Wikimedia & Wikipedia in der Ukraine #2: Portrait von Wikimedia Ukraine

Wikimedia Ukraine besteht seit 13 Jahren als eigenständiges Chapter. Im ersten Teil dieser Doppelfolge unseres Ukraine-Blogs werfen wir einen Blick auf die Geschichte von WMUA, die unter anderem zu den Wurzeln des Fotowettbewerbs „Wiki Loves Earth“ führt.

  • Patrick Wildermann (freier Redakteur)
  • 28. September 2022

Teil 1: Geschichte

In den ersten Jahren bestand das Team von Wikimedia Ukraine (WMUA) ausschließlich aus Freiwilligen. Überhaupt war die Idee, ein eigenes nationales Chapter zu gründen, ein Impuls aus der Community. „Der Wunsch, eine Organisation aufzubauen, kam aus den gleichen Gründen auf wie in anderen Ländern“, sagt Anton Protsiuk, heute Programmkoordinator von WMUA: „Feste Strukturen zu haben und die Vorzüge der institutionellen Unterstützung genießen zu können, eröffnet schlicht mehr Möglichkeiten für Projekte“. 

Bereits seit 2004 existierte eine Wikipedia-Ausgabe in ukrainischer Sprache, am 31. Mai 2009 wurde die formelle Gründung von WMUA vollzogen.

Der Fokus lag anfangs ganz auf der Unterstützung der bestehenden Community, unter anderem wurde eine eigene Bibliothek aufgebaut, in der Freiwillige sich Bücher für ihre Recherchen zu Wikipedia-Artikeln ausleihen konnten. Zudem wurde 2011 eine ukraineweite Konferenzreihe gestartet, die auch als Begegnungsplattform dienen sollte, um neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Wozu darüber hinaus regelmäßige Wikipedia-Training-Sessions abgehalten wurden, unter anderem an Universitäten. Wobei Protsiuk betont: „Das Wichtigste ist in meinen Augen die Frage: Wie behalten wir diejenigen an Bord, die bereits beitragen? Dafür hat kein Chapter ein Patentrezept“.

Ein weiteres wichtiges Projekt aus der Frühphase von WMUA war die Digitalisierung wertvoller Musikaufnahmen aus dem Institut für Informationsaufzeichnung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Hier lagerten Phonographenzylinder (auch: Phonographenwalzen) mit folkloristischer Musik der besonderen Art: ukrainische Dumas, eine Art gesungene Poesie mit Begleitung auf dem Saiteninstrument Kobza oder der Leier. Die Tradition dieser Musiker – der Kobzari und Lirnyky – riss in den 1930er Jahren ab, weil sie der Verfolgung zum Opfer fielen. Eine Gruppe ukrainischer Intellektueller unternahm Anfang des 20. Jahrhunderts den Versuch, ihre Kunst auf Phonographenzylindern zu bewahren. Das Problem: Mit jedem Abspielen dieser Tonträger verschlechtert sich die Qualität der Wiedergabe. Im Dezember 2013 bearbeitete und katalogisierte Iryna Dovhalyuk für WMUA die Sammlung des Instituts – und digitalisierte insgesamt 56 Zylinder, die nun unter freier Lizenz verfügbar sind. Ein bedeutendes für das ukrainische Kulturerbe.

Das Chapter wächst

Programmkoordinator Anton Protsiuk zählt nicht selbst zum Gründungsteam von WMUA. Er hat 2012 begonnen, als Freiwilliger zur ukrainischen Wikipedia beizutragen. Zum einen, „weil ich die Idee des Freien Wissens und die gesamte Open-Bewegung inspirierend finde“. Zum anderen, um die ukrainische Sprache voranzubringen. Und schließlich, „weil das Verfassen eines Wikipedia-Artikels die größte denkbare Plattform bietet, um Informationen zu verbreiten. Wenn ich auf meinen Social Media Accounts etwas poste, lesen das 20 meiner Freunde. Ein Wikipedia-Beitrag zu einem wichtigen Thema findet in einem Monat zehntausende Leserinnen und Leser“. 

Protsiuks Hauptthema ist die US-amerikanische Geschichte und Politik – auch das Thema seiner Diplomarbeit. Sein größtes Projekt in der ukrainischen Wikipedia war eine detaillierte Liste der US-amerikanischen Präsidenten – inklusive Biografien und kurzer Zusammenfassungen, wofür sie am bekanntesten waren. 2017 ist Protsiuk Mitglied von Wikimedia Ukraine geworden, veranstaltete Training-Sessions und Artikel-Wettbwerbe, 2018 bekam er einen Vertrag als Projektmanager. Seit 2021 hat er die Verantwortung für sämtliche Programme und Projekte von WMUA.

Nach rund fünf Jahren seines Bestehens begann das Chapter, merklich zu wachsen und sich zu professionalisieren. „Es gab organisatorische Reformen, wir haben uns eine auf mehrere Jahre angelegte Strategie verordnet, ab 2014 hatten wir die ersten bezahlten Mitarbeiter“, erzählt Protsiuk. Zu dieser Zeit erhielt WMUA auch erstmals eine regelmäßige institutionelle Förderung durch die Wikimedia Foundation in San Francisco. Zuvor waren vor allem einzelne Projekte unterstützt worden. „Ab diesem Zeitpunkt haben wir uns graduell von Jahr zu Jahr entwickelt“. Heute hat WMUA zehn feste Stellen, vier Mitarbeitende sind in Vollzeit beschäftigt, die übrigen koordinieren in Teilzeit bestimmte Projekte und Programme. 

Die Wurzeln von „Wiki Loves Earth“  

Zum Beispiel kümmert sich ein Mitarbeiter speziell um „Wiki Loves Earth (WLE)“, den internationalen Fotowettbewerb rund um Naturdenkmäler und Naturschutzgebiete, der erstmals 2013 veranstaltet wurde – in der Ukraine, zunächst als rein ukrainisches Projekt. Auf einer Wikimedia-Konferenz in Berlin war im Jahr zuvor die Idee aufgekommen, zusätzlich zu „Wiki Loves Monuments (WLM)“ einen weiteren Wettbewerb ins Leben zu rufen, der den Kulturerbe- um den Naturschutzgedanken erweitern sollte.

Preisverleihung Wiki Loves Earth 2014; Мокрицький Павло, “Вікі любить Землю-2014”, CC BY-SA 3.0
Preisverleihung Wiki Loves Earth 2014; Мокрицький Павло, “Вікі любить Землю-2014”, CC BY-SA 3.0

„Projekte wie WLM und WLE sind extrem wertvoll auf mehreren Ebenen“, betont Protsiuk. „Zum einen helfen sie, die Datenbasis von Fotos unter freier Lizenz zum Thema Kultur- und Naturdenkmäler entscheidend zu vergrößern. Zum anderen lenken sie die Aufmerksamkeit auf die Herausforderungen und Probleme bei der Bewahrung dieses Erbes“. 

Bereits 2014 fand WLE dann international statt, mit 14 teilnehmenden Ländern. 2022 waren  rekordverdächtige 39 Wikimedia-Chapter aus aller Welt mit nationalen Ausgaben beteiligt. Wikimedia Ukraine selbst konnte wegen der russischen Invasion nicht teilnehmen – zunächst wurde ein Wettbewerb nur für bestimmte Regionen in Betracht gezogen. Aber selbst in nicht unmittelbar umkämpften Gebieten hätte das Fotografieren riskant werden können. Gegenwärtig ist die Ukraine das am stärksten verminte Land der Welt – fehlgeschlagene Granaten nicht berücksichtigt. 

Nach wie vor aber stellt WMUA das internationale Team zusammen, das den Wettbewerb beaufsichtigt und den lokalen Organisator*innen Unterstützung bietet.

Eine Besonderheit ist seit 2020 die zusätzliche Kategorie „Unangenehme Entdeckungen“. Im Kontext dieser Sondernominierung reichen die Teilnehmenden Fotos ein, die klare Verstöße gegen den Naturschutz dokumentieren, die leider keine Seltenheit sind – ganz im Geiste von WLE soll dafür ein Bewusstsein geschaffen werden. Allein 2020 wurden 373 Fotos hochgeladen, die brandgerodete Steppen, zerstörte Bäume, illegalen Bergbau und ähnliche Vergehen dokumentieren.

Mehr Freies Wissen über die Ukraine  

Die Aktivitäten von WMUA sind so vielfältig wie die internationalen Vernetzungen des Chapters, besonders in Ost- und Zentraleuropa. In der Ukraine selbst kooperiert WMUA seit Jahren vermehrt mit Schulen und Universitäten, um den richtigen Umgang mit der Wikipedia zu vermitteln. Zusammen mit dem größten ukrainischen Anbieter für Online-Learning entwickelt WMUA zudem Kurse, die sich speziell an Lehrkräfte richten.  

Auf internationaler Ebene arbeiten Protsiuk und sein Team beispielsweise eng mit Wikimedia Schweden zusammen – bei dem Projekt „Wiki Gap“, das darauf zielt, mehr Artikel über Frauen in den Wikipedien zu platzieren. Der Programmkoordinator von WMUA hebt auch den „Cultural diplomacy month“ hervor, der 2021 und 2022 veranstaltet wurde.

erstes WikiGap Treffen in Kiew, 2020; MeOlya, WikiGap Kyiv 01-03-2020 17, CC0 1.0
erstes WikiGap Treffen in Kiew, 2020; MeOlya, WikiGap Kyiv 01-03-2020 17, CC0 1.0

Das Ziel dieses „Monats der Kulturdiplomatie“ ist es, Menschen aus anderen Ländern einzuladen, in ihrer jeweiligen Wikipedia über die Ukraine zu schreiben. „Zuletzt sind dabei im Februar und März 2022 über 4000 Artikel zu ukrainischen Kulturthemen in 60 verschiedenen Sprachen entstanden“, erzählt Anton Protsiuk. „Daran zeigt sich die Diversität unserer Bewegung – und gleichzeitig entsteht viel Wissen über die Ukraine, das weltweit verbreitet wird“. 

Weiterlesen:

Dies ist der zweite Teil unserer Blog-Reihe „Wikimedia & Wikipedia in der Ukraine“. Hier geht es zu den weiteren bisher veröffentlichten Teilen: