Mit Wikipedia-Einträgen das Kulturerbe Afghanistans schützen

Eine Initiative vom International Council of Museums (ICOM) und Wikimedia Schweiz will zur Rettung des reichen afghanischen Kulturerbes beitragen. Alle können vom eigenen Laptop aus dabei mithelfen. Das ICOM-Team spricht in diesem Interview über das Projekt und die Situation in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban.

  • Christoph Diepes
  • 10. März 2022

Im August 2021 eroberten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul. Die islamistische Gruppierung gelangte damit knapp 20 Jahre nach dem Beginn der NATO-Intervention in Afghanistan zurück an die Macht. Seitdem blickt die internationale Gemeinschaft mit Sorge auf das Land. Neben der humanitären Situation ist auch das kulturelle Erbe erneut in Gefahr. Aus diesem Grund hat das International Council of Museums (ICOM) eine Rote Liste gefährdeter Objekte erstellt.

Auch die Wikimedia-Gemeinschaft unterstützt ICOM beim Erhalt dieser Kulturschätze. Die Zusammenarbeit kam durch das Schweizer Chapter von Wikimedia zustande. In diesem Interview erklären Sophie Delepierre, Ted Oakes und Alexandra Fernandez Coego von der ICOM, welche Erfolge es bislang gab und wie Menschen vom eigenen Computer aus dabei helfen können, das Kulturerbe Afghanistans zu retten.

Kulturelles Erbe in Afghanistan retten

Sophie Delepierre (Leiterin der Abteilung Denkmalschutz) und Ted Oakes (Koordinator für Denkmalschutz) informieren über die Situation in Afghanistan und die Bedeutung der von der ICOM veröffentlichten roten Listen.

Im Sommer 2021 sind die Taliban wieder an die Macht gekommen. Was bedeutet das für das kulturelle Erbe in Afghanistan? Was hat sich im Land seitdem bezüglich der Sicherheit von Objekten getan?

Jeder Konflikt und jede Katastrophe auf der Welt bedeutet eine Bedrohung für kulturelles Erbe. Die humanitäre und politische Krise in Afghanistan im Sommer 2021 ist da keine Ausnahme. Aus diesem Grund hat die internationale Museums- und Denkmalschutzgemeinschaft die Ereignisse in diesem Land mit Sorge beobachtet.

Was die Sicherheit von Kulturgütern anbelangt, gibt es nur sehr wenige bestätigte Informationen. Aber angesichts der schmerzhaften Erfahrungen, die das afghanische Volk in der Vergangenheit beim Schutz seines Erbes gemacht hat, ist die internationale Gemeinschaft bereit und mobilisiert, verfügbare Informationen auszutauschen. Wir müssen die sich entwickelnde Situation weiter beobachten. Es ist auch die Aufgabe internationaler Organisationen wie ICOM, bei solchen Ereignissen zu handeln und das Bewusstsein zu schärfen. Wie zuletzt am 17. August 2021, als ICOM eine Erklärung zur Lage des kulturellen Erbes in Afghanistan veröffentlichte.

Was bedeutet der Begriff „kulturelles Erbe“ in diesem Fall und warum muss es gerettet werden?

Kulturelles Erbe muss in einem weiten Sinne verstanden werden. Es umfasst alle Denkmäler, Museen und Stätten. Jegliches materielles und immaterielles Erbe der Menschheit gehört dazu. All diese Aspekte sind gefährdet. Insbesondere Vandalen und Diebe nutzen die lokale und regionale Instabilität aus, um Kulturgüter zu stehlen und sich persönlich zu bereichern. Andere wollen das kulturelle Erbe aus politischen oder religiösen Motiven zerstören. Es gibt eine Vielzahl von Bedrohungen für das kulturelle Erbe, die es besonders anfällig machen.

Was ist das Besondere am kulturellen Erbe Afghanistans?

Die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan erinnern uns unweigerlich an die Zerstörung und Plünderung des afghanischen Kulturerbes in den letzten Jahrzehnten. Viele Menschen, die sich um den Schutz der Geschichte dieses Landes bemühen, haben dabei ihr Leben riskiert. Kriminelle Organisationen haben vom Verkauf illegal ausgegrabener afghanischer Kulturgüter profitiert und Kulturerbestätten wurden irreversibel beschädigt. Ganze Kapitel der afghanischen Geschichte sind verschwunden. Es ist die Pflicht aller internationalen Organisationen, die sich mit dem Schutz des Kulturerbes befassen, und natürlich auch von Privatpersonen, alle notwendigen Anstrengungen zum Schutz des Erbes zu unternehmen.

Eine der Hauptaufgaben von ICOM ist es, den illegalen Handel mit Kulturgütern auf internationaler Ebene aktiv zu bekämpfen, damit diese Objekte nicht für immer dem Schwarzmarkt zum Opfer fallen. Denn es handelt sich nicht nur um Objekte, sondern um Zeugnisse des kollektiven Gedächtnisses und der Geschichte ganzer Gemeinschaften. Die Roten Listen von ICOM sind eine Art von Instrumenten, die zu diesem Zweck entwickelt wurden.

Wie wird festgelegt, was auf die Rote Liste gefährdeter Objekte kommt?

2006 veröffentlichte ICOM die Rote Liste der gefährdeten Objekte in Afghanistan. In dieser Liste sind die Arten von Objekten aufgeführt, die am stärksten von illegalem Handel und Plünderung bedroht sind. Die Auswahl der Objekte erfolgt nach sorgfältiger Recherche und Analyse der bestehenden Bedrohungen durch nationale und internationale Experten. Für jede Rote Liste werden die Objektkategorien nach ihrer Gefährdung, ihrer Nachfrage auf dem internationalen Kunst- und Antiquitätenmarkt und dem Umfang ihres Schutzes durch die nationale Gesetzgebung in ihrem Herkunftsland ausgewählt.

Im Fall der Roten Liste von Afghanistan gehören zu den aufgeführten Objekten baktrische Statuetten, Elfenbeinskulpturen, Manuskripte und buddhistische Skulpturen, um nur einige Kategorien zu nennen. Aber Rote Listen sind keine Listen gestohlener Objekte. Die meisten Objekte, die in einer Roten Liste aufgeführt sind, einschließlich der Roten Liste für Afghanistan, sind inventarisierte Objekte aus Museumssammlungen, die ICOM großzügig zur Verfügung gestellt wurden, um die Kategorien der gefährdeten Objekte zu veranschaulichen. Bei der Roten Liste für Afghanistan war die Zusammenarbeit zwischen dem Kabul Museum und dem British Museum besonders bemerkenswert.

Anhand der Bilder und Beschreibungen in diesen Listen können Polizei, Zollbeamte, Auktionshäuser, Sammler und alle anderen Akteure, die an der Verbreitung von Kulturgütern beteiligt sind, diese leichter identifizieren und ihre Vermarktung ohne ordnungsgemäße Herkunftsdokumentation verhindern.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat ICOM 18 Rote Listen veröffentlicht, die 57 Länder in Asien, Afrika, Südosteuropa, dem Nahen Osten, Lateinamerika und der Karibik abdecken.

Die Rote Liste hat dazu beigetragen, dass zwischen 2007 und 2009 über 1500 Objekte an das Nationalmuseum in Kabul zurückgegeben wurden. Wie steht es um die Museen Afghanistan, jetzt wo die Taliban wieder an der Macht sind? Was geschieht mit diesen Objekten?

Das ist nur ein Beispiel für die Rückgabe von afghanischen Kulturgütern. In diesem Fall wurde die Rückgabe dank der Bemühungen der britischen Behörden ermöglicht. Aber es gibt auch andere Beispiele für die Rückgabe afghanischer Kulturgüter, bei denen die Rote Liste von ICOM eine Rolle bei der notwendigen Sensibilisierung und dem Informationsaustausch über die Gefährdung des kulturellen Erbes dieses Landes auf internationaler Ebene gespielt hat. Leider ist es nicht immer möglich, diese Sensibilisierung zu messen. Was die aktuelle Situation der Sammlungen angeht, so hat ICOM die öffentlichen Informationen über die Wiedereröffnung des Nationalmuseums Ende November 2021 verfolgt.

Ein Projekt, bei dem jeder mitmachen kann

Alexandra Fernandez Coego (Leiterin der Abteilung Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit) gibt Auskunft über den aktuellen Stand.

Sie sprechen von einem „Sensibilisierungsprojekt“ – können Sie erklären, was Sie damit meinen?

Mit dem Aufkommen von sozialen Medien und E-Commerce-Plattformen werden illegale Geschäfte immer häufiger online abgewickelt. Mit diesem Projekt wollen wir das Bewusstsein für die Gefahr schärfen, die der illegale Handel für das kulturelle Erbe Afghanistans darstellt. Und wir wollen im Allgemeinen dafür sensibilisieren, wie das kulturelle Erbe Afghanistans bedroht wird.

Wikipedia, die größte Datenbank und Enzyklopädie der Welt, erschien uns als logischer Partner, um dies zu erreichen. Das Ergebnis, das wir uns von diesem Projekt erhoffen, ist ein besseres Verständnis für die Kategorien von gefährdetem Kulturerbe. So kann ein Internetnutzer, der auf einer E-Commerce-Plattform surft und ein verdächtiges Objekt findet, in der Lage sein, es zu erkennen und die Behörden darauf hinzuweisen.

Im September 2021 wurde der gemeinsame Aktionsaufruf von ICOM und WMCH veröffentlicht. Was ist seitdem im Projekt passiert?

Seit dem Beginn dieses Projekts haben war das Interesse sehr groß. Immer mehr Wikimedia Chapter verbreiten die Informationen über die Initiative in ihren jeweiligen Ländern. Auch in den Medien hat die Initiative viel Aufmerksamkeit erregt. Was die hochgeladenen und geänderten Elemente auf den Wiki-Plattformen betrifft, so hatten wir seit September 2021 424 gemeinsame Uploads, von denen fast 300 in Artikeln verwendet werden.

Warum ist die Zusammenarbeit mit Wikimedia wichtig für Sie und die Bemühungen?

Wir haben bereits in der Vergangenheit mit Wikimedia Schweiz bei verschiedenen Kampagnen zusammengearbeitet, etwa beim Internationalen Museumstag. Das Chapter sowie die breitere Wiki-Community haben sich als wertvolle und strategische Partner für ICOM erwiesen, um das Bewusstsein für verschiedene Themen des kulturellen Erbes zu schärfen.

Als wir darüber nachdachten, was wir tun könnten, um die Situation in Afghanistan zu verbessern, kamen wir auf diese Zusammenarbeit mit Wikimedia Schweiz. Wir sehen darin eine Möglichkeit, Informationen über die Rote Liste auf eine neue Art und Weise zu verbreiten: Indem wir die Öffentlichkeit dazu einladen, dieses gefährdete Kulturerbe kennenzulernen und Maßnahmen zu dessen Schutz zu ergreifen.

Was ist im Moment das Schwierigste an dem Projekt?

Die größte Herausforderung im Zusammenhang mit dem Projekt ist natürlich, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Afghanistan zu lenken. Schlagzeilen und Nachrichtenzyklen können für kurze Zeit große Aufmerksamkeit erregen, aber Projekte wie dieses brauchen über einen längeren Zeitraum hinweg nachhaltige und konstante Unterstützung, um Wirkung zu zeigen.

Was können Menschen hier in Deutschland tun, die sich beteiligen und helfen wollen?

Wir ermutigen die Leute, die Aktionsseite des Projekts zu besuchen. Dort können sie all die verschiedenen Möglichkeiten sehen, die sie haben, um einen Beitrag zu leisten – egal ob es erfahrene Wikipedianer*innen sind oder totale Anfänger. Das reicht von der Erstellung, Übersetzung oder Bearbeitung von Wikipedia-Artikeln zu den Kategorien des gefährdeten Kulturerbes bis hin zur Einspeisung und Vervollständigung strukturierter Daten in Wikidata.