Kontakt zu kommen. Dazu wurde das Article Feedback Tool entwickelt, was zur Zeit in der englischsprachigen Wikipedia getestet wird. Das Tool bittet nicht nur um Bewertung eines Artikels, sondern bietet Lesern erstmalig eine Chance, auf sehr niedrigschwelligem Wege (im Vergleich zur Diskussionsseite) einen Kommentar zu einzelnen Artikeln zu geben.

Was ich sehr beeindruckend fand: Monatlich werden momentan 10 Millionen Bewertungen abgegeben, während die Anzahl der Edits bei „nur“ 3,6 Millionen pro Monat liegt. Schöner Schlusssatz von Erik dazu: RELAX: It’s going to be OK!

Wikipedia for World Heritage

Nach der Mittagspause präsentierte Catrin die Kampagne „Wikipedia for World Heritage„. Etwa die Hälfte der Teilnehmer hatte schon von der Aktion gehört, andere fragten im Anschluss nach den Möglichkeiten, selber aktiv zu werden. Beispiele aus Indien, Hong Kong und Italien zeigen mit liebevollen Aktionen ihre Begeisterung für die Idee. Die Präsentation machte nochmal deutlich, dass es uns nicht nur um die Aktion an sich geht, sondern dass wir die Debatte rund um Freies Wissen suchen und beleben wollen. Großes „Hallo“ gab es aus dem Publikum, als Catrin die Kriterien für das Welterbe zitierte: „The site represents a masterpiece of human creative genius.“

RENDER, CoSyne und Wikidata

Drei Talks, die ich zwar nicht komplett gesehen habe, aber deren Inhalte sich teils überschneiden und die in manchen Punkten voneinander profitieren können.

Angelika Adam und Denny Vrandecic stellten in „Reflecting knowledge diversity“ das RENDER-Projekt vor. Ebenfalls von der EU gefördert ist das CoSyne-Projekt, bei dem es um die automatisierte Synchronisation von Änderungen in verschiedenen Sprachversionen geht. Partner ist unter anderem auch die Deutsche Welle, ein Testballon findet sich auf deren Seite kalenderblatt.de

Viel Applaus erntete auch der Vortrag von Denny Vrandecic und Daniel Kinzler über das neue Wikimedia-Projekt Wikidata. Ich versuche mal, das laienhaft zu beschreiben: Sobald es neue statistische Angaben über die Einwohnerzahl einer Stadt gibt, werden diese Zahlen in jeder Sprachversion des Artikels händisch und nach und nach geändert. Mit Wikidata gibt es einen zentralen Speicherort, auf den alle entsprechenden Artikel in allen Sprachversionen zugreifen und die Zahlen so immer und überall identisch und aktuell sind.

Vieles läuft in den drei Projekten automatisiert, aber einige Schritte können nach wie vor nur von Menschen erledigt werden (Infoboxen im neuen Format, Überpfüfung von Übersetzungen etc.). Hier spielen die vielen Freiwilligen eine großes Rolle, und ein Aspekt zog sich durch die gesamte Konferenz: Definiere genau, wobei du Hilfe brauchst! Je genauer die Freiwilligen auf die Lücken oder nötige Bearbeitung hingewiesen werden, desto höher ist die Aussicht auf Unterstützung.

Abschlussveranstaltung

Wer seinen Abschlusstalk mit diesem Video beginnt, hat das Publikum schon für sich gewonnen (es hat sogar mitgeklatscht!!):

Jimmy Wales hat in seiner Ansprache nochmal Revue passieren lassen, welche Themen aktuell auf den Nägeln brennen. Wikipedia ist mittlerweile so groß, dass es immer schwieriger wird, neue Artikel beizutragen. Die Software ist optimierungsbedürftig und schreckt unerfahrene Nutzer ab, wird aber laufend verbessert. Und es gibt viele, viele Regeln und Prozesse, die neue (und auch einige alte) Nutzer eher vertreiben als halten. Um die Mitarbeit attraktiver zu machen, rief er zu „Simplify, eliminate proceedures, automate“ auf und beendete dann unter großem Applaus seine Rede mit „TO THE BEACH“.

Krönender Abschluss einer der (meiner Meinung nach) am besten organisierten Wikipedia-Konferenzen überhaupt war die Party am Strand, wo bis in die Nacht weitere Pläne für die weltweite Bewegung geschmiedet und ausgelassen getanzt wurde.

Erste Fotos und Videos finden sich auf YouTube und Flickr, die Twittersuche nach #wikimania gibt außerdem die persönlichen Eindrücke der Teilnehmer wieder und Google News listet aktuelle Berichte zum Thema.

Ein ganz herzliches Dankeschön an die Organisatoren für ihr wunderbares Engagement, für tolles Essen, eine eindrucksvolle Location, stabiles W-Lan und das freundliche Drum Herum und die Hilfsbereitschaft bei allen Fragen. Ebenso großer Dank geht an alle 650 Teilnehmer aus 56 Ländern, die erneut für den einmaligen Wikimania-Spirit sorgten!

Übrigens: „Making fun of Wikipedia is so 2007.“ (Zitat aus Sues Opening Talk.)

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Haifa Tag 2: Von Menschen und Motivationen

Es spielt keine Rolle, ob es die erste Wikimania ist, an der man teilnimmt oder (wie bei mir) die Dritte.  Eines bleibt und das ist die mitreißende Stimmung die entsteht, wenn hunderte von Menschen aus der ganzen Welt zusammen kommen. Und nicht nur das, alle bewegt die Leidenschaft für Freies Wissen und insbesondere für Wikipedia. Es ist einzigartig – so wie Wikipedia und die Menschen, die sie machen. Es ist motivierend. Es ist konstruktiv. Es ist lehrreich.

Das Wikimania-Programm in Haifa bietet drei Tage von 9.00 bis 19.00 Uhr Vorträge, Workshops und Diskussionen. Und was noch viel wichtiger ist, persönliche Gespräche in den Pausen.

Ein Highlight zum Wachwerden bot heute früh die Präsentation von Lodewijk Gelauff (Niederlande), der ausgewählte Projekte der Wikimedia Chapter vorstellte. Beispiele von nachahmenswerten Ideen. Die Argentinier beispielsweise haben es geschafft, Zugriff auf Archivmaterial von Radio- und Fernsehsendern zu bekommen, Polen etabliert einen Community-Award und israelische und französische Chapter arbeiten gemeinsam an einem Afrika-Projekt. Es lohnt sich das nachzulesen.

Es bestärkt einen in der eigenen Arbeit zu erfahren, dass auch Wikimedia Spanien sehbehinderten Menschen Zugang zu Wikipedia verschafft, in Indien ältere Menschen als Wikipedia-Autoren gewonnen werden sollen und das Programm ‚Wikipedian in Residence‘ (Wikipedianer, die zeitlich befristet als Volontäre in z.B. Museen arbeiten, um eine Zusammenarbeit zwischen beiden zu erstellen) bereits in England und Frankreich erste Erfolge aufweist.

Unbedingt empfehlenswert ist auch der Film ‚People are Knowledge‘ und die dazugehörige Projekt-Webseite. Ein Research-Programm finanziert von der Wikimedia Foundation, umgesetzt von Indern und Südafrikanern. Der Film zeigt Gespräche mit Menschen, die über nahezu vergessene Traditionen berichten und deren Wissen zu Wikipedia-Artikeln verarbeitet wird. Bücher in diesen Sprachen gibt es kaum. Ein Gewinn nicht nur für die Sprachversionen dieser Länder sondern auch ein großes Potential für europäische Sprachversionen.

Ein sperriger Titel aber eine gute Aktion wurde kurz vor der Mittagspause serviert: ‚Account Creation Improvement Project‘ von Lennart Gulbrandsson (Schweden). Warum legen Leser ein Benutzer-Konto in der Wikipedia an? Antworten wie „Ich weiß nicht, ich hatte Langeweile“ oder „Damit ich mehr Artikel lesen kann“ zeigen einen Teil des Problems. Lennart präsentierte u.a. den ‚User Page Creator‘ – eine Hilfe zur Erstellung der Benutzerseite – kinderleicht! Ich wünschte, dies würde sich schnell (zumindest als Testversion) in der deutschsprachigen Wikipedia finden.

Von einem prall gefüllten Tag möchte ich noch einen Vortrag herausheben. Da auch die Autoren der deutschsprachigen Wikipedia immer auf der Jagd nach Unternehmen sind, die versuchen ihre Artikel zu „verbessern“ und das Thema Manipulation von Wikipedia-Artikeln ständig aktuell ist, bot die Präsentation von Christophe Henner (Frankreich) einen spannenden Ansatz. Verkürzt: Er überzeugte Yamaha zur Darstellung der 50-jährigen Geschichte des Unternehmens ein eigenes Wiki anzulegen. Nach Fertigstellung wurden sämtliche Texte, Bilder, Zeichnungen und Dokumente unter Creative Commons-Lizenz gestellt und Wikipedia-Autoren hatten eine gute Quelle, um den Yamaha-Artikel nach Wikipedia-Regeln zu erstellen. Denkt drüber nach, dies könnte ein neuer Weg sein.

Für heute ist ein spannender Konferenztag zu Ende, aber die Gespräche gehen weiter…bis in die Nacht. Habe ich schon erwähnt, dass es gut ist, sich mitzuteilen? Kommunikation ist Motivation. Wir sollten öfter miteinander reden. Nicht nur in Haifa.

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Der Himmel über Haifa

2005 gehörte ich am Rand zum Organisationsteam, das in Frankfurt sich selbst die Aufgabe erteilt hatte, eine Konferenz von und für Wikipedianer und Wikimedianer zu veranstalten. Wir hatten damals nur eine diffuse Vorstellung, wer kommen würde und welche Themen in welcher Gewichtung vom Publikum angenommen werden würde. Wikimania wurde ein für damalige Verhältnisse großer Erfolg, wir hätten uns aber kaum träumen lassen, was für eine Tradition damit begründet würde.

Die Liste der Veranstaltungsorte Boston, Taipei, Alexandria, Buenos Aires, Gdanzig wird dieses Jahr ergänzt um die israelische Hafenstadt Haifa.

Daheimgebliebene erleben 2011 eine Premiere eigener Art, nämlich die zeitnahe Veröffentlichung von Mitschnitten der größeren Panels. Entsprechende Videos tauchen gerade schon auf. Sie werden aber nur schwer die vielen Kontakte und Gespräche und ad-hoc Hackingsessions nachvollziehen können, die außerhalb des Konferenzprogramms in den Fluren oder bei der grandiosen Versorgung mit Essen und Trinken stattfinden. Sie machen den Geist von Wikimania aus.

Wikimania hat einen offiziellen Starttermin (in diesem Fall der 4. August), allerdings muss man sich das nur als den ersten Höhepunkt in einer Kette von Aktivitäten vorstellen. Zum Vorprogramm der Wikimania zählen inzwischen obligatorisch die Entwicklerkonferenz und Besprechungen für die Chapter von Wikimedia.

Vorteil dieser Entzerrung ist, dass nicht erst um 8:30 am Tag der Eröffnung 600 (neuer Rekord!) Besucher die Anmeldung belagern, sondern die meisten schon an den Vortagen Ausweise, Informationsmaterial (über Wikimania, Haifa und den derzeit noch einzigen demokratischen Staat des Nahen Ostens) und eine schicke kleine Konferenztasche erhalten.

Ich bremse mich bei dem Versuch, das Tagungsprogramm des 4. August nachzuerzählen, zur Eröffnung nur eines: Die glückliche Hand bei der Auswahl von Prof. Yochai Benkler möge bitte auch in Zukunft Programmkommiteearbeit erledigen.

Wer ein Gefühl für die Wikimania, so, wie sie gerade passiert bekommen möchte, ist eingeladen, morgen (bitte die eine Stunde Zeitunterschied beachten) auf dem twitter-hashtag #wikimania zu surfen.

Ohne Abschluss und Vollständigkeit eine Sammlung von Fragmenten und Eindrücken aus dem Land mit einem der aktivsten Wikimedia-Chapter (relativ und absolut):

  • Wie Southpark richtig schreibt, zur vollen Dosis Israel gehört die Anreise mit El Al, der israelischen Fluggesellschaft. Der Rundumservice beginnt schon am Boden vor dem Start mit einer beeindruckend (und beeindruckend effizienten) Sicherheitskontrolle
  • Die 20°C Temperaturunterschied zwischen klimatisierten Räumen und der recht schwülen warmen Luft außerhalb sind das Bankenstresstestäquivalent für den eigenen Körper.
  • Meir Sheetrit ist Parlamentsabgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Technologie. Als Kind wollte er eine Enzyklopädie und bekam schließlich auch etwas ähnliches; später als Finanzminister wollte er jedem Kind Israels (und bevorzugt der ganzen Welt) eine Enzyklopädie – auf CD-ROM – bereitstellen. Manche Geschichten sind so schön, dass sie noch nicht einmal wahr sein müssen.
  • 2012 findet die Wikimania in Washington D.C. statt, wir sollten dafür sorgen, dass noch mehr Wiki(p|m)edianer aus Deutschland dort teilnehmen können, unabhängig von Nationalität und Finanzstärke
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