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Auf dem diesjährigen gamescom-Kongress in Köln sprach Alan Ang, Senior Partner Manager bei Wikimedia Deutschland, über Videospiele als Kulturerbe – und darüber, wie wichtig es ist, das komplexe Wissen rund um diese Spiele zu bewahren. In seinem Vortrag hob er hervor, wie Wikimedia-Software wie Wikibase dabei helfen kann, Informationen über Spiele, ihre Entwickler, Plattformen, Communitys und vieles mehr zu verknüpfen und zu bewahren. Das Gaming ist ein besonders anschauliches Beispiel für einen viel umfassenderen Gedanken: Wissen ist wertvoller, wenn Menschen frei darauf zugreifen, dazu beitragen und darauf aufbauen können.

Hier kommt auch die Wikimedia-Software MediaWiki ins Spiel. Die Open-Source-Technologie hinter Wikipedia bildet die Grundlage für tausende gemeinschaftlicher Wissensprojekte – darunter ein wachsendes Ökosystem von Videospiel-Wikis. Dank ihres freien und offenen Charakters können Communitys ihre eigenen Wissensplattformen aufbauen, die Software an ihre Bedürfnisse anpassen und die Kontrolle über die von ihnen erstellten Informationen behalten.

Portrait Jonathan Lee
Jonathan Lee, Mitbegründer und Geschäftsführer von Weird Gloop

Eine Organisation, die dies schon lange in die Praxis umsetzt, ist Weird Gloop, ein Wiki-Host, der von Mitgliedern der RuneScape-Wiki-Community gegründet wurde. Heute unterstützt Weird Gloop unabhängige und offizielle Wikis für einige der weltweit größten Spiele. Wir sprachen mit Mitbegründer und Geschäftsführer Jonathan Lee darüber, warum Gaming-Communitys auf Wikis setzen, was MediaWiki zu einem so leistungsstarken Werkzeug macht und wie es zu dem Namen Weird Gloop (deutsch: Seltsame Pampe) kam.

Hallo Jonathan, was machst du bei Weird Gloop?

Ich bin Mitbegründer und Leiter von Weird Gloop. Seit etwa 17 Jahren faszinieren mich Wikis, insbesondere Videospiel-Wikis. Heute liegt mein Schwerpunkt darauf, Videospiel-Wiki-Communitys dabei zu unterstützen, ihre Wikis so nützlich und so gut wie möglich zu gestalten.

Für alle, die sich mit Gaming-Wikis vielleicht noch nicht so gut auskennen: Warum sind sie wichtig?

Videospiele enthalten oft Informationen, die im Spiel selbst nicht erklärt werden. Das ist schon so, seit es Videospiele gibt. In den 1990er Jahren hat man sich vielleicht einen Strategie-Guide gekauft oder einfach einen Freund gefragt, wie man etwas im Spiel freischalten kann. Mit der Zeit wurde das Internet zum Ort, an dem Gamer*innen dieses Wissen austauschten, und Wikis entwickelten sich zu einer der besten Möglichkeiten, es zu organisieren.Nehmen wir zum Beispiel Minecraft. Ein großer Teil des Spiels dreht sich um das Herstellen von Gegenständen, doch ursprünglich erklärte das Spiel nicht jedes Rezept oder jede Spielmechanik besonders gut. Die Gamer*innen fanden diese Dinge selbst heraus, entdeckten, wie das Spiel funktionierte, und schrieben dieses Wissen auf, damit andere davon profitieren konnten.

Für Spiele wie Minecraft oder RuneScape sind Wikis zu einem wesentlichen Bestandteil des Spielerlebnisses geworden. Sie enthalten alles von grundlegenden Informationen über Datenobjekte und Charaktere bis hin zu detaillierten Strategien für ein effizientes Spiel. In manchen Fällen ist das Wiki für die Gamer*innen fast genauso wichtig wie das Spiel selbst.

Wie groß ist das Ökosystem der von Communitys betriebenen Videospiel-Wikis heute?

Es ist extrem groß und überraschend komplex, obwohl die verschiedenen Communitys nur lose miteinander verbunden sind. Insgesamt verzeichnen Videospiel-Wikis jeden Monat Milliarden von Seitenaufrufen – was in etwa dem Umfang der englischen Wikipedia entspricht.

Die dort gepflegten Informationen reichen von grundlegenden Spieldaten, wie beispielsweise allen Datenobjekten in einem Spiel und wie man sie erhält, bis hin zu detaillierten Strategien und Erklärungen der Spielmechaniken. MediaWiki eignet sich hierfür besonders gut, da es flexibel genug ist, all diese unterschiedlichen Arten von Wissen zu integrieren.

Wenn Videospiel-Wikis plötzlich verschwinden würden, gäbe es meiner Meinung nach einen erheblichen Rückgang der Zahl der Spieler*innen – sie haben sich sehr daran gewöhnt, dass diese Informationen in einer übersichtlichen, von der Community gepflegten Form zur Verfügung stehen.

Was ist „Weird Gloop“ und wie ist es entstanden?

Weird Gloop begann mit dem RuneScape-Wiki. Ich war seit 2009 an dem Wiki beteiligt, als es noch auf Wikia (heute: Fandom) gehostet wurde, und 2018 hatten wir die Möglichkeit, es mit etwas Unterstützung des Spieleentwicklers auf ein unabhängiges Hosting umzuziehen.

Wir wollten eine Lösung ohne Werbung und vor allem mit voller Kontrolle über die Technik und das Wiki selbst. Mit der Zeit wurde uns klar, dass wir das Gelernte auch nutzen konnten, um anderen großartigen Wiki-Communitys zu helfen, unabhängig zu werden.Heute ist Weird Gloop ein Wiki-Host für unabhängige und offizielle Videospiel-Wikis. Ich stelle uns als eine Art Reiseadapter zwischen den Wiki-Communitys und all den weniger spannenden Aspekten des Betriebs eines unabhängigen Wikis vor – der Zusammenarbeit mit Spielestudios, der technischen Infrastruktur und all den unternehmerischen Belangen –, damit sich die Communitys auf das konzentrieren können, was sie wirklich gut können: die Spiele zu dokumentieren, die sie lieben.

RuneScape Wiki

Und was bedeutet eigentlich der Name „Weird Gloop“?

Der Name stammt aus dem RuneScape-Wiki selbst. RuneScape hat Zehntausende von Datenobjekten, und wir waren geradezu besessen davon, jeden einzelnen davon zu dokumentieren. Als ich etwa 15 war, fand ich heraus, wie man einen obskuren Gegenstand namens „Weird Gloop“ erhält, der seit Jahren im Spiel versteckt war. Ich fand es unglaublich cool, dass etwas, das Millionen von Menschen gespielt hatten, immer noch Dinge enthalten konnte, die noch niemand entdeckt hatte. „Weird Gloop“ wurde zu einem Insider-Witz in unserer Community, und als wir einen Namen für das Unternehmen brauchten, war es die naheliegende Wahl. Es fühlte sich wie der perfekte Name für eine Organisation an, die sich um Menschen dreht, denen die ganz kleinen Details am Herzen liegen.

Warum wollten Communitys wie das Minecraft-Wiki große Wiki-Hosting-Plattformen verlassen und unabhängig werden?

Ein offensichtlicher Grund ist die Werbung. Wenn das Ziel einer Plattform darin besteht, die Erträge aus Werbung zu maximieren, trifft sie möglicherweise Entscheidungen, die zwar gut für die Plattform, aber schlecht für die Wiki-Community oder ihre Leser*innen sind. Zu viele Anzeigen können dazu führen, dass Leser*innen das gesamte Erlebnis als unangenehm empfinden – und das kann auch dazu führen, dass sie weniger bereit sind, selbst Beiträge zu verfassen.

Das ist wichtig, denn Wikis funktionieren gerade deshalb, weil Leser*innen zu Beitragenden werden können. Jemand findet Informationen, liest sie, bemerkt, dass etwas fehlt oder falsch ist, und ergänzt sie. Wenn man das Leseerlebnis frustrierend gestaltet, erschwert man auch den Aufbau dieser Community.

Im Laufe der Zeit kamen Communitys wie die rund um Minecraft oder League of Legends zu demselben Schluss: Sie wollten mehr Kontrolle über ihre Wikis, doch der Ausstieg aus einer etablierten Plattform ist schwierig. Hier kommt Weird Gloop ins Spiel.

Minecraft Wiki

Wie viele Wikis hostet Weird Gloop derzeit, und wie arbeitet ihr mit deren Communitys zusammen?

Derzeit hosten wir 17 Wikis, hauptsächlich für sehr große Spiele wie RuneScape, Minecraft, Subnautica oder Overwatch. Wir stellen die technische Infrastruktur bereit und kümmern uns um Dinge wie die Migration von Wikis von bestehenden Plattformen, die Wartung der Server und die Behebung technischer Probleme. Dabei ergeben sich erhebliche Skalierungseffekte: Sobald man die Tools und die Infrastruktur für das Hosting eines großen Wikis aufgebaut hat, wird das Hosting des nächsten wesentlich einfacher.

Unsere Beziehung zu den Communitys ist sehr kooperativ. Wir haben zwar vielleicht Vorstellungen davon, wie ein Wiki gut funktionieren sollte, aber wir schreiben den Communitys nicht vor, was sie zu tun haben. Das Spiel und seine Inhalte gehören ihnen. Wir stellen die Infrastruktur und den Support bereit und halten uns ansonsten im Hintergrund.

Was macht MediaWiki zu einer so guten Wahl für Videospiel-Communitys?

Das Wichtigste ist, wie einfach es für jemanden ist, einen kleinen Beitrag zu leisten. Die meisten Menschen, die schließlich zu aktiven Beitragenden an einem Wiki werden, hatten zu Beginn nicht vor, jahrelang an einem Wiki zu arbeiten. Sie haben einen Tippfehler entdeckt, auf „Bearbeiten“ geklickt, ihn korrigiert und festgestellt: „Das hat irgendwie Spaß gemacht.“ Dann haben sie es erneut gemacht.

MediaWiki ist besonders gut darin, die Hürden für solche ersten Beiträge abzubauen. Es bietet einen einfachen Weg vom Lesenden zur Autor*in, und genau das ist es letztendlich, was Wikis funktionieren lässt.

Außerdem ist es eine sehr flexible Art, Informationen zu organisieren. Für mich ist jedoch nicht nur entscheidend, wie MediaWiki den Lesenden Informationen präsentiert, sondern vor allem, wie gut es den Menschen ermöglicht, zu diesen Informationen beizutragen.

Wie wichtig ist die Tatsache, dass MediaWiki kostenlos und Open Source ist?

Die Tatsache, dass es kostenlos ist, ist unglaublich wichtig. Viele Menschen, die Videospiel-Wikis ins Leben rufen, sind keine Profis. Es handelt sich vielleicht um Teenager, die einfach ein bestimmtes Spiel lieben und darüber berichten möchten. Müssten sie eine Softwarelizenz kaufen oder ihre eigene Plattform aufbauen, gäbe es viele dieser Wikis gar nicht erst.

Open Source ist ebenso wichtig, weil es MediaWiki anpassungsfähig macht. Videospiel-Wikis enthalten eine riesige Menge an strukturierten Informationen, und die Basissoftware ist nicht unbedingt darauf ausgelegt, jeden möglichen Anwendungsfall abzudecken. Aber da es sich um Open Source handelt, können Nutzer*innen Erweiterungen entwickeln und die Software anpassen, um diese Probleme zu lösen.

Wir haben selbst eine Erweiterung für strukturierte Daten entwickelt, weil wir sie für die von uns gehosteten Wikis benötigten. Diese Art von Experimenten wäre in einem geschlossenen System schlichtweg nicht möglich.

Was braucht es, um ein Wiki aufzubauen und zu pflegen, das so groß und komplex ist wie die Wikis zu Minecraft, League of Legends oder RuneScape?

Letztendlich kommt es darauf an, eine wirklich gute Community aufzubauen. Oft wird gefragt, was ein riesiges Wiki davor bewahrt, mutwillig beschädigt oder zerstört zu werden, wobei viele eine technische Antwort erwarten. Natürlich gibt es technische Hilfsmittel, aber die eigentliche Antwort lautet: Es gibt viele Menschen, denen das Projekt am Herzen liegt und die sich dafür einsetzen, dass es gut läuft.

Man muss gemeinsame Regeln und kulturelle Normen entwickeln, festlegen, wie Streitigkeiten beigelegt werden, entscheiden, wie Richtlinien erstellt und geändert werden, und sicherstellen, dass die Menschen an den richtigen Prioritäten arbeiten. All das ist genauso wichtig wie die Technologie. Die Menschen sind es, die das Wiki zum Laufen bringen. Die Technologie unterstützt sie dabei.

Es gibt auffällige Parallelen zwischen Gaming-Wiki-Communitys und der Wikimedia-Bewegung. Was könnten diese Communitys voneinander lernen?

PlaceholEs ist unglaublich wichtig zu verstehen, was Menschen dazu bewegt, zusammenzuarbeiten, einen Beitrag zu leisten und gemeinsam etwas aufzubauen. Wikimedia arbeitet in einem viel größeren Rahmen als wir, aber wir alle beschäftigen uns mit derselben grundlegenden Frage: Was motiviert Menschen dazu, ihre Zeit und ihr Wissen einzubringen?

Videospiel-Wikis bieten uns die Möglichkeit, schnell zu experimentieren. Wir können verschiedene Ansätze in unterschiedlichen Communitys ausprobieren und sehen, was funktioniert. Ich denke, die Gaming-Wiki-Community und die breitere Wikimedia-Bewegung könnten viel voneinander lernen, wenn es darum geht, wie kollaborative Wissensprojekte tatsächlich funktionieren.

Und schließlich: Wenn jemand Videospiele spielt und auf einer Wiki-Seite einen Fehler entdeckt, wie kann er dann einen Beitrag leisten?

Mein Rat ist einfach: Leg los! Je nach Wiki benötigst du möglicherweise ein Konto, aber du kannst nichts dauerhaft kaputtmachen. Jede Überarbeitung einer Seite wird gespeichert, wenn du also einen Fehler machst, kann jemand anderes ihn rückgängig machen.

Ich glaube, die Angst, etwas zu vermasseln, ist einer der Hauptgründe, warum sich viele Menschen nicht trauen, beizutragen. Die meisten, die anfangen, Wikis zu bearbeiten, machen anfangs Fehler. Das ist völlig in Ordnung. Du trägst trotzdem dazu bei, das gesamte Projekt ein kleines Stückchen in eine bessere Richtung zu bewegen – und genau so wachsen Wikis.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

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