Warum Gewerkschaften und Betriebsräte wichtig für die Wikimedia Bewegung sind
Wikimedia Deutschland
3. September 2026
Was ist passiert?
Im Juli 2026 gab „Wiki Workers United U.S.“ – eine Gruppe von Mitarbeitenden der Wikimedia Foundation, die eine Gewerkschaftsgründung anstrebt – bekannt: Sie haben die Wikimedia Foundation dazu aufgefordert, die „Communications Workers of America“ (CWA) freiwillig als ihre Gewerkschaftsvertretung anzuerkennen. Die Mitarbeitenden hatten dafür sogenannte Union Authorization Cards unterzeichnet.
„Wiki Workers United“ forderte die WMF daher auf, mit der CWA Verhandlungen aufzunehmen. Daraufhin schlug die Wikimedia Foundation Anfang August vor, zunächst eine geheime Abstimmung über die Frage der Gewerkschaftsgründung unter Aufsicht des National Labor Relations Board (NLRB) abzuhalten.
Dieses Vorgehen erzeugte Kritik. Der Vorwurf: Es handele sich dabei um eine Verzögerungstaktik, mit der die gewerkschaftliche Organisation der Mitarbeitenden verhindert werden soll.
Um eine Abstimmung für die Mitarbeitenden der WMF zu organisieren, wandte sich die Gewerkschaft CWA an das NLRB. Diese Bundesbehörde ist für die Überwachung der rechtmäßigen gewerkschaftlichen Organisation von Beschäftigten im privaten Sektor zuständig. Die Abstimmung wird am 3. September. abgeschlossen sein.
Bei der Registrierung beim NLRB hat die Wikimedia Foundation auch ihre anwaltliche Vertretung angegeben: Die Kanzlei Littler Mendelson. Das geht aus einem Medienbericht hervor. Die Quelle dafür: Wikipedia selbst und ein dort verlinktes offizielles Dokument. Allerdings ist die Seite des NLRB mit einer deutschen IP-Adresse aktuell nicht aufrufbar.
Deswegen ist der Betriebsrat für Wikimedia Deutschland wichtig
Die Wahl dieser Kanzlei hat Kritik am Vorgehen der Wikimedia Foundation hervorgerufen. Der Grund: Littler Mendelson ist für sogenanntes Union Busting bekannt. Die Kanzlei hat laut Medienberichten, die in einem Wikipedia Artikel zitiert werden, bisher Unternehmen – darunter Starbucks, Amazon und Apple – beraten, wie sie vermeiden können, dass die Mitarbeitenden sich gewerkschaftlich organisieren.
Aus Sicht von Wikimedia Deutschland ist es daher verständlich, dass die Entscheidung der WMF, die Anwaltsfirma Littler Mendelson als Vertretung im Gewerkschaftsgründungsprozess heranzuziehen, Kritik und Irritationen hervorruft.
Wikipedia steht für Kooperation und Werte wie Partizipation, Transparenz sowie das Finden eines bestmöglichen Konsens. Diese zentralen Merkmale der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte sind zugleich ihre größte Stärke. Sie schaffen Vertrauen und Akzeptanz. Es sind eben diese Werte, die ihren Ausdruck auch in der Aushandlung von Arbeitnehmenden- und Arbeitgebendeninteressen finden.Franziska Heine Geschäftsführende Vorständin Wikimedia Deutschland
Dabei bestreitet Heine nicht, dass es anstrengend sein kann, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmendenvertretung miteinander verhandeln. Aber der große Mehrwert eines Betriebsrats sei einfach unübersehbar.
Der Betriebsrat setzt eigene Impulse und kann dazu beitragen, potenzielle Konflikte zu erkennen. Ganz besonders wichtig ist für uns als Arbeitgeber: Er unterstützt uns dabei zu lernen, was Menschen bei Wikimedia Deutschland hält und wo wir noch besser werden können.Franziska Heine Geschäftsführende Vorständin, Wikimedia Deutschland
So blicken Betriebsratsmitglieder auf ihr Engagement
Den Betriebsrat bei Wikimedia Deutschland gibt es bereits seit 2014.
Seit 2022 ist Merle von Wittich eines der insgesamt sieben Betriebsratsmitglieder. Sie arbeitet seit 2011 für Wikimedia Deutschland und kümmert sich im Team Community und Engagement um Formate, die Wikipedianer*innen dabei unterstützen, neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Ihre Erfahrung darin, Unterstützungsangebote zu entwickeln und ihr Gestaltungswille haben sie dazu motiviert, sich auch für die Interessen der Mitarbeitenden von Wikimedia Deutschland einzusetzen.
Betriebsratsarbeit ist in Deutschland der beste Weg, Aushandlungsprozesse in ein Unternehmen zu übertragen. So leben Grundprinzipien der Wikipedia wie Kooperation und Partizipation auch im Kollegium und im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmenden fort.Merle von Wittich Referentin Community-Netzwerk, Wikimedia Deutschland
Merles Lieblingsthema ist Gesundheit. Sie findet es wichtig, gemeinsam mit dem Arbeitgeber Angebote zu entwickeln, die sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit fördern. Den Gesundheitstag für alle Mitarbeitenden hat sie mit dem Betriebsrat angestoßen und gemeinsam mit der Personalabteilung und der Abteilung Finanzen umgesetzt. Gleiches gilt für eine Analyse der Arbeitsbedingungen bei Wikimedia Deutschland. Das Ziel: Stressfaktoren am Arbeitsplatz zu erkennen und so die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen.
Lucas Werkmeister kommt ebenso wie Merle von Wittich aus einem Bereich bei Wikimedia Deutschland, der die Community der Ehrenamtlichen unterstützt. Er arbeitet als Softwareentwickler an der größten freien und offenen Wissensdatenbank Wikidata mit. Er ist seit 2017 bei Wikimedia Deutschland und hat sich im Jahr 2018 erstmals zur Betriebsratswahl gestellt.
Der Betriebsrat ist für mich die Stelle, die am besten dafür geeignet ist, um ein vollständiges und realistisches Bild von der Situation der Arbeitnehmenden zu bekommen – und sie daraus resultierend unterstützen kann, ihr Arbeitsumfeld zu verbessern.Lucas Werkmeister Software Entwickler, Wikimedia Deutschland
Lucas fallen dabei zahlreiche Betriebsvereinbarungen ein, die genau das erreicht haben und im Kollegium sehr geschätzt werden. Etwa zum mobilen und hybriden Arbeiten, zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement oder zum Gehaltssystem. Wobei ein Betriebsrat nur die Entlohnungsgrundsätze, aber nicht deren Höhe aushandeln kann. Eine Gewerkschaft, die einen Tarifvertrag aushandeln könnte, hat Wikimedia Deutschland noch nicht.
Ob die beiden Konflikte oder Probleme im Aushandeln von Konflikten sehen? Spannungen gibt es sicherlich manchmal, so Merle von Wittich, aber die seien produktiv. Sie erlebt einen wertschätzenden Umgang miteinander – im Betriebsrat und in Gesprächen mit dem Arbeitgeber. Sie und Lucas Werkmeister sind sich einig: Auch wenn wir nicht immer übereinstimmen, können wir doch zu verschiedenen Themen gut zusammenarbeiten. Am Ende gehe es darum, sich auszutauschen und Lösungen für Mitarbeitende zu erarbeiten.
So geht es in den USA jetzt weiter
Die Stimmzettel für die NLRB-Abstimmung wurden bereits am 11. August an die berechtigten Wikimedia-Mitarbeitenden in den USA versandt. Am 3. September 2026 werden sie in der Regionalstelle der NLRB in San Francisco ausgezählt. Sollte diese Abstimmung auch ergeben, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden sich gewerkschaftliche Vertretung wünscht, gehen wir davon aus, dass die Wikimedia Foundation sich in konstruktive und faire Verhandlungen mit der Gewerkschaft begeben.