Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Open Data für die Bahn. [update: Antwort der Bahn]

Manche Gespräche beginnen in einem Cafe, in einer Sbahn, einem Konferenzraum, manche Gespräche beginnen auf Twitter: Keine Deals, sondern offene …

  • Mathias Schindler
  • 11. September 2012

Manche Gespräche beginnen in einem Cafe, in einer Sbahn, einem Konferenzraum, manche Gespräche beginnen auf Twitter:

Und weil 140 Zeichen nicht für alle Belange des Lebens ausreicht, kommen wir der Bitte der Bahn zum Medienwechsel gerne nach:

 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Kai (/ki),

gerne möchten wir unser auf twitter begonnenes Gespräch hier fortsetzen und Ihnen kurz das Anliegen schilden, damit Sie es an die zuständige Stelle bei Ihnen im Haus weiterleiten können.

Im Interesse ihrer Kunden und zur Verbesserung der Qualität ihrer Dienstleistung schlagen wir der Bahn (wieschonvielevoruns) vor, umfangreiche Datensätze über den Fahrplan und die aktuellen Fahrinformationen zum Download und zur freien Nachnutzung bereitzustellen. Freie Nachnutzung bedeutet hier die Einräumung von Nutzungsrechten, die die nichtkommerzielle wie kommerzielle Speicherung, Verarbeitung, Bearbeitung und Weitergabe der Daten ermöglicht.

Wir gehen davon aus, dass diese Daten auf viele Arten genutzt werden, die weit über das Leistungsspektrum der bisherigen, u.a. auch durch die Verkehrsbetriebe angebotenen Webservices hinausgehen; von Visualisierungen über hochpersonalisierte Fahrempfehlungen über die Integration in andere Dienstleistungen, und sei es die Immobiliensuche, auf der Wohnungen nach Kriterien wie “maximal 30 Fahrminuten von X (z.B. dem Arbeitsplatz) nach Potsdam Charlottenhof, erreichbar bis mindestens 22:30 Uhr auch an Samstagen” gefiltert werden können.

Wir gehen insbesondere davon aus, dass eine Reihe von Anwendungen so entwickelt werden, an die keiner von uns bislang gedacht hat, von denen aber jeder nach einer Woche sagen wird, es sei unmöglich, ohne sie zu leben. Nichts sollte die Bahn davon abhalten, auf diesen Pool an Ideen, Mockups und Implementierungen zuzugreifen und ihr eigenes Angebot auf ihren eigenen Seiten damit anzureichern, wenn sie darin einen Mehrwert sieht.

Die Daten liegen der Bahn bereits vor, sie müssen nicht erst extra erhoben werden. Sie sind aus datenschutzrechtlicher Sicht unbedenklich, erkennbar schon daran, weil sie – konfektioniert als Einzeldatensätze über die entsprechenden Masken auf bahn.de – abrufbar sind.

Folgende Datensätze bieten sich insbesondere an, um vielfältige Nachnutzungen zu ermöglichen:

* Basisdaten über Bahnhöfe und Stationen (Geokoordinate, Bezeichnung)
* Fahrplandaten
* Live-Daten über die aktuelle Situation, Verspätungsmeldungen, zusätzliche Halte, etc, analog der von bahn.de/ris angebotenen Daten

Diese Liste ist nicht abschließend.

Wie die zuständigen Fachabteilungen schon wissen sollten, ist das Interesse an der Freigabe dieser Daten hoch und es arbeiten bereits jetzt schon engagierte Menschen an Alternativen, solange es hier von DB-Seite noch keine eigene Bereitstellung gibt. Eines dieser Projekte ist openPlanB, sie sollten dieses Team unterstützen.

2007 wurden in einem sehr gut lesbaren Dokument definiert, was die Voraussetzung für Open Data sein sollte, es gibt neben dieser Sebastopol Open Government Data-Definition noch ein weiteres Dokument, das die insbesondere lizenzrechtlichen Mindestvoraussetzungen für das Label Open erklärt: Die Open Definition.

Als Betreiber einer systemrelevanten Infrastruktur unserer Republik sähen wir gerne die Bahn als Vorreiterin einer innovationsfreundlichen Kultur des Austausches zwischen ihr und ihren Kunden. Wir stehen für Rückfragen jederzeit zur Verfügung,

Jens Best (@jensbest)
Mathias Schindler (@presroi)

 

[update 12. September 2012, 15 Uhr:]

Die Bahn hat auf das twitter-vermittelte-email-blogposting mit einer Email geantwortet, ich gebe diese Antwort aus dokumentarischen Gründen ungekürzt wieder:

Hallo Herr Schindler,

ich habe heute die Rückmeldung unserer Kollegen erhalten, die ich Ihnen –wie angekündigt- weiterleite. Hier nun die Rückmeldung des Fachbereichs:

Wir haben das Projekt „openPlanB“ noch nicht abschließend bewertet. Dazu ein paar grundsätzliche Bemerkungen. Reine Rohdaten (Open Data) helfen eigentlich nicht wirklich weiter, da ja ohne den entsprechenden Algorithmus damit wenig angefangen werden kann. Dass wir Crowd-Sourcing (also die vielen freien Ideen) zwar nicht offiziell unterstützen, aber üblicherweise tolerieren, zeigen ja die zahlreichen Apps und Anwendungen, die es zu bahn.de gibt. Diese parsen die entsprechenden Daten auf bahn.de aus. Für uns stellt sich die Frage, welchen Mehrwert „openPlanB“ bietet. 

Die Deutsche Bahn (DB) investiert einen hohen Aufwand in die Pflege und die Aufbereitung der Fahrplandaten, um daraus für die Kunden optimale Fahrplanauskünfte für den jeweilig konkreten Reiseanlass anbieten zu können. Entsprechende Anwendungen wie die Fahrplanauskunft auf bahn.de oder den DB Navigator entwickeln wir ständig weiter und sind dabei für Anregungen von Kunden und Dritten offen. Bahn.de arbeitet seit einigen Jahren auch mit einer großen Anzahl an Partnern in verschiedenen Kooperationsformen (Schnittstellen, Widgets, etc.) zusammen, auch hier evaluieren wir regelmäßig weitere neue Modelle. Hierbei ist für die DB die Qualitätssicherung der Auskünfte für ihre Kunden immer von besonderer Bedeutung. 

Lieber Herr Schindler, da dieses Thema auch für uns und unsere Kunden interessant ist, werde ich die Information auch als Service-Notiz auf www.bahn.de/dbbahn einstellen.

Viele Grüße vom Twitter-Team und mir, /to

Ihr Twitter-Team (http://twitter.com/DB_Bahn)

  1. Das wäre mal ein Akt, wenn die Bahn auf „das Volk“ zugehen würde. Ich Hoffnung, dass ich dies einmal erlebe, schließe ich mich der Bitte an!

    Kommentar von Mark am 11. September 2012 um 11:38

  2. Die Bahn wird mangels Daten von keinem Kartendienst im Routing empfohlen. Dadurch ist die Bahn als alternatives Verkehrsmittel für Rad- und Autofahrer gar nicht sichtbar. Vorsätzliche Sabotage der Verantwortlichen oder einfach nur desinteressierte Unfähigkeit vieler Mitarbeiter, die Zugriff auf die Daten haben?

    Kommentar von Thomas Schmidt am 11. September 2012 um 13:45

  3. +1 . Es gibt ja viele Beispiele wozu sowas führt, z.B. zu http://traintimes.org.uk/map/tube/

    Kommentar von dr0i am 11. September 2012 um 17:36

  4. Ein weiterer Aufhänger könnte sein, darauf hinzuweisen, dass die Deutsche Bahn selbst gerne die Produkte der freien Informationswelt nutzt. Ganz selbstverständlich laufen weite Teile des DB-Serverparks auf Linux und im neuen internen Geodaten-Informationssystem der DB Netz werden laut eines Fachartikels Openstreetmap-Daten verwendet. Nur mit der Veröffentlichung eigener Daten, die nicht objektiv begründbaren Schutzbedürfnissen unterliegen, nimmt es der Laden mit dem roten Keks (noch) nicht so genau.

    Kommentar von bigbug21 am 11. September 2012 um 19:27

  5. @bigbug21: Ich glaube, dass es völlig okay und auch hilfreich ist, wenn man eigene selbst verfasste Briefe mit ähnlichen Anfragen oder Konkretisierungen an die Bahn schickt und so auch den Bedarf an den Daten mit dokumentiert.

    Kommentar von Mathias Schindler am 11. September 2012 um 20:41

  6. Die Antwort der Bahn erinnert mich nur zu gut an so manche Diskussionen um die Veröffentlichung von Infrastrukturdaten, beispielsweise zulässigen Geschwindigkeiten oder die Anordnung von Kurven und Weichen im deutschen Schienennetz. Vielfach ist zu hören: Für wen sind denn diese Daten relevant? Wer kann denn damit schon etwas anfangen? Und was ist mit Erpressern und Terroristen?

    Ich denke, die Frage müsste eher umgekehrt lauten: Welche guten Gründe gibt es, ohnehin vielfach digital vorliegende Daten, deren Generierung oder zu Grunde liegende Sachverhalte maßgeblich oder gar vollständig aus Steuergeldern finanziert wurden, unter Verschluss zu halten? Doch obwohl _objektive_ Schutzbedürfnisse in vielen Fällen noch nicht einmal mit viel Fantasie erahnbar sind, liegt der aller größte Teil der aus fast zehn Milliarden Euro Steuergeldern pro Jahr entstehenden Daten der Eisenbahn in Deutschland unter Verschluss. Das betrifft nicht nur Fahrplandaten, sondern eben auch konkrete Informationen zur bestehenden Schieneninfrastruktur, zu Neu- und Ausbauprojekten, aber beispielsweise auch essentielle Daten des steuerfinanzierten Nahverkehrs wie Informationen zur Fahrplantreue, Auslastungszahlen oder natürlich auch Vertragskonditionen und die Höhe öffentlicher Zuschüsse.

    Die Veröffentlichung von Fahrplandaten birgt ein enormes Potential. Dabei geht es nicht nur, wie in der Antwort der DB implizit behauptet, um die klassische Verbindungsauskunft. Bereits ohne die dazu notwendigen ausgeklügelten Algorithmen können für die verkehrswissenschaftliche Forschung wertvolle Informationen gewonnen werden. So lassen sich beispielsweise zügig Informationen über die Bedienung von Bahnhöfen oder Strecken oder über Reisezeiten über die Zeit auswerten.

    Die nunmehr vorliegende Antwort der Bahn zeigt, dass das Potential offener Daten noch nicht verstanden wurde. Es würde mich nicht wundern, wenn in der ehemaligen Behördenbahn auch einfach vielfach die Angst vorherrscht, zu was tatsächliche Transparenz und Offenheit führt. Das Potential freier Daten, nicht nur im Hinblick auf neue Apps, sondern beispielsweise auch zu zielführenden Bedarfsdiskussionen, wird nicht erschöpft.

    Kommentar von bigbug21 am 12. September 2012 um 19:29

  7. „Hat“ die Bahn diese Daten überhaupt? Da sind doch so spezialisierte IT-Dienstleister, wie Hafas, die die ganze Technik für die Bahn machen. Wer weiß, was die für langfristig bindende Verträge untereinander haben? Am Ende „gehören“ die maschienenlesbaren Daten gar nicht der Bahn, sondern sie hat selber nur beschränkte Nutzungsrechte und nen Anspruch, darauf, dass irgendwelche websites/-services am laufen gehalten werden. Das würde natürlich niemand zugeben sowas, dass sie die Daten nicht mal rausgeben könnten, wenn sie denn wollten :/

    Unabhägig davon wollen sie offensichtlich auch nicht.

    Aber trotzdem echt lustig und unterhaltsam dieser Dialog!
    Ist das eigentlich ein Scherz oder echtes Unverständnis, diese Bemerkung, dass die Daten ohne den Algorithmen nichts nutzen? Als ob irgend Jmd deren Algorithmen will! Als ob es nicht zich open-source Algorithmen (wie mapnificent, graphserver, opentripplaner) gibt, die aus gewisser Hinsicht sogar weit besser sind? Im Rest der Welt sieht man ja wie viele „Algorithmen“ überhaupt erst geschrieben wirden, nachdem es Fahrplan Daten gab.. *kopfschüttl

    Kommentar von flowdi am 12. September 2012 um 20:32

  8. Was die Veröffentlichung der Nahverkehrsdaten von Berlin und Brandenburg angeht, gibt es mitterweile auch Bewegung… Wir (OKF und Open Data Aktivisten) haben uns gestern mit vbb und Senatsverwaltung im AK Open Data Nahverkehr getroffen. Es wurde angekündigt, dass am 1.Oktober ein erster Fahrplandatensatz auf (daten.berlin.de) veröffentlicht wird. Ende November wird es im Zuge eines Entwicklertages (und vorraussichtlich auch darüber hinaus) Zugriff auf die API und damit auf die Echtzeitdaten des vbb geben. Wer am Laufenden bleiben will (oder noch besser: sich beteiligen will), einfach auf der Mailingliste eintragen: http://lists.okfn.org/mailman/listinfo/open-data-nahverkehr

    Kommentar von Julia Kloiber am 13. September 2012 um 19:42

  9. Es ist ganz einfach, um was es geht:

    Es könnte sein, dass jemand dann mit „nicht authorisierten“ Apps Reisewege vorschlägt, die nicht funktionieren.

    Wenn die Apps die Seite der Bahn ablutschen, ist das deren Problem, dann kann sich der Geschädigte (der Reisende) an den Entwickler der App wenden.

    Wenn die Bahn aber die Daten hochoffiziell zur Verfügung stellt, hat sie u.U. das Problem. Z.B. weil ein Kodierungsfehler drin war.

    Also hofft sie, dass die openplanb-Macher einfach die bahn.de-seite abgrasen, was unter EIngabe der Zugnummer auch geht, die verlaufspläne kriegt man ja…

    Das steht zwischen den Zeilen auch in der Antwort drinne…

    Kommentar von Philipp am 14. September 2012 um 15:47

  10. Eine Online-Petition versucht nun, dies zu erwirken: https://www.openpetition.de/petition/online/bahn-fahrplan-als-opendata-veroeffentlichen

    Kommentar von DerHexer am 17. September 2012 um 16:01

  11. […] nicht dem Rest des Internets die (Nach-)Nutzung der Fahrplandaten erlaubt. Wir haben letzte Woche ähnliches gefragt und dazu eine sehr unbefriedigende Antwort der Deutschen Bahn […]

    Pingback von Wikimedia Blog » Blog Archive » Geschlossene Gesellschaft: Fahrplandaten der Bahn weiterhin geschlossen am 17. September 2012 um 18:48

  12. […] einem Twitter-Austausch zwischen Jens Best, dem Social Media-Team der Deutschen Bahn und mir ein offener Brief über die Bitte um Freigabe von Fahrplandaten unter einer nachnutzungsfreundlichen Lizenz. Die Antwort der Bahn war schnell, freundlich und aus […]

    Pingback von Wikimedia Blog » Blog Archive » Deutsche Bahn an OpenplanB: “Wir werden das Gespräch mit anderen Open-Data-Förderern suchen.” am 28. September 2012 um 11:58

  13. Wieso bietet die BAHN diese Daten nicht per API an, wo man als Entwickler vorher versichern muss, dass man nur aktuelle Daten nutz und sich mindestens einmal im Quartal bei der DB einloggt um den APIKEY nicht auslaufen zu lassen. Wo ein Wille, da ein Weg…

    Kommentar von toni am 4. Oktober 2012 um 20:12

  14. […] under Leser dieses Blogs haben in den letzten Monaten einige Postings und Statusmeldungen aus unserem Bereich gelesen, in denen wir uns für die Freigabe von […]

    Pingback von Wikimedia Blog » Blog Archive » Fahrplandaten für Berlin und Umgebung: Echt, frei, beinahe noch frisch am 26. Oktober 2012 um 15:33

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