Ralf Rebmann, Abschlussveranstaltung Fellow-Programm 2017-2018 084, CC BY-SA 4.0

Im Rahmen der Abschlussveranstaltung in der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland zogen sie Bilanz nach acht Monaten Programmlaufzeit und berichteten von Erfahrungen, Erfolgen und Erkenntnissen ihrer Arbeit für Freies Wissen in der Wissenschaft. Nähere Einblicke in ihre Forschungspraxis eröffneten die Fellows Dr. Kerstin Göpfrich, Vanessa Hannesschläger und Dr. Maximilian Heimstädt in einem anschließenden Panel und diskutierten mit Christian Friedrich, Referent für Bildung und Wissenschaft bei Wikimedia Deutschland, und dem Publikum, inwiefern Offene Wissenschaft als zeitgemäße Wissenschaft zu verstehen sei. Trotz brütender Hitze im Raum war der Bedarf da, sich in größerer Runde dazu auszutauschen, wie Offene Wissenschaft für einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Strömungen, Fachdisziplinen und Institutionen funktioniert und inwiefern Prinzipien Offener Wissenschaft mit denen von Wissenschaft im Allgemeinen übereinstimmen.

Am nächsten Tag folgte der abschließende Workshop zu dieser zweiten Programmrunde. Ziel war es, gemeinsam mit den Fellows sowie Mentorinnen und Mentoren fortlaufende Ideen zu entwickeln, wie sie vernetzt bleiben und eine aktive Community für Offene Wissenschaft stärken können. Zudem wurden Ideen zur Weiterentwicklung des Programms selbst und Tipps für die nachfolgenden Fellows und Mentorinnen und Mentoren diskutiert und gesammelt. Insgesamt wurde deutlich, dass für die Mehrheit der Fellows das Programm nach Abschluss nicht einfach vorbei ist, sondern der Wunsch und die Ambition besteht, dieses wachsende Netzwerk aufrecht zu erhalten, auszubauen und sich weiterhin aktiv in das Programm einzubringen und für Freies Wissen in der Wissenschaft, und damit in der Gesellschaft, einzusetzen.

Weiterführende Informationen zu den Themen des Workshops sind hier und Bilder zum Event sind hier zu finden.

Nun fehlt nur noch ein Blick in die Praxis: Im Folgenden wird Dr. Maximilian Heimstädt am Beispiel seines Forschungsvorhabens im Fellow-Programm erläutern, was für ihn Offenheit in der Wissenschaft bedeutet und warum das ein wichtiges Thema der Organisationsforschung ist.

Organizing Openness: Der Weg zum offenen Lehrbuch

Offenheit: Ein wichtiges Thema der Organisationsforschung

Als Betriebswirt forsche und lehre ich zu der Frage, welche Formen der Zusammenarbeit in und zwischen Organisationen möglich und nützlich sind. In mehr und mehr Organisationen wird Offenheit erfolgreich als Prinzip der Zusammenarbeit angewendet. Beim Begriff der „Openness“ denken viele erst einmal an Open Source-Communities oder Open Collaboration-Projekte, wie beispielsweise die Wikipedia. Unter dem Stichwort Open Government hat das Organisationsprinzip jedoch auch Eingang in etablierte Verwaltungs- und Regierungsorganisationen gefunden. Forschungsorientierte Unternehmen verfolgen derweil schon seit Jahren Open Innovation-Ansätze zur Produktentwicklung. Wieder andere Organisationen experimentieren mit deutlich transparenteren und inklusiveren Formen der Strategiefindung. Der Begriff der Offenheit ist „klebrig“ und heftet sich rasch verschiedensten Organisationstypen oder Praktiken an. Dies liegt vor allem an der Vielzahl an Dimensionen, entlang derer sich eine Organisation öffnen kann. Offenheit, das kann sich auf die Transparenz, Inklusion oder die Partizipationsmöglichkeiten einer Organisation beziehen. Nicht immer lassen sich diese Dimensionen gleichzeitig verwirklichen. Manchmal stehen sie in Konflikt zueinander, manchmal bedarf es neuer Formen der Geschlossenheit, um Offenheit zu ermöglichen. Offenheit ist kein „Kippschalter“, der sich kurzerhand umlegen lässt. Offenheit muss organisiert werden.

Organizing Openness: Ein offenes Lehrbuch entsteht

Um Studierende an die Organisation von Offenheit heranzuführen, mussten Lehrende bisher selbst und individuell Materialien aus verschiedenen Disziplinen zusammensuchen. Nicht selten waren diese Materialien hinter Bezahlschranken versteckt oder anderweitig geschlossen lizenziert. Gemeinsam mit Leonhard Dobusch (Universität Innsbruck) beschloss ich daher das erste Hochschullehrbuch zum Thema zu verfassen.

Das Buch trägt den Titel „Organizing Openness: Concepts and Cases“. Es richtet sich primär an Studierende der Betriebswirtschaftslehre, lässt sich jedoch gezielt auch in anderen Fachdisziplinen einsetzen. Das Lehrbuch behandelt Offenheit nicht nur als Organisationsprinzip, sondern ist auch in sich ein Experiment mit Offenheit. Wir veröffentlichen das Lehrbuch unter freier Lizenz (CC-BY) über unser Projektblog. Als Open Educational Resource (OER) ist es somit für jede und jeden frei nutz- und veränder-, und teilbar. Zudem öffnen wir Zwischenstände der einzelnen Buchkapitel für Feedback durch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und die interessierte Öffentlichkeit.

Das fertige Lehrbuch soll aus einer Einleitung und je sechs Kapiteln zu Offenheit als Phänomen (z.B. Open Source, Open Government, Open Innovation) sowie theoretischen Konzepten von Offenheit (z.B. Transparenz, Inklusion, Partizipation) bestehen. Vor wenigen Wochen konnten wir das erste Kapitel „Open Science and Education“ auf unserem Projektblog veröffentlichen und für Kommentare öffnen.

 

Maximilian Heimstädt stellte im Rahmen der Abschlussveranstaltung am 08. Juni in Berlin die Ergebnisse seines Projektes „Organizing Openness“ vor, Bild: Ralf Rebmann, Abschlussveranstaltung Fellow-Programm 2017-2018 041, CC BY-SA 4.0

 

Organizing Open Science: Drei Reflektionen zum Fellow-Programm

Die ersten Ideen für ein Lehrbuch zum Thema Offenheit haben Leonhard Dobusch und ich bereits vor einigen Jahren während unserer gemeinsamen Arbeit an der Freien Universität Berlin entwickelt. Erst durch das Fellow-Programm bekamen diese Ideen jedoch den nötigen Schub, um in ein konkretes Projekt übersetzt zu werden. Die finanzielle Förderung ermöglichte es mir, Hanna-Sophie Bollmann als studentische Hilfskraft in das Projekt einzubinden. Der Kontakt zu den Open Science-Mentorinnen und -Mentoren half mir bei konkreten Fragen der Umsetzung. Das Zwischen- und Abschlusstreffen erzeugten den sanften Druck, der nötig war, um das Projekt auch neben dem normalen Arbeitsalltag nicht aus den Augen zu verlieren. Den Fortschritt meines Projektes habe ich mir zu Beginn der Förderung so oder so ähnlich ausgemalt. Nicht erwartet hatte ich jedoch, wie viel ich durch den Austausch mit Fellows aus verschiedensten Disziplinen und Wissenschaftskulturen über meine eigene Rolle als Forscher und meine Beziehung zur Offenheit meiner Arbeit lernen würde. Im Folgenden versuche ich diese Erfahrungen anhand von drei Statements zu reflektieren, wie ich oder manche meiner Mit-Fellows sie möglicherweise zu Beginn des Programms formuliert hätten:

1. Open Science muss vorgeschrieben werden!

Wie können wir Open Science zum Mainstream machen? Open Science wird nur funktionieren, wenn sich mehr Akteure als nur die Teilnehmenden des Fellow-Programms der Idee verschreiben. Um dies zu erreichen, wird oft auf die Rolle formaler Vorschriften und Leitlinien verwiesen. Durch die Verknüpfung von Forschungsgeldern mit Open Science-Klauseln könnte das Open Science-Prinzip in kürzester Zeit „top down“ verbreitet werden. Ein weiterer „top down“-Mechanismus wäre es, Open Science-Praktiken zum notwendigen Kriterium in Berufungskommissionen zu machen. Obwohl ich eine Wertschätzung von Open Science in Berufungsverfahren sehr begrüßen würde, wird eine strikte Verpflichtung zu Open Science zwangsläufig Ausweichhandlungen hervorrufen. Ein „Openwashing“ von Open Science. Forschende, die mit Open Science wenig vertraut sind, oder die für sich gute Gründe gegen die Öffnung der eigenen Arbeit finden, würden als Reaktion auf Open Science-Vorschriften mit großer Wahrscheinlichkeit zeitaufwändige (und somit ihre eigentlichen Forschung und Lehre hemmende) Ausweichhandlungen entwickeln. Leicht auszumalen ist beispielsweise eine doppelte Laborbuchführung – ein „echtes“ für den internen Gebrauch und ein „bereinigtes“ (z.B. ohne fehlerhafte Versuche) für die Öffnung zur Community. Ein Aus-Fehlern-Anderer-Lernen würde somit trotz scheinbarer Offenheit nicht ermöglicht werden.

2. Open Science meint Offenheit der Forschung!

Vor Beginn des Fellow-Programms verband ich mit Open Science vor allem Dinge wie Open Notebooks, Preprint-Repositories, oder offen lizenzierte Datenbanken. Während des Auftaktworkshops war ich mir daher noch unsicher, ob ich mit meinem OER-Projekt (Open Educational Resources, kurz: OER) wirklich „dazu gehöre“, oder ob es mir einfach nur gelungen ist meinem OER-Projekt einen Open Science-Anstrich zu verpassen. Im Laufe des Programms wurde mein Bild von Open Science deutlich differenzierter und die Unsicherheit wich einem Interesse an den disziplinspezifischen Spielarten offener Wissenschaft. Heute verstehe ich Open Science vor allem als Einheit aus offener Forschung und offener Lehre. Viel mehr noch: Wenn bereits in der Lehre mit Offenheit experimentiert wird (z.B. durch Werkzeuge wie kollaboratives online-Interpretieren von Isabel Steinhardt), wird es denjenigen Studierenden, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheiden, einfacher fallen, offene Forschungspraktiken gewinnbringend in ihre Arbeit einzuflechten. Umgekehrt bieten offene Forschungspraktiken die Möglichkeit einer besseren Verzahnung von Forschung und Lehre. Ein schönes Beispiel hierfür ist der Einsatz von Open Source Software in der neurowissenschaftlichen Forschung und Lehre (demonstriert im Fellow-Projekt „ALPACA“ von Peer Herholz).

3. Open Science ist grundsätzlich die bessere Wissenschaft!

Prägend für den Abschlussworkshop am 8./9. in Berlin war die Einstiegsfrage zur Podiumsdiskussion vom Moderator Christian Friedrich: „Wenn Offenheit die Antwort ist, was ist dann die Frage?“ Antworten zu dieser gelungenen Provokation fielen – etwas verkürzt – in eine von zwei Kategorien: Offenheit aus Prinzip und Offenheit als Werkzeug. Vertreterinnen und Vertreter eines generellen Offenheitsprinzips verwiesen auf die vorwiegend öffentliche Finanzierung von Forschung und Lehre. Etwas verkürzt: Wer die Forschungs-Musik bezahlt, darf zwar nicht bestimmen, was geforscht wird, sehr wohl aber den Forschenden ganz genau auf die Finger schauen. Geschlossenheit ist in dieser Perspektive vor allem ein noch zu überwindender Mangel an Offenheit. Befürwortende einer Offenheit als Werkzeug argumentierten, dass Offenheit in der Wissenschaft so praktiziert werden sollte, dass sie der Erreichung des Erkenntnisinteresses dient. Dies bedeutet gleichzeitig, dass Geschlossenheitspraktiken, die ebenfalls dem Erkenntnisinteresse zuträglich sind, keineswegs illegitim sind. Geschlossenheit ist in dieser Perspektive notwendig, oder sogar hilfreich für bestimmte Formen der Offenheit.

Maximilian Heimstädt ist Postdoktorand am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung der Universität Witten/Herdecke. Er war einer von zwanzig Open Science Fellows im Jahrgang 2017/18. In diesem Beitrag stellt er der Wikimedia-Community sein Lehrbuchprojekt „Organizing Openness“ vor und reflektiert seine Erfahrungen im Förderprogramm.

 

Wie geht es weiter?

Mit dem Abschluss der zweiten Runde, folgt der Beginn der nächsten Runde noch in diesem Jahr. Die neuen Fellows stehen bereits in den Startlöchern. Wer die Personen sind und was uns für Projektvorhaben erwarten, wird in der nächsten Woche hier im Blog bekannt gegeben. Die Auftaktveranstaltung zur dritten Fellow-Programm Runde 2018/19 wird vom 21. bis zum 23. September in Berlin stattfinden. Nähere Informationen zum nächsten Programmdurchlauf werden zeitnah hier veröffentlicht.