Heute ging die für mich wohl letzte größere Veranstaltung des Jahres zu Ende. Nach Wikipedia trifft Altertum im Juni in Göttingen, der Ständigen Ägyptologenkonferenz im Juli in Leipzig, der Wikimania im August in Haifa und der WikiConvention letztes Wochenende in Nürnberg nun am 14. und 15. September .hist 2011 – Geschichte im digitalen Wandel an der Berliner Humboldt-Universität.

Dank einer Einladung der Gerda Henkel Stiftung konnte ich als Vertreter der Wikipedia an der Veranstaltung teilnehmen – an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön nach Düsseldorf. Die Stiftung war über ihr Webportal L.I.S.A. gemeinsam mit Clio online, H-Soz-u-Kult und dem Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Organisator und Ausrichter der zum dritten mal durchgeführten Tagung, an der mehr als 100 Personen, meist Historiker, teilnahmen. Das Programm war im doppelten Wortsinne gemischt. Auffällig war die starke Technik-Lastigkeit, die man bei einer derartigen Veranstaltung nicht wirklich erwartet hätte. Das machte das Folgen, insbesondere bei den sogenannten Werkstattberichten, für Technikmuffel wie mich nicht immer leicht. Neben der Begrüßung, der Keynote von Stefan Münker zum Thema „Jenseits der Technik. Zum Status quo des digitalen Wandels“ waren die beiden Podiumsdiskussionen am Ende der beiden Tage die zentralen Anlaufpunkte für alle Teilnehmer. Sonst war die Tagung in vier Sektionen unterteilt, zu denen jeweils parallel auch Werkstattberichte veranstaltet wurden. Ich möchte das hier nicht alles im einzelnen wieder geben, weiter oben ist das Tagungsprogramm verlinkt. Interessant waren für mich vor allem die Informationen zu den realen Projekten. Ich möchte hier ein paar zumindest einmal nennen:

* www.digiberichte.de – eine digitalisierte Edition von Reiseberichten aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit

* der Professorenkatalog der Universität Leipzig

* Repositoriums für biografische Daten historischer Personen des 19. Jahrhunderts – eine Datenbank zur Sammlung und Strukturierung von Personen des 19. Jahrhunderts

* Deutsches Textarchiv Digitalisierung eines disziplinübergreifenden Kernbestandes deutschsprachiger Texte aus der Zeit von ca. 1650 bis 1900 nach den Erstausgaben

Weil mich die Praxis naturgegeben mehr interessiert, war ich zumeist in den Werkstattgesprächen. Einzig im vierten und letzten Block war ich in den Vorträgen. Thema war „Grenzverschiebungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit“ – und immer wieder schwang Wikipedia mindestens unterschwellig mit, sind wir doch wohl das Paradebeispiel für diese Verschiebung. Zunächst sprach Michail Hengstenberg über das Spiegel-Projekt einestages.de. Interessant hier, daß auch der Spiegel unter dem Problem leidet, das auch die Wikipedia hat: zu wenige Autoren. Die Mär von der Weisheit der Vielen und dem Crowdsourcing funktioniert einfach nicht so, wie man es beim Erfolg etwa von Projekten wie Wikipedia zunächst glauben mag. Danach sprach Jürgen Danyel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam über deren Projekt Dokupedia-Zeitgeschichte. Was mir bei ihm besonders in Erinnerung blieb war das Bedauern, daß man zu Beginn in Abgrenzung von Projekten wie Wikipedia zu restriktiv war – und das nun auch nicht mehr beheben kann. Dennoch ist es ein sehr erfolgreiches Projekt.

Dritter Beitrag und der dramatische Höhepunkt war der Beitrag von Maren Lorenz von der Uni Hamburg. Lorenz Vortrag war von einer großen kulturpessimistischen Grundhaltung geprägt. Sie bemängelte den Kontrollverlust der Historiker über die Geschichte, also den Verlust der Deutungshoheit über die Geschichte, weil im Internet diverse Laien ihr Un- und Halbwissen verbreiten. Das kann funktionieren, doch meist funktioniert es ihrer Meinung nach nicht. Angefangen bei der „technischen“ Beherrschung der Materie über die häufige Anonymität der Autoren bis hin zur emotionalen Bewertung. Neben der allgegenwärtigen Wikipedia war etwa die Khan Academy das beredte Beispiel für diesen Kontrollverlust. Ein letztlich kompletter Laie, der emotional, vereinfachend und mit antiquierten Mitteln (etwa Frontalunterricht) Wissen vermitteln möchte – und damit einen gewissen Erfolg hat. Ihm wird immerhin zugute gehalten, daß man bei ihm immerhin weiß, wer hinter allem steckt. Dazu kamen auch generelle Problemschilderungen, etwa die aus vielen Gründen fehlende Zeit oder der Legitimationsdruck, der auf Geistes- und Kulturwissenschaften lastet.

Frau Lorenz legte ihren Beitrag durchaus so an, daß sie nicht nur Zustimmung bekommen konnte, kokettierte auch ein wenig damit, den Advocatus diabloli zu geben. Was natürlich nicht bedeutete, daß sie in vielem nicht auch zumindest in Teilen recht hatte. Dennoch mußte ich hinterher ein wenig zur Gegenrede ansetzen. Angefangen damit, daß die Wikipedia-Autoren durchaus zu einem nicht geringen Teil vom Fach sind. Dummerweise ist Lorenz Frühneuzeithistorikerin – hier findet sie wirklich nicht all zu viel Gutes in der Wikipedia. Dieser Bereich ist ein echtes Sorgenkind. Doch wenn der stete Zeitdruck beschrieben wird, sollte es die Fachwissenschaftler doch freuen, wenn ihnen die Arbeit abgenommen wird. Wie kann man darauf kommen, daß ihnen die Deutungshoheit genommen wird? Sicher nicht in der Wikipedia. Dort wird doch gerade darauf wert gelegt, nicht eigene Forschungen, sondern die der Fachwissenschaftler zu verarbeiten. Ganz im Gegenteil – gerade wir in der Wikipedia stehen an der vordersten Front und müssen uns der Heimatforscher und Umdeuter erwehren. Die Fachwissenschaft verweigert sich diesen Diskussionen fast immer. Man möge Henriette doch einmal zur Chronologiekritik befragen, zu Heribert Illig und dem Erfundenen Mittelalter. Wir erwarten sicher keine Dankbarkeit – aber etwas mehr Respekt dürfte es manchmal schon sein. Hinzu kommt ja auch die Frage: mit welchem Recht beklagt Lorenz den Kontrollverlust der Wissenschaftler? Es ist eben jener Elfenbeinturm, in dem die deutsche Wissenschaft nahezu fachübergreifend seit dem 19. Jahrhundert fest sitzt. Ein Wissenschaftler der ein Buch für Nichtfachwissenschaftler schreibt wird um es überspitzt zu sagen kaum noch ernst genommen. Man kann auch fragen: hatte denn jemals die Geschichtswissenschaft die Deutungshoheit? In der Diskussion wurde das letztlich verneint und viele Beispiele ins Feld geführt die zeigten, daß es diese nie wirklich gab. Auch etwa Elmar Mittler sah weitaus größere Chancen als Risiken und bekam für seinen Wortbeitrag wohl den meisten Applaus. Was mich zudem etwas gestört hat war die unterschwellige Botschaft, daß man als Fachwissenschaftler keine Zeit für die Vermittlung an Laien hat – aber andere Personen sollen das dennoch nicht übernehmen.

Frau Lorenz, sollten sie das lesen – wir müssen uns unbedingt einmal in größerer Runde zusammen setzen. Nachdem Wikipedia das Altertum traf, warum nicht auch einmal die Geschichtswissenschaft? Letztlich wollen wir, so glaube ich, doch Dasselbe. Und können sicher von einander profitieren. Und miteinander reden ist vielleicht besser als übereinander. Es würde mich traurig machen, wenn sie weiter diesen pessimistischen Standpunkt vertreten.

Daneben waren die Gespräche am Rande sehr interessant und wichtig. Einerseits mit den Vertretern der Gerda Henkel Stiftung, andererseits aber nicht zuletzt mit Studenten. Hier vor allem mit Mitarbeitern von Skriptum, denen verständlicherweise diese Diskussion nicht besonders gefallen hatte. Skriptum veröffentlicht übrigens unter einer Creative-Commons-Lizenz. Auch sonst werden viele der Projekte unter Open Access, Open Source, Open Content oder Open Data-Bedingungen veröffentlicht. Neben Media Wiki waren das wohl die häufigsten Worte aus dem Wikipedia-Umfeld, die bei der Tagung gefallen waren. Und bei einigen Projekten sollten wir mal überlegen, ob eine engere Zusammenarbeit nicht möglich und sogar sinnvoll wäre.