Ein Mann, ein Ort: Dimitar Dimitrov ist „Wikimedian in Brussels“

1st Wikimedian in Brussels (sailing at Neusiedlersee), Foto: dimi_z, CC-BY-SA 3.0

Wikpedianer sind immer auch Botschafter. Ob sie nun Enzyklopädieartikel erstellen oder Kulturdenkmäler fotografieren – immer repräsentieren sie damit als Individuen zugleich auch die große, gemeinsame Idee: die des Freien Wissens. Manche Wikipedianer beteiligen sich sehr umfassend an den Wikimedia-Plattformen, beraten Hilfesuchende im Support-Team, diskutieren auf Spezialseiten Urheberrechtsfragen oder kommentieren Policy-Richtlinienentwürfe der WMF. Und wieder andere Wikipedianer denken darüber nach, wie man denn die politischen und gesetzgeberischen Voraussetzungen dafür verbessern könnte, dass noch viel, viel mehr kulturelle und staatliche Werke frei verfügbar werden. Ein solcher Botschafter des Freien Wissens ist Dimitar Dimitrov. Er arbeitet im Epizentrum der europäischen Politikmaschinerie, in Brüssel. Und die gute Nachricht ist – er tut dies für uns.

Dimi, so sein bevorzugter Ruf- und Autorenname, kam über verschlungenen Wegen in die belgische Hauptstadt. Seine Biografie, die viel mit Ortswechseln zwischen europäischen Hauptstädten zu tun hat, macht ihn zu einem natürlichen Kosmopoliten. Neben der bulgarischen Muttersprache spricht er auch Englisch und Deutsch fließend, Französisch eignete er sich en passant an. Dies ist auch unerlässlich, um im babylonischen Sprachgewirr der EU-Institutionen zurecht zu kommen und sich Zugänge zu erschließen.

Harte Fragen statt halbgarer Lösungen

Dimi und WMDE fanden durch Zufall zueinander. Während der deutsche Verein gerade seine “Roadmap nach Brüssel” vorlegte, bastelte Dimi bereits im Stillen an einer Seite auf Meta, die in neuer Dringlichkeit darauf hinwies, wie notwendig ein verbessertes Monitorung der Brüsseler Abläufe für den gesamten Wikimedia-Verbund doch sei. Die weitgehende Untätigkeit bei der Urheberrechtsharmonisierung in dieser europäischen Legislaturperiode, die im Ergebnis zu einer ärgerlichen Schutzfristverlängerung und einer halbgaren Lösung für die Nutzung verwaister Werke führte, bedeuteten einen zusätzlicher Antrieb, endlich von der Theorie (“Man müsste mal…”) zur Praxis überzugehen. So kamen wir schnell überein, im April zu einem internationalen Treffen einzuladen, das Dimi hervorragend organisierte und das den Startschuss für die selbsternannte “Free Knowledge Advocacy Group EU” bildete.

Hinter dem Titel verbirgt sich eine virtuelle Gemeinschaft von einigen Wikimedianern aus unterschiedlichen europäischen Ländern, die vornehmlich an politischen Themen arbeiten, die einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Rahmenbedingungen unserer Plattformen haben:

  • Wie kann der Unternutzung kultureller Werke durch eine “digitalisierungsfreundlichere” Gesetzgebung begegnet werden?

  • Welche im staatlichen Auftrag erhobenen Daten oder produzierten Dokumente sollte man vom Urheberrechtsschutz ganz ausnehmen?

  • Wie könnte eine für Fotografen leicht nachzuvollziehende Panoramafreiheit aussehen, die noch dazu in allen EU-Mitgliedsländern gleich gehandhabt wird?

  • Gibt es – auch angesichts von PRISM – den Bedarf, Datenschutz als Abwehrrecht gegenüber staatlicher Schnüffelei und kommerzieller Verwertung noch stärker auszugestalten?

  • Wie schärfen wir das allgemeine Bewusstsein für Netz-Intermediäre wie Wikipedia, die von Regulationen mitbetroffen sind, die z.B. auf eine verschärftere Haftung privatwirtschaftlicher Betreiber abstellen?

Diese Fragen – vielleicht abgesehen vom Datenschutz – sind gegenwärtig keinesfalls ganz oben auf der Agenda des Politikbetriebs. Es sind aber UNSERE Anliegen, die wir mittelfristig mit viel Geduld und klugen Aktionen bekannter machen möchten. Dabei ist es unerlässlich, Termine mit Beamten aus Generaldirektionen oder Ausschussvertretern des Europaparlaments wahrzunehmen, Stakeholder-Dialoge zu besuchen und die manchmal sehr komplexe Timeline der legislativen Abläufe im Auge zu haben. Eine der erste Maßnahmen, die Dimi eingeleitet hat, ist deshalb die monatliche Veröffentlichung eines kurzen Monitoring-Berichts auf der Mailingliste advocacy_advisors. Durch solch einen Botschafter, der nicht nur nach Außen agiert, sondern vor allem einen Informationsfluss zwischen Freiwilligen, Chapter-Angestellten etabliert, möchten wir eine bessere Grundlage schaffen, um gemeinsam Positionen zu erarbeiten, die in Brüssel Gehör finden. Dies ist sicherlich ein langer, mühevoller Weg – aber wir freuen uns darauf, ihn gemeinsam mit euch zu beschreiten.

Politische Arbeit ist Informationsverarbeitung

Denn mithelfen und sich einbringen kann wirklich jede/r. Ob man nun als Advocacy Advisor auf der entsprechenden Mailingliste seine Expertise preis gibt, für die inhaltlichen Task Forces Infoflyer erstellt oder in den jeweiligen Monitoring-Dossiers (z.B.: Netzneutralität) hilft, kurze Zusammenfassungen von Reden oder Reports zu schreiben – alles bringt uns voran. Politische Arbeit ist im wesentlichen Informationsverarbeitung und Schreibarbeit.

Daneben würde auch die Programmierung kleiner Tools helfen. Ein benutzerfreundlicher, kollaborativer Kalendar für Meta (mit Google-Funktionalitäten, aber free & open Wikicode) würde die alltägliche Arbeit enorm erleichtern. Auch ein Crawler, der die Mitglieder der jeweiligen Ausschüsse im Europaparlament samt Namen und Emails in Tabellen oder WP-Artikel rüberkopiert, wäre mehr als nur nützlich.

Bei einem jener hochprozentigen Biere, denen man bei einem anständigen Brüsselbesuch kaum ausweichen kann, sprach Dimi scherzhaft aus, was eigentlich der treffendere Name für die EU-Arbeitsgruppe wäre: „Wikimedia European Action System for Enthusiastic Lobbying“ (W.E.A.S.E.L). Das Akronym passt wie die Faust aufs Auge. Denn ganz so, wie uns der entsprechende Wikipedia-Artikel den Nager präsentiert, stellen wir uns nämlich die Arbeit der nächsten Jahre vor: beharrlich, geschickt und ohne jede Beißhemmung.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Freitag, Juli 12th, 2013 um 09:00 Uhr und ist zu finden unter Allgemein, Community, Freies Wissen, Politik. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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4 Responses to “Ein Mann, ein Ort: Dimitar Dimitrov ist „Wikimedian in Brussels“”

  1. Marcus Cyron sagt:

    Also aus diesem Beitrag werde ich nicht im Ansatz schlau. Weder was den Dimitar genau tut, noch wie seine Verbindung zu WMDE ist. Angestellter in Brüssel? Freiwilliger der mit WMDE zusammen arbeitet? Warum mit WMDE, das wäre an sich doch eher eine Position, die mit der WCA zusammenhängen würde, da das weit mehr als Deutschland betrifft. Fragen über Fragen.

  2. Dimi sagt:

    Hi Marcus,

    Ich bin der obengenannte Dimi und versuche mal die Fragen etwas aufzuschlüsseln. Also, um die jetzige Situtation zu erklären ist wahrscheinlch ein bisschen Vorgeschichte notwendig. Ich bin Bulgare, Mitglied bei WMAT ist und habe, seit ich nach Brüssel gezogen bin, angefangen als Freiwilliger an einer EU Vertretung für Wikimeida zu werkeln. Ungefähr zur selben Zeit, aber ohne jegliche Absprache, hatte sich auch das Deutsche Chapter dieses zum Ziel gesetzt. So trafen wir ganz naturgemäß aufeinander und entschieden unsere Kräfte zu bündeln.

    Nun ist aber bereits das „Dasein“ in Brüssel (gesetzgeberische Vorgänge verfolgen, RfCs seitens der Kommission und Parlament wahrnehmen, Stakeholder Dialoge besuchen, mit gleichgesinnten Organisationen kontaktieren) an Wochenenden und Abenden kaum zu stemmen. Dazu kommt noch, dass wir eine „workable soltion“ brauchen, wie sich denn nun das Wikiversum (Chapters und Community und durchaus auch die WMF) als handlungsfähiger Organismus gegenüber der EU einrichten lässt. Daher hatte ich angefangen mich nach einer Möglichkeit umzusehen, wie ich diesem Projekt mehr Zeit widmen kann. Daraus ist nun eine Art WiR Partnerschaft entstanden. WMDE ist dabei klar das Lead Chapter. Am Anfang muss jemand die Initiative übernehmen, so hat das Wikiversum immer getickt.

    Die Gründe, wieso wir uns nicht als WCA Abteilung positioniert haben sind vielfältig. Zum einemen ist das WCA als weltweiter Dachverband vom institutionellem Design her nicht auf die Teilnahme von einzelnen Community Mitglieder ausgerichtet. Dies war uns aber wichtig. Außerdem ist es nicht absehbar, dass das WCA in den kommenden Jahren vor hat auf EU Ebene aktiv zu werden. Das kann sich zwar ändern, aber wir sahen direkten Handlungszwang, da wir spätestens mit den EU Wahlen nächstes Jahr voll schlagkräftig sein wollen. Legislative Fragen, die unsere Arbeit über die nächsten Jahrzente bestimmen, werden bereits behandelt. Wr wollten hier auch klar einen Form-folgt-Praxis Ansatz wählen und uns nicht sofort auf eine organisatorisch-institutionelle Form festlegen.

    Ich diskutiere liebend gerne jegliche Fragen zum Theme! Bin auf Mailinglisten, Metaseiten und per Email leicht zu finden ;)

    Gruß,
    Dimi

  3. Jan Engelmann sagt:

    @Marcus Schade, denn ich hatte ja recht viele Zeichen drauf verwendet ;-) Die Vorgeschichte wurde übrigens hier (https://blog.wikimedia.de/2013/03/08/roadmap-bruessel-edri/) bzw. hier (https://blog.wikimedia.de/2013/04/26/roadmap-bruessel-kick-off/) erzählt. Aber zu deinen konkreten Fragen: Dimi hat sein Projekt auf Meta als Freiwilliger im Dezember 2012 begonnen. Im Dialog mit ihm und anderen Leuten entstand die Idee, dies zur Grundlage einer internationalen Arbeitsgruppe zu machen, die nicht von vorneherein zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Beteiligten unterscheidet, also „offen“ im besten Sinne ist. Bei der WCA geht es ja um ein weltweites Koordinierungsgremium für Chapter. Der Ansatz im Hinblick auf die EU ist völlig anders, nicht auf einem festen Gremium fußend, sondern eher schwarmartig. Beim Brüsseler Treffen (Episches Protokoll hier: http://meta.wikimedia.org/wiki/EU_Policy/Big_Fat_Brussels_Meeting/minutes) kamen wir schnell überein, dass dabei die Rolle eines Koordinators vor Ort unverzichtbar ist. Dafür bot sich Dimi an, der nicht nur einen politikwissenschaftlichen Background hat, sondern vor allem über Arbeitserfahrungen in der Verbandsarbeit verfügt. Seine Rolle wird es sein, in den nächsten sechs Monaten erstens die Grundlagen für die Arbeitsstruktur zu schaffen, andererseits fortlaufend über laufende EU-Dossiers und ihre Bezüge auf Wikimedia-Projekte zu informieren. Das beinhaltet sehr viel Paperwork, aber erfordert eben auch viele Gespräche mit EU-Parlamentariern, Beamten aus Generaldirektionen oder Vertretern anderer NGOs. Dimi wird seit 1. Juli für diese sehr anspruchsvolle Tätigkeit von WMDE vergütet, ganz ähnlich wie ein „Wikipedian in Residence“. Nur steht eben auf seiner Visitenkarte „Wikimedian in Brussels“. Aber der Grundansatz ist dennoch vergleichbar: eine Brückenfunktion zwischen etablierten Institutionen und Free-Knowledge-Interessen. Wenn dir das als grobes Bild nicht genügt, kann ich gerne detaillierter werden. Oder du triffst Dimi direkt, er ist Donnerstag und Freitag nächster Woche in der Geschäftstelle.

  4. Marcus Cyron sagt:

    Also nach den Erklärungen wird das alles klarer, danke! @ Jan: ich habe wirklich schon bessere Beiträge von dir gelesen – vielleicht hast du zuviel darüber nachgedacht ;).

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