Empowerment der Wissensgesellschaft: Zur Internationalen Archivwoche 2020

Wikimedia Deutschland, Schweiz und Österreich beteiligen sich an der Internationalen Archivwoche vom 8.–12. Juni. Das Motto in diesem Jahr lautet „Empowering Knowledge Societies“ – ein guter Zeitpunkt, die Bedeutung von Archiven neu zu betrachten: Was sind Archive? Welche Rolle spielen Archive für eine Wissensgesellschaft? Warum sind Archive so wichtig im Fundament von Demokratie und Rechtsstaat?

  • Alex Möller
  • 8. Juni 2020

Imageproblem: Staub und Regale?

Ein Raum voller Regale. Sehr viel Staub. Wenig Licht. Maximal Kerzen. Vielleicht sogar: sichtbares Mauerwerk. Zettelkästen, Findbücher. Schrullige Archivar*innen.

Die Assoziationen dessen, was gemeinhin unter „Archiven“ verstanden wird, offenbart ein verbesserungswürdiges Image. Dabei könnte der Kontrast zur Realität und Relevanz von Archiven kaum größer sein. Archive erfüllen zentrale Funktionen für Rechtsstaat und Demokratie und sind dabei „das Gedächtnis einer Gesellschaft”, sagt Dagmar Hovestädt, Sprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Die Internationale Archivwoche 2020 steht dieses Mal unter dem Motto „Empowering Knowledge Societies“ (dt. „Wissensgesellschaften stärken“). Ein guter Anlass, um nicht nur darüber zu reden, wie wir die Präsenz von Archiven in der Wikipedia und ihren Schwesterprojekten verbessern können, sondern auch darüber, welche Rolle Archive für die Wissensgesellschaft spielen.

„Die Herausforderungen und Konflikte heutiger Gesellschaften sind im Wesenskern nicht anders als die Herausforderungen der Menschen vor uns. Zu sehen wie die Konflikte der Vergangenheit gelöst wurden, wie Menschen handeln, wie Krieg oder Frieden, Freiheit oder Repression, aber auch Natur- oder Wirtschaftskatastrophen gesellschaftliches Handeln entschieden haben, ist eine enorm hilfreiche Ressource, um das Heute besser zu verstehen und Lösungen zu finden.“

Dagmar Hovestädt, Sprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

Was leisten Archive und warum sind sie wichtig?

Archive zeigen die Vergangenheit. Sie liefern Beweise, Erklärungen und Dokumentation  sowohl für vergangene als auch für aktuell anstehende Entscheidungen. Archive versetzen die Gesellschaft in die Lage, ein breites Spektrum von Aufgaben wahrzunehmen, die es Zivilisationen ermöglichen, Wurzeln zu schlagen und zu gedeihen. Nicht zuletzt durch archivarische Vorgänge werden Regierungen dazu gebracht, Rechenschaft abzulegen und ihre demokratische Legitimität unter Beweis zu stellen. Gut verwaltete Archive und Aufzeichnungen sind das Mittel, mit dem die Zivilgesellschaft das Regierungshandeln nachvollziehen und es bewerten kann.

Hierdurch leisten sie direkt Unterstützung für Demokratie und Rechtsstaat, indem sie Fakten gegen „Fake News“ stellen. Dies ist „Chance und Herausforderung zugleich“, sagt der Archivleiter Dr. Joachim Kemper.

„Archive sind die Zukunft der Vergangenheit in der Gegenwart“

Was aber richten Fakten aus, wenn im zivilgesellschaftlichen Diskurs heute vermeintlich ständig und blitzschnell „alternative Fakten“ zur Hand sind? Archive können sich hier ihrer fundamentalen Prinzipien bedienen. Schon gemäß dem im 17. Jahrhundert etablierten Ius archivi, dem Recht des Archivs, genießen Archivalien besondere Beweiskraft, weil die Archive die unveränderte Authentizität der ihnen anvertrauten Dokumente garantieren. In eben diesem noch heute gültigen wissenschaftlichen Prozess, der die Aufnahme in ein Archiv flankiert, kann der nötige Filter gegen bewusst platzierte und verbreitete „Fake News“ und „Alternative Facts“ liegen. Auch hier geht es um wenig anderes als um den Kern des demokratischen Diskurses, denn nichts kann der öffentlichen Meinungsbildung gefährlicher werden, als das Unvermögen sich über Fakten als Grundlage von Interpretation und Diskussion zu verständigen.

Die Herausforderungen, vor denen Archive stehen, um ihre Funktion auch in Zukunft weiter auszufüllen, sind vielfältig. Neben der Notwendigkeit der Digitalisierung der Prozesse, wird es zur Wahrung des eigenen Status besonders auch um die Themen Zugänglichkeit mit einer aktiven Hinwendung zu den Nutzer*innen gehen. Archive sollen „offen“ sein, keine „geheimen Einrichtungen“ sagt der Archivar Kemper.

Archive sind insbesondere in Zeiten, in denen Desinformation und Unterminierung von Fakten auf digitaler, globaler Basis gesellschaftliche und publizistische Diskurse bestimmen, eine für das Funktionieren von Demokratie unverzichtbare Ressource. Die Herausforderung besteht darin, diese Ressource aktiv in die (digitalen) Dialoge einzubringen und sie
lebendig zu machen. Dafür ist auch Wikimedia ein guter Partner von Archiven.

Dagmar Hovestädt, Sprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen
ICA / CC BY-SA

Überzeugt? Mitmachen bei der Internationalen Archivwoche 2020!


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