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Interview

So kommt mehr Wissen aus Afrika in die Wikipedia 

Wikipedia prägt, was wir über die Welt wissen und damit auch unsere Gesellschaften. Dabei sind in der größten Online-Enzyklopädie der Welt viele Perspektiven noch nicht ausreichend vertreten. Zum Beispiel sind Beiträge zur afrikanischen Kultur und Geschichte immer noch unterrepräsentiert. Wir haben über das Thema mit Mohammed gesprochen, der in seiner Heimat Ghana angefangen hat, sich für Wikipedia zu begeistern und inzwischen hauptamtlich für Wikimedia Deutschland arbeitet.

Zarah Ziadi

7. Dezember 2023

Mohammeds Beziehung zu Wikimedia-Projekten begann bereits während seines Studiums, als er zunächst bei Wikipedia mitschrieb. Als Community Communications Manager in der Softwareabteilung von Wikimedia Deutschland hat er diesen Herbst die WikiIndaba in Marokko besucht. Das ist eine Konferenz, die Wikimedia Community-Mitglieder und Interessierte zusammenbringt, um dem Wissen der Welt afrikabezogene Inhalte beizusteuern. Seit der ersten WikiIndaba 2014 in Südafrika gab es acht Wiederholungen in verschiedenen Ländern. Für Mohammed ist die Konferenz unverzichtbar, damit die afrikanische Community weiter wächst und gedeiht.

Hallo Mohammed! Warum ist es so wichtig, dass die afrikanischen Wikimedia-Projekte weiter wachsen?

Hi! Die aktive Beteiligung an Wikimedia-Projekten in Afrika begann erst vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, was eine erhebliche Wissenslücke geschaffen hat, an deren Schließung die Community-Mitglieder in der Region hart arbeiten. Über die Schließung dieser Lücken hinaus ist das Wachstum der Wikimedia-Projekte in Afrika von wesentlicher Bedeutung, um eine stärkere Vertretung afrikanischer Stimmen zu gewährleisten. Diese stärkere Vertretung soll zu einer genaueren Darstellung der afrikanischen Kulturen, Geschichten und Erzählungen auf der globalen Bühne führen. Darüber hinaus trägt eine breite Beteiligung von Menschen aus der Region dazu bei, Stereotype abzubauen: In der Vergangenheit wurden Informationen über Afrika oft von Nicht-Afrikaner*innen präsentiert, was zu falschen Vorstellungen führte.

Wenn du dich an deine Kinder bzw. Teenagertage zurückerinnerst: Wie war deine erste Begegnung mit dem Internet? 

Meine erste Begegnung fand wahrscheinlich auf dem Handy meiner Schwester statt, als ich ein Teenager war. Ich lud neue Hintergründe, Klingeltöne und Spiele herunter. Was mir am Internet gefiel, war die Möglichkeit, Informationen zu jedem Thema zu erhalten, was meine Neugierde anspornte. Das veranlasste mich auch dazu, Internetcafés zu besuchen, wo ich mir eine Yahoo E-Mail-Adresse einrichtete und während der Blütezeit von MySpace mit anderen in Kontakt trat. Das Internet wurde zu einem Tor zu Informationen und sozialen Kontakten. Schließlich kaufte meine Familie einen Desktop-Computer. Wahrscheinlich als Geheimplan, um mich im Haus zu halten. Nun, er hat funktioniert!

Wie bist du das erste Mal mit Wikipedia in Berührung gekommen?

Während meiner Zeit an der Universität in Ghana stieß ich auf ein Tool namens WikiTaxi, das es mir ermöglichte, eine Offline-Kopie von Wikipedia herunterzuladen und zu nutzen, ohne mich um einen Internetzugang und die damit verbundenen Kosten kümmern zu müssen. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie ich zu diesem Tool gekommen bin, aber es war wie ein Zauberstab für mich. Ich lernte, wie man diese Dumps herunterlädt und ich teilte sie mit meinen Mitbewohner*innen und Freund*innen.

Wie bist du dazu gekommen, dich ehrenamtlich an Wikimedia-Projekten zu beteiligen?

Alles begann, als ich nach Informationen zu Themen aus meiner Region suchte, z. B. über meine Heimatstadt Tamale oder lokale Persönlichkeiten. Die Erkenntnis, dass ich selbst zur Erstellung dieser Themen beitragen kann, markierte den Beginn meiner Reise mit Wikimedia-Projekten. Sie führte mich von meiner Rolle als Nutzer zu einem aktiven Freiwilligen über ein Community-Mitglied und schließlich zu einem Organisator. Nach und nach entdeckte ich die anderen Wikimedia-Projekte und trug ab 2013 auch zu Wikimedia Commons und Wikidata bei. Anfangs war Wikidata für mich nicht so richtig greifbar, sodass ich mich damit nur beiläufig beschäftigte. Erst seit 2016 erstelle ich ernstzunehmende Beiträge und bin ein begeisterter Wikidata-Editor.

Als du angefangen hast in der Wikipedia Artikel zu verfassen, gab es keine Texte in deiner Muttersprache Dagbani. Heute gibt es eine Dagbani-Wikipedia mit über 8.000 Artikeln – wie kam es dazu?

Als ich erkannte, dass Wikimedia-Projekte in verschiedenen Sprachversionen existieren, war ich entschlossen, dafür zu sorgen, dass meine Sprache, Dagbani, einen Platz unter ihnen bekommen sollte. In der Anfangsphase war es eine Herausforderung, Unterstützung für die Erstellung von Dagbani-Inhalten zu finden, und mehrere Jahre lang arbeitete ich allein.

Heute ist die Situation zum Glück eine andere: Mehr als 30 aktive Editor*innen tragen mit Dagbani-Inhalten zu den Wikimedia-Projekten bei. Neben den vielen Artikeln in der Dagbani-Wikipedia, gibt es über eine Million Wikidata-Elemente und Lexeme, die Dagbani-Text enthalten und eine große Anzahl von Medien auf Wikimedia Commons, die die Kultur und Gesellschaft der Dagbani darstellen. Dieses Wachstum zu sehen, erfüllt mich mit großem Stolz. Es spiegelt nicht nur mein persönliches Engagement wider, sondern auch das einer Community, die sich für den Erhalt und den Austausch unserer Sprache und Kultur auf globaler Ebene einsetzt.

Auf der diesjährigen WikiIndaba warst du einer der wenigen, der Wikidata und Lexeme vorgestellt hat. Kannst du die Projekte kurz erklären und warum sie wichtig sind?

Wikidata ist eine freie Wissensdatenbank, die auf Fakten und Referenzen basierend Daten zur Verfügung stellt, die von Menschen und Maschinen bearbeitet und wiederverwendet werden können. Man kann sich das als eine riesige magische Bibliothek vorstellen – sie enthält Informationen zu allem, was man sich vorstellen kann – von unserem/r Lieblings-Superheld*in bis zum höchsten Berg der Welt. Jeder Eintrag zu einem Thema oder Konzept ist wiederum mit weiteren Informationen verknüpft. Ein Beispiel: In unserer magischen Bibliothek besitzt der Kilimandscharo anhand dieser Verknüpfungen eine Art eigenes Buch, das mit einer eindeutigen ID ausgewiesen wird. Dieses Buch enthält alle Arten von Informationen über den Berg – z. B., dass er im Kilimandscharo-Nationalpark in Tansania steht oder sein höchster Punkt Mount Kibo heißt. Und wenn jemand neue Informationen hat, kann er oder sie diese einfach dem Buch hinzufügen.

Und was genau sind Lexeme?

Bis 2018 beschrieb Wikidata nur Themen und Konzepte. Jetzt umfasst es auch Phrasen und alle Wortarten einer Sprache. Diese werden als lexikografische Daten oder kurz Lexeme bezeichnet. Betrachten wir zur Veranschaulichung das deutsche Substantiv “Maus”: In Wikidata funktioniert das Lexem für “Maus” wie ein Container, der alle seine verschiedenen Formen wie “Maus” (Singular), “Mäuse” (Plural), Verwendungsbeispiele und mehr umfasst. Darüber hinaus umfasst dieses Lexem mehrere Bedeutungen des Wortes, wie z. B. das Tier oder das Computergerät.

Lexeme in Wikidata sind für die Erhaltung der sprachlichen Vielfalt von entscheidender Bedeutung. Diese Daten können Wikimedia-Projekte wie Wiktionary unterstützen, als Grundlage für die Entwicklung von digitalen Sprach-Tools dienen und zur linguistischen Forschung beitragen. Wikidata kann wiederum dabei helfen, die Komplexität der Welt zu modellieren und zu verstehen. Es bietet strukturierte Daten in zahlreichen Sprachen, die mit externen Ressourcen verbunden werden können, um verknüpfte offene Daten im Internet zu bilden. Außerdem erleichtert es die Zusammenarbeit zwischen Wikidata-Editor*innen in hunderten von Sprachen, wovon vor allem die weniger vertretenen Communitys profitieren.

Wenn du die Situation der Wikimedia-Projekte und den Zugang zu Freiem Wissen in Ghana heute mit der Zeit vergleichst, als du ein Teenager warst – was hat sich verändert?

Das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich an Wikimedia-Projekten und Initiativen für Freies Wissen zu beteiligen, sind deutlich gestiegen. Besonders hervorzuheben ist, dass es eine bemerkenswerte Verschiebung hin zu einer aktiven Beteiligung an der Produktion Freien Wissens gibt, anstatt nur passiv zu konsumieren. Trotz der strukturellen Herausforderungen in der Region, mit denen Editor*innen und Organisator*innen zu kämpfen haben, tragen immer mehr Menschen zum Reichtum des im Internet verfügbaren Freien Wissens bei.

Was sollte sich deiner Meinung nach noch ändern und wo ist der Zugang zu Freiem Wissen in Gefahr? Sowohl in Ghana als auch in Deutschland?

In Ghana unternimmt die Regierung Anstrengungen, um Initiativen für den freien Zugang zu Wissen zu fördern. Das aktive Engagement in diesen Initiativen betrifft jedoch hauptsächlich die jüngere Bevölkerung. In Deutschland hingegen scheint sich bisher eher die ältere Generation von den Initiativen für Freies Wissen angesprochen zu fühlen.

Idealerweise ist in beiden Regionen ein umfassenderer Ansatz erforderlich, bei dem Menschen aller Altersgruppen aktiv zu Freiem Wissen beitragen. Dieser Ansatz würde die Landschaft bereichern, indem er verschiedene Stimmen und Perspektiven einbringt. Der gemeinsame Austausch von Erkenntnissen zwischen Ghana und Deutschland kann beispielsweise dazu beitragen, einen integrativen und generationenübergreifenden Ansatz zu finden.

Wir bedanken uns für die Einblicke und das interessante Gespräch!

Neben weiteren Beiträgen aus afrikanischen Ländern, gibt es natürlich noch viel mehr, was die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte bereichern könnte. Wer noch Wissenslücken entdeckt, ist herzlich willkommen, den ersten Beitrag dafür zu verfassen oder einfach nur eine fehlende Information zu ergänzen. Hier geht’s zum Mitmachen bei Wikipedia und bei Wikidata. Wir freuen uns auf euch!

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