Gesichter der Wikipedia
Wie Julian als Wikipedianer eine gefährdete Sprache schützt
Hanna Klein
27. Oktober 2026
Julian, seit wann bist du bei Wikipedia aktiv?
Ich bin im Februar 2004 zur deutschsprachigen Wikipedia gekommen, da war ich 15 Jahre alt. Als Schüler auf der Suche nach Informationen war ich natürlich auch Teil der klassischen Zielgruppe. Ich war sehr jung und mitteilungsbedürftig (lacht). Ich glaube, es gab damals um die 50.000 Artikel – da war vieles einfach noch nicht da und konnte noch beschrieben werden. Daher habe ich zunächst vor allem Artikel zu regionalen Themen aus Bautzen und der Oberlausitz bearbeitet. Seit 2005 bin ich außerdem Administrator in der deutschsprachigen Wikipedia.
Die obersorbische Wikipedia hat inzwischen mehr als 14.000 Artikel. Unter allen 348 Sprachversionen liegt sie damit auf dem 160. Platz, direkt vor Färöisch. Sie hat monatlich etwa 200.000 Zugriffe. Anlässlich des Geburtstags waren es im Oktober sogar über 800.000.
Und wie kamst du dann zur sorbischen Wikipedia?
Ich war tatsächlich eher zufällig dabei, als die sorbische Wikipedia gegründet wurde. Das war bei einem Wikipedia-Tag am 2. Oktober 2006 in Dresden. Ich konnte damals noch gar kein Sorbisch. Ich habe zunächst eher auf der technischen Seite mitgearbeitet und Stück für Stück sorbisch gelernt. Erst 2010 oder 2011 habe ich mich dann getraut, auf Sorbisch zu schreiben.
Was hat dich dazu gebracht, mitzumachen?
Das hat auch private Gründe. Seit 18 Jahren bin ich mit einer Sorbin zusammen und habe nach und nach die Sprache gelernt. Seit 2012 /13 engagiere ich mich im analogen Raum für die sorbische Gemeinschaft. Seit 2010 erstelle ich auf Open Street Map Kartenmaterial auf Sorbisch: Straßennamen, Flußnamen, Städtenamen. Das wird von der sorbischen Community stark genutzt. So bin ich dann Stück für Stück auch in die sorbische Wikipedia reingerutscht. Damals gab es insgesamt nur sehr wenige sorbischsprachige Inhalte im Internet.
Wie viele Ehrenamtliche sind in der sorbischen Wikipedia aktiv?
Die sorbische Sprachgemeinschaft ist klein. Es gibt ungefähr 20.000 bis 30.000 Sprecher*innen. Entsprechend klein ist die Zahl der Menschen, die regelmäßig an der Wikipedia mitarbeiten. Zeitweise waren wir vielleicht zehn aktive Beitragende, inzwischen stemmen oft nur zwei oder drei Menschen einen großen Teil der Arbeit. Manchmal ich auch über Wochen alleine. Ab und an gibt es auch Bearbeitungen aus einer sorbischen Institution. Und alle paar Wochen kommt auch Schüler*innen-Vandalismus vor. Dann freue ich mich, denn daran sehe ich: Die haben die sorbische Wikipedia auf dem Schirm und nutzen sie (lacht).
Warum ist es so schwierig, Mitmachende zu finden?
Längst nicht alle, die Sorbisch sprechen, fühlen sich auch sicher in der Schriftsprache und trauen sich nicht, mitzumachen. Viele, die die Sprache gut beherrschen, sind in dem Kontext bereits beruflich oder in Vereinen stark eingebunden und haben keine Kapazität für ein (weiteres) Ehrenamt. Deshalb wäre es hilfreich, wenn Menschen, die beruflich mit sorbischer Sprache und Kultur arbeiten – sorbische Medien oder wissenschaftliche Einrichtungen wie das Sorbische Institut – Kapazitäten aufbringen, um in der sorbischen Wikipedia mitzuarbeiten. Sie verfügen über Fachwissen und könnten zugleich davon profitieren, dass ihre Themen und Forschungsergebnisse in der Wikipedia sichtbarer werden.
Ton, Bild und Text: Wie Julian Wissen zusammenträgt
Woran arbeitest du aktuell?
Ein Schwerpunkt ist für mich, die sorbische Sprache und Kultur im digitalen Alltag sichtbarer zu machen. Das betrifft nicht nur Wikipedia-Artikel, sondern auch andere freie Wissensprojekte. Ein Beispiel ist OpenStreetMap. Seit etwa 2010 arbeite ich daran, dass sorbische Ortsnamen und Informationen auch dort ihren Platz haben. Ein weiteres Thema sind Audioaufnahmen zu Ortsnamen in der Wikipedia. Sie ermöglichen es, die Aussprache sorbischer Namen hörbar zu machen. Gerade bei Ortsnamen ist das wichtig: Wer sie nur geschrieben sieht, weiß nicht unbedingt, wie sie korrekt ausgesprochen werden.
Du fotografierst auch für Wikimedia Commons. Was dokumentierst du?
Ja, ich fotografiere viel in der Region. Gerade bei regionalen Themen gibt es vieles, das nicht ausreichend dokumentiert ist. Eine Auswahl meiner Bilder findet sich in der Wikimedia-Commons-Kategorie mit meinen Aufnahmen aus der Lausitz.
Wenn Fotos unter einer freien Lizenz auf Wikimedia Commons veröffentlicht werden, können sie in Wikipedia-Artikeln und von anderen Menschen weiterverwendet werden. Damit hilft Julian auch anderen, die sorbische Kultur sichtbar zu machen. Projekte wie Wiki Loves Folklore zeigen, wie sich Menschen weltweit beteiligen können, um Traditionen und kulturelles Erbe fotografisch zu dokumentieren.
Was motiviert dich seit so vielen Jahren, dich für die sorbische Wikipedia einzusetzen?
Meine Idee war, Lücken auf Sorbisch zu füllen, also Inhalte für die sorbische Wikipedia zu erstellen, die es in anderen Sprachversionen nicht gibt. Gerade bei spezifisch sorbischen Themen, z. B. Biographien oder regionalen Ortsartikeln ist die sorbische Wikipedia z. T. besser aufgestellt als die deutsche. Ein gutes Beispiel ist der sorbische Wikipedia-Artikel zum Ort Malešecy (deutsch: Malschwitz).
Das Sorbische ist ein Sprachraum, der potenziell bedroht ist. Ich möchte dazu beitragen, dass die Sprache in möglichst vielen Lebensbereichen genutzt werden kann.
Ich möchte, dass meine Töchter möglichst selbstverständlich in unserer Sprache zurechtkommen können. Dafür reicht es nicht, dass eine Sprache zu Hause und in der Schule gesprochen wird. Es muss auch möglich sein, sich mit ihr zu informieren, digitale Angebote zu nutzen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Nehmen wir Wales: Die Waliser*innen haben sich auf die Fahne geschrieben, dass es möglich sein muss, ein Leben auf Walisisch zu führen – vom Anfang bis zum Ende. Das bedeutet sprachliche Gleichberechtigung.
Wie kann ausgerechnet Wikipedia zur sprachlichen Gleichberechtigung beitragen?
Sorbische Muttersprachler*innen sind im Alltag nur wenig von sorbischer Standardsprache umgeben. Die Medienlandschaft ist begrenzt. Wenn Radio und Fernsehen nur einen kleinen Teil des Tages sorbischsprachig senden, steht entsprechend weniger Material zur Nutzung zur Verfügung. Das wirkt sich auf die Sprachpraxis aus, z. B. auf den Wortschatz und damit auf die Fähigkeit, die Sprache in unterschiedlichen Situationen zu verwenden.
Wikipedia kann hier einen Beitrag leisten, die Sprache zu erhalten und weiterzuentwickeln: Die Inhalte können jederzeit und von überall aus abgerufen werden. Und anders als bei einem begrenzten Medienprogramm oder dem Alltag in der Lausitz findet die Seite ausschließlich auf Sorbisch statt. Der Platz ist nicht von vornherein auf eine bestimmte Sendezeit beschränkt
Auf welche Erfolge blickst du besonders gern zurück?
Besonders freut es mich, wenn Menschen den Inhalten im Alltag begegnen. Das passiert zum Beispiel häufig auf Infotafeln an Sehenswürdigkeiten in der Region, wo aus der Wikipedia zitiert wird. Vielen ist vielleicht gar nicht bewusst, dass in ihrem Dorf früher Sorbisch gesprochen wurde. Auf Infotafeln etc. wird dieses Wissen sichtbar – oft dank der Wikipedia.
Sehr konkret ist auch die Arbeit an OpenStreetMap. Hier konnten wir durchsetzen, dass standardmäßig beide Ortsnamen angezeigt werden, so wie es auf den Straßen in der Realität auch ist. Das hat dazu geführt, dass alle Karten in Apps, die OSM nutzen, jetzt auch zweisprachig sind – sogar Instagram. Und bei OSMand (der Navigations-App von OSM), ist Sorbisch nicht nur als Kartensprache, sondern auch als Menüsprache verfügbar. Menschen können die App also komplett sorbisch nutzen. Google Maps ist hingegen komplett einsprachig, obwohl wir eine offiziell zweisprachige Region sind.
Was hast du dir für die Zukunft vorgenommen?
Ich möchte mehr Menschen dazu ermutigen, sich an der sorbischen Wikipedia zu beteiligen. Workshops könnten dabei helfen, das Bearbeiten der Wikipedia ganz praktisch zu vermitteln. Gerade der Einstieg in eine kleine Sprachversion kann leichter sein, als viele denken. In einer kleinen Sprachversion gibt es noch zahlreiche Lücken und weniger strenge Regeln. Du kannst der oder die erste sein, die über ein Thema schreibt. Man muss nicht gleich einen umfassenden Artikel über ein kompliziertes Thema schreiben. Man kann mit dem eigenen Dorf, einer bekannten Persönlichkeit, einem kulturellen Ereignis oder einer historischen Information beginnen.
Auch technische Entwicklungen bieten Chancen. Automatische Übersetzung und Sprachwerkzeuge werden besser und könnten künftig helfen, Inhalte leichter zwischen dem Deutschen und dem Sorbischen oder auch dem Obersorbischen und Niedersorbischen zu übersetzen. Sie ersetzen allerdings nicht die Menschen, die Texte sprachlich prüfen und die Qualität sichern.
Du möchtest selbst bei Wikipedia mitmachen?
Du musst kein Profi sein. Du kannst mit einem Thema anfangen, das du gut kennst, einen bestehenden Artikel verbessern oder ein Foto aus deiner Region unter einer freien Lizenz zur Verfügung stellen. Jede Ergänzung kann dazu beitragen, Wissen und kulturelle Vielfalt für alle zugänglich zu machen.
Wikimedia Deutschland bietet gemeinsam mit ehrenamtlichen Wikipedianer*innen regelmäßig das kostenlose Online-Seminar Wikipedia: Kannst du auch an. Das nächste findet am 10. November statt.
Weitere Möglichkeiten für den Einstieg in die Wikipedia, finden sich hier.