„Wie überlebt man eigentlich ohne Wikipedia?”, fragte die Augsburger Allgemeine diese Woche scherzhaft, nachdem bekannt wurde, dass die deutschsprachige Online-Enzyklopädie am kommenden Donnerstag (21.03.) aus Protest gegen drohende Einschränkungen des freien Netzes für 24 Stunden abgeschaltet wird. Wikipedia ist für eine ganze Generation zum Synonym für die freie Verfügbarkeit von Wissen geworden, jederzeit, überall. 30 Millionen Seitenaufrufe täglich, für Referate, Faktenchecks, schnelle Antworten auf Wissenslücken und unfair gewonnene Pubquizze.

Die Idee, das Wissen der Welt als Community von Freiwilligen in einer freien Enzyklopädie zu sammeln, scheint im Rückblick optimistisch, man könnte auch sagen, ein bisschen verrückt; erst recht in einer Zeit, in der Netzdebatten weniger von großen Ideen als von Datenskandalen, Desinformationskampagnen und der Marktmacht der Tech-Riesen dominiert sind. Die damit oft verbundene Nostalgie für eine Zeit, in der das Internet tatsächlich noch „Neuland” war, verkläre jedoch, wie teuer und elitär der Zugang zum Web damals auch war, schrieb Wikimedia Foundation-Geschäftsführerin Katherine Maher kürzlich in einem Gastkommentar in der New York Times. An die Hoffnungen und Ziele der damaligen Netzbewegung in Hinblick auf „Kreativität, Austausch und Zusammenarbeit” sollten wir uns in aktuellen Gesprächen über die Zukunft des Netzes hingegen häufiger erinnern. Die Open-Bewegung beginnt und endet zwar glücklicherweise nicht mit den Wikimedia-Projekten, unter den Top 100 Webseiten des Internets ist Wikipedia als spendenfinanziertes Freiwilligenprojekt dennoch sehr einsam.

Text-fokussiert ist Wikipedia noch immer, 2002 war die Ansicht allerdings wirklich minimalistisch. Quelle: Internet Archive.

Pessimistisch muss man deshalb nicht werden. Wer hinter die Kulissen des gigantischen Gemeinschaftsprojekts schaut, findet zahllose Beispiele uneigennützigen gemeinschaftlichen Engagements. Im letzten Jahr machte die Physikerin Jess Wade mit ihrem Projekt, täglich eine Wikipedia-Biographie einer Wissenschaftlerin anzulegen, international Schlagzeilen. Ihr Aktivismus hat Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende und Schüler weit über ihre Heimat Großbritannien hinaus inspiriert, ihr Wissen in die freie Enzyklopädie einzubringen. Im September wurde die Kölner Community von ihrer Heimatstadt für ihr außerordentliches Engagement unter anderem in der Dokumentation lokaler Stadtgeschichte geehrt. Wer sich mit Community-Mitgliedern unterhält oder bei einem Treffen vorbeischaut, erfährt meist ganz nebenbei von vielen dieser Geschichten abseits der Ehrungen und Schlagzeilen.

Fertig ist die Wikipedia auch mit 18 noch lange nicht: Ob Biographien von Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, Persönlichkeiten und Orte aus dem globalen Süden oder Wissensschätze indigener Gruppen der ganzen Welt, das Wikimedia-Movement (die internationale Bewegung, deren bekanntestes Projekt Wikipedia ist) braucht Zuwachs, an Inhalten und Freiwilligen.

Bei aller Besonder- und Besonnenheit: Wikipedia selbst bleibt von den derzeitigen Herausforderungen des Netzes nicht verschont. Ihre wachsende Bedeutung als Bollwerk des community-getriebenen und quellen-basierten Konsenses, auf das sich nun auch Großplattformen wie YouTube und Facebook im Kampf gegen Falschinformationen und Verschwörungstheorien verlassen, steht und fällt mit der Beteiligung der Vielen.

Wikipedia ist in vielerlei Hinsicht die „erwachsenste“ Plattform des Netzes: Wo andere die Polarisierung fördern, lebt Wikipedia von Austausch, verlässlichen Belegen und Einigung. Das fordert den Freiwilligen, die Wikipedia ermöglichen, aber auch viel Zeit und Mühe ab. Über zwei Millionen Artikel aktuell zu halten, zu pflegen und diesen Bestand stetig zu erweitern ist keine Selbstverständlichkeit. Heute gebührt ihnen dafür unser Dank!

Wer den ehrenamtlich Aktiven direkt in der Wikipedia gratulieren möchte, kann dies auf einer eigens angelegten Geburtstagsseite tun – und von dort aus vielleicht auch gleich selbst erste Schritte gehen?!

JElder (WMF), Wikipedia 15 cake from Wikimedia Foundation event, bearbeitet von Valerie Schandl (WMDE), Wikipedia Geburtstagsgrafik, CC BY-SA 4.0