Gesichter der Wikipedia
Wie Nicola mit der Kölner Wikipedia-Community gegen das Vergessen arbeitet
Patrick Wildermann
11. Juni 2026
Takeaways:
- Wikipedia kann im persönlichen Leben mehr sein als ein Hobby: Für Nicola wurde das Schreiben von Artikeln in einer schwierigen Lebensphase zum sinnstiftenden Anker.
- Leidenschaft für ein Nischenthema kann eine ganze Enzyklopädie bereichern: Nicola hat den Bereich Bahnradsport in der Wikipedia nahezu im Alleingang aufgebaut – mit Artikeln, Fotos und Portraits.
- Das Lokal K in Köln zeigt, wie lokale Räume Community schaffen: Gemeinsames Kochen, Quatschen und Arbeiten an Wikipedia-Artikeln verbinden Menschen über die digitale Welt hinaus.
- Wikipedia ist auch ein Ort des Gedenkens: Nicola nutzt die Plattform gezielt, um wenig bekannte Verbrechen der NS-Zeit sichtbar zu machen und Erinnerung zu bewahren.
- Artikel lassen sich verbessern – und das hat Wirkung: Der Artikel zur Keupstraße wurde von der Kölner Community grundlegend überarbeitet und ist heute dreimal so lang wie zuvor.
Nicola, wie bist Du Wikipedianerin geworden?
Ich bin von Beruf Journalistin, habe Geschichte studiert und schreibe für mein Leben gern. Meine Arbeit in der Wikipedia hat um das Jahr 2008 herum so richtig angefangen. Damals ging es mir nicht gut, ich hatte Schlafstörungen. Nachts Wikipedia-Artikel zu schreiben, hat mich gerettet. Im Ernst: Ohne die Wikipedia wäre ich vielleicht Alkoholikerin oder tablettenabhängig geworden.
Worüber hast Du damals geschrieben?
Über Bahnradsport, mein Herzensthema. In dieser Zeit habe ich dazu quasi den kompletten Themenbereich in der Wikipedia aufbereitet. Bis dato gab es nur eine Liste, wann und wo welche Weltmeisterschaft stattgefunden hat. Ich habe aus jeder einzelnen Weltmeisterschaft einen eigenen Artikel gemacht. Danach widmete ich mich den „roten“ Radsportlerinnen und Radsportlern – also Menschen, die noch keinen Eintrag in der Wikipedia hatten. So hat sich das entwickelt. Irgendwann landete ich bei aktuellen Radsportlern und stellte fest: Es gibt überhaupt keine Fotos von denen. Seitdem fahre ich zu Meisterschaften und mache Portraitfotos für die biografischen Artikel. Bahnradfotos in Action sind natürlich auch toll, aber man möchte doch wissen, wie die Leute ohne Helm und Brille aussehen.
Wie hat Dir das Schreiben in der Wikipedia durch die Krise geholfen?
Ich schrieb Artikel, bis ich vor Erschöpfung vom Stuhl gefallen bin – aber mit dem Gefühl: Ich tue etwas Sinnvolles.
Ich bekam auch gutes Feedback. Wenn es einem schlecht geht, dann hilft es eben, dass man trotzdem etwas zur Gemeinschaft beitragen kann. Mittlerweile beschäftige ich mich zwar immer noch mit Bahnradsport, aber ich schreibe auch noch über viele andere Themen. Über Historisches, oder auch über den Nahttrenner, ein Schneiderwerkzeug. An solchen Alltagsgegenständen habe ich großen Spaß. Ich bin Rentnerin und viel zu Hause, ich suche eigentlich immer nach Themen für die Wikipedia. Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen einen Beitrag über eine interessante Person sehe, schaue ich gleich nach: Hat die oder der schon einen Artikel?
Was bedeutet es für Dich, als Wikipedianerin Teil einer Community zu sein?
Seitdem wir in Köln das Lokal K haben, ist das für mich der Anlaufpunkt für den Austausch mit anderen. Ich war zwar an der Gründung nicht beteiligt, aber ich gehöre jetzt schon lange zur Kölner Community. Die hat ja sogar den Ehrenamtspreis der Stadt Köln bekommen. Das ist übrigens meine Schuld, weil ich sie dafür vorgeschlagen habe – ohne jemandem ein Wort davon zu verraten (lacht). Als der Preis wirklich an das Lokal K ging, war das eine schöne Überraschung. Auch für mich, ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich klappt.
Was macht ihr im Lokal K?
Wir quatschen, kochen und essen. Nach dem Essen kommen dann meist die Wikipedia-Themen auf. Einer sagt: Ich habe da mal eine Frage, könnt ihr mir helfen? Und schon sind wir mittendrin in der Diskussion.
Es gibt ja heute immer weniger Gemeinschaften, deswegen mag ich dieses Community-Gefühl, das wir als Wikipedianer haben. Die Post bei mir in Köln-Nippes ist inzwischen geschlossen, womöglich macht auch die Apotheke bald dicht. Die Orte verschwinden, wo man überhaupt noch mit Leuten ins Gespräch kommen kann. Mit solchen Kleinigkeiten fängt es an, dass eine Solidargemeinschaft auseinander bröckelt.
Wie bist Du für Dein Fachgebiet, den Bahnradsport, entflammt?
Ich habe ein Buch über den Kölner Bahnradsportler Albert Richter geschrieben, der von der Gestapo ermordet wurde – als einer von zwei deutschen Sportlern, die während der NS-Zeit aus politischen Gründen getötet wurden. Bis zu dieser Beschäftigung hatte ich null Ahnung vom Bahnradsport. Das war Anfang der 90er Jahre. Wenn es ein Boxer gewesen wäre, würde ich heute vielleicht über Boxsport schreiben! Aber so fing ich eben an, mich mit dem Bahnradsport und seiner Geschichte zu beschäftigen.
Du sagtest, Du hast auch Geschichte studiert…
Ich habe zum Beispiel auch einen großen Überblicksartikel über die Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg geschrieben. Im vergangenen Sommer war ich in Apeldoorn, wo es eine wunderbare Radrennbahn gibt. Wie ich erfuhr, befand sich auf dem Gelände direkt gegenüber früher ein jüdisches psychiatrisches Krankenhaus. Die Nazis haben aus diesem Krankenhaus vom Bahnhof Apeldoorn aus 1200 Menschen direkt nach Auschwitz deportiert. Das hat mich schwer erschüttert. Ich hatte die Radrennbahn vorher schon ein, zwei Mal besucht, aber das wusste ich nicht.
Du setzt Dich auch mit Rechtsextremismus heute auseinander. Als Kölner Wikipedianer*innen habt ihr in diesem Jahr gemeinsam eine Ausstellung über die Keupstraße besucht – was war der Impuls?
Die Keupstraße ist eine türkisch geprägte Geschäftsstraße in Köln, mein Sohn wohnt dort um die Ecke, ich gehe da gerne hin. Der NSU hat dort 2004 einen schrecklichen Anschlag mit einer Nagelbombe verübt. Der ursprüngliche Wikipedia-Artikel stellte die Keupstraße allerdings sehr problematisch dar, unter anderem hieß es, sie sei ein Brennpunkt für Kriminalität. Als wir im Lokal K saßen, sagte ich zu Superbass: den müssen wir dringend aktualisieren. Superbass hat sich der Sache angenommen, inzwischen ist der Artikel dreimal so lang. In diesem Zuge wurden wir auch darauf aufmerksam, dass es in Köln eine Ausstellung über das Attentat gibt. Von der ehrenamtlichen Initiative, die sie organisiert hat, bekamen wir als Wikipedianer eine Führung.
Was hat Dich an der Ausstellung beeindruckt?
Wie groß die Nägel in der Bombe waren. Das war erschreckend. Man kann solche Nägel dort aus einer Kiste herausnehmen und sehen, wie groß und schwer die sind. Außerdem gibt es ein Video, auf dem die Attentäter zu sehen sind – wie sie kurz vor dem Attentat das Rad, auf dem sich die Bombe befand, genau an dem Gebäude vorbeischieben, in dem jetzt die Ausstellung stattfindet. Das Bild hat sich mir eingebrannt.
Womit beschäftigst Du Dich aktuell?
Ich arbeite gerade an einem Artikel über ein Massaker in einem Zwangsarbeiterlager hier in Köln im Mai 1945, kurz vor Kriegsende, das bis vor ein paar Jahren noch relativ unbekannt war. Anlässlich einer Gedenkstunde erschien ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger, der mich darauf aufmerksam gemacht hat.
Warum ist es wichtig, diese Erinnerung wach zu halten und sie in der Wikipedia allen zugänglich zu machen?
Ich stamme aus einer zutiefst sozialdemokratischen, zum Teil kommunistischen Familie. Mein Großvater hat Flugblätter im Widerstand verteilt und sich geweigert, die Hakenkreuz-Fahne rauszuhängen. Dafür bin ich äußerst dankbar. Ich bin auch von meinen Eltern in dem Bewusstsein erzogen worden, dass wir Erinnerungen weitergeben müssen, damit Geschichte sich nicht wiederholt.
Was würdest Du jemandem raten, der in der Wikipedia mitmachen möchte?
Erstmal sollte die- oder derjenige eine Leidenschaft mitbringen – für ein bestimmtes Thema oder fürs Schreiben an sich. Und die Leidenschaft dafür, sein Wissen zu teilen. Das sind die besten Voraussetzungen. Man darf auch nicht erwarten, dass man sofort von allen Beifall bekommt oder gelobt wird. Das musste ich auch erst lernen. Wichtig ist, dass man von seiner eigenen Arbeit überzeugt ist: Ich finde meinen Artikel gut, egal, was andere sagen.
Auf welchen Artikel von Dir bist Du besonders stolz?
Auf den Artikel über die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf. Alle haben mir gesagt: Darüber kann man keinen Artikel schreiben. Ich dachte nur: Euch zeig ich’s! Mit der tätigen Unterstützung eines Düsseldorfers habe ich diesen Text geschrieben. Hinterher hieß es: Oh, wie schön!
Jetzt selbst Teil der Wikipedia-Community werden
Wer Lust hat, eigenes Wissen einzubringen oder die Wikipedia zu verbessern, kann auf verschiedenen Wegen einsteigen.
Schau in einem der sechs lokalen Community-Räume vorbei und lerne Wikipedianer*innen kennen z. B. im Lokal K in Köln.
Sprechstunden vor Ort: In vielen Städten gibt es regelmäßige Treffen für Interessierte.
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