Ohne unsere Mentorinnen und Mentoren wäre das Fellow-Programm Freies Wissen nicht das, was es ist: Sie sind es, die den Fellows über acht Monate hinweg mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie bei der Umsetzung ihrer Projekte unterstützen und mit der Community für Offene Wissenschaft vernetzen. Entsprechend positiv wurde das Mentoring von den Fellows der vergangenen Programmjahre bewertet.

Zum Start Programmjahres 2019/2020, für das vor kurzem die Ausschreibung veröffentlicht wurde, gibt es einige Änderungen im Mentoring-Team zu verzeichnen: Mit Claudia Müller-Birn, Ina Blümel, Daniel Mietchen und Gregor Hagedorn verabschieden sich die Mentorinnen und Mentoren der ersten Stunde aus dem Team und machen Platz für neue Menschen, die unseren Fellows mit ihrer Expertise im Bereich Offene Wissenschaft zur Seite stehen und sie als Mentorinnen und Mentoren bei der Umsetzung ihrer Projekte begleiten.

Wir möchten uns an dieser Stelle bei Ina, Claudia, Gregor und Daniel dafür bedanken, dass sie das Programm von Beginn an maßgeblich unterstützt und gemeinsam mit uns aufgebaut und weiterentwickelt haben. Auch wenn wir bedauern, dass sie aus dem aktiven Mentoring ausscheiden, freuen wir uns umso mehr, dass Sie das Programm weiterhin beratend begleiten möchten.

Mit Isabel Steinhardt, Sascha Friesike, Tamara Heck und Maximilian Heimstädt konnten wir nun vier Menschen für das Mentoring-Team gewinnen, die viel Erfahrung auf dem Gebiet der Offenen Wissenschaft mitbringen und von deren Beteiligung das Fellow-Programm sicherlich sehr profitieren wird. Während Sascha und Tamara neu zum Programm hinzustoßen, kennen Isabel und Maximilian dieses bereits sehr gut: Beide haben es im zweiten Programmjahr selbst als Fellows durchlaufen.

Im Programmjahr 2019/2020 als neue Mentorinnen und Mentoren an Bord (v.l.n.r.): Dr. Maximilian Heimstädt, Dr. Tamara Heck, Dr. Isabel Steinhardt und Prof. Dr. Sascha Friesike

Wir freuen uns, Isabel, Sascha, Tamara und Maximilian als Mentorinnen und Mentoren an Bord zu haben und haben mit ihnen darüber gesprochen, was Offene Wissenschaft für sie bedeutet.


Was war Dein Aha-Moment für Offene Wissenschaft?

Max: Recht am Anfang meines Promotionsvorhabens besuchte ich einen Workshop von Ephemera, einem Kollektiv aus WissenschaftlerInnen das ohne großen Verlag im Hintergrund ein echtes Open Access Journal herausgibt. Schnell wurde mir klar, wie viel Arbeit solch alternative Strukturen machen. Um zu verstehen, warum die Mitglieder des Kollektivs all diese Arbeit auf sich nehmen, begann ich mich mit der Kritik an etablierten Publishing-Modellen auseinanderzusetzen.

Tamara: Als ich die Uni als Arbeitsstelle verlassen habe und mein Bibliotheksausweis ungültig wurde, habe ich zum ersten Mal gemerkt, zu wie viel Literatur ich keinen Zugang habe. Mir wurde klar, wie vielen anderen Wissenschaftlern es so gehen muss und das dies die wissenschaftliche Arbeit wesentlich beeinflusst.       

Sascha: Eigentlich hat es relativ profan begonnen, ich habe eine Doktorarbeit an einem Lehrstuhl für Innovationsmanagement geschrieben. Im Innovationsmanagement gibt es das Konzept von „Open Innovation“, es beschreibt, wie Ideen durch die Grenzen von Firmen hindurch diffundieren anstatt innerhalb von einer Organisation zu verharren. Und ich wollte dieses Konzept auf die Wissenschaft übertragen, habe es „Open Science“ genannt, den Begriff gegoogelt und bin so auf die Open Science Community gestoßen. Da habe ich dann festgestellt, dass viele meiner Ideen schon breit diskutiert werden und habe mitgemacht.  

IsabelMein Aha-Moment war tatsächlich die Ausschreibung zum Fellow-Programm Freies Wissen. In meiner Dissertation habe ich mich zwar mit Fragen zu Transparenz und Offenheit qualitativer Forschung beschäftigt, aber das firmierte noch nicht unter dem Begriff von Offener Wissenschaft. Diesen Zusammenhang habe ich dann als Fellow herstellen können.

Wer sind Deine “Open Science Superheroes”?

Max: In den vergangenen Jahren sind einige WissenschaftlerInnen zu regelrechten Poster-Girls/-Boys der Open Science Bewegung geworden. Mich beeindrucken aber ebenso die post-heroischen Geschichten: Prekär beschäftigte NachwuchswissenschaftlerInnen, die sich für offenere Wissenschaft einsetzen und dabei Auseinandersetzungen mit BetreuerInnen oder KollegInnen in Kauf nehmen.

Tamara: Es sind all diejenigen, die versuchen, Open Science zu praktizieren und sich mit den Widrigkeiten und Barrieren auseinandersetzen – egal ob in großen Schritten wie mit der Gründung von Open Science Labs oder in kleinen Schritten wie mit dem Versuch, Teile der eigenen Forschung zu öffnen. Am besten ist es, wenn man sich zum eigenen Vorbild macht und seine Erfahrungen weitergibt.

Sascha: Superhero ist natürlich ein großes Wort. Die meisten Leute, die ich in der Open Science Community getroffen habe, fühlen sich vermutlich auf den Schlips getreten, wenn ich sie als „Superhero“ liste. Wer mir auch sofort einfällt, sind alle Doktoranden und Doktorandinnen, die gegen den Wunsch und gegen das Unverständnis ihrer Betreuer die eigene Arbeit offen denken und diese Öffnung auch gegen sämtliche Widrigkeiten durchsetzen.

Isabel: Ich kann Max, Tamara und Sascha nur zustimmen, es sind all diejenigen, die aus Eigenmotivation ihre Wissenschaft, aber auch die Lehre öffnen. In meinen Augen ist es besonders wichtig, gerade auch in der Lehre eine offene Form von Wissensvermittlung und Einblick in offene Wissenschaft zu betreiben. Umso früher offene Praktiken vermittelt werden, umso selbstverständlicher werden sie. Hier gibt es viele Superheroes, die das schon tun, schön wäre, wenn alle zu Superheroes werden.

Welche ersten drei Schritte empfiehlst Du einzelnen für die Öffnung von Wissenschaft?

Max: 1. Von Öffnung zu Öffnung vortasten, 2. Gezielt Menschen einladen, das geöffnete Wissen zu nutzen, und 3. Offenheit der eigenen Karriereplanung anpassen. Besteht perspektivisch weniger Publikationsdruck (z. B. durch Weg an der FH oder außerhalb der Wissenschaft) können auch gewagte Offenheits-Experimente drin sein.

Tamara: Ich stimme Max hier zu. 1. Von 0 auf 100 wird es nichts. Man sollte sich zunächst klar machen, wie man Wissenschaft (und auch Lehre) praktizieren will und was einem im Kern wichtig ist. 2. Das geöffnete Wissen zu nutzen, versuche ich vor allem meinen Studierenden zu zeigen. Gerade in der Lehre muss man oft auch erst darauf aufmerksam machen, dass es “erlaubt” ist, auf vorhandenes Wissen zurückzugreifen und Ressourcen zu nutzen. 3. Sich nicht starr an Prinzipien zu halten, ist löblich, aber das etablierte Wissenschaftssystem zu sprengen, halte ich für kontraproduktiv. Kompromisse als Weg hin zu Open Science sind aber oftmals drin, wenn man hartnäckig bleibt, wie z. B. offenere Copyright-Absprachen mit Verlagen zu vereinbaren.        

Sascha: Ich bin davon überzeugt, dass sich die Debatte zu Open Science viel zu sehr mit dem offenen Zugang zu einzelnen Publikationen beschäftigt. Ich sehe eine offene Wissenschaft als einen Mittel zum Zweck. Es ist nicht der Zweck von Wissenschaft etwas zu publizieren, sondern etwas zu erreichen, einen Impact zu erzielen. Wo WissenschaftlerInnen Impact haben wollen, hängt vom Feld und von der Person ab. Eine offene Wissenschaft kann einen erheblichen Beitrag dazu leisten, wirklich Impact zu haben. Das funktioniert aber nur, wenn man Wissenschaft weiter denkt als lediglich als Publikationsmaschine. Meine drei Schritte wären daher: 1. Welchen Bedarf welcher Zielgruppe möchte ich mit meiner Forschung adressieren? 2. Mit welchem Format kann ich diese Gruppe angesichts meiner Person und Ausstattung am besten erreichen? 3. Wie übersetze ich mein Wissen, meine Befunde für meine Zielgruppe und stelle sie zugänglich und nachnutzbar zur Verfügung?

Isabel: Ich stimme Sascha zu, dass die Frage zu Open Access die Diskussion zu offener Wissenschaft dominiert und damit auch an vielen Stellen verstellt. Gleichzeitig kann, wie Max und Tamara ausgeführt haben, Offenheit nur vom Individuum gelebt werden. Beides verbindend würde ich folgende drei Schritte raten: 1. Sich bei jedem Forschungsschritt überlegen, kann ich diesen öffnen und möchte ich ihn auch öffnen? Hierzu sind Forschungspläne hilfreich, um zu sehen was machbar ist. 2.  Wie möchte ich meine Forschung kommunizieren, d.h. was sind geeignete offene Kommunikationswege, vielleicht auch neben dem klassischen Journalartikel, um wie Sascha aufzeigt, anderen Impact zu erzielen. 3. Wie kann ich in der Lehre, wie Tamara das auch schon ausgeführt hat, Offenheit lehren und auch vorleben. Denn offene Praktiken müssen vermittelt werden.


Das sind unsere neuen Mentorinnen und Mentoren

Dr. Isabel Steinhardt ist Soziologin und Postdoc am Lehrstuhl für Hochschulforschung an der Universität Kassel. Aktuell beschäftigt sie sich in ihrer Forschung mit Fragen zu neuen Praktiken in Forschung und Lehre im Zuge der Digitalisierung und Open Science sowie der Weiterentwicklung qualitativer Methoden der Sozialforschung.

Dr. Maximilian Heimstädt ist Postdoc für Organisationstheorie am Reinhard-Mohn-Institut der Universität Witten/Herdecke. Er forscht dazu wie (digitale) Offenheit etablierte Organisationen verändert und neue Organisationsformen ermöglicht. Im Open Science-Spektrum interessiert sich Maximilian vor allem für die Themen Open Educational Resources, Open Access und Open Peer Review.

Dr. Tamara Heck ist Informationswissenschaftlerin am Informationszentrum Bildung und forscht zu offenen Praktiken in Wissenschaft und Lehre, Informationsverhalten und Informationskompetenz. Aktuell beschäftigt sie sich mit Arbeitspraktiken von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern und begleitet diese in ihren Vorhaben, Forschung und Lehre offener zu praktizieren.

Prof. Dr. Sascha Friesike ist Professor für Design digitaler Innovationen an der Universität der Künste Berlin und Direktor des Weizenbaum-Instituts. Er ist zudem assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut. In seiner Forschung beschäftigt er sich damit, welche Rolle das Digitale spielt, wenn Neues entsteht. So untersucht er die Rolle der Digitalisierung in der Wissenschaft und schaut sich an, wie Kreative arbeiten.


Jetzt fürs Fellow-Programm Freies Wissen bewerben:

Im Programmjahr 2019/2020 werden erneut bis zu 20 Stipendien an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Fachdisziplinen vergeben, die ihre eigene Forschung und Lehre offen und nachnutzbar gestalten möchten. Noch bis zum 6. Mai bewerben unter www.fellowsfreieswissen.de

Bildnachweise:

Valerie Schandl, Banner Ausschreibung Programmjahr 2019-2020 1, CC BY-SA 4.0
Christopher Schwarzkopf, Neue Mentor*innen im Programmjahr 2019/2020, CC BY-SA 4.0:
(zugeschnittene Originale von links nach rechts: Ralf Rebmann, Abschlussveranstaltung Fellow-Programm 2017-2018 015, CC BY-SA 4.0, DIPF, Portraet Heck Tamara, CC BY-SA 4.0, Ralf Rebmann, Abschlussveranstaltung Fellow-Programm 2017-2018 001, CC BY-SA 4.0Sascha Friesike, CC0 1.0)