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Warum ist PHP plötzlich in aller Munde?

Kannten Sie PHP vor dem 20. Oktober? Wikipedia weiß, dass es sich dabei um eine Skriptsprache für Webseiten handelt. Der Entwickler Rasmus Lerdorf hat sie 1995 als „Personal Home Page Tool“ für sich entwickelt – und dem Rest der Welt als freie Software zur Verfügung gestellt.

30 Jahre später ist PHP in über 70 % der Webseiten verbaut. Seit 2021 kümmert sich unter anderem die PHP-Stiftung darum, die freie Software zu pflegen. Sie gab am 20. Oktober bekannt, dass zwei Sicherheitslücken geleakt wurden, noch bevor bereits geplante Patches – also Flicken – zur Verfügung gestellt werden konnten.

Hunderte Millionen Webseiten waren nun potenziell verwundbar. Denn PHP steckt in vielen digitalen Produkten von Software-Firmen: In E-Commerce-Anwendungen für Online-Shops, in Content-Management-Systemen für Webseiten, in Blog-Plattformen oder Kommunikationsdiensten. Wer die Sicherheitslücke ausnutzen wollte – und über die technischen Fähigkeiten verfügt – konnte sich in die Webseiten hacken.

Die Folge: Kommunen, Krankenhäuser, Unternehmen oder Medien haben Webseiten bis zur Reparatur der Sicherheitslücken offline genommen. Auch wir haben reagiert und etwa unsere Website und spenden.wikimedia.de kurzzeitig vom Netz genommen.

Was hat PHP mit Wikipedia zu tun?

Eine Verbindung ist recht offensichtlich: Die Wikipedia-Software MediaWiki ist ein Content-Management-System und enthält, wie viele dieser Systeme, PHP. Der Software-Entwickler Magnus Manske hatte MediaWiki entwickelt und dann, genau wie der Entwickler von PHP, der Welt zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt.

Auch der Wikimedia-Cloud-Service (WMCS), den die Wikimedia Foundation betreibt, enthält PHP. Die Idee hinter dem WMCS: Ehrenamtliche, die einen technischen Beitrag zur Wikipedia leisten wollen – zum Beispiel mit einem digitalen Werkzeug – sollen das nicht auf eigene Kosten tun müssen. Der Cloud Service ist etwa das Zuhause von Toolforge, einer Hosting-Umgebung. Ehrenamtliche können sie nutzen, um digitale Werkzeuge zu betreiben. Wikipedianer*innen setzen diese unter anderem ein, um Vandalismus zu bekämpfen und Wissen verlässlich zu halten.

Digitales Ehrenamt – die Grundlage des Internets?

Eine andere Verbindung zwischen Wikipedia und PHP ist vielleicht weniger offensichtlich. Aber sie sagt viel über den aktuellen Zustand des Internets aus. Und über das Ungleichgewicht, in dem unser digitales Ökosystem ist.

Wikipedia und PHP wären ohne ehrenamtliches Engagement nicht denkbar. Und beide werden von Unternehmen für kommerzielle Zwecke genutzt. Dabei sei klar gesagt: Freie digitale Projekte sollen frei bleiben. Die Geschichte des Internets ist eine von offenen Standards und offenen digitalen Infrastrukturen. Aber das ist lange her. Heute stehen wir vor den Fragen: Wer übernimmt Verantwortung für freie digitale Plattformen und Software? Wer trägt die Lasten, die sich aus der Nutzung von PHP, Wikipedia und Co. ergeben?

Bei Wikipedia gilt: Die Verantwortung für die Inhalte tragen die Ehrenamtlichen. Unterstützt werden sie von Wikimedia Deutschland, von der Wikimedia Foundation und von Spender*innen. Das Wissen ist und bleibt frei für alle. Wikipedia ist weiterhin ein Projekt von Ehrenamtlichen, das sich im Wesentlichen aus Spenden finanziert.

Ähnlich ist es bei PHP. Nicht nur Unternehmen, sondern Ehrenamtliche arbeiten maßgeblich daran, die Software weiterzuentwickeln und zu pflegen. Zusätzlich gibt es die gemeinnützige und in Teilen von Unternehmen und von Spender*innen finanzierte PHP-Foundation. Sie kümmert sich um den Kern von PHP – existiert aber erst seit 2021. Sie beschäftigt 13 hauptamtliche Entwickler*innen, die die ehrenamtliche Community unterstützen und wichtige Aufgaben erfüllen.

Eine Person mit sehr viel Verantwortung

Die bisher wenig bekannte Bedeutung von unbezahlter Arbeit für PHP zeigte sich nach dem 20. Oktober. Plötzlich erlangte Ondřej Surý größere Bekanntheit. Im Hauptberuf arbeitet Surý bei der gemeinnützigen Organisation Internet Systems Consortium, die sich um grundlegende Funktionen und Software des Internets kümmert. Auch dort engagieren sich übrigens Fachleute aus dem Technologie-Sektor ehrenamtlich.

 

Screenshot vom GitHub Profil von

Surý hat die Patches für die Sicherheitslücken so verpackt, dass auch Webseitenbetreiber*innen ohne IT-Expertise das Update für ihre Webseite, ihren Shop oder ihren Blog einspielen konnten. Und das war keine einmalige Aktion! Still und leise kümmert sich Ondřej Surý bereits seit 20 Jahren darum, diese Pakete für die Nutzenden verschiedener Betriebssysteme zu erstellen – ehrenamtlich. Im Interview mit BBC News sagte er dazu:

„Ich fühle mich verantwortlich für alle diese Menschen und habe das Gefühl, dass ich sie nicht im Stich lassen darf.“

Das freie digitale Ökosystem kippt

Für Wikimedia-Projekte, für PHP und viele andere freie digitale Projekte wird es immer schwieriger, die Lasten der Freiheit und Offenheit zu tragen. Eine Software von der Komplexität und Relevanz von PHP kann gar nicht von 13 Personen hauptamtlich entwickelt und gepflegt werden. Viele Arbeiten werden von Freiwilligen geleistet. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, die Sicherheitslücke zu schließen. Sie haben in den letzten Jahrzehnten am PHP-Code gebaut. Sie haben Erweiterungen vorgeschlagen, Fehler behoben und neue Funktionen entwickelt. Weil sie es können, weil sie Spaß daran haben, weil sie Verantwortung übernehmen – ehrenamtlich. Genauso wie über 260.000 Wikipedianer*innen ehrenamtlich dafür sorgen, dass wir alle freies Wissen nutzen können.

Die Lasten der Nutzung steigen. Tech-Unternehmen greifen täglich in großem Umfang auf die freien Inhalte der Wikipedia und von weiteren Wikimedia-Projekten zu. Das verursacht enorme Kosten für die Infrastruktur. Daher gibt es mittlerweile etwa für KI-Konzerne oder Suchmaschinenbetreiber die Angebote von Wikimedia Enterprise. Sie erfüllen sehr spezielle Anforderungen daran, wie Daten bereitgestellt werden und bieten Dienstleistungen. Mittlerweile nutzen unter anderem Amazon, Meta, Microsoft, Mistral AI, Perplexity und andere Tech-Unternehmen das Angebot von Wikimedia Enterprise. Damit sind die Herausforderungen für Wikipedia nicht gelöst. Es ist ein Anfang.

PHP und Wikipedia zeigen: Die Bedeutung von freien digitalen Projekten ist immens. Sie sind die Grundlage für große Teile des Internets, für KI-Anwendungen, für Softwareprodukte oder für Suchmaschinen. Ihr finanzieller Wert ist dabei nicht zu beziffern. Denn sie basieren zu großen Teilen auf ehrenamtlicher Arbeit. Wenn das digitale Ökosystem nicht komplett aus dem Gleichgewicht geraten soll, wenn wir freies Wissen und freie Software erhalten wollen, dann müssen die, die von freiwilligem Engagement finanziell profitieren, endlich auch Verantwortung für freie Projekte übernehmen. Dann müssen Unternehmen sowie Digitalpolitik und europäische und internationale Organisationen in freie und offene digitale Infrastrukturen investieren und sie stärken.

Wikimedia Enterprise kann nur eine Antwort sein. Auch Förderprogramme wie die der Sovereign Tech Agency – die auch in die PHP-Stiftung investiert – sind noch keine Lösung. Sie können die bestehende Asymmetrie zwischen der ehrenamtlichen Arbeit an freien Projekten und der kommerziellen Nutzung nicht ausgleichen.

Was jetzt wichtig ist

Gemeinwohlorientierte Alternativen müssen gestärkt werden. Es braucht politische Rahmenbedingungen, die das Prinzip „Infrastruktur als Gemeingut” konsequent umsetzen; so, wie es das Wikimedia Movement seit Jahren im Bereich des Freien Wissens vorlebt. Nur wenn digitale Infrastrukturen als Teil öffentlicher Daseinsvorsorge verstanden werden, können sie langfristig offen, sicher und demokratisch gestaltet werden.

Offene digitale Infrastrukturen stärken

Offene digitale Infrastrukturen bilden die Grundlage demokratischer Teilhabe und müssen entsprechend geschützt und sichergestellt werden. Der Zugang zu ihnen darf nicht von Marktlogiken oder einzelnen Konzerninteressen abhängen: Er sollte gesetzlich verankert und als öffentliches Gut organisiert werden – vergleichbar mit Wasser, Gesundheitsversorgung oder Bildung.

Digitale Gemeingüter gemeinsam finanzieren und organisieren

Die Beispiele PHP und Wikipedia zeigen: Unternehmen profitieren massiv von ehrenamtlichem Engagement und der Expertise von Freiwilligen. Sie übernehmen aber nicht ausreichend Verantwortung für freie Software oder freies Wissen. Ein Teil der Lösung kann ein öffentlich-rechtlicher Fond sein, in den Unternehmen und Staaten einzahlen. Investitionen aus dem Fond sollen zuerst dem Gemeinwohl dienen. Daher entscheiden Forschende, Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft gemeinsam darüber, wie viel und wofür investiert wird.

Die Herkunft von Wissen und Daten sichtbar machen

KI-Unternehmen nutzen massenhaft freies Wissen. Sie machen die Herkunft aber weitgehend unsichtbar. Sie sollten offenlegen, welche Datensätze und Materialien sie für das Training ihrer Produkte verwenden. Nutzenden von generativen KI-Systemen sollten mit den Antworten auch immer konkrete Quellen erhalten. Die Quellen sollten auch tatsächlich zu den Antworten passen und so deutlich sein, dass Nutzende sie sofort sehen können.

Digitales Ehrenamt fördern und absichern

Digitales Ehrenamt trägt maßgeblich zur Stabilität und Vielfalt digitaler Infrastrukturen bei: Wikipedia, das Fediverse, PHP, Wikidata und andere freie Projekte beruhen darauf. Was fehlt: Rechtliche Anerkennung – etwa indem Arbeit an freier Software und ähnlichem als gemeinnützig anerkannt wird. Aber auch finanzielle und institutionelle Unterstützung für digitales Ehrenamt, damit Communities und Projekte langfristig bestehen, wachsen und Wirkung entfalten können.

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