Auf der Tagung „Neue Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit durch kollaborative Medien” haben vom 9. bis 12. Oktober Teilnehmer aus dem akademischen Bereich sowie aus verschiedenen Wikimedia-Projekten über Möglichkeiten der Kooperation diskutiert. Die Veranstaltung wurde von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. gefördert und von Martin Haase und Tilman Berger organisiert. Besprochen wurde zum Einen, wie die verschiedenen Wikimedia-Projekte für Wissenschaftler attraktiver gestaltet und das Vertrauen in diese Projekte gestärkt werden kann, und zum Anderen, wie Wikis in Forschung und Lehre effektiv eingesetzt werden können. Abschließend wurden gemeinsam sechs Empfehlungen erarbeitet, die helfen sollen, die Qualität der Wikimedia-Projekte zu verbessern und sie für Wissenschaftler attraktiver zu machen.

Als Einstieg wurde eine Übersicht über verschiedene Schwesterprojekte der Wikipedia gegeben. Insbesondere das deutschsprachige WikiSource-Projekt wurde aufgrund seiner hohen Qualitätsansprüche hervorgehoben. WikiBooks und Wikiversity wurden eher kritisch bewertet, besonders in Hinblick auf das Qualitätsmanagement. Wiktionary wurde insbesondere von den Linguisten kritisiert, vornehmlich aufgrund mangelnder Fundierung der Einträge und fehlendem Kontext bei Übersetzungen.

In Bezug auf Wikipedia selbst wurde das Qualitätsmanagement diskutiert und erörtert, wie gesichtete und geprüfte Versionen in den Qualitätssicherungsprozess integriert werden können. Allgemein wurde das Qualitätsmanagement, speziell für die deutschsprachige Wikipedia, positiv bewertet. Probleme gibt es aber mit der Vermittlung nach außen, was genau „gesichtet” und später „geprüft” bedeuten soll. Auch wie die Qualifikation zur Prüfung insbesondere bei nicht-akademischen Themenbereichen zu bestimmen wäre, ist eine noch offene Frage.

Ein wiederkehrendes Thema war das der Zitierfähigkeit bzw. Autorennennung. In wissenschaftlichen Texten gehört zu einer Quellangabe stets die Angabe des Autors — die Vertrauenswürdigkeit eines Textes wird von der Reputation seines Autors abgeleitet und die Reputation eines Autors basiert auf der Qualität seiner Veröffentlichungen. In der Wikipedia ist das eigentlich ähnlich: Der Ruf eines Benutzers basiert auf seinen Beiträgen, bei der Kontrolle von Änderungen spielt der Ruf des Autors eine große Rolle. Aber die Autorenschaft eines Wikipedia-Artikels ist in den meisten Fällen kollektiv; Sie haben keinen „Besitzer”, das macht sie im wissenschaftlichen Kontext problematisch. In der Diskussion bildeten sich zwei, sich gegenseitig ergänzende, Lösungsansätze heraus:

  1. Für Wikipedia-Artikel wäre es hilfreich, wenn die Autorenschaft leichter zugänglich wäre. Die bloße Liste der Änderungen ist nicht ausreichend. Das zeigt sich schon, wenn man versucht, herauszufinden, wer einen bestimmten Satz in einem Artikel geschrieben hat. Hierfür gibt es technische Lösungen, WikiGenes zum Beispiel kann das schon ganz gut. Für die Wikipedia könnte das WikiTrust-System die Information liefern, wer welchen Teil eines Textes verfasst hat (unter Berücksichtigung von Umstrukturierungen, Reverts, etc.). Außerdem könnte es ermitteln, wer die Hauptautoren eines Textes sind (ähnlich wie WikiWeise das tut, zum Beispiel nach Anzahl der von ihnen beigetragenen Wörter).
  2. In Projekten, in denen es de facto oder per Konvention meist einen Hauptautor gibt, der Inhalte verwaltet, sollte die Rolle des Autors (oder Editors) explizit sein. Bei WikiBooks ist das häufig bereits der Fall, der „Besitzer” eines Buches legt fest, wer in wie weit mitarbeiten darf und was ins Buch kommt und was nicht. Bei WikiSource und Wikiversity würde sich ein ähnliches Vorgehen anbieten.

Kritisiert wurde auch die mangelnde Abgrenzung bzw. Kooperation zwischen WikiBooks und Wikiversity. Die Unterscheidung zwischen „Lehrbüchern” in WikiBooks und „Lehrmaterial” in Wikiversity scheint wenig sinnvoll. Des weiteren wurde bezweifelt, ob ein Wiki als Plattform für Lehrveranstaltungen taugt, da die Möglichkeit zur direkten Interaktion fehlt und die Verwendung multimedialer Inhalte schwierig ist. Andererseits wurde bestätigt, dass sich ein Wiki für die Koordination von Forschung, das Erstellen von Seminararbeiten sowie die Organisation von Lehrveranstaltungen durchaus eignet.

Weiterhin wurde ein „WikiJournal” für Fachartikel mit Peer Review angeregt, angesiedelt zwischen WikiBooks und Wikiversity. Hier könnten Wissenschaftler Forschungsarbeiten und Fachartikel veröffentlichen, die dann auch periodisch in Print-Form publiziert würden. Die Hoffnung besteht, auf diese Weise Wikimedia mehr in den akademischen Kontext einzubinden, und umgekehrt, mehr Wissenschaftler für Wikimedia-Projekte zu gewinnen.

Aufgrund der der guten Ergebnisse wurde geplant unter dem Namen „Siggener Kreis“ regelmäßige Treffen zu veranstalten, die die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaften und Wikiprojekten zum Thema haben. Die Vorausgegangenen Diskussionen sind in einem ausführlichen Protokoll festgehalten.