Wikimedia & Wikipedia in der Ukraine #1: Ein Interview

Seit einigen Monaten hat Wikimedia Deutschland eine neue Mitarbeiterin: Oksana Rodikova unterstützt den Bereich Kommunikation und Events. Die vormalige Office-Managerin von Wikimedia Ukraine musste wegen des russischen Angriffskrieges ihre Heimatstadt Kiew verlassen. Zum Auftakt unserer Blogserie zu Wikimedia und Wikipedia in der Ukraine, die Oksana fortan betreuen wird, haben wir ihr einige Fragen gestellt. Ein Interview.

  • Patrick Wildermann (freier Redakteur)
  • 1. August 2022

Oksana, wie bist Du zur Wikimedia-Bewegung gekommen?

OKSANA RODIKOVA: Meine Geschichte mit Wikimedia hat tatsächlich erst im Herbst 2021 begonnen, während meines Studiums. Im ersten Jahr an der Universität in Kiew hatte ich ein Seminar bei einer Dozentin, die sich in der ukrainischen Wikipedia engagiert hat – und uns ebenfalls ermuntert hat, Artikel beizutragen. Das galt anstelle von Hausarbeiten oder Referaten. Das Thema war „antike römische Geschichte“, vom 5. Jahrhundert vor bis zum 5. Jahrhundert nach Christus. Wir Studierenden hatten die Wahl, entweder bestehende Artikel in die ukrainische Sprachversion zu übertragen, oder neue Artikel zu erstellen. Ich selbst habe einen sehr langen Artikel über eine Periode im Leben von Gaius Julius Caesar beigetragen.

Was genau studierst Du?

OKSANA: Ich bin an der historischen Fakultät eingeschrieben, am Lehrstuhl für antike und mittelalterliche Geschichte. Mein Schwerpunktthema, über das ich auch meine Diplomarbeit schreibe, ist Medizingeschichte. Konkret schreibe ich über „Wein in der Medizin des Mittelalters“. Momentan setze ich mein Studium neben der Arbeit bei Wikimedia fort, zu einem Teil online an der Kiewer Universität, zum anderen als Austauschstudentin an der Berliner Humboldt Universität am Institut für Geschichtswissenschaften. Allerdings setze ich meine Fähigkeiten dort ein bisschen anders ein und beschäftige mich mit Restaurierung und Rekonstruktion. Kürzlich habe ich zum Beispiel eine Virtual-Reality-Präsentation über einen alten Wappensaal in Österreich erstellt.

Wie ging es nach Deinen ersten Beiträgen in der Wikipedia weiter? Hast Du regelmäßig als Freiwillige gearbeitet?

OKSANA: Für ehrenamtliche Arbeit fehlte mir leider erst mal die Zeit, obwohl ich mich mit der Idee des Freien Wissens immer schon identifizieren konnte. Ich finde, Wissen sollte ebenso grenzenlos sein wie die Welt. Im Herbst 2021 habe ich mich dann entschieden, eine neue Arbeit zu suchen, die in Verbindung mit meinem Fach und meinen Interessen stehen sollte – und mich bei Wikimedia Ukraine beworben. Anton Protsiuk, der Programmkoordinator dort, hat ebenfalls an der historischen Fakultät studiert. Er hat mich als Office-Managerin eingestellt. Wobei die Position nicht vergleichbar ist mit der Struktur bei Wikimedia Deutschland, wir sind ein vergleichsweise kleines Chapter. In unserem Büro haben wir zu sechst gearbeitet, neben Anton als Chef unter anderem mit Managenden für die Bereiche Kommunikation, „Wiki Loves Monuments“, „Wiki Loves Earth“, für Bildung und Kultur sowie Buchhaltung.

Worin bestand Deine Arbeit bei Wikimedia Ukraine?

OKSANA: Ich war für die organisatorischen Abläufe zuständig, außerdem habe ich zum Beispiel Merchandise-Artikel für Vereinsmitglieder entworfen und verschickt. Ich mache auch Designarbeiten. Zuletzt haben wir Magneten mit den Gewinner-Fotos aus dem Wettbewerb „Wiki Loves Monuments“ herstellen lassen. Ein Teil meiner Arbeit war auch, Treffen mit ukrainischen Studierenden in verschiedenen Städten des Landes zu organisieren, denen wir erklärt haben, wie das Wikiversum funktioniert, die Wikimedia Foundation, die einzelnen Projekte. Zuletzt war ich zusammen mit Anton mit der Organisation einer Wikimedia-Konferenz beschäftigt, auf der wir über neue Governance-Strukturen für Wikimedia debattieren wollten. Sie hätte am 27. Februar 2022 stattfinden sollen, dazu kam es leider nicht mehr.

Wie sind die politischen Rahmenbedingungen für Freies Wissen in der Ukraine?

OKSANA: Die Regierung von Präsident Selenskyj hat ab 2019 einige Projekte von uns unterstützt. Es gab zum Beispiel das Programm „Kulturdiplomaten“, für das wir unter anderem mit dem Außenministerium zusammengearbeitet haben. Zuletzt stand der „Monat der Ukrainischen Kulturdiplomatie 2022“ auf dem Programm – ein Schreibwettbewerb, bei dem es darum ging, Artikel über die Kultur und die Menschen in der Ukraine in so vielen Sprachausgaben der Wikipedia wie möglich zu erstellen und zu verbessern. Wir hatten im Vorfeld eine Liste mit möglichen Themen aus den Bereichen Film, Musik, Theater, Literatur und Bildende Kunst erarbeitet, zum Beispiel „Die unabhängige ukrainische Filmszene“, „Ukrainische Oper“ oder „Zeitgenössische ukrainische Literatur“. Gerade nach den russischen Angriffen ist das Interesse an der Ukraine in den verschiedenen Sprachversionen stark gestiegen.

Wie sonst habt ihr versucht, neue Freiwillige für die Wikimedia-Projekte in der Ukraine zu gewinnen?

OKSANA: Wir sind, wie gesagt, eine relativ kleine Organisation mit circa 70 Mitgliedern, die meisten von ihnen und auch viele Freiwillige kennen wir persönlich und halten zu ihnen auch Kontakt, seit der Krieg begonnen wurde. Aber solche Themenmonate oder auch Themenwochen in der Wikipedia, die von Bannerkampagnen begleitet wurden, waren immer ein guter Weg, neue Ehrenamtliche zu gewinnen – oft gekoppelt an bestimmte historische Daten oder Persönlichkeiten. Zusammen mit dem Institut Polski haben wir eine Themenwoche zu Joseph Conrad veranstaltet, den die meisten als Autor von „Herz der Finsternis“ kennen. Er hat aber auch als polnischer Diplomat in der Ukraine gearbeitet. Mit dieser Themenwoche haben wir sowohl in der Ukraine, als auch in Polen neue Freiwillige gewonnen.

Für welche politischen Ziele habt ihr euch in der Zeit vor dem Krieg eingesetzt?

OKSANA: Wir haben unter anderem versucht, die Idee der Panoramafreiheit in die Gesetzgebung einzubringen – also die Forderung nach einer Einschränkung des Urheberrechts, die es Menschen ermöglichen soll, zum Beispiel bestimmte öffentliche Gebäude zu fotografieren. In vielen Fällen ist das schwierig, zum Beispiel, wenn es um Botschaften oder Konsulate anderer Länder auf dem Gebiet der Ukraine geht. Das Thema wird kontrovers diskutiert.

Wann hast Du Kiew verlassen?

OKSANA: Anfang März Kiew, Ende März die Ukraine. Ich habe in Kiew in der Nähe des Flughafens Schuljany gewohnt, der gleich am ersten Tag dieses Kriegs zerstört wurde. Das Leben in der Stadt wurde immer schwerer, es gab eine Sperrstunde, russische Soldaten sind bis in den Stadtteil Obolon vorgerückt, nicht weit von meinem Wohnort. Es waren permanent Detonationen und Sirenen zu hören. Zusammen mit einer Freundin habe ich entschieden, Kiew zu verlassen. In meine Heimatstadt zu fahren, kam nicht in Frage, weil sie in der Saporischschja-Region liegt, in der Nähe des Donbass. Wir wollten auch nicht in die Westukraine, weil bereits so viele Menschen dorthin geflüchtet waren. Also haben wir uns nach Süden orientiert, in eine Stadt nahe der Grenze zur Republik Moldau, wo die Eltern meiner Freundin leben. Aber sie haben nur eine kleine Wohnung, das war für mich keine Perspektive auf Dauer.

Konntet ihr nach Kriegsbeginn zunächst noch eure Arbeit bei Wikimedia aufrecht erhalten?

OKSANA: Nein, erst einmal nicht, zumal unser Büro sich in einem Gebäude der nationalen Rundfunkanstalt befindet, zu dem der Zugang beschränkt wurde. Selbst wenn wir gewollt hätten, wäre die Arbeit dort erstmal nicht mehr möglich gewesen. Und natürlich hatten wir alle auch zunächst andere Sorgen. Erst als der Krieg bereits eine Weile andauerte, haben Anton und einige Kollegen, die als Männer das Land nicht verlassen dürfen, die Arbeit wieder aufgenommen.

Wie hat Dich der Weg nach Berlin geführt?

OKSANA: Ich habe eine Mail an Wikimedia Deutschland geschrieben, ob ich dort arbeiten könne. Es kam auch sofort eine Antwort, dass ich willkommen sei und eine Mitarbeiterin mich in Berlin abholen könnte. Mein Plan war, mit dem Bus zur polnischen Grenze und von dort weiter nach Warschau und schließlich mit dem Zug nach Berlin zu fahren. Allerdings habe ich an der polnischen Grenze zwei Deutsche kennengelernt, die angeboten haben, mich im Auto nach Berlin mitzunehmen. Ich bin um drei Uhr morgens angekommen und wurde von Åsa Månsson abgeholt, unserer Leiterin im Team Strategie und Gremien.

An welchen Projekten arbeitest Du aktuell bei WMDE?

OKSANA: Ich bin jetzt Mitarbeitende im Bereich Kommunikation und Events, allerdings ist es wegen der Sprachbarriere schwer, selbst Projekte anzuschieben oder Ideen zu verwirklichen. Ich sehe mich als technische Mitarbeiterin, fotografiere zum Beispiel bei Events von WMDE.

Welche Wissenslücken über die Ukraine begegnen Dir in Deutschland?

OKSANA: Über unseren Unabhängigkeitstag am 24. August scheinen wenige Bescheid zu wissen – überhaupt darüber, seit wann die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion als eigenständiges Land besteht. Ein Problem ist auch, dass seit den 1990er Jahren die meisten Informationen über unser Land in russischer Sprache nach Europa gelangt sind – also mit entsprechender Einflussnahme.

Was ist in Deinen Augen gegenwärtig die wichtigste Aufgabe für Wikimedia Ukraine?

OKSANA: Das Wichtigste ist, überhaupt eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten und die Projekte wieder aufzunehmen, mit denen wir vorher befasst waren. Und natürlich ist ein Ziel, die ukrainische Wikipedia zu verbessern und Artikel, die dort falsche Informationen verbreiten, zu entfernen oder zu berichtigen.

Mehr Informationen über Wikimedia in der Ukraine, Interviews mit ukrainischen Ehrenamtlichen und Berichte von ihrer wertvollen Arbeit gibt es demnächst hier im Wikimedia-Blog – aufbereitet von unserer Mitarbeiterin Oksana.

  1. Liebe Oksana, herzlich willkommen. Wenn du Fragen oder Hilfe brauchst, melde dich. Ich bin auch aus der Ukraine. Ich fotografiere für Wiki Projekte. Lumelena

    Kommentar von Lumelena am 2. August 2022 um 11:02

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