Zarah Ziadi
28. Mai 2026
Zum ersten Mal überhaupt war die Wikipedia-Community gemeinsam mit Wikimedia Deutschland mit einem eigenen Stand auf der re:publica vertreten – und das aus gutem Grund: 2026 feiert Wikipedia ihren 25. Geburtstag und gleichzeitig stehen Freies Wissen, offene Plattformen und demokratische digitale Räume stärker denn je unter Druck.
Das Motto der re:publica – „Never gonna give you up“ – klang deshalb fast wie eine direkte Einladung an uns. Denn wir geben die gute Seite des Internets nicht auf und erst recht nicht die Wikipedia.
25 Jahre Wikipedia – Freies Wissen relevanter denn je
Seit einem Vierteljahrhundert kreieren und kämpfen Wikipedia-Communitys weltweit für freien Zugang zu Wissen. Millionen Menschen lernen, recherchieren, diskutieren und treffen Entscheidungen auf Basis dessen, was die Ehrenamtlichen Tag für Tag in der Wikipedia zusammentragen, prüfen und verbessern. Dabei ist Wikipedia kein Naturgesetz des Internets. Sie ist nicht selbstverständlich, sondern existiert, weil Menschen sie jeden Tag gemeinsam möglich machen.
Während gerade große KI-Systeme Inhalte massenhaft verwerten, die Verbreitung von Desinformation zunimmt und Plattformen immer stärker auf Aufmerksamkeit statt Qualität optimieren, bleibt Wikipedia ein wichtiges Gegenmodell: transparent, gemeinschaftlich und offen.
Willkommen in der Welt des Freien Wissens
An unserem Wikipedia-Stand war allerhand los! Viele der Besucher*innen wollten verstehen, wie Wikipedia genau funktioniert, andere kamen als langjährige Fans vorbei. Und viele waren überrascht zu hören, wie stark generative KI-Systeme auf Wikipedia-Inhalten aufbauen. Mitglieder der Wiki-Community sprachen mit Interessierten über das Schreiben und Bearbeiten von Artikeln, über Quellenarbeit, Community-Prozesse und darüber, wie gut geprüfte Inhalte entstehen.
Zwischen Glücksrad, Wiki-Typentest und spannenden Gesprächen gab es auch ein Standprogramm: Ein Highlight war der Vortrag von Daniel Sigge zur Entstehung von Communitys mit anschließendem Gespräch mit der Wikipedia-Ehrenamtlichen Nina.
Unsere zentrale Botschaft war dabei immer klar: Ohne Menschen, die Informationen einordnen, diskutieren, prüfen und Verantwortung übernehmen, gibt es kein verlässliches Wissen. Kein Algorithmus der Welt ersetzt „human in the loop“. Punkt.
Wikipedia auf der Bühne: Zwischen Graswurzelbewegung und KI-Debatte
Auch auf den Hauptbühnen der re:publica waren wir vertreten: Wikimedia-Geschäftsführerin Franziska Heine brachte die Perspektive von Wikipedia und Freiem Wissen gleich auf zwei Panels in die aktuellen Debatten rund um digitale Öffentlichkeit, Plattformabhängigkeit und KI ein.
Im Panel rund um den „Digital Independence Day“, eine Initiative von Save Social, ging es darum, wie Menschen wieder unabhängiger von großen Plattformen werden und digitale Räume gemeinschaftlich gestalten können. Der sogenannte DI.DAY ruft jeden ersten Sonntag im Monat dazu auf, bewusster unabhängige digitale Angebote zu nutzen und Alternativen zu großen Tech-Plattformen sichtbar zu machen.
Der Ansatz ist den Anfängen von Wikipedia nicht ganz unähnlich – auch die Online-Enzyklopädie begann einmal als kleines Community-Projekt mit der Idee, dass Menschen gemeinsam etwas erschaffen können, das größer ist als einzelne Unternehmen oder wirtschaftliche Interessen. Gemeinsam mit Vertreter*innen aus Zivilgesellschaft, Medien und Plattformökonomie diskutierte Franziska Heine darüber, was Graswurzelbewegungen erfolgreich macht.
In einem vom Bündnis F5 organisierten Panel rückte dann generative KI und ihr Einfluss auf Staat und Verwaltung in den Fokus. Gemeinsam mit dem Journalisten und Geschäftsführer von AlgorithmWatch, Matthias Spielkamp, und Staatssekretär Markus Richter sprach Franziska Heine darüber, wie KI bereits heute Verwaltungsprozesse verändert – etwa bei Anträgen, Entscheidungsprozessen oder digitalen Dienstleistungen.
Dabei ging es nicht um abstrakte Zukunftsvisionen, sondern um sehr konkrete Zielkonflikte: Wie viel Automatisierung ist sinnvoll? Wie transparent müssen KI-Systeme im öffentlichen Sektor sein? Und was passiert, wenn staatliche Infrastruktur zunehmend von proprietären Technologien großer Konzerne abhängig wird?
Ein starkes Bündnis für ein besseres Internet
Wie in den vergangenen drei Jahren war Wikimedia Deutschland auch auf der diesjährigen re:publica mit den Partnerorganisationen aus dem Bündnis F5 – AlgorithmWatch, Gesellschaft für Freiheitsrechte, Open Knowledge Foundation Reporter ohne Grenzen – mit einem eigenen Stand vertreten. Dort wurde sichtbar, wie wir uns sowohl im Bündnis als auch als einzelne Organisationen für eine demokratische, inklusive und transparente Digitalpolitik einsetzen. Bei thematischen Meetups ging es um Informationsfreiheit, digitale Grundrechte und Open-Source-Initiativen in der Verwaltung. Unter anderem kamen Digitalminister Karsten Wildberger und die Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas am Stand vorbei. Beide hatten großes Interesse an unseren Einschätzungen zu Themen wie beispielsweise dem Einsatz von KI in der Verwaltung. Auch in diesem Jahr zeigte sich der F5-Stand wieder als wichtiger Ort für Austausch, Vernetzung und gemeinsame Impulse für eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik.
re:publica vorbei. Freies Wissen geht weiter.
Für uns war die re:publica 2026 vor allem eines: ein Ort voller inspirierender Einblicke in neue Perspektiven, ein Treffen mit potentiellen neuen Partner*innen und hoffentlich auch vielen zukünftigen Wikipedia-Fans.
Gerade in Zeiten, in denen das Netz immer stärker von KI, Plattformlogiken und Desinformation geprägt wird, hat die re:publica gezeigt: Es gibt sie noch – die Menschen, die für ein besseres Internet kämpfen.
Wer dieses Jahr nicht dabei sein konnte oder Sessions nachholen möchte, findet die Aufzeichnungen online: