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„Queere Geschichte ist Menschheitsgeschichte“ – Bisi Alimi über Wikipedia und die Bedeutung von Sichtbarkeit
Zarah Ziadi
22. Juni 2026
Bisi Alimi, der in Lagos, Nigeria, geboren und aufgewachsen ist, setzt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Rechte der LGBTQIA+Community ein. Im Jahr 2004 war er der erste offen homosexuelle Nigerianer, der im nationalen Fernsehen über seine Sexualität sprach – ein Moment, der ihm sowohl internationale Aufmerksamkeit als auch heftige Gegenreaktionen einbrachte.
Nach seinem weiteren Engagement als Aktivist in Großbritannien und der Gründung der Bisi Alimi Foundation übernahm er 2025 eine neue Rolle: Er wurde zum ersten Executive Director von Wikimedia LGBT+ ernannt. Wikimedia LGBT+ ist eine globale Wikimedia User Group innerhalb der Wikimedia-Bewegung, die sich dafür einsetzt, LGBTQIA+-Themen, -Persönlichkeiten und -Geschichten auf Wikimedia-Plattformen sichtbarer zu machen und Menschen aus der queeren Community bei ihrer Mitarbeit an Wikimedia-Projekten zu unterstützen. Die Gruppe wurde 2014 offiziell als Wikimedia User Group anerkannt und befindet sich derzeit im Prozess, eine eingetragene Organisation zu werden.
Im Interview spricht Bisi mit uns über sein erstes Jahr bei Wikimedia LGBT+, die Herausforderungen bei der Schaffung von inklusivem Wissen und warum er der Überzeugung ist: „LGBT+-Geschichte ist Menschheitsgeschichte.“
Hallo Bisi! du bist nun seit etwa einem Jahr Geschäftsführer von Wikimedia LGBT+. Was hat dich dazu motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?
Ein Freund hat mir die Stellenanzeige weitergeleitet und gesagt: „Du wärst sehr gut für diese Stelle geeignet.“ Und ich dachte mir: Okay, was kann es schon schaden, es zu versuchen? Aber ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Ein Grund dafür war, dass ich eigentlich kein Wikimedianer war. Ich hatte hier und da ein oder zwei Bearbeitungen in der Wikipedia vorgenommen, aber das wars.
Zugegeben, ich engagiere mich seit 20 Jahren in der LGBT+-Bewegung, aber ich hatte noch nie wirklich im digitalen Bereich wie bei Wikimedia gearbeitet. Als ich also zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich überrascht. Als ich die Stelle bekam, war ich regelrecht schockiert.
Ich erinnere mich, dass ich dachte: „Oh mein Gott, jetzt wird es ernst. Jetzt muss ich die Arbeit tatsächlich machen.“ Aber ich bereue es nicht, das letzte Jahr war großartig.Bisi Alimi
Wenn du auf Dein erstes Jahr zurückblickst, welche besonderen Erlebnisse oder Highlights sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?
Es gab so viele. Wo soll ich da nur anfangen?
Für mich waren und sind die großartigen Menschen eines der größten Highlights – sowohl die Kolleg*innen bei Wikimedia LGTB+ als auch die Community selbst. Es war großartig, mitzuerleben, wie die Community gewachsen ist.
Ich durfte im letzten Jahr beobachten, wie die Anzahl der LGBT+-Inhalte auf Wikipedia gestiegen ist, und wir bereiten uns derzeit auf die Queering Wiki Conference in Montreal vor, die vom 23. bis 25. Oktober stattfindet. Das wird unsere allererste Präsenzkonferenz sein. Bislang fand diese Veranstaltung immer als Online-Format statt.
Eine Sache, die mich stolz macht, ist, dass unsere Community innerhalb der weltweiten Wikimedia-Bewegung immer mehr für sich einsteht. Wir verschaffen uns an Orten wie Nairobi Gehör, und wir werden auch auf der Wikimania in Paris präsent sein. Ich denke, das ist möglich, weil die mutige Entscheidung getroffen wurde, Hauptamtliche bei Wikimedia LGBT+ einzustellen, und weil die Community diese Veränderung mitgetragen hat.
Ich bin auch sehr dankbar, dass ich mich dem Netzwerk der Wikimedia-Führungskräfte anschließen und ich mich mit so vielen Menschen austauschen kann – um voneinander zu lernen, mein Selbstvertrauen zu stärken und meine Rolle jeden Tag besser zu verstehen.
Du hast erwähnt, dass die Community mittlerweile viel stärker für sich einsteht. Was genau bedeutet das?
Unsere Community ist eine stark diskriminierte Community – weltweit, aber auch innerhalb der Wikimedia-Bewegung. Es gab bereits vor meinem Beitritt viele Diskussionen dazu, insbesondere zu Fragen wie der Repräsentation von Trans-Personen auf Wikipedia. Denn diese Diskriminierung findet nicht nur auf der englischen Wikipedia statt. Sie ist in allen Sprachversionen zu beobachten und stellt in Ländern, in denen LGBT+-Identitäten unter Strafe stehen, eine noch größere Herausforderung dar.
Lange Zeit bestand unser Vorstand hauptsächlich aus ehrenamtlichen Mitgliedern, was bedeutete, dass die Kapazitäten begrenzt waren, um diese Themen kontinuierlich anzusprechen. Jetzt, da wir Mitarbeiter*innen haben, die sich auf die tägliche Arbeit konzentrieren können, verfügen wir über mehr Möglichkeiten, die existierenden Missstände anzugehen. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass wir jetzt stärker für uns einstehen. Themen, für deren Diskussion uns zuvor die Ressourcen fehlten, können nun kompromisslos diskutiert werden. Ich denke, wir tun immer noch nicht genug, aber wir tun, was wir können, und weitaus mehr als zuvor.
Warum ist es wichtig, dass LGBT+-Personen, ihre Geschichte und ihre Anliegen auf Wikipedia vertreten sind?
Die Antwort ist einfach: Die Geschichte der LGBT+-Community ist Teil der Menschheitsgeschichte. Anders lässt es sich nicht sagen.
LGBT+-Menschen sind Wissenschaftler*innen, Präsident*innen, Archäolog*innen, Politikwissenschaftler*innen, Mütter, Väter, Onkel. Wir sind Menschen, die einen enormen Beitrag zu Wikipedia und zur Idee des freien Wissens geleistet haben. Wir sind Männer, Frauen, Trans-Personen, nicht-binäre Personen, intersexuelle Personen – wir sind Teil der Menschheitsgeschichte.
Und wenn Wikipedia dazu da ist, Menschen zu dokumentieren, die die Welt geprägt haben, dann gehören auch wir dorthin. Von Modedesignern über Musiker bis hin zu Olympioniken – von der Antike bis zur Neuzeit. Wenn das kein Grund ist, warum wir auf Wikipedia vertreten sein sollten, dann weiß ich nicht, welchen Grund man sonst noch anführen könnte.
Was waren einige der größten Herausforderungen in deinem ersten Jahr bei Wikimedia LGTB+?
Ehrlich gesagt ist Geld eine der größten Herausforderungen, die mir in meinem ersten Jahr aufgefallen ist. Viele Menschen, die in LGBT+-Nutzergruppen mitarbeiten, sind in Teilzeit oder komplett ehrenamtlich tätig, was ihre Handlungsmöglichkeiten einschränkt.
Als ich diese Rolle übernahm, lag mir besonders am Herzen, dass die queere Geschichte von lokalen Stimmen erzählt wird. Ich möchte keine westlichen Erzählungen über die queere Geschichte Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas. Ich möchte, dass die Menschen, die diese Realitäten leben, ihre eigenen Geschichten erzählen.
Aber das ist leichter gesagt als getan. Es gibt immer noch über 64 Länder, in denen es illegal ist, LGBT+ zu sein. So viele Menschen, die potenziell zu Wikipedia beitragen könnten, haben überhaupt keinen Zugang zu finanzieller Unterstützung. Hinzu kommt, dass vielen von ihnen Computer, eine stabile Internetverbindung und auch Recherchematerialien fehlen. Eine weitere wichtige Herausforderung ist die Sicherheit. Wie können wir die Sicherheit der Mitwirkenden in Ländern gewährleisten, in denen sie diskriminiert werden, während sie versuchen, queere Geschichte zu dokumentieren? Um diese Dinge anzugehen, sind wir auf Spendengelder angewiesen.
Irgendwo in Afghanistan, Nigeria, Somalia, im Irak oder sogar an Orten, von denen man glaubt, dass dort solche Geschichten nicht existieren, gibt es vielleicht einen jungen Menschen, der auf der Suche nach seiner Identität ist. Und oft ist das Internet der erste Ort, an den sie sich wenden. Die erste Quelle, auf die sie stoßen, ist möglicherweise Wikipedia. Wenn sie dort ihre Geschichte nicht finden, glauben sie vielleicht, dass das, was andere im Negativen über sie sagen, wahr ist. Und genau deshalb brauchen wir finanzielle Unterstützung – um unserer Community dabei zu helfen, diese Geschichten zu schreiben, für diese Menschen – insbesondere in nicht-westlichen Regionen und an Orten, an denen viele Widrigkeiten herrschen.
Was sind darüber hinaus die Hürden für eine bessere Sichtbarkeit von LGBT+ auf Wikipedia?
Eines der größten Herausforderungen ist die Relevanz. Wikipedia basiert auf dem Konzept der Relevanz. Das heißt, man muss etwas Bedeutendes geleistet haben und Quellen vorweisen können, die das belegen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass Relevanz oft anhand der Berichterstattung durch seriöse Medien definiert wird.
Wenn man aber in einem Land lebt, in dem die Medien LGBT+-Personen bewusst ignorieren, wird man – egal, wie viel man geleistet hat – möglicherweise nie „bedeutend genug“ sein, um in der Wikipedia aufgenommen zu werden. Und das ist etwas, was viele Menschen nicht verstehen.
Es gibt drei Gruppen, die von einem Wikipedia-Artikel profitieren: die Person, die ihn schreibt, die Person, die ihn liest, und die Person, um die es in dem Artikel geht.
Wenn man über jemanden schreibt, schafft man Wissen. Wenn man ihn liest, lernt man etwas. Und wenn man die Person ist, über die geschrieben wird, erfahren mehr Menschen etwas über einen und schreiben wiederum über einen, wodurch neue Quellen entstehen. Kurz gesagt: So wird man ein Teil der Geschichte. Wenn wir also nicht anfangen können, über queere Geschichten zu schreiben, werden Menschen, die nach queeren Geschichten suchen, diese nicht finden. Und die queere Person, die großartige Arbeit geleistet hat, wird aus der Geschichte ausgeblendet.
Du setzt dich seit vielen Jahren für die Rechte von LGBT+ ein, insbesondere in Afrika. Was gibt dir Hoffnung, und was bereitet dir Sorgen?
Im Jahr 2002, als ich 24 Jahre alt war, gab es außer Südafrika kein einziges Land in Afrika, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen entkriminalisiert waren. Heute gibt es etwa acht Länder, die gleichgeschlechtliche Beziehungen entkriminalisiert haben. Das klingt vielleicht nicht nach einer überwältigenden Zahl, aber es gibt mir Hoffnung.
Ich glaube, ich gehe heute anders an Aktivismus heran als damals, als ich jünger war. Früher war mein Aktivismus sehr auf Kurzstreckenläufe ausgerichtet. Ich konnte es nicht ertragen, wenn nicht sofort etwas passierte – dann hatte ich das Gefühl, es würde nie passieren. Jetzt verstehe ich immer mehr, dass Dinge ihre Zeit und einen eigenen Rhythmus haben.
Das bedeutet nicht, dass wir jemals Ungerechtigkeiten akzeptieren sollten. Es bedeutet, dass wir verstehen, dass Menschen und Gesellschaften sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegen. Wie bei einem Parkrun: Manche laufen fünf Kilometer in 30 Minuten, andere brauchen viel länger. Aber sie laufen alle auf die Ziellinie zu. Wenn du mich also nach Afrika fragst, blicke ich optimistisch in die Zukunft. Aber ich bin trotzdem wütend über die Gegenwart. Und ich denke, beide Gefühle sind berechtigt.
Welche Botschaft möchtest du in diesem Pride-Monat an LGBT+-Menschen und insbesondere an junge queere Menschen richten?
Was auch immer du gerade durchmachst, welche Fragen du auch immer hast, welche Ängste dich nachts wach halten – eines Tages wird es vorbei sein. Das gehört zu deinem Lebensweg dazu. Lass dich davon nicht überwältigen. Wenn es dir zu viel wird, suche dir Hilfe. Suche dir eine Community. Suche dir Unterstützung. Ich habe genau das damals getan. Und deshalb bin ich immer noch hier.
Selbst als es in meiner Vergangenheit sehr schwer und sehr düster war, habe ich versucht, einen Weg zu finden, positiv zu bleiben. Wenn Menschen sagen „Es wird besser“, ist das kein Klischee. Es ist eine Tatsache. Es wird besser, und es wird auch für dich besser werden – ganz gleich, wer du bist und wie alt du bist.
Und wenn du zu Wikipedia beitragen möchtest, musst du das nicht alleine tun. Melde dich bei uns. Wikimedia LGBT+ ist auf Instagram, auf Mastodon, auf Facebook, auf LinkedIn und auch auf X vertreten. Melde dich einfach, schick uns deine Fragen, nimm an unseren Programmen teil oder sag uns einfach Bescheid, wenn du eine Veranstaltung organisieren möchtest – wir unterstützen dich sehr gerne in jeder Hinsicht. Wir sind mit Nutzergruppen in etwa 15 Ländern weltweit vertreten. Selbst an Orten, an denen man meinen könnte, dass es uns gar nicht geben sollte, haben wir eine Gruppe.
Wie können Verbündete aus der weiteren Community die Arbeit von Wikimedia LGBT+ unterstützen?
Wenn ihr Geschichten, Briefe, Fotos oder Dokumente aus euren Familienoder Communitys habt – teilt sie mit uns. Lasst uns die Geschichten der queeren Menschen bewahren, die die Welt, in der wir heute leben, mitgeprägt haben.
Vielleicht gibt es irgendwo einen jungen Menschen – einen Jungen, ein Mädchen, eine junge Transperson, eine junge nicht-binäre Person –, der oder die sich fragt, wer er oder sie ist. Und dieses Dokument, diese Geschichte, dieser Beitrag eines Verbündeten können einen Unterschied für diese Person machen.
Und schließlich: Schweigt nicht angesichts von Diskriminierung, Missbrauch und Unterdrückung. Erhebt eure Stimme. Denn das ist es, was Verbündete tun.
Wir bedanken uns für das Gespräch.