Die Tagung bot nicht nur Gelegenheit, sich in der Community zu vernetzen. Ziel der drei Workshops war es, Bedarfe und Forderungen an die Politik festzuhalten, die aus der offenen Diskussion um Chancen des freien Netzes entwickelt wurden. Zunächst stellte Stefan Baack von Mozilla die deutsche Version des Internet Health Report vor. Anhand der 5 Themenfelder Datenschutz und Sicherheit, Dezentralisierung, Offenheit, Digitale Teilhabe und Digitale Bildung untersucht der Report den Zustand des Internet in 2019.

Wie kann das Freie Netz gestärkt werden? Foto: Wikimedia Deutschland e. V. [CC BY-SA 4.0]

In drei Workshops konnten sich die Teilnehmenden dann zu drei Themen vertieft diskutieren und konkrete politische Forderungen erarbeiten:

Digital Literacies: Wie nutzen Menschen das freie Netz?
Host: Christian Friedrich, Referent Bildung/Wissenschaft, Wikimedia Deutschland e. V.

Freies Netz und Rahmenbedingung für Vertrauen in Information
Host: John Weitzmann, Leiter Team Politik & Recht, Wikimedia Deutschland e. V.

Public-Interest Tech und freies Netz – Das neue Gewicht digitalisierter Stadtgesellschaften
Host: Kasia Odrozek, Internet Health Report Project Manager

Digital Literacies: Wie nutzen Menschen das freie Netz?

In diesem Workshop trugen die Teilnehmenden ihre verschiedenen Perspektiven auf Digital Literacies zusammen und identifizierten, was zur Förderung individueller Kompetenzen und Fertigkeiten im Freien Netz gebraucht wird.

Und was sind diese Digital Literacies?

Die Visualisierung der Elemente wurde erstellt mit dem Remixer der Visual Thinkery: Elemental by @visualthinkery is licenced under CC-BY-SA

Digital Literacies sind individuelle Voraussetzungen, um in einer digital geprägten Welt souverän zu handeln und teilzuhaben. Dahinter stehen nicht nur Aktivitäten wie: Daten und Informationen zu finden, zu hinterfragen, zu kontextualisieren oder zu bewerten, sich mit anderen auszutauschen, gemeinsam Inhalte und Netzwerke zu schaffen und an gesellschaftlichen Diskursen teilzuhaben, sondern auch ein kontextuelles Verständnis verschiedener Einflussfaktoren im Netz.

Der Kern der Digital Literacies kann damit beschrieben werden, ein Bewusstsein für die sich konstant ändernden Funktionsweisen digitaler Technologien und digitaler Räume zu entwickeln und kreativ Lösungen für individuelle Probleme und Heraus­forderungen zu finden.

Die Teilnehmenden orientierten sich am Modell der acht Elemente von Digital Literacy, dass Doug Belshaw bereits im Jahr 2012 in seiner frei lizenzierten Doktorarbeit ausgearbeitet hat. In der englischsprachigen Arbeit werden acht Elemente von Digital Literacies identifiziert: Cultural, Cognitive, Constructive, Communicative, Confident, Creative, Critical, und Civic. Ebenso wie bei chemischen Elementen ist es auch im Fall von Digital Literacy relativ selten, dass Menschen einem der Elemente in Reinform begegnen. Die meisten Tätigkeiten und Prozesse entstehen aus einer Mischung der Elemente.

Eine der Leitfragen drehte sich darum, wie Menschen dabei unterstützt werden können, das Netz als offene und öffentliche Ressource zu entdecken, lebenslang zu nutzen, gemeinschaftlich zu gestalten und neu zu erfinden.

Der Austausch

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass die Aneignung von Digital Literacies nicht nur in formaler Bildung, z. B. in der Schule, geschehen kann und soll, sondern dass auch und insbesondere außerhalb von Schulen wertvolle Arbeit zu verwandten Themen geleistet wird. Gleichzeitig wurde jedoch auch attestiert, dass es insbesondere in Schulen einen erheblichen Nachholbedarf gibt.
Dieser solle aber nicht nur auf Fragen der Arbeitsmarktfähigkeit fokussiert sein. Vielmehr wünschen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Debatten rund um Data Literacy, Future Skills und Medienkompetenz, die auch die gesellschaftlichen, partizipativen und emanzipierenden Dimensionen dieser Begriffe einbeziehen. Schnell rückten insbesondere Lehrerbildung und Schulentwicklung in den Blickpunkt der Diskussion. Ausgehend von der obigen Definition von Digital Literacies wurde eine Vielzahl an konkreten Ideen entwickelt. Vor allem wurde beleuchtet, welches Fundament es braucht, damit Digital Literacies fest in unserer Gesellschaft verankert werden können.

Die Forderungen:

  • Medienkompetenz soll nicht als Mittel zur Wirtschaftsförderung betrachtet werden, sondern vielmehr als Civic Education.
  • Digitale Elemente dürfen nicht bestehende Ungleichheiten verstärken, sondern sollen zur Chancengleichheit beitragen.
  • Auch der Wunsch nach einer veränderten Lernkultur wurde laut, das heißt, dass z. B. im Klassenzimmer weniger Frontalunterricht und dafür mehr Interaktion stattfinden soll.
  • Das Fundament zum erfolgreichen Umsetzen sind die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte. Hierfür braucht es sinnvolle Angebote und Ressourcen. Lehrerinnen und Lehrer brauchen Zeitfenster zum gemeinsamen Ausprobieren und Austauschen – oftmals ist ein Schatz an Wissen und Ideen im eigenen Lehrerzimmer zu finden.
  • Openness: Projekte, Initiativen müssen so zugänglich und nutzbar wie möglich sein: Transparenz und Kollaboration zwischen Ländern, Schulen und Einzelpersonen. Offenheit bezieht sich hier sowohl auf Materialien, Formulare, Prozesse als auch auf Unterlagen für Lehrerfortbildungen.
  • Schulen sollten bedarfsorientiert unterstützt werden.
  • Schulen brauchen pädagogische Konzepte zur Förderung von Digital Literacies.
  • Unterrepräsentierte Gruppen sollen besonders gefördert werden, z. B. mit Fellowships und Mentoring-Modellen

Bei allen Wünschen und Ideen für die formale Bildung darf jedoch nicht vergessen werden: Die Förderung digitaler Kompetenzen als gesamtgesellschaftliches Thema muss außerschulische Kontexte mit einbeziehen. Viele der wirklich interessanten Ansätze zur (Selbst-)Ermächtigung von Menschen im digitalen Raum finden nicht in, sondern außerhalb der Schule statt. Damit stellen sich elementare Fragen in Bezug auf Chancengleichheit, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit dieser Angebote.

Ebenso sind Digital Literacies nicht ausschließlich wichtig für jungen Menschen. Sie sind mindestens ebenso elementar für die Teilhabe erwachsener, auch älterer Menschen. Digital Literacies sind nicht “nur” Breitensport; Digital Literacies sind auch für Menschen wichtig, die politische Entscheidungen treffen. Die das Jahr 2019 bisher gesellschaftlich prägenden Debatten, ob um Urheberrechtsreform, Klimakrise, oder auch den allgemeinen politischen Diskurs im Netz, machen dies mehr als deutlich. Damit werden Digital Literacies einzelner Menschen zu einer Gelingensbedingung einer modernen Gesellschaft.

Was heißt das für die Politik?

Um Digital Literacies nachhaltig zu fördern und in der Gesellschaft zu verankern, müssen Initiativen und Projekte langfristig und flächendeckend – mit dem Gedanken der Kooperation – ermöglicht werden. Nachhaltigkeit, Offenheit und Skalierbarkeit sollten schon bei der ersten politisch wachsenden Idee mitgedacht werden.

Die verschiedenen Ebenen von Digital Literacies müssen zudem ineinander greifen. Das heißt, bei allen Ansätzen gilt es sowohl technische als auch methodische Zugänge und Zugänglichkeiten zu ermöglichen. Hierzu müssen individuelle Bedarfe von Lernorten erkannt und zielgerichtet unterstützt werden.

Freies Netz und Rahmenbedingung für Vertrauen in Information

Workshop „Freies Netz und Rahmenbedingung für Vertrauen in Information“, Wikimedia Deutschland e. V., CC BY-SA 4.0

In diesem Workshop wurde mit den Teilnehmenden diskutiert, welche gesetzlichen Regelungen etwa in den Bereichen Content Moderation oder Netzneutralität sinnvoll sind. Beispielsweise waren sich die Teilnehmenden einig, dass durch eine fehlende gemeinsame Wertegrundlage die Balance zwischen Sicherheit und digitalen Bürgerrechten immer wieder neu austariert wird und so tendenziell restriktive Schritte zunehmen. Eine negative Entwicklung ist die zunehmende faktische Privatisierung der Rechtsdurchsetzung, die etwa an Vorstößen wie dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz deutlich wird.

Die Forderungen:

Content Moderation

  • Viel mehr Transparenz, was warum im Netz (nicht mehr) sichtbar wird; nach Möglichkeit multi-stakeholder oversight aller relevanten Standards.
  • Nutzerinnen und Nutzer sollten bessere Einsicht in klar formulierte AGBs der Plattformen bekommen, vor allem auch in deren Änderungen.
  • Content Moderation darf nicht vollautomatisiert werden. Filter müssen transparent bleiben und von  Personen überwacht werden.
  • Gerade hinsichtlich der Durchsetzung von Regeln, die notwendigerweise regional bzw. national erfolgt, sollte es weltweit anerkannte Menschenrechts-Standards geben.
  • Abhängigkeiten von proprietärer Software oder einzelnen Systemen sollte generell vermieden werden.
  • Keine Digital Charta ohne Einbezug der Bildungspraxis und Zivilgesellschaft!

Zivile Mitbestimmung

  • Generell braucht es mehr Räume für den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Politik und Zivilgesellschaft
  • Die Politik sollte mehr Ermächtigung der Nutzenden erreichen, bis hin zu echter Co-Ownership großer Plattformen.
  • Gerade in Datenschutzbelangen sollte weniger Opt-Out-Design, dafür mehr Opt-In-Defaults zum Standard werden.
  • Pluralistische kontrollierte Förderung von Fact-Checking Initiativen
  • Design Patterns zugunsten von Vertrauen in Informationen

Public-Interest Tech und freies Netz: Das neue Gewicht digitalisierter Stadtgesellschaften

Abschlussdiskussion „Zukunft Freies Netz“, Wikimedia Deutschland e. V., CC BY-SA 4.0

Im von Mozilla geleiteten Workshop wurde in Anlehnung an den gerade auf deutsch veröffentlichten Internet Health Report mit den Teilnehmenden die zunehmende Bedeutung von Stadtverwaltungen bei der Digitalisierung diskutiert. Anhand von Beispielen etwa aus Barcelona oder London wurde sichtbar, wie Städte eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung mit den Menschen im Mittelpunkt auch gegen übermächtige Wirtschafts- und Unternehmensinteressen durchsetzen können.

Die Forderungen:

  • Keine Smart City ohne die Bürgerinnen und Bürger!
  • Keine Verträge mit Großkonzernen ohne Daten-Sharing-Agreements
  • Keine Beteiligungsverfahren ohne volle Transparenz
  • Wir brauchen weniger große Fördersummen an Leuchtturmprojekte – lieber kleinteilig ausprobieren, Stichwort: Prototype-funding!
  • Design ist zentral für den Erfolg von Tools und Projekten. Bedürfnisse von Menschen muss man verstehen, bevor Dinge entwickelt werden
  • Regulierung darf nicht als Lösung für alles verstanden werden. Vieles lässt sich nicht regulieren, und vorschnelle Entscheidungen können später gravierende Folgen haben.
  • Offene digitale Infrastrukturen müssen gestärkt werden
  • Andere Zielgruppen adressieren, z. B. Ü50, Haupt- und Berufsschüler
  • Infrastruktur bereitstellen, aber mehr als WLAN, z. B. Programmförderung
  • Strategie für digitale Bildung in digitaler Welt muss entwickelt werden
  • bringt die Bürgerbeteiligung in die Verwaltung
  • betrachtet Partizipation der Bürgerinnen und Bürger als Menschenrecht
  • bringt Verwaltung & Civil Society an einem Tisch!
  • Weniger an Regulierung/ Förderung denken, mehr Co-Design ermöglichen
  • Bei der Problemanalyse auf die Problemursachen eingehen und mit Lösung die einsetzen (ökonomische Anreize)

Wie geht es weiter?

Wikimedia Deutschland hat die Absicht, gemeinsam mit anderen Organisationen und Einzelpersonen weiter an Fragen um das Thema Digital Literacies zu arbeiten. Die Grundlage für erste Gespräche bildet ein kurzes Dokument, in dem die Idee einer Initiative für Digital Literacies beschrieben wird. Ein Update zu den Gesprächen und dem weiteren Prozess findet sich bald hier im Blog von Wikimedia Deutschland.