„Stell dir eine Welt vor, in der das gesamte Wissen der Menschheit für alle frei zugänglich ist. Das ist es, was wir machen.“ So beschrieb Wikipedia-Gründer Jimmy Wales einmal den Grundgedanken hinter Wikipedia. Seitdem ist das Wikimedia-Universum für Freies Wissen nicht nur um einige Projekte – wie Wikimedia Commons, Wikidata und Wikivoyage –angewachsen, sondern auch um zahlreiche Ehrenamtliche und Hauptamtliche aus aller Welt, die tagtäglich dafür arbeiten, noch mehr Wissen für uns alle zur Verfügung zu stellen.

Wikimedia ist aber mehr als nur eine Gruppe von Websites mit frei verfügbaren Informationen. 17 Jahre lang haben Wikimedia-Aktive zusammengearbeitet, um die größte kostenlose Wissenssammlung der Menschheitsgeschichte zu erschaffen. Während dieser Zeit sind wir, ausgehend von einer kleinen Gruppe von Editoren und Editorinnen, zu einem vielfältigen Netzwerk mit rund 40 Wikimedia-Länderorganisationen und über 80 Wikimedia-Benutzergruppen von Autoren und Autorinnen, Entwickelnden, Lesenden, Spendern und Spenderinnen sowie Partnern und Partnerinnen gewachsen. Auch weltweit wollen wir in den nächsten 15 Jahren noch vieles zusammen erreichen und erarbeiten derzeit unter dem Titel „Wikimedia 2030“ eine Zukunftsstrategie für die internationale Wikimedia-Bewegung.

Drei Tage lang haben wir auf der Wikimedia Conference 2018 in Berlin auch deshalb Ideen geteilt, von Herausforderungen berichtet und über unsere Zukunft diskutiert. Für unser Blog haben wir dabei mit Vertreterinnen und Vertretern von Wikimedia-Organisationen aus aller Welt über ihre Leidenschaft für Freies Wissen gesprochen. Was bewegt sie in ihrer täglichen Arbeit? Welchen Herausforderungen müssen wir uns stellen? Und wohin wollen wir als Bewegung? In dieser Blog-Reihe stellen wir einige von ihnen vor.


Alice Backer, Wikimedia New York City

Alice Stammt aus New York City und betreibt von dort das Projekt AfroCrows für mehr Freies Wissen von Communitys mit afrikanischer Herkunft.

Wie bist du zu Wikimedia und Freiem Wissen gekommen?

In der Arena für freien Zugang zu Kultur und von den Bürgern gemachte, partizipative Medien bin ich seit 2005 aktiv. Angefangen habe ich als Editorin für Frankophonie bei Global Voices, wo wir – noch bevor es Twitter und Facebook gab – Blogs aus aller Welt gesichtet und reviewed haben. Davon haben wir dann kurze Zusammenfassungen verfasst und online zur Verfügung gestellt, um zu zeigen, was dort in der Welt aktuell so passiert. Mein Bereich war die frankophone Welt und ich war Managerin für ehrenamtliche Beitragende. Dadurch habe ich auf einer Konferenz für Open-Source Übersetzungs-Tools in Kroatien einige Wikipedianer und Wikipedianerinnen kennengelernt. Die haben mir dann nicht nur Wikipedia genauer vorgestellt, sondern auch den multikulturellen Gap. Ich habe sehr viel im Bereich Outreach zu Communitys mit afrikanischer Herkunft in den USA gearbeitet, da kam also wie in einem perfekten Sturm alles zusammen, es gab da eine tolle Synergie. Es gibt wohl auch wenig Gründe, weshalb jemand mit meinem Hintergrund Wikipedia nicht mögen sollte – und nicht würde mithelfen wollen, die kulturellen Klüfte darin zu überwinden.

Was ist das Projekt und die Herausforderungen an denen du arbeitest?

Fayçal Rezkallah, WMCON18-031, CC BY-SA 4.0

Mein Projekt heißt AfroCrowd. Ich habe damit 2015 angefangen, mit dem Ziel, Wikipedia als Werkzeug für Freies Wissen den US-amerikanischen Communitys mit afrikanischer Herkunft näherzubringen. Wir veranstalten immer wieder Edit-a-thons und ermutigen andere, darunter unsere Partner von AfroCrowd UK und Partner aus anderen Städten wie Los Angeles (wir selbst sitzen in New York), das auch zu machen. Wir wollen den unglaublich vielsprachigen Menschen mit afrikanischer Herkunft, die in Amerika oder Europa leben, klar machen, dass Wikipedia in etwa 295 Sprachen existiert und man sich daran beteiligen kann. Denn einige davon sind afrikanische Sprachen, oder aber Sprachen, die von der afrikanischen Diaspora gesprochen werd, zum beispiel Spanisch, die Haitianische Kreolsprache, Französisch, und so weiter.

Die größte Herausforderung, vor der ich momentan stehe, sind die bürokratischen Hürden, um mit anderen Wikimedia-Länderorganisationen zusammenzuarbeiten. Ich würde mir wünschen, es wäre einfacher für Afro-amerikanische und Afro-europäischen Wikimedia-Communitys mit Wikimedia-Aktiven aus Afrika oder Afro-Latino-Communitys  in den USA und Lateinamerika zu vernetzen, Menschen wirklich zusammenzubringen. Wir merken immer wieder, dass solche internationalen Partnerschaften ziemlich schwer zu realisieren sind – nicht, weil Leute keine Lust darauf haben., sondern weil andere Dinge im Weg stehen. 

Welche Hoffnungen hast du für die Zukunft der Wikimedia-Bewegung?

Ich hoffe auf weniger Bürokratie im Wikimedia-Movement; einfachere Strukturen, die Innovationen besser fördern.


John Cummings, Wikimedia UK

John Cummings kommt aus Großbritannien und ist seit vielen Jahren als Wikimedianer aktiv. Aktuell arbeitet er als Wikimedian in Residence bei der UNESCO.

Wie bist du zu Wikimedia gekommen und woran arbeitest du derzeit?

VGrigas (WMF), John Cummings, CC BY-SA 3.0

Ich bin mehr oder weniger durch Zufall zu Wikimedia gestoßen. Ich habe Tickets zu einem Event bekommen, auf dem jemand von einem Projekt erzählte, dass sie auf Wikipedia gemacht hatten. Es wurden Artikel für Objekte aus einem Museum geschrieben und dann QR-Codes im Museum aufgehängt, die zum entsprechenden Wikipedia-Artikel verlinkt haben. Damals – das war so 2012 – wusste ich noch nicht, wie Wikipedia funktioniert und ging davon aus, dass es sich um ein großes Unternehmen handelt. Deshalb ging ich einfach auf den Redner zu und schlug vor, dass man das doch auch für eine ganze Stadt machen könnte. Die Antwort darauf war “Das klingt super, aber das solltest du selbst machen.” – Und mit der Hilfe von Wikimedia UK und vielen Freiwilligen habe ich das dann einfach gemacht.

Ich bin in einer mittelalterlichen Stadt großgeworden, also habe ich den Geschichtsverein der Stadt ermutigt, sich zu beteiligen und Wikipedia-Artikel zu schreiben. Wir haben einen Schreibwettbewerb ausgerufen und haben dann ebenfalls Keramik-Plaketten mit QR Codes in der Stadt aufgehängt. Der Gemeinderat hat sich am Projekt beteiligt, die Presse hat angefangen, sich zu interessieren und wegen der Aufmerksamkeit haben sich mehr und mehr Menschen beteiligt. Am Ende hat sich die Wikimedia Foundation sogar eingewilligt, dass die Stadt das Wikipedia-Logo auf dem Ortsschild tragen darf. Darauf steht jetzt “Die erste Wikipedia-Stadt der Welt.”

Danach bin ich nach London gegangen und habe dort als Wikipedian in Residence für das Naturkundemuseum gearbeitet und mitgeholfen, die Wikimania auszurichten, die jährliche Konferenz der Wikimedia-Bewegung,, die 20143 in London stattfand. Für mein nächstes Projekt habe ich dann überlegt, welche Organisation wohl andere Organisationen darin beeinflussen und ein Vorbild sein könnte, freie Lizenzen und Open Access einzuführen und habe mich bei der Wikimedia Foundation um ein Stipendium für die UNESCO beworben, bei der ich nun als Wikipedian in Residence arbeite.

Und was sind dort einige der Projekte und Herausforderungen, an denen du arbeitest?

Ich arbeite an ganz unterschiedlichen Sachen: Ich teile UNESCOS Inhalte unter freier Lizenz, darunter Bilder, Texte, Daten und vieles Mehr, mit Wikipedia und anderen Wikimedia-Projekten. Die UNESCO ist außerdem die Sonderorganisationen der Vereinten Nationen, die das Mandat hat, freie Lizenzensierung zu fördern. Deshalb unterstützen wir auch Projekte wie die Fotowettbewerbe  Wiki Loves Earth and Wiki Loves Monuments und Wiki loves Africa. Das ist eine tolle Sache, weil wir als UNESCO allein rund 3 Millionen Twitter Follower haben. So können wir mehr Menschen für unsere Freies-Wissen-Projekte begeistern, denn die Inhalte, die da entstehen, können von allen genutzt werden. Oft retweeten dann auch andere UN-Organisationen unsere Tweets, und wir erreichen so ein globales Publikum von 10 Millionen Menschen, was absolut großartig ist. Außerdem arbeite ich mit anderen UN-Organisationen zusammen, damit sie die Vorteile von freier Lizensierung und Freiem Wissen besser verstehen. Und ich organisiere Events. Dieses Jahr haben wir bei der UNESCO zum Beispiel ein Event zum Internationalen Frauentag organisiert, mit dem Ziel, den gender gap in Wikipedia zu verringern.

Die größte Herausforderung ist wohl, dass es viel mehr Möglichkeiten und Chancen gibt, als ich die Zeit habe, umzusetzen. Außerdem fehlt noch einiges an Grundlagen-Dokumentation darüber, wie man sich einfach bei Wikipedia, Wikimedia Commons, und anderen Wikimedia-Projekten beteiligen kann, sowohl als Privatperson als auch als Organisation. Das würde es auch einfacher machen. die Inhalte aus den Wikimedia-Projekten nachzunutzen. Zum Beispiel gab es lange keinen Leitfaden, wie man Bilder aus Commons nachnutzt. Es gab eine große, lange Seite zum Thema Copyright, aber die hat einem nicht auf leicht verständliche Weise erklärt, wie man das in der Praxis macht, also habe ich einen geschrieben. Dasselbe Problem gibt es auch bei Wikidata, und auch hier habe ich ein paar Leitfäden geschrieben um den Umgang mit den Inhalten zu vereinfachen. Und ich denke viel darüber nach, wie Wikimedia und die UNESCO eine langfristige Beziehung miteinander vertiefen können. Wie hängt zum Beispiel unsere Movement-Strategie mit den UN-Zielen bei der Nachhaltigen Entwicklung zusammen?

Was mich persönlich angeht, ist sicher eine der Herausforderungen, dass die UN in 6 offiziellen Sprachen arbeitet. Ich spreche gerade mal Englisch und schlechtes Französisch. Das ist also etwas, was ich gerne ändern würde.

Die erste Wikipedia-Stadt der Welt – John Cummings, World’s first Wikipedia town 4, CC BY-SA 3.0

Du hast bereits die Movement Stratie erwähnt. Was sind diesbezüglich deine Hoffnungen für Wikimedia und Freies Wissen?

Jedes Jahr gibt es bei der UNESCO eine Konferenz mit dem Namen Mobile Learning Week, die wichtigste Konferenz der UN zum Thema Informations- und Kommunikationstechnologie in der Bildung. Dieses Jahr gab es über 20 Vorträge, die Wikipedia namentlich erwähnt haben, aber Wikimedia hat bisher keine eigene Präsenz auf der Konferenz. Ich denke, Menschen sehen ganz klar den Mehrwert von Wikipedia, aber wissen oft nicht genau, wie sie mit der Plattform interagieren können oder sollen. Ich hoffe also, dass wir es schaffen, noch bessere Einstiegsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, damit Menschen und Organisationen Wikipedia nicht nur lesen, sondern auch aktiv etwas beitragen. Das könnten besser strukturierte Hilfeseiten sein, und Kontaktmöglichkeiten, wen spreche ich für ein bestimmtes Thema an, und so weiter. Momentan ist das häufig alles noch sehr versteckt und nicht so einfach zu finden. Man muss ja quasi hellseherische Fähigkeiten haben, um genau die richtigen Informationen dazu in Wikipedia zu finden.

Und, wie schon gesagt wäre es sehr hilfreich das Bild der Menschen von dem, was Wikimedia macht, zu verändern, indem wir einen Plan erstellen, wie Wikipedia einen Beitrag zur Nachhaltigen Entwicklungsarbeit leisten kann. Ich denke, eine formelle Partnerschaft mit einer der UN-Organisationen wäre dafür der erste Schritt in die richtige Richtung.

Jason Krüger for Wikimedia Deutschland e.V., Wikimedia Conference 2018, Group photo (2), CC BY-SA 4.0

Weitere Beiträge aus der Reihe: