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Die Altered States Database: Ein Projekt aus dem Fellow-Programm Freies Wissen

Im Rahmen des Fellow-Programms Freies Wissen fördern wir junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die offene Wissenschaft betreiben möchten. In diesem Gastbeitrag berichtet Stipendiat Timo Torsten Schmidt über sein Fellow-Projekt. Das Ziel: Eine Datenbank, die alle verfügbaren standardisierten wissenschaftlichen Daten zum Erleben von veränderten Bewusstseinszuständen frei zugänglich macht.

WMDE allgemein

12. Juli 2018

Das Fellow-Programm Freies Wissen ist eine Initiative von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung, um junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei zu unterstützen, ihre eigene Forschung und Lehre im Sinne Offener Wissenschaft zu öffnen und damit für alle zugänglich und nachnutzbar zu machen. Denn: Wir glauben an das Potential offener und kollaborativer Forschung. In unserem Blog stellen die Fellows einige ihrer Projekte vor und berichten über ihre Erfahrungen im Umgang mit offener Wissenschaft in der Praxis. Hier berichtet Stipendiat Timo Torsten Schmidt über sein Projekt: „The Altered States Database (ASDB)“

Neutrale Informationen sind schwer zu finden

Welche Effekte sind zu erwarten, wenn man LSD konsumiert? Mit dieser Frage beschäftigen sich nicht nur Substanz-Konsumenten sondern auch Wissenschaftler. Wenn man im Netz nach Informationen zu dieser Frage sucht, fand man bisher vorwiegend Foreneinträge mit Erlebnisberichten. Dabei liegt es in der Natur dieser Berichte, entweder besonders euphorisch oder besonders negativ zu sein. Neutrale Informationen sind schwer zu finden, geschweige denn wissenschaftlich erhobene Daten.

Die Diskussion über Verbote und Legalisierung unterschiedlicher Drogen ist gesellschaftlich und politisch aufgeladen. Ein wichtiger Beitrag der psychologischen und neurowissenschaftlichen Forschung zu dieser Debatte besteht in der neutralen Darstellung wissenschaftlich gewonnener Daten. Um Neutralität der Daten zu gewährleisten sollten diese in vollem Umfang frei zugänglich gemacht werden sowie in Bezug auf ihre Vergleichbarkeit geprüft und verständlich dargestellt werden.

In meiner neurowissenschaftlichen Forschung interessiere ich mich für Gehirnmechanismen die dem menschlichen Bewusstsein zugrunde liegen. Für die Forschung ist es dabei besonders interessant die Situationen zu beleuchten, bei denen etwas anders als „normal“ läuft. In einem Experiment eine kurzzeitige Bewusstseinsveränderungen hervorzurufen ist dabei ein ein besonderes Tool für die Erforschung der zugrundeliegenden Gehirnmechanismen. Dabei kann man die Funktionsweise des Gehirns in seiner normalen Funktion und im veränderten Zustand messen. Das ist Grundlagenforschung für psychische Erkrankungen bei denen Bewusstseinsfunktionen Probleme machen, wie beispielsweise bei Schizophrenie oder Depressionen.

Welche Erlebnisse berichten Personen, wenn sie psychoaktive Substanzen konsumieren?

Bevor man aber nach Gehirnmechanismen sucht, muss man zunächst messen wie sich ein solcher veränderter Bewusstseinszustand überhaupt anfühlen. Es stellt sich die Frage: Welche Erlebnisse berichten Personen, wenn sie psychoaktive Substanzen konsumieren oder solche Methoden anwenden wie Yoga, Schwitzhütten oder Sinnesentzug?

Im Altered States Database Projekt konnte ich zusammen mit zahlreichen Masterstudierenden der Universität Osnabrück die verfügbaren Daten zu veränderten Bewusstseinszuständen zusammengetragen. Dabei handelt es sich um Daten, die mit standardisierten Fragebögen erhoben wurden und damit den Vergleich unterschiedlicher veränderter Bewusstseinszustände erlauben. Alle Daten, die im Einklang mit wissenschaftlichen Qualitätskriterien erhoben und publiziert sind, wurden von uns in einer Datenbank zusammengefasst und wurden nun mit Hilfe des Fellow-Programms auf der Website www.asdb.info frei zugänglich gemacht. Bisher lagen große Teile dieser Daten nur in sperrigen Balkendiagrammen vor, die oft in wissenschaftlichen Artikeln publiziert und hinter Paywalls verborgen lagen.

Daten sichtbar und leicht zugänglich machen

Das ASDB Projekt hatte bereits 2 Jahre vor Beginn des Fellow-Programms begonnen und die Datenbank war weitestgehend fertig. Die große Herausforderung bestand nun darin, die ASDB auch nachhaltig und offen zugänglich zu machen. Dazu konnte ich aus der Erfahrungen anderer Fellows mit ähnlichen Projekten insbesondere lernen wie mit Urheberrecht und Hosting umzugehen ist. Auch konnten wir Wege der Wissenschaftskommunikation diskutieren. Das Fellow-Programm hat es ermöglicht, die Daten der ASDB sichtbar und leicht zugänglich zu machen. Durch die Publikation der Datenbank auf dem Open Science Framework Repositorium (https://osf.io/8mbru/) können die Daten nun auch von anderen Wissenschaftlern genutzt werden. Es ist beispielsweise möglich studienübergreifende Meta-Analysen auszuführen um Zusammenhänge zwischen der Dosierung einer Droge und Intensität von induzierten Erlebnissen zu bestimmen.

Des Weiteren fördert die ASDB auch die Einhaltung von Standards in der Datenerfassung und trägt dadurch zur Qualitätssicherung in zukünftigen Studien bei (Erhöhung der Replizierbarkeit). Die übersichtliche Darstellung für welche Typen von veränderten Bewusstseinszuständen bisher noch keine Daten erhoben wurden, regt andere Forscher an, entsprechende Studien durchzuführen. Um dies für alle interessierten Forscher zu vereinfachen, haben wir begleitend zu der Datenbank die Messinstrumente in einem edukativen Buchkapitel diskutiert1. Die Datenbank selbst wurde in einem Open Access Artikel vorgestellt2

 

Kurzer Pitch des Kapitels: https://www.youtube.com/watch?v=TAjAOgeKb-0


Zum Autor: Timo Torsten Schmidt ist Neurowissenschaftler und arbeitet als PostDoc in der Neuroimaging and Neurocomputation Unit an der Freien Universität Berlin. Sein Forschungsschwerpunkt liegt hierbei auf Gehirnmechanismen die mit Aspekten menschlichen Bewusstseins in Verbindung stehen. Er untersucht neuronale Mechanismen wie unser Gehirn mentale Inhalte repräsentiert und welche Mechanismen Veränderungen normaler Wahrnehmung und normalen Erlebens zugrunde liegen. Im Rahmen des Fellow-Programms Freies Wissen entwickelt er eine Datenbank, die wissenschaftliche Daten zu veränderten Bewusstseinszuständen zugänglich macht.


Quellen

1. Schmidt, T. T. & Majić, T. in Handbuch Psychoaktive Substanzen (eds. von Heyden, M., Jungaberle, H. & Majić, T.) 1–25 (Springer Berlin Heidelberg, 2016). doi:10.1007/978-3-642-55214-4_65-1

2. Schmidt, T. T. & Berkemeyer, H. The Altered States Database: Psychometric data of altered states of consciousness. Front. Psychol. (2018). doi.org/10.3389/fpsyg.2018.01028

Kurzer Pitch des Kapitels: https://www.youtube.com/watch?v=TAjAOgeKb-0

 

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