Wissen teilen ist Demokratie leben
„Im Ziel sind wir uns einig“ – Journalismus, Wikipedia und die Demokratie
Patrick Wildermann
26. Oktober 2026
Zur Person
Kirsten Bode ist promovierte Biologin und arbeitet seit 1996 beim ZDF. Seit 2015 koordiniert sie Terra X Web, zu dem neben dem Streaming-Angebot der Terra X-Familie auch fünf YouTube-Kanäle sowie Auftritte bei Facebook, TikTok und Instagram sowie ein Podcast-Angebot gehören. Sie hat 2019 mit Unterstützung der Wiki-Loves-Broadcast-Gruppe und dem Verein Wikimedia das Creative Commons-Projekt von Terra X ins Leben gerufen. Seitdem werden regelmäßig Erklärclips unter freier Lizenz veröffentlicht, die auch in der Wikipedia eingebunden werden.
Kirsten Bode, wann ist Ihnen zuletzt bewusst geworden, dass verlässliche, frei zugängliche Informationen keine Selbstverständlichkeit sind?
Es gibt nicht den einen Zeitpunkt. Es ist eher ein Unbehagen, das sich nach und nach aufgebaut hat. Der erste Punkt war vielleicht die Übernahme von Twitter durch Musk. Das hat ganz allgemein für Irritation gesorgt: Was passiert denn da? Der zweite große Schub kam mit der Amtsübernahme durch Trump, verbunden mit der Beobachtung, dass Zuckerberg, Musk und Co. verstärkt politisch auftraten, nicht mehr nur als Plattform-Betreiber. Dadurch ist uns allen klar geworden, wie sehr Medien der Willkür weniger Tech-Konzerne und ihrer Besitzer ausgeliefert sind. Beim ZDF wollen wir gerade junge Nutzenden auch bei YouTube, Instagram, Facebook oder TikTok erreichen, da eben nicht alle direkt auf unsere Webseite bzw. Streamingplattform kommen. Aber auf den Social-Media-Kanälen sind sie einem völlig intransparenten Algorithmus ausgesetzt.
Was bedeutet das für Ihre Formate?
In den vergangenen Jahren konnten wir bei verschiedenen Plattformen immer wieder Phasen beobachten, in denen wir uns fragten: Werden politische Informationen jetzt absichtlich reduziert? Und bei Facebook haben wir seit einiger Zeit den Eindruck, dass Klimathemen auffallend klein ausgespielt werden. Auf YouTube hatten wir eine Doku zum Thema queere Geschichte, die erstaunlich wenig Abrufe bekam. Deswegen diese Besorgnis: Wird hier schon eingegriffen? Was passiert, wenn morgen jemand die Algorithmen massiv verändert? Deshalb halten wir inzwischen verstärkt Ausschau nach Alternativen.
An welche denken Sie?
Wir denken zum Beispiel über das Fediverse nach. Und natürlich ist Wikipedia eine wichtige Plattform, deswegen sind wir dort schon seit 2019 mit Inhalten unter freier Lizenz vertreten. Außerdem entwickeln wir als ZDF gemeinsam mit öffentlich-rechtlichen Partnern das Projekt „Public Spaces Incubator“, eine offene Dialogplattform, die zu respektvollen Austausch im Digitalen beitragen soll.
Wie sehen Sie die Gemeinsamkeiten zwischen journalistischer Arbeit und den Wikimedia-Projekten?
Ich glaube, die Öffentlich-Rechtlichen und die Wikipedia wollen im Grunde das Gleiche: faktenbasiertes Wissen für eine informierte Öffentlichkeit verbreiten – und zwar auf Grundlage von überprüften Quellen.
Klar unterscheiden wir uns in der Arbeitsweise, aber im Ziel sind wir uns einig. Und das ist für mich die Basis für eine gute Zusammenarbeit. Im Journalismus gelten strenge Regeln, wie das “Zwei-Quellen-Prinzip”, das Vieraugenprinzip bei Abnahmen etc., die im besten Fall dafür sorgen, dass dieses Handwerk ernsthaft und seriös betrieben wird. Bei der Wikipedia kenne ich mich nicht so aus, aber auch hier gibt es klare Regeln und Kontrollen.
Warum sind freie Lizenzen wichtig? Und wo sehen Sie noch Potenziale?
Grundsätzlich teile ich das Ziel, möglichst viel von dem, was wir als Öffentlich-Rechtliche herstellen, auch wirklich frei verfügbar zu halten – egal ob in Text- oder in Bildform. Im vergangenen Jahr gab es ein Gutachten zum digitalen Public Value des ZDF, in dem verschiedene Experten uns angeregt haben, noch stärker auf freie Lizenzen zu setzen. Daran arbeiten wir weiter. Jenseits der Terra-X-CC-Clips wird zum Beispiel auch die technische Infrastruktur unserer Streamingplattform unter einer freien Lizenz angelegt. Auch der Public Spaces Incubator ist offen für Partnerschaften. Aber man muss auch realistisch sein: In vielen Bereichen unterliegen wir natürlich Beschränkungen, etwa, wenn es um Bild- und Persönlichkeitsrechte geht. Aber überall dort, wo wir wirklich Herrin über die Rechte und das Verfahren sind, versuchen wir bei Terra X, unsere Inhalte freizugeben und uns darüber noch stärker in die Gesellschaft hinein zu vernetzen.
Aktuell gibt es eine spannende neue Initiative, die auch das ZDF mitträgt: „Demokratie braucht viele Stimmen“. Der Schwerpunkt liegt auf dem Einsatz für Vielfalt, Vertrauen und Verantwortung. Warum braucht es diese Initiative?
Für den Idealtypus der Demokratie braucht es die informierte Öffentlichkeit. Im Moment erleben wir aber, dass viele sich nicht mehr auf eine gemeinsame Faktengrundlage verständigen können und durch Algorithmen eine sehr einseitige Sicht der Dinge vermittelt bekommen. Es ist der Eindruck entstanden, dass bestimmte Geisteshaltungen und nicht faktenbasierte Informationen durch Social Media eher gefördert werden, weil sie aus Wut und Hetze bestehen und Emotionen stärker berühren.
Wenn das Faktenbasierte verloren geht, ist auch die Grundlage der Demokratie gefährdet.
Ich glaube, man muss stärker darauf hinweisen, dass es einen Unterschied gibt zwischen seriösem Journalismus – oder auch dem Prinzip Wikipedia – und dem, was ich als demagogische Einflussnahme in den sozialen Medien bezeichnen würde. Deswegen ist jede Art von Initiative, Organisation oder Schulterschluss mit Gleichgesinnten, die dem entgegenzuwirken versucht, in meinen Augen wichtig.
Wo könnte man ansetzen, um gerade jungen Menschen stärker zu vermitteln, Quellen zu prüfen und zu hinterfragen? Was könnten Wikipedia, Redaktionen und Schulen dazu beitragen?
Das ist ein weites Feld. Ich glaube, man muss vor allem Medienerziehung möglichst früh wirklich ernst nehmen. Es gibt inzwischen viele verschiedene Initiativen von Tageszeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien, auch vom ZDF, die in die Schulen gehen, Materialien zur Verfügung stellen und vieles mehr. Das muss dringend ausgebaut werden. Wir haben engagierte Influencerinnen und Influencer, wie zum Beispiel den Terra X-Host Mirko Drotschmann, bekannt als MrWissen2go, der ganz viel in Schulen unterwegs ist und dort unermüdlich aufklärt. Es wäre doch super, wenn das auch Ehrenamtliche der Wikipedia verstärkt machen würden.
Was es bereits gibt, ist das Portal „Wikipedia in der Schule“, wo Lehrkräfte und Schüler*innen Informationen zum Einsatz der Wikipedia im Unterricht finden…
Toll fand ich auch eine Tagung der Universität Innsbruck im Mai unter dem Titel „Wikipedia: Wissen sichtbar machen“, bei der es um die Frage ging, wie wissenschaftliche Einrichtungen und Wikipedia noch stärker zusammenarbeiten könnten. Ich glaube, da liegen noch ungehobene Schätze. Vertreten waren auch verschiedene Museumsverbände, die bereits mit den Ehrenamtlichen der Wikipedia kooperieren. Ich finde, es braucht mehr von dieser Art Zusammenarbeit. Die Wikipedia muss noch stärker als Ort begriffen werden, an dem die Öffentlichkeit Zugang zu gemeinfreien Materialien bekommt: Quellen, Bilder, auch Grafiken.
Was bedeutet es für die Demokratie, wenn Menschen in Zeiten von KI oft gar nicht mehr sehen, woher Wissen überhaupt kommt?
Mir macht das wirklich große Sorgen, weil die KI überhaupt nicht zwischen guten und schlechten Quellen unterscheiden kann. Ich mache das mal an einem Beispiel fest: Wir bei Terra X beobachten natürlich auch, wie wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Wir bekommen noch vergleichsweise viel Lob und relativ wenig Kritik – anders als vielleicht ein Politiker. Nichtsdestotrotz haben in den vergangenen Jahren auch bei uns populistische Aussagen zugenommen, die uns grundsätzlich absprechen, richtig zu informieren. Das betrifft auch unsere Hosts, gerade jemanden wie Professor Harald Lesch, der sich zum Beispiel zur Klimakrise äußert. Die KI wiederum liest inzwischen alles Mögliche aus. Nicht nur, was in der Wikipedia steht – das ist ja gut –, sondern inzwischen auch Foren, Community-Beiträge und Ähnliches.
Und das gibt sie als Informationen über Terra X aus?
Genau. In einer KI-Antwort auf die Frage, ob Facebook seriös sei, wird eine einzige Usermeinung zu einem Facbook-Beitrag als wichtige Quelle genannt. Für uns heißt das jedenfalls, stärker und wirklich transparent über unsere Arbeit zu berichten und das, was wir tun, sichtbarer zu machen. Früher dachten wir, die Leute wüssten selbstverständlich, dass wir wissenschaftlich arbeiten. Aber in KI-Zeiten kann man das nicht mehr als gegeben voraussetzen.
Was kann jede und jeder Einzelne tun, damit Freies Wissen und die Demokratie stark bleiben?
Es geht einfach darum, kritisch zu sein und zu bleiben – oder es vielleicht auch erst zu werden. Wenn ich mich informiere, muss ich nachvollziehen können, aus welchen Quellen eine Information stammt. Ich glaube, wir müssen uns alle klarmachen, welche Bedeutung guter Journalismus und das System Wikipedia haben und es auf unsere Weise stützen, in welcher Form auch immer. Die Wikipedia braucht natürlich auch Menschen, die im Idealfall mitmachen und dafür sorgen, dass Wissen verlässlich bleibt.
Und vielleicht muss sich jeder Einzelne von uns immer wieder fragen: Welche Medien nutze ich gerade? Sind sie unabhängig? Oder ist es vielleicht ein merkwürdiger Influencer oder eine politische Manipulatorin, die mich beeinflussen wollen – egal ob aus kommerziellen oder politischen Gründen? Vielleicht muss man auch im eigenen Umfeld, ob in der Familie oder im Freundeskreis, immer wieder diese kritische Auseinandersetzung suchen.
Takeaways
- Demokratie braucht eine gemeinsame Faktengrundlage. Wenn Algorithmen Zuspitzung und einseitige Sichtweisen belohnen, gerät die informierte Öffentlichkeit in Gefahr.
- Journalismus und Wikipedia verfolgen dasselbe Ziel. Sie arbeiten unterschiedlich, verbreiten aber beide faktenbasiertes Wissen auf Grundlage überprüfbarer Quellen.
- Freie Lizenzen machen öffentlich finanziertes Wissen nutzbar. Terra X veröffentlicht seit 2019 Erklärclips unter freier Lizenz, die auch in der Wikipedia eingebunden werden.
- KI verwischt, woher Wissen stammt. Sie unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten Quellen. Umso wichtiger ist es, die eigene Arbeitsweise transparent zu machen.
- Medienbildung muss früh beginnen. Redaktionen gehen bereits in Schulen. Auch Ehrenamtliche der Wikipedia könnten dort zeigen, wie man Quellen prüft.
- Freies Wissen braucht Engagement. Wer Medien kritisch nutzt, nach den Quellen fragt und die Wikipedia unterstützt, im besten Fall durch eigenes Mitmachen, hält Wissen verlässlich.
Beim Digital Democracy Day wird der Frage nachgegangen, wie Demokratie im digitalen Zeitalter lebendig und zugänglich bleibt. Die Initiative „Zukunft D” bringt Akteure der Zivilgesellschaft zusammen, um Solidarität und Zusammenhalt zu stärken und gemeinsam Ideen für demokratisches Handeln zu entwickeln.