Nachdem Alice ja bereits einiges zur Wikimania 2009 in Buenos Aires geschrieben hat (zu finden hier und hier) und ich in meinem letzten Monatsbericht auch schon einiges zum Thema gesagt habe, hier nun der große Abschlussbericht der Geschäftsstelle:

Pavel Richter

Aus meiner Sicht standen zwei Dinge im Mittelpunkt: Die Diskussion mit den Chaptern und die Diskussion mit der Foundation (Für diejenigen, die sich nicht so mit den Begrifflichkeiten der internationalen Wikimedia-Bewegung auskennen: Hier eine Erklärung, was Chapter sind und was die Wikimedia Foundation ist)

So unterschiedlich die Bedürfnisse der Chapter auch sind, und so unterschiedlich der Entwicklungsstand der Chapter auch ist, das gemeinsame Ziel: Die Förderung des Freien Wissens, ist uns allen gleich wichtig. Dieser Grundkonsens zog sich auch durch sämtliche Debatten und Diskussionen und hat der Qualität dieser Gespräche nur genutzt. Das ist etwas, was wir uns alle bei unseren Gesprächen, bei Kritik und in Diskussionen stets vor Augen halten sollten: Bei allen Unterschieden und Differenzen haben wir ein gemeinsames und gutes Ziel!

Konkret wurden dann diese Punkte hauptsächlich diskutiert:

1. Was ist ein Chapter und was die Aufgaben der Chapter?

Hier gibt es z. B. den Ansatz aus Brasilien, die sich bewusst dagegen entschieden haben, sich als Organisation aufzustellen und die (soweit ich weiß) auch nicht anstreben, ein offizielles Chapter zu werden; die meisten anderen lokalen Organisationen streben jedoch eine wie auch immer gestaltete „juristische Person“ an, denn nur eine solche kann Verträge abschließen, Verpflichtungen eingehen, Konten eröffnen, Projekte betreiben, ohne von den einzelnen handelnden Personen abhängig zu sein. Bei den Aufgaben herrscht sicher kein Konsens zwischen allen Chaptern: Besonders die Frage, ob und in welchem Maße die Chapter Fundraising betreiben sollen, wird sehr unterschiedlich beantwortet.

2. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Chaptern und Foundation?

Seit Monaten wird über ein neues „Chapter Agreement“ zwischen den Chaptern und der Foundation verhandelt. War dies ursprünglich mal als Vertragstext angelegt, so setzt sich mehr und mehr die Sicht durch, dass eine Art Charta, in der die grundlegenden Prinzipien und Aufgaben aller Beteiligten niedergelegt werden, aktuell wichtiger ist. Ohne Frage braucht es auch Verträge – aber diese sind zumeist für den Konfliktfall wichtig, für den Regelfall ist ein gemeinsames Verständnis viel, viel wichtiger.

Auch die Diskussion um die Aufgabenstellung zwischen Chaptern und Foundation ist in vollem Gange. Zwar sind sich alle einig, dass die WMF die Server betreiben soll, aber inwieweit sie ein eigenes Fundraising macht, oder welche Markennutzungsrechte die einzelnen Chapter haben sollen, darüber wird aktuell debattiert. Diese Fragen zum Verhältnis zwischen Chaptern und Foundation spielen sicherlich auch im laufenden strategic planning process eine wichtige Rolle.

3. Technisches und Organisatorisches der Chapterorganisation

Die Frage, wie man sich organisiert und wie man diese Organisation rechtlich und technisch umsetzt, spielte eine große Rolle in den vielen kleinen Gesprächen mit einzelnen Chapter-Vertretern. Der Trend geht eindeutig dahin, Büros mit Mitarbeitern aufzubauen, sofern der Organisationsgrad und die finanziellen Möglichkeiten dies erlauben. WMDE wird diesbezüglich oft und gerne als Beispiel herangezogen – etwas, worauf wir als Verein durchaus stolz sein können.

Das sind aus meiner Sicht die Highlights der Wikimania 2009. Im Anschluss folgen noch die Beiträge von Catrin, Daniel und Mathias, die aus ihren jeweiligen Bereichen ein Fazit ziehen. Für mich persönlich waren es sieben sehr spannende, produktive und ziemlich anstrengende Tage. Die nächste Wikimania 2009 findet in Danzig statt, mit den dortigen Organisatoren gibt es schon intensive Kontakte und ich bin mir sicher, dass viele deutsche Wikipedianer die Möglichkeit zu einem Besuch dort nutzen werden. Glaubt mir, es lohnt sich!

Catrin Schoneville

Für mich startete die Wikimania 2009 am Dienstag, den 25.08. mit der Pressekonferenz im Centro Cultural in Buenos Aires. Die argentinische Pressefrau hatte zwei Stunden vor Beginn einen Totalausfall, denn ihr wurde die Tasche mit sämtlichen Unterlagen, Laptop, Schlüssel und Wertsachen geklaut.  Jay Walsh, Head of Communication der WMF, hatte einige Presseanfragen – aufgrund der Meldung der NYT zur Einführung der ‚gesichteten Versionen‘ in der  englischsprachigen WP und musste ins Hotel, da im Centro kein Internetzugang funktionierte. Keine Seltenheit, wie sich in den nächsten Tagen noch herausstellen sollte. Cary Bass und ich kümmern uns um die Vorbereitungen: Technik für Übersetzer organisieren, Namensschilder erstellen, Begrüßung der Journalisten, kleines Chaos bei der Registrierung – und dann läuft alles recht gelassen, eben lateinamerikanisch. Sechs Podiumsgäste sind geplant, neun kommen, darunter die Sponsoren der Telefonica und Vertreter der Stadt Buenos Aires.

Zum Kick-off am nächsten Tag präsentiert Jimmy Wales die Entwicklung der Wikipedia und betont wie wichtig ihm der Ausbau weiterer Sprachen und Chapter ist. Der stagnierenden Zahlen neuer Autoren kommentiert er mit: „ Maybe we lost the spirit of welcoming people“. Ein Satz zum Nachdenken. Danach macht Richard Stallman, der Godfather der freien Software, seine Show. Witzig, aber nicht durchgehend überzeugend.

Die ersten Kontakte zu anderen Chaptern: Treffe die Polen, die im nächsten Jahr die Wikimania ausrichten, und wir sammeln Ideen zur Zusammenarbeit. Lerne einen Iraner kennen, der mir von der Entwicklung der persischen WP erzählt. Chapter-Gründung bedeutet im Iran ein großes Risiko, weil die Regierung Autoren direkt für die Inhalte verantwortlich macht. Dennoch, rund 100 aktive Autoren und mehr als 67.000 Artikel. Vielleicht sollte ich in der Wikimedium einen Bericht starten und Iraner in Deutschland zur Unterstützung aktivieren. Katalanen und Marokkaner berichten mir von ihren Schwierigkeiten. Auch hier gibt es Ansätze zur Zusammenarbeit.

Erik Möller präsentiert viele Zahlen und es bleibt ein zentrales Thema hängen: „(…) Other contributions than edits need to be find.“ Jennifer Riggs schließt mit ihrem Vortrag genau an dieses Thema an. Die Barrieren für Neueinsteiger in die Wikipedia werden immer höher, wir laden die Menschen nicht wirklich ein, mitzumachen – die Buttons ‚Seite bearbeiten‘ und ‚Spenden‘ ausgenommen. Es geht darum, die User abzuholen, die keinen Artikel schreiben wollen, aber dennoch hilfreiche Unterstützung bieten können, ob als Sprecher, Multiplikator, Mentor oder, oder, oder. Es ist klar, das wir die gigantischen Besucher-Zahlen noch besser nutzen können, um aus den Usern Unterstützer zu machen. Apropos gigantische Zahlen, die Präsentation von Erik Zachte – der Statistik-Guru aus den Niederlanden – ist natürlich ein Muss für mich (die Presse möchte ja immer gern mit aktuellen Statistiken und Zahlen versorgt werden). Zu finden sind diese Zahlen übrigens unter: http://stats.wikimedia.org/, und Eriks Präsentation ist hier(OGG-Video)

Am zweiten Tag präsentiere ich mein Thema „Wie wir durch gezielte Pressearbeit auch die Zuwendungen (u.a. Spenden) erhöhen können.“ Zeitgleich läuft eine Diskussion mit Jimbo und die Präsentation der Usability Initiative. Wie erwartet ist die Teilnehmerzahl klein, aber zumindest sind die wenigen Anwesenden wirklich an dem Thema interessiert. Im Anschluss kommt es zu interessanten Gesprächen und großer Begeisterung für unsere Zeitung, die einige Chapter zu übernehmen planen. Viele weitere Chapter wie Hongkong, Indonesien, Venezuela, Finnland, Israel und auch Wikimedianer ohne Chapter versprechen, uns zukünftig mit News für die Wikimedium zu versorgen, um die globale Bewegung auch in der deutschen Vereinszeitung zu verbreiten.  Ja, der Wiki-Spirit zeigt sich in den Gesprächen, Ideen und dem Wunsch nach Zusammenarbeit.  Zwar steht das deutsche Chapter immer wieder als Beispiel für erfolgreiche Projekt- und Spendenarbeit, aber ich lerne viel von den anderen und es ist offensichtlich, wie groß das Bedürfnis nach Austausch ist.Drei Tage Wikimania Konferenz könnten locker 3 Seiten füllen und es wird noch einiges geben, was in den nächsten Wochen aufbereitet werden muss. Aber eins steht fest für mich, wir sind uns der Probleme bewusst und können daran gemeinsam etwas ändern. Auch wenn die Medien und Studien zu Wikipedia etwas anderes behaupten, nach diesem internationalen Treffen, scheint mir die Kraft der Bewegung ungebrochen und solange wir uns weiter entwickeln, wächst auch die Idee!  Vielleicht steigt die Anzahl der Artikel nicht mehr so rasant wie in den letzten Jahren – aber die Qualität und Nachhaltigkeit wachsen weiter.

Daniel Kinzler

Die Wikimania 2009 war ein voller Erfolg: Die Stadt ist sehr interessant, die Organisation war super und es gab einen Haufen spannender Vorträge und Diskussionen. Ich habe mich natürlich vor allem mit den technischen Aspekten befasst.

Die Wiki-Hacker haben sich schon einen Tag vor Beginn der eigentlichen Konferenz getroffen. Obwohl es keinen Plan gab, was wir besprechen wollten und die Veranstaltung schon gegen 16:00 wegen ausgefallenem Internet beendet wurde, haben wir doch einige wichtige Dinge besprechen können. Insbesondere kommt wieder Bewegung in das OpenStreetMap-Projekt (OSM): die Server sind installiert und zwei OSM-Entwickler (Avar und Aude) haben dort jetzt Root-Zugang.

Ich habe auch Kontakt zu Tomasz Finc aufgenommen, wegen CiviCRM – er hat da einige Erfahrung und gute Kontakte zur Entwickler-Community. Ich hoffe, dass wir damit ein wenig Unterstützung bei der Anpassung von CiviCRM an unsere Bedürfnisse bekommen.

Das wahrscheinlich wichtigste Projekt, das wir angeschoben haben, ist aber die Evaluation von Semantic MediaWiki (SMW) für den Einsatz in Wikipedia, Commons und anderen Wikis. Schon seit Jahren reden wir darüber, wie sich strukturierte Daten (und Metadaten) brauchbar speichern, bearbeiten und auslesen lassen.
Allerdings gab es immer Bedenken gegen SMW wegen der hohen Komplexität und eventueller Performanzprobleme. An einer Evaluation kommen wir aber nicht vorbei, und die wollen wir jetzt in Angriff nehmen. Die Foundation wird dafür einen Testserver bereitstellen und ich werde einiges an Arbeitszeit investieren, um dort ein Test-Wiki zu installieren, mit Bildaten von Commons.

Im Vortragsprogramm gabe es einige wichtige Projekte, aber wenig neues: Semantic MediaWiki wurde wieder vorgestellt, und auch die Fortschritte bei DBpedia wurden besprochen. WikiTrust wird wohl im nächsten Jahr endlich ernsthaft getestet. Das OSM-Projekt hat die Pläne für die Integration interaktiver Karten in Wikipedia präsentiert. Ich selbst habe einen kurzen Überblick über das Toolserver-Projekt gegeben und WikiWord vorgestellt, das uns bald hoffentlich eine sprachunabhängige Suche und Navigation in Commons erlaubt.

Ein wichtiges Thema der Wikimania war aber auch die Usability Initiative. Neben den Verbesserungen in der der Skin, die aktuell schon in der Wikipedia getestet werden können, soll es im nächsten Release vor allem Verbesserungen auf der Bearbeitungsseite geben, unter anderem eine Navigationshilfe, mit der man zu einzelnen Abschnitten springen kann und einen Dialog zum erstellen von Tabellen. Die größte Neuerung, die schon bald verfügbar sein soll, ist der neue „Media Wizard“, der das Finden, Einbinden und Hochladen von Bildern stark vereinfachen soll. Sogar das direkte Übertragen von Fotos aus Flickr und anderen Quellen soll wohl unterstützt werden – leider habe ich die Demonstration des neuen Wunder-Wizards verpasst und kann ihn nicht ganz genau beschreiben. Zum Glück gibt es ein Video!

Ach ja, Video: fast alle Vorträge wurden mitgeschnitten, und fast alle Videos sind bereits auf Commons. Das ist echt beeindruckend, und sehr hilfreich (zu finden hier)! Ein Problem gibt es allerdings: Die Autorenschaft und Lizensierung der Videos ist unklar. Wer hinter der Kamera stand ist meist unbekannt, und ob der Vortragende der Lizensierung und Veröffentlichung zustimmt, ist nicht ersichtlich.

Abschließend ist noch zu erwähnen, dass das Rahmenprogramm auch prima war – der Tango-Kurs hat viel Spaß gemacht (auch wenn ich froh bin, dass und keiner zugeguckt hat), und die  Abschlussparty war auch ein voller Erfolg. Vielen Dank, Buenos Aires!

Mathias Schindler

Das große Ganze

Nach vier Wikimanias in Frankfurt, Boston, Taipei und Alexandria haben wir inzwischen eine Vorstellung davon, was eine solche Konferenz leisten kann und was alles nötig ist, um sie zu einem Erfolg zu machen. Wenn man diese Vorstellung nun in Listenform neben die fünfte Wikimania in Buenos Aires stellt und dann vergleicht, kommt am Ende eine große Anzahl grüner Häkchen heraus:

Die Ortswahl

Eine Konferenz dieser Art lebt zu einem großen Teil davon, dass es Platz gibt. Vorträge, Ad-Hoc-Diskussionen, die Gelegenheit, einfach mal eine Weile mit neuen und alten Kontakten zusammensitzen.

Die Vorträge

Viele Wikipedianer teilten mit mir das „Luxusproblem“, zwischen zwei oder mehr hochinteressanten Vorträgen auswählen zu müssen, die gleichzeitig liefen. Dank der im Vergleich zu den Vorjahren hervorragenden Video-Dokumentation wird es kein Problem sein, die entgangenen Vorträge nachzuholen.

Kulinarisches

Verköstigung vor Ort war sehr schön organisiert, verblasst jedoch gegen das Angebot in den Restaurants der Umgebung. Jede Beschreibung wäre nur ein schaler Abklatsch, darum sei allein gesagt: Ich habe drei Kilogramm zugelegt.

Sicherheit

Niemand kann sagen, er sei nicht gewarnt worden, jede Warnung hat sich leider auch erfüllt. Notebooks und Taschen waren nicht sicher, die angeheuerte Security musste erst langsam lernen, wie man so etwas durchführt. Erst am dritten Tag gab es einen – wenn auch löchrigen – Abgleich zwischen Laptoplabel und Namensschild an den Saalausgängen. Immerhin ein Dieb wurde geschnappt, das Opfer hat seinen Rucksack wiedererkannt.

Die kleinen Perlen

Mein content liberation-Vortrag

Liam vom australischen Chapter und ich hatten am dritten Tag morgens einen Slot zum Thema „GLAM“, also Galerien, Bibliotheken, Archive und Museen. Ich gehe davon aus, dass wir dauerhaft das Akronym GLAM etablieren können, da es zu unserer Arbeit sehr gut passt. Die beiden Vorträge waren gut besucht, die Teilnehmer der beiden Einzelvorträge waren nahezu identisch und die Beteiligung durch Wortbeiträge sehr erfreulich. Liams Vortrag ist inhaltlich völlig konsensfähig mit dem, was ich rede und „predige“, es war eine großartige Gelegenheit, ihn nach der Konferenz in Canberra wiederzusehen.

Statistiken

Relativ spontan wurde ich am zweiten Tag von Erik Zachte eingeladen, an einem Podium zum Thema Wikipedia-Statistiken teilzunehmen, konnte dort ein Statement abgeben und habe mich an der Diskussion beteiligt. Mein Hauptpunkt, der dankenswerterweise auch von hier und da getwittert wurde, ist die Forderung nach jenen Zahlen, die sich dem Mysterium „Wie entwickelt sich die Qualität unserer Inhalte?“ besser nähern als Artikelzählen und Editcounteritis.

Semantic MediaWiki

Ich bin froh, dass die Wikimania genug Platz geboten hat, um das Thema SMW weiterzubringen. Danke an Daniel für das Netzwerken.