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Vier Tage reale Utopie: Der Chaos Communication Congress in Hamburg

Wenn sich zwischen meterhohen Lichtinstallationen und begehbaren Luftschlössern Expert*innen zu IT-Sicherheit, digitaler Infrastruktur und Grundrechten treffen, ist wieder Chaos Communications Congress. Wikimedia Deutschland war gemeinsam mit vielen digitalpolitischen Organisationen und Ehrenamtlichen vom 27. bis 30. Dezember 2023 dabei.

Lilli Iliev

Merle von Wittich

Stefan Kaufmann

2. Januar 2024

Das diesjährige Motto „unlocked“ des Chaos Communication Congress war Programm: Das Kongresszentrum Hamburg verwandelte sich für vier Tage in ein offenes Haus für die internationale Hacker*innenszene, für Bürger*innenrechtsbewegte, Digital-Rights-Initiativen und Technologie-Forschende. Hier konnten sich alle zu aktuellen technologischen und digitalpolitischen Entwicklungen austauschen, im Hauptprogramm oder den vielen selbstorganisierten Workshop-Bereichen ihre Erfahrungen teilen und Ideen testen.

Drei Jahre lang fand dieses Treffen pandemiebedingt nur dezentral statt. Vom 27. bis 30. Dezember 2023 gab es nun wieder einen gewohnten Congress mit tausenden Teilnehmenden. Oft war zu hören, wie gut der persönliche Austausch tue, wie viel mehr Ideen-Funken sprühen und Zuversicht getankt werden kann. Alles für ein besseres Internet und eine gerechtere digitale Zukunft. Auch medial wurden verschiedene Themen begleitet, siehe beispielsweise dieser Bericht vom ZDF.

Ehrenamtlich und programmatisch nicht-kommerziell

Immer wieder beeindruckend und beispielgebend: Der Congress versteht sich nicht nur programmatisch als nicht-kommerziell, sondern fußt auf der Zusammenarbeit tausender ehrenamtlich Beitragender, die der Sache wegen aus einem Congress Centrum für einige Tage einen magisch wirkenden Ort machen. Neben Logistik und Infrastruktur von Strom bis Netzwerk geht es dabei auch um die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen spezialisierten Gruppen; von der Projektleitung über das Programmteam bis zur Koordinierung der verschiedenen anreisenden Orts- und Interessensgruppen, die zusammen die so genannten Assemblies und Habitate gestalten.

Eines dieser Habitate war in den vergangenen Jahren die Wikipaka-WG, v. A. organisiert von Wikimedia Deutschland, Jugend hackt, temporärhaus und weiteren Gruppen aus der Welt des Freien Wissens, um einen Meetup- und Rückzugsort für Aktive und Interessierte anzubieten, um Gleichgesinnte zu finden und Gespräche zu führen. Und nicht zuletzt sollten im Setting einer metaphorischen WG mit Vortragssaal, Küche und Wohnzimmer Jugendliche an die „großen“ netzpolitischen Themen herangeführt werden und sich auch Neulinge trauen, eine Bühne mit Programm zu bespielen, per Video zu übertragen oder gar synchron zu übersetzen. 

Dieses Jahr fand sich beim bits&bäume-Habitat ein noch facettenreicheres Bild beitragender Organisationen. An kleinen Ständen, einem Workshop- und einem Wohnzimmer-Bereich waren Engagierte, etwa von Amnesty International und der Gesellschaft für Freiheitsrechte über OpenStreetMap und SearchWing bis European Digital Rights und der Free Software Foundation zu finden. Auch wir von Wikimedia Deutschland kamen hier mit Interessierten ins Gespräch. Dabei ging es um politische Aktivitäten rund um Freies Wissen, aber wie auch bei den letzten Congressen gab es viel Interesse und Fragen rund um Wikidata und es kamen erste Fragen zu den neuen Projekten “Wikifunctions” und “Abstract Wikipedia” auf.

Digitalpolitische Ampeldämmerung

Neben vielfältigen Talks internationaler Fachleute, etwa zum Stand der Anwendung von Desinformations- und Überwachungstechnologien und dem Widerstand dagegen, beleuchteten mehrere Vortragende kritisch die digitalpolitische Arbeit der Ampelregierung. 

Dabei stand die vielversprechende Agenda des Koalitionsvertrags im scharfen Kontrast zur tatsächlichen Bilanz nach zwei Jahren. Eine konkrete Ausrichtung auf das Gemeinwohl, die Priorisierung von Open Source und Nachhaltigkeit, die systematische Einbindung der Zivilgesellschaft, eine Überwachungsgesamtrechnung, das Bundestransparenzgesetz und Recht auf Open Data – viele Vorhaben bleiben deutlich hinter den gesteckten Ziele zurück oder ganz aus. (Siehe dazu auch den Beitrag Halbzeitkritik: Diese vier Vorhaben muss die Ampel endlich anpacken des Bündnis F5). 

Einige unserer Highlights:

Gemeinsam auf dem Sofa die Gesellschaft hacken

Das Themenspektrum beim Erkunden des Congress reicht von Informationsfreiheit über IT-Sicherheit und Freie Software bis zum kreativen und bisweilen nicht von den Hersteller*innen beabsichtigten Umgang mit Geräten. Von Anfang an steht dabei auch eine IT- und Digitalpolitik im Sinne des öffentlichen Interesses und sozialer Gerechtigkeit als verbindendes Anliegen über den vielen Tätigkeiten der Ehrenamtlichen. 

Besonders die praktischen Hacks und Spielereien, die in entspannter Atmosphäre mit anderen getestet werden, machen Spaß. Kunstschaffende bringen Musik, Installationen oder Skulpturen mit und bauen sich ihr kleines, temporäres Utopia. Es entsteht ein Klima, in dem greifbar wird, dass Gegenwelten möglich sind, in der Ungerechtigkeiten angefochten und gemeinsam an wünschenswerten Zukünften gearbeitet werden kann. Und in dem die und der Einzelne sich nach den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten für die größere Sache einbringen kann – wie Jascha es in seinem Beitrag Angels at Chaos – about volunteering and fitting in schreibt: “Our community is not about personal growing but about contributing to each other and growing by doing this.”

Einige unserer Highlights:

Wir danken allen Beteiligten für einen großartigen 37C3. Wir nehmen die vielen Ideen und Gespräche ins neue Jahr mit und freuen uns auf den 38C3!

Weiterführende Links:

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