Freies Wissen und Wissenschaft (Teil 06): „All of Open Access on a stick“, oder: Wie überwinden wir die Open-Silos?

Open Access, Citizen Science, Open Research Data – Die Öffnung der Wissenschaft schreitet voran. Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich im Rahmen ihrer Arbeit mit freien Lizenzen und kollaborativen Arbeitsweisen. Sie machen ihre Forschungsergebnisse und -daten frei zugänglich, damit sie von möglichst vielen Menschen verwendet und nachgenutzt werden können oder beteiligen Bürgerinnen und Bürger direkt am Forschungsprozess. An dieser Stelle veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Beiträge rund um das Thema Freies Wissen und Wissenschaft. Im sechsten Teil unserer Beitragsserie schreibt Lambert Hellerder sich im Open Science Lab der TIB Hannover mit kollaborativen Arbeitsweisen in der digitalen Wissenschaft beschäftigt, über die mögliche Rolle der Wikipedia als „Brücke“ zwischen verschiedenen existierenden Open Access-Repositorien.


Forschungsergebnisse Open Access zu publizieren ist in den letzten Jahren immer selbstverständlicher geworden. Auf diese Weise ist quasi eine virtuelle Allmende entstanden – sichtbar vor allem durch einige sehr große fachliche Repositories wie PubMed Central (PMC) und arXiv. Verschiedene Player versuchen in der letzten Zeit immer wieder, die große verstreute Open Access-Almende auf einem Rechner zusammen zu bringen. Aus vielen Gründen wäre das nützlich – doch die bisherigen Ansätze haben einige Grenzen. Ich möchte in diesem Beitrag beschreiben, wie und warum sich in der Wikipedia gerade eine nachhaltige und partizipative Lösung dieser Herausforderung entwickeln könnte.

Der Begriff „Open Silo“ – ein Widerspruch in sich?

Der auf den ersten Blick widersprüchliche Begriff „Open Silo“ entstand im Frühjahr 2015 im Umfeld der Open Knowledge Open Education Working Group (vgl. auch diese ausführlichere Mailinglisten-Diskussion im Anschluß). Mir begegnete dieses Wort erstmals bei der OAI9-Konferenz in Genf, ebenfalls im Frühjahr 2015. Daniel Mietchen stellte dort die These auf, dass Wikipedia-Projekte wie Wikimedia Commons und Wikisource heute benötigt werden, um Brücken zwischen den „Open Silos“ zu bauen, die heute vielerorts entstehen. Ich nehme an, das stimmt. Und ich vermute, dass dies ein – bisher allzu leicht übersehener – Punkt ist, an dem die Öffnung des gesamten, aktuellen wissenschaftlichen Wissens als öffentliches Gut, langfristig von der Wikipedia profitieren kann und sollte.

Dabei beschäftigt mich – jedenfalls in diesem Blogposting – noch nicht einmal die Frage nach möglichen Brücken zwischen Open Access und offenen digitalen Ressourcen anderer Domänen, wie etwa Open Educational Resources oder Open Government Data. Ich will hier zunächst einmal tatsächlich nur von Brücken innerhalb von Open Access im engeren Sinne reden, also den frei zugänglichen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung. Wer sich mit der Landschaft der Open Access-Repositories und -Aggregatoren auskennt, kann die nächsten beiden Abschnitte überspringen und weiterlesen bei „Von der virtuellen Open Access-Allmende zur vollständigen Open Access–Sammlung auf einem Rechner“.

Selbstverständlichkeiten der Post-Open Welt: Repositories mit vielen Millionen frei zugänglicher Fachpublikationen

Fragen wie die nach der Überwindung der Open-Silos stellen sich eigentlich erst, seit absehbar ist, dass Open Access bald zum durchgesetzten Normalfall werden könnte. In einigen Fächern ist dieser Normalfall bereits eingetreten, da können wir den Konjunktiv einfach weglassen. Open Access ist in diesen Disziplinen schon so selbstverständlich geworden ist, dass der Begriff selbst kaum noch auftaucht.

Der Begriff ist dann quasi in den Alltag der jeweiligen Forscher eingesickert. (Genau so wie wir tagtäglich mit elektrischen Geräten herumhantieren, ohne dabei viele Gedanken oder Worte über die Versorgung mit Elektrizität zu verlieren. Na gut, wenn das Handy-Akku leer ist, dann vielleicht mal.) Insbesondere Mediziner und Physiker arbeiten heute oft alltäglich mit großen Repositories wie PubMedCentral (PMC) und arXiv, ohne sich Sorgen um Openness zu machen. Das, womit sie täglich arbeiten, ist einfach sofort und jederzeit da. Meine Kollegin Esther Tobschall, Fachreferentin für Physik an der TIB Hannover, hat gerade erst dargelegt, inwiefern arXiv viele Funktionen erfüllt, die über das bloße Sammeln von Publikationen weit hinausgehen. Ich würde jederzeit eine Wette eingehen, dass in den nächsten Jahren neben arXiv und PMC auch in weiteren Fächern ähnlich umfassende fachliche Repositories entstehen werden.

„Fast alles“, in x verschiedenen Ausprägungen: Aggregieren und indexieren über fachliche Grenzen hinweg

Doch daneben ist in den letzten Jahren schon wieder etwas neues entstanden: Meta-Aggregatoren, die einen großen Teil der Inhalte solcher Repositories entweder vollständig spiegeln oder diese indexieren, um darauf aufbauend neuartige, oft wirklich nützliche Funktionen anzubieten. Daran ist nichts verwerflich, im Gegenteil. Genau hier wird eines der Versprechen eingelöst, die stets mit Open Access verbunden waren: Durch den Wegfall unnötiger Barrieren das Potential einer umfassenden digitalen Verfügbarkeit wissenschaftlicher Inhalte zu heben. Die Vielfalt solcher Meta-Sammlungen und Indexierer ist beeindruckend: Von reinen Suchdiensten wie BASE (ausschließlich freie Wissenschaftsquellen abdeckend, disziplinenübergreifend), Paperity (ähnlich, jedoch kommerziell), über Aggregatoren mit Peer-Review-Funktionen wie ScienceOpen, oder Sammlungen rund um personalisierte Profile wie ResearchGate und Academia.edu, bis hin zu wissenschaftlichen Sammlungen wie OpenAire oder CORE. Auch die Artikel-Datenbank des Directory of Open Access Journals (DOAJ), die bereits einen großen Teil der in DOAJ verzeichneten Fachzeitschriften abdeckt, ist eine solche Meta-Aggregation.

Daß diese vielfältigen Dienste überhaupt möglich sind hat vor allem damit zu tun, dass Open Access-Journals und –Repositories bestimmte rechtliche und technische Standards berücksichtigen. Dazu gehört die Verwendung OA-kompatibler Creative-Commons-Lizenzen, die Verfügbarkeit von Publikationen über standardisierte Schnittstellen wie OAI-PMH, Persistent Identifier wie DOI und ORCID, aber auch das Zurverfügungstellen großer Datenmengen als Bulk-Download – letzteres wird sowohl von den oben genannten fachlichen Repositories als auch von mehreren großen Open Access-Publishern sowie von Diensten wie CrossRef für die dort verzeichneten Metadaten angeboten.

Von der virtuellen Open Access-Allmende zur vollständigen Open Access–Sammlung auf einem Rechner – wer hat eine nachhaltige und partizipative Lösung dafür?

Open Access hat bis heute zu einer großen, ziemlich verstreuten Allmende geführt. Einen nenneswerten Teil dieser Allmende auf einem Rechner bringen, um damit nützliche Dinge zu tun, ist jedoch nicht trivial, trotz der hilfreichen oben genannten Standards. Diese Hürde, also statt einer nur virtuellen Allmende frei zugänglicher Forschungsergebnisse die tatsächliche Allmende in der Hand zu haben – diese Hürde meine ich, wenn ich in Bezug auf Open Access von Open Silos sprechen. Sie wirkt bisher wie ein Filter, denn betrachtet man die oben genannten Meta-Aggregatoren, so fällt auf, dass sie bisher ausschließlich von kommerziellen Unternehmen oder von Forschungseinrichtungen und Bibliotheken betrieben werden. Die dort gesammelten Daten stehen entweder nur für den Geschäftsweck des jeweiligen Unternehmens zur Verfügung, oder so lange, wie die staatliche Finanzierung der jeweiligen Einrichtung das zulässt – so oder so eine Begrenzung. In beiden Modellen, den kommerziellen wie den rein öffentlich finanzierten, ist es auch nicht vorgesehen, dass jedermann auf den aggregierten Daten arbeiten kann. Die Rollen sind hier vielmehr klar verteilt: Hier die angestellten Entwickler, die im Auftrag die Daten bearbeiten, indexieren, visualisieren, dort die „Endnutzer“, die – hoffentlich – von dem so bereit gestellten zusätzlichen Nutzen profitieren. In einem gewissen Rahmen gibt es natürlich Feedback-Schleifen, die – hoffentlich – dafür sorgen, dass die Entwickler agil auf Verhaltensmuster oder explizite Wünsche der Endnutzer reagieren, aber eines ist klar:

Diese Dienste stellen die Open Access-Allmende nicht uneigennnützig jedermann zur Verfügung, sondern sie sind jeweils eine mehr oder weniger spezielle, finanziell und oft zeitlich befristete Anwendung der Open Access-Allmende, mit klarer Rollenverteilung zwischen den Machern der jeweiligen Anwendung und deren Nutzern.

Ein nachhaltiges, partizipatives Modell, Forschungsergebnisse zu sammeln und alle dazu einladen, diese Ergebnisse nach allen nur erdenklichen Gesichtspunkten gemeinschaftlich zu erschließen, von der manuellen Korrektur von OCR-Fehlern bis hin zur Verknüpfung von Publikationen mit bibliothekarischen Normdaten oder der Klassifizierung nach fachlichen Taxonomien? In allen oben genannten Modellen Fehlanzeige.

Entrez Wikipedia

Das WikiProject Open Access sammelt OA-Forschungsergebnisse auf Wikisource und Wikimedia Commons, um sie für die Wikipedia leichter verfügbar zu machen

An dieser Stelle betreten wir die Wikipedia. Um gleich mögliche Unklarheiten zu vermeiden: Die Wikipedia war und ist nicht dazu da, originäre Forschungsergebnisse zu verbreiten. Sie ist eine freie Enzyklopädie, und um das zu werden ist sie als ein kollaboratives Projekt angetreten. Der Rest ist Geschichte. Einer der Gründe für die enorme Popularität der Wikipedia sind die radikal vereinfachten, einheitlichen Bedingungen für alles, was in der Wikipedia enthalten ist. Zentral sind das drei Bedingungen:

  • alles steht unter einer freien Lizenz,
  • alles ist web-zugänglicher Content, der zunächst und vor allem in HTML plus freien Multimedia-Formaten zur Verfügung gestellt wird, und
  • alles wird ggf. vom Hinweis auf seine ursprüngliche(n) Quelle(n) begleitet.

Und, ein wenig subtiler: Wikipedia gehört keinem Staat und keinem Unternehmen – dass das Projekt funktioniert verdankt sich nur einerseits einem stets zu erneuernden Konsens zwischen den zahlreichen Beteiligten, und andererseits freiwillig aufgebrachten Spenden, mit der insbesondere die notwendige Infrastruktur und deren Weiterentwicklung bezahlt wird.

Das vor knapp vier Jahren entstandene WikiProject Open Access ist nur eine von zahlreichen Initiativen von Freiwilligen im Umfeld der Wikipedia. Das Projekt sammelt, inzwischen teilweise automatisiert, Open Access-Forschungsergebnissen auf Wikisource und Wikimedia Commons. Diese Inhalte sollen dann für die Lexikonartikel der Wikipedia leichter verfügbar sein, insbesondere durch Verweise auf und Zitate aus den jeweiligen Forschungsergebnissen. An der TIB Hannover arbeiten wir derzeit an einem Drittmittelantrag für ein Projekt zur Erschließung von Artikeln und Abbildungen aus den Ingenieurwissenschaften, das dem Konzept von WikiProject Open Access folgt.

Von WikiProject Open Access soll einerseits die Qualität der Wikipedia-Artikel profitieren, und andererseits Open Access publizierte Forschung noch besser sichtbar werden – ein Zusammenhang, auf den insbesondere in der zurückliegenden Internationalen Open Access Woche 2015 intensiv hingewiesen worden ist. Die OA-Woche stand in diesem Jahr unter dem Motto „Open for Collaboration“, und wurde u.a. von einem Wikipedia Edit-a-thon begleitet.Doch ein glücklicher „Nebeneffekt“ des WikiProject Open Access könnte noch woanders liegen. Möglicherweise demonstriert das Projekt, wie die Wikipedia zur Antwort werden könnte auf die oben gestellte Frage nach einer nachhaltig und partizipativ betriebenen, umfassenden Open Access-Sammlung. Diese Aufgabe würde mit hoher Konsistenz zur übergreifenden Mission der Wikipedia passen:

„Stell dir eine Welt vor, in der jeder Mensch auf der Erde freien Zugang zum gesamten menschlichem Wissen hat. Das ist, was wir machen.“


Lambert Heller, Bild: Lilli Iliev (WMDE), „10. ABC des Freien Wissens „J=Journals.““, CC BY-SA 4.0

Lambert Heller leitet seit 2013 das Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek (TIB) Hannover. Er beschäftigt sich mit neuen Arbeitsweisen in einer offener und kollaborativer werdenden digitalen Wissenschaft. Näheres unter http://biblionik.de

 

 

 

 

 

 

 


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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Dienstag, Oktober 27th, 2015 um 10:20 Uhr und ist zu finden unter Allgemein, Wissenschaft. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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ein Kommentar to “Freies Wissen und Wissenschaft (Teil 06): „All of Open Access on a stick“, oder: Wie überwinden wir die Open-Silos?”

  1. Links vom 21.10.2015 bis 03.11.2015 | Offene Wissenschaft sagt:

    […] Freies Wissen und Wissenschaft (Teil 06): „All of Open Access on a stick“, oder: Wie &uu… – Lesenswertes Stück von Lambert Heller im Wikimedia Blog. Ich bin mir zwar noch nicht schlüssig inwiefern ich den Begriff "Open Silos" treffend finde, aber dennoch kann ich die Argumentation von Lambert gut verstehen. […]

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