Wikipedia und Wissenschaft – eine Erfolgsgeschichte aus Heidelberg

Wikipedia trifft Wissenschaft: Gruppenbild mit Blick auf’s Heidelberger Schloss. Foto: Martin Rulsch, Antikenmuseum der Universität Heidelberg, CC BY-SA 4.0

Es ist noch nicht lange her, da war das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wikipedia ein eher schwieriges. Jahrgänge von Studierenden bekamen in den Einführungskursen zu hören, die Wikipedia sei für wissenschaftliches Arbeiten nicht zu gebrauchen. Das hatte weniger mit der Qualität der Inhalte zu tun, als vielmehr mit einem Blick auf die Wikipedia, der in der Online-Enzyklopädie in erster Linie eine Quelle für potenzielle Plagiate sah. Dass Copy-and-Paste grundsätzlich ebenso wenig einem wissenschaftlichen Anspruch genügt wie eine Argumentation, die nur auf einer Quelle aufbaut, darüber müssen wir aber ja nicht diskutieren.

In einer Studie des Leibniz-Forschungsverbunds „Science 2.0“ wurde untersucht, welche Online-Werkzeuge und Social-Media-Anwendungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an bundesdeutschen Hochschulen verwenden.1 Sie zeigt, dass 97 Prozent von ihnen die Wikipedia privat nutzen. Das erscheint angesichts der Popularität der in Deutschland auf Rang 7 der am häufigsten besuchten Webseiten rangierenden Online-Enzyklopädie wenig überraschend. Sie ist zu einem zentralen Einstiegspunkt im digitalen Wissenskosmos geworden. Überraschender ist dagegen ein anderes Ergebnis der Befragung: Der Anteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Wikipedia auch beruflich nutzen, liegt bei 94 Prozent. Die Wikipedia liegt damit als beliebtestes Werkzeug vor Mailinglisten, Online-Archiven und Datenbanken, Lernmanagementsystemen und anderem mehr. Eingesetzt wird die Wikipedia insbesondere innerhalb der Forschungstätigkeit zu Recherchezwecken. Doch immerhin 10 Prozent der Befragten beteiligen sich auch durch das Erstellen eigener Artikel, ein kleinerer Teil durch das Kommentieren anderer Beiträge. Ebenfalls 10 Prozent nutzen Wikipedia für die Wissenschaftskommunikation, um ihre Inhalte an die Öffentlichkeit zu vermitteln.

 

Die Perspektive eines Wissenschaftlers

Ludger Lieb, Professor für Ältere Deutsche Philologie an der Universität Heidelberg. Foto: Rudolf H. Boettcher (1rhb), Ludger Lieb, CC BY-SA 4.0

Die Wikipedia kann die Kluft zwischen den wissenschaftlichen Spezialdiskursen und dem öffentlichen Diskurs, dem Allgemeinwissen überbrücken. Ich halte Wikipedia inzwischen für die wichtigste Brücke, die der Wissenschaft hierfür zur Verfügung steht.

Diese Einschätzung stammt aus einem Vortrag des Altgermanisten Prof. Dr. Ludger Lieb, den er im Rahmen einer GLAM-on-Tour-Veranstaltung in der Universitätsbibliothek der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg am 10. November 2017 gehalten hat. Er ist Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) 933 „Materiale Textkulturen“, der sich mit der materialen Beschaffenheit von Dingen auseinandersetzt, auf denen etwas geschrieben steht – seien es Portale, Grabsteine, Tontafeln, Amulette, Papyri oder Pergamente. Der Forschungsverbund zeichnet sich unter anderem durch das Teilprojekt „Schrifttragende Artefakte in Neuen Medien“ aus, dessen Aufgabe es ist, neue Formen der digitalen Wissenschaftskommunikation zu erproben und einen niedrigschwelligen Wissenstransfer der Arbeitsergebnisse an die interessierte Öffentlichkeit sicherzustellen. Hierzu gehört explizit auch, den Kontakt zur Wikipedia aufzubauen und lebendig zu halten.

Ganz besonders wichtig ist, dass Wissenschaft verständlich präsentiert wird. Auch hier nochmal ein Lob an die Wikipedianer: Ich habe kaum je einen Wikipedia-Artikel gelesen, den ich nicht verstehen konnte, weil er zu kompliziert oder in einem dunklen Stil geschrieben war. Das muss auch mal gesagt sein.2

Aus Sicht des Wissenschaftlers ist die Wikipedia ein riesiger Wissensspeicher, der Wissen nach wissenschaftlichen Standards aufbereitet. Zu diesen Standards gehört das Ordnen, Belegen, Differenzieren und Bewerten des Wissens. Diese Standards korrespondieren mit den Grundprinzipien der Wikipedia: Um sicherzustellen, dass Themen sachlich dargestellt und persönliche Standpunkte aus Artikeln herausgehalten werden, müssen Aussagen mit glaubwürdigen, veröffentlichten Informationsquellen in Fußnoten belegt werden und damit nachprüfbar sein. Wo Aussagen nicht ausreichend belegt sind, wird dies mit Hinweisen transparent und sichtbar gemacht. Hierzu werden sogenannte Bewertungsbausteine verwendet wie „Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.“ Artikel sollen außerdem von einem neutralen Standpunkt aus verfasst werden und unterschiedliche Perspektiven differenziert darstellen. Für Ludger Lieb bleibt es jedoch nicht bei diesen Parallelen:

Wikipedia ist ein kollaboratives Projekt und ich glaube, es weist damit der (Geistes)Wissenschaft den Weg. Die Orientierung unserer Wissenschaft muss gemeinschaftlich sein. […] Ich mag allen Professorinnen und Professoren sagen: Stellt Eure Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft, freut Euch, wenn das Wissen vermehrt wird und die Wikipedia besser wird! Nehmt Euer Amt ernst und werdet zum Diener! Verschenkt Euer Wissen und Eure Ideen! Seid froh, wenn das, was wichtig und spannend und gut ist, auch von anderen erforscht wird! Tut es gemeinsam! Spornt Euch an!3

 

Die Perspektive eines Wikipedianers

Wissenschaft trifft Wikipedia auf der Wikimania in Montreal 2017: Marcus Cyron (rechts) und Christian Vater (links). Foto: Rainer Halama, Wikimania 2017, CC BY-SA 4.0

Marcus Cyron ist seit 12 Jahren in der Wikipedia und anderen Wikimedia-Projekten einer der aktivsten Beiträger. Ihn zeichnet ein starkes wissenschaftliches Interesse im Bereich der Altertumswissenschaften aus. Immer wieder hat er in den letzten Jahren Projekte an der Schnittstelle von Wikipedia und Wissenschaft mit initiiert, so etwa die Tagung „Wikipedia trifft Altertum“, die 2011 in Zusammenarbeit mit allen wichtigen Fachverbänden aus dem Bereich der Altertumswissenschaften an der Universität Göttingen stattfand. 2012 war er der erste „Wikipedian in Residence“ in Deutschland am Deutschen Archäologischen Institut. Mit „Wikidata trifft Archäologie“ folgte 2013 eine Tagung, die Einblicke in die frei bearbeitbare Datenbank für strukturierte Daten und ihre Potenziale ermöglichte, diese als zentralen Verknüpfungspunkt für große Datenmengen zu nutzen.

2015 begann die Zusammenarbeit mit dem SFB „Materiale Textkulturen“. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Christian Vater organisierte Marcus Cyron eine erste GLAM-on-Tour-Veranstaltung im Antikenmuseum der Universität Heidelberg. Diese bot am 4. und 5. Oktober 2016 neben einer Schreibwerkstatt und der Möglichkeit, Fotos in der Sammlung zu machen, auch Führungen seitens des Archäologen Prof. Dr. Nikolaus Dietrich und des Sammlungskurators Dr. Hermann Pflug. So war dies eine sehr produktive Veranstaltung, die ihren Höhepunkt am Ende hatte, wie Marcus Cyron sich erinnert:

Kurator Herrmann Pflug war uns ohnehin die ganze Zeit eine stete Hilfe und Ansprechpartner bei allen möglichen Fragen. Und wir hatten Fragen. Das zeigte aber auch, dass wir zum einen wussten, was wir taten und wollten und dass wir zum anderen wirklich Interesse an der Sache hatten. Dennoch hätte sicher Niemand gedacht, dass er gegen Ende der Veranstaltung extra für uns noch einige der Originale aus den Vitrinen nahm, damit wir sie besser fotografieren konnten. Dieses Vertrauen ehrt uns ungemein.4

Dieses Vertrauen ist die Basis für eine inzwischen intensive Zusammenarbeit zwischen Wikipedianer/innen und Wissenschaftler/innen in Heidelberg, die mit einer zweiten GLAM-on-Tour-Veranstaltung am 10. und 11. November 2017 fortgesetzt wurde. Dieses Mal standen die Handschriften aus der Bibliotheca Palatina sowie weitere Exponate aus der historischen Sammlung der Universitätsbibliothek (UB) Heidelberg im Mittelpunkt.

Man merkte bei der ganzen Veranstaltung den Wunsch seitens der UB, uns als ihren Gästen die Schätze der Bibliothek näher zu bringen. Ja mehr noch, zu zeigen, welche Werke, welche Themen in Wikipedia vertreten sein sollten. Und das nicht einfach nur aus Eigennutz, weil man sich gerne gut in der Wikipedia repräsentiert sehen wollte, sondern weil man sich darum bewusst ist, welche Schätze man in der UB hat, die noch nicht einmal im Ansatz gehoben und einer weiteren Öffentlichkeit bekannt sind.5

Und mit dem Stichwort Öffentlichkeit schließt sich der Kreis. „Wikipedia und Wissenschaft“ – das ist ein absolut spannendes Feld der Wissenschaftskommunikation, das wir von Wikimedia Deutschland gemeinsam mit dem SFB „Materiale Textkulturen“ im November auch auf dem Forum Wissenschaftskommunikation 2017 vorgestellt haben. Darüber, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des SFB Wikipedia auch in die Lehre einbinden, soll es dann ein andermal gehen. Sicher ist: Die Zusammenarbeit geht weiter – darauf freuen wir uns!

 


 

1 Daniela Pscheida, Claudia Minet, Sabrina Herbst, Steffen Albrecht, Thomas Köhler: Nutzung von Social Media und onlinebasierten Anwendungen in der Wissenschaft. Ergebnisse des Science 2.0-Survey 2014, urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-163135

2 Ludger Lieb, Wissen und Denken – Potenziale und Grenzen der Wikipedia für die Geisteswissenschaften“, 10.11.2017, https://sfb933.hypotheses.org/363

3 Ebd.

4 Marcus Cyron, Antike in Heidelberg“, wp:kurier, 12.10.2016, https://de.wikipedia.org/w/index.php?oldid=158678283#Antike_in_Heidelberg

5 Marcus Cyron, Herbstliches GLAMmen in Heidelberg“, wp:kurier, 10.12.2017, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia:Kurier&oldid=172121409#Herbstliches_GLAMmen_in_Heidelberg

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Donnerstag, Dezember 21st, 2017 um 10:40 Uhr und ist zu finden unter Wikipedia, Wissenschaft. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sie können einen Kommentar hinterlassen.
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