Michael Seemann bei Wikimedia-Salon „Vertrauen. Wer rettet die Demokratie – Institutionen oder Communities?“ Foto: Lisa Dittmer (WMDE) [CC BY-SA 4.0]

Wir sprechen über die digitale Gesellschaft, als ob wir wüssten, was das ist. Oder als wäre die digitale Gesellschaft einfach der Nachfolger der analogen Gesellschaft. Also dieselbe Gesellschaft, nur mit Online-Banking, Amazon statt Einkaufszentrum und Facebook-Gruppe statt Stammtisch.

Ich empfinde es als Vorteil, dass wir in Deutschland die „Digitalisierung“ auch als gesellschaftlichen Prozess diskutieren. Leider läuft man dabei schnell in die Gefahr zu glauben, es reiche, die vorhandenen Strukturen zu nehmen und einfach digital neu zu denken. Die Rede von „Digitaler Gesellschaft“ scheint mir genau in diese Falle zu laufen, denn sie übersieht, dass Gesellschaft – egal ob als abstraktes Gebilde oder konkrete Struktur – immer auch ein Produkt medialer Bedingungen ist. Das hat bereits der Lehrer und Mentor von Marshall McLuhan – Harold Innes – verstanden. In seinem Buch „Empire and Communications“ von 1950 zeigt er, wie schon die Imperien und antiken Hochkulturen von der Erfindung der Schrift ermöglicht und strukturiert wurden[1]. Dass die Gesellschaften der Sprachkultur, der Schriftkultur und der Buchkultur sich fundamental unterscheiden, ist seit Jahren der Ausgangspunkt von Dirk Baeckers Überlegungen zu der „nächsten Gesellschaft“, wie er die „digitale Gesellschaft“ auch nennt[2].

Medien und Gesellschaftsstruktur bedingen einander, was aber auch bedeutet, dass es keine „digitale Gesellschaft“ geben kann, bei der wir schon heute eine Idee davon haben können, was „Gesellschaft“ in diesem Sinne überhaupt heißt. Denn natürlich leben wir trotz stetig voranschreitender Digitalisierung nach wie vor in der Buchdruck-Gesellschaft. Alle unsere Institutionen, Werte, Verhaltensweisen und Strukturen entstammen der Gutenberg-Galaxis. Und bei all unserer digitalen Kompetenz vergessen einige von uns gerne, dass dies unser aller erste Digitalisierung ist. Das Experiment wurde noch nie zuvor versucht und angesichts der Unterschiedlichkeit der digitalen Medien zu all ihren Vorläufern, sollten wir ein wenig mehr Demut in unseren Prognosen mitführen.

Ich halte es eher mit Angela Merkels und betrachte die „digitale Gesellschaft“ erstmal als „Neuland“, dass es erst noch zu entdecken gilt[3]. Und ich bin nach wie vor fasziniert von diesem Neuland. Ich bin nicht mehr ganz so sicher wie vor zehn Jahren, dass es per se das bessere Land ist. Aber es hat mich nie aufgehört zu faszinieren und ich glaube immer noch daran, dass wir hier etwas schönes draus machen können, wenn wir die Chancen nutzen.

Die Utopie der Wikipedia

Vera Linß, Tania Röttger, Alice Wiegand, Michael Seemann bei Wikimedia-Salon am 12.03.2019. Foto: Lisa Dittmer (WMDE) [CC BY-SA 4.0]

Doch was wollen wir eigentlich ausdrücken, wenn wir von der „digitalen Gesellschaft“ sprechen? Beim Wort „Gesellschaft“ schwingt ein positives Narrativ mit – Gesellschaft ist mehr als eine Ansammlung von Individuen. Gesellschaft ist in gewisser Weise Gemeinschaft, ist ein „Wir“, hat ein Innen und Außen und im Inneren ist es idealer Weise wohlig warm. Gesellschaft basiert auf gemeinsamen Werten, Erzählungen, Praktiken und vielleicht sogar Solidarität. Doch Gesellschaft umschließt auch Unterschiede. Gesellschaft ist immer auch die Gemeinschaft der Unterschiedlichen, sie ist der Ort des Austauschs, der Aushandlung, des Politischen und der öffentlichen Sache.

In vielerlei Hinsicht ist die Wikipedia ihr ideales, digitales Vorbild. Hier treffen sich unterschiedliche Menschen, um freiwillig an etwas zu arbeiten, das größer ist als sie. Die Wikipedia ist das erste und einzige digitale Weltwunder. In der Theorie unmöglich, in der Praxis so real. Sie ist der Beweis wozu Menschen im positiven Sinn fähig sind, wenn man ihnen einfach nur die mediale Infrastruktur dafür bereitstellt. Sie ist eine schöne Idee des Menschen: Menschen wollen ihr Wissen teilen. Ohne Gegenleistung. Einfach so.

In der ökonomischen Theorie hat man versucht, dem Phänomen unter dem Namen „Commons Based Peer-Production“ Rechnung zu tragen[4], kämpft jedoch mit dem Problem, dass der unbestreitbare Wert, der da geschaffen wird, kaum sinnvoll messbar ist[5]. Aber für viele bleibt eine Gesellschaft, die auf dem freiwilligen und offenen Austausch von Wissen basiert, bis heute die wichtigste digitale Utopie.

Auch außerhalb der Wikipedia – zum Beispiel bei der Freien Software und Open Source Szene – kann man sehen, dass diese Utopie durchaus kein Traum, sondern gelebte Realität ist. Ein Großteil unserer digitalen Infrastruktur läuft auf Open Source Software, ohne dass wir das überhaupt merken. Man sieht aber auch die Limitierungen des Ansatzes. Trotz offensichtlicher Vorteile in Sachen Kosten und Vertrauen konnte sich Open Source als Prinzip nur in manchen Bereichen als Standard durchsetzen. Zudem machen strukturelle Probleme, wie die chronische Unterfinanziertheit der Projekte und die sich daraus ergebende Selbstausbeutung der Szene zu schaffen.

Die Krise der Wikipedia

Auch die Wikipedia hat ihre Probleme. Zuletzt häuften sich die Berichte um die zunehmenden Probleme mit veralteten Artikeln[6]. Diese wiederum sind Ausdruck des sich verschärfenden Nachwuchsproblems und das wiederum ist Ausdruck anderer strukturelle Probleme innerhalb der Wikipedia-Community. Schon 2012 hatten einige Wissenschaftler rund um Aaron Halfaker diese Strukturprobleme untersucht und kamen zu der Erkenntnis, dass es vor allem die Wachstumsphase bis 2007 war, die die aktuellen Probleme heraufbeschwor.

In ihrer Studie „The Rise and Decline of an Open Collaboration System: How Wikipedia’s Reaction to Popularity Is Causing Its Decline“ gehen sie verschiedenen Hypothesen zum mangelnden Nachwuchs nach und zeigen anhand von Daten, dass es vor allem die internen Strukturanpassungen waren, die zu einer zunehmenden Schließung der Community gegenüber Neueinsteigern führten. Als die Wikipedia auf einmal so viel Zulauf bekam und Millionen anfingen, herumzueditieren, mussten strengere Änderungskontrollen, ein strafferes Community-Management und verschärfte Qualitätsstandards eingezogen werden[7]. Die Folge war, dass das Versprechen, das jeder ständig Artikel ändern oder anlegen kann, nur noch in der Theorie existiert. In Wirklichkeit werden Neulinge häufig schroff abgewiesen oder ihre Änderungen werden kommentarlos und ohne Diskussion oder Überprüfung rückgängig gemacht. Die meisten kommen nach dieser frustrierenden Erfahrung nicht mehr wieder.

Diese Probleme scheinen überwindbar. Einige Experten fordern zum Beispiel bezahlte und professionelle Community-Manager einzustellen, die selbst nicht editieren sollen, aber Prozesse moderieren, Neulinge an die Hand nehmen und für ein konstruktives Klima sorgen sollen[8].

Doch mir scheint noch etwas anderes im argen zu liegen. Ungefähr zur selben Zeit – also etwa ab 2007 – bekommen auch soziale Medien vermehrt Zulauf, sogar viel mehr noch als die Wikipedia. Facebook wuchs alleine in diesem Jahr um 317 % und erreichte dieses Wachstum seither nie wieder. Twitter stieg 2006 ein und wuchs ab 2007 kräftig, 2009 kommt Quora hinzu. Dazu boomen Reddit und andere spezialisierte Diskussionsseiten. Warum das wichtig ist? Wenn die Motivation der Wikipedianer ist, ihr Wissen weiterzugeben, dann stehen all diese Dienste gewissermaßen in Konkurrenz zur Wikipedia.

Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass man sein Wissen in Social Networks nicht erst aufwändig gegen eine vorhandene, oft schlecht gelaunte Community rechtfertigen und verteidigen muss. Alles hereingetragene Wissen steht auf Twitter oder Facebook erstmal da und die Communities wachsen dann drumrum. Auf sehr nachvollziehbare Art ist das sehr viel attraktiver als sich mit Wikipedia-Admins rumzuschlagen. Ich jedenfalls habe das immer so empfunden, weswegen ich nie wirklich in die Wikipedia, wohl aber auf Twitter mein digitales Zuhause gefunden habe.

Alternative Gitpedia?

Und weil ich das damals so empfand, schlug ich 2009 vor, die Wikipedia in eine neue Datenstruktur zu transferieren, die dem agilen Konzept, dass ich aus den Social Networks kannte, viel mehr entspricht. Ich schlug vor, die Wikipedia auf Git-Basis zu stellen[9].

Git ist ein Versionskontrollsystem, das in der Open Source Szene sehr populär ist. Das Prinzip funktioniert so, dass sich jeder, der an einem Projekt weiter programmieren will, sich dieses Projekt in Gänze herunterlädt, seine Änderung vornimmt und dann seine Änderung „committet“, also integriert.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass man die Änderung auch gar nicht kommunizieren braucht. Man kann an der geänderten Variante des Projekts auch einfach weiterarbeiten oder sie gar zu einer neuen Instanz machen. Das nennt man dann einen Fork – eine Gabelung. Auf diese Weise – so war mein Gedanke – könnten die anstrengenden Grabenkämpfe, für die die Wikipedia damals schon bekannt war (auch Editwars genannt), vermieden werden. Die sich belagernden Fraktionen könnten einfach ihren Fork aus der Wikipedia ableiten und ihre Version der Geschichte publizieren. Warum sich noch einigen, wenn man forken kann?

Nun, eine Dekade später gibt es tatsächlich Forks der Wikipedia. Es gibt die Conservapedia, ein Wikipedia-Fork mit unterschiedlichen Ansichten zu Abtreibung, Waffengesetzen und Klimawandel. Oder die Metapedia, die Wikipedia für „White Supremacists“, in der der Holocaust nur ein Ereignis in der politisch korrekten Geschichtsschreibung ist. Und dann gibt es Infogalactic, der Wikipedia-Klon der Alt-Right, ein Ort für ihre „alternativen Fakten“. Unnötig zu sagen, dass ich meine damalige Ungestümheit bereue – ich halte eine “Gitpedia” nicht mehr für eine gute Idee[10].

Dabei bildet die Wikipedia und ihre Klone die Balkanisierung des Medienbetriebs nur oberflächlich ab. All die alternativen Wikis reichen zusammen nicht mal annähernd in den Relevanzbereich des Originals, während aber Fox News, Breitbart – oder in Deutschland die Epoch-Times – durchaus relevante Reichweiten haben und für einen allgemeinen Vertrauensverlust in die Medieninstitutionen stehen.

Die Triablisierung der Wahrheit

Doch die Balkanisierung der Medienlandschaft ist nur ein Vorgeschmack auf die Tribalisierung des Onlinediskurses. Im Jahr 2017 habe ich zusammen mit einem befreundeten Datenjournalisten die Verbreitung von Fake News auf Twitter untersucht. Das Ergebnis war die These des „digitalen Tribalismus“, der einen wesentlichen Faktor für den Erfolg gefälschter Nachrichten bildet[11]. Es sind eng vernetzte Gruppen mit starkem Abgrenzungsbedürfnis zum „Mainstream“, die alles weiterverbreiten, das ihnen hilft, ihre Identitätskonstruktion zu aktualisieren. In unserem Fall waren es AfD-nahe Twitterer, die bereit waren alles zu glauben, was ihr Narrativ von der „Flüchtlingsinvasion“ und der „Merkeldiktatur“ bestätigte.

Die Rede von politischen Stämmen ist vor allem in den USA weit verbreitet, wo die politische Polarisierung sehr viel weiter fortgeschritten ist und die psychologischen Grundlagen politischen und moralischen Tribalismus inzwischen gut erforscht sind[12]. Das Internet scheint jedoch die ideale mediale Struktur für die Bildung von Stämmen zu bieten. Lange wurde diese Beobachtung mit Thesen wie der „Filterblase“ erklärt, also der Idee, dass die algorithmische Sortierung von Posts dafür sorgt, dass wir mit andersartigen Auffassungen der Welt schlicht nicht mehr konfrontiert werden. Dass diese These als Erklärung weder hinreichend noch notwendig ist, haben nicht nur wir gezeigt[13].

Stattdessen sind wir die Algorithmen. Immer dann, wenn wir unsere Meinung in die Welt posaunen, stoßen wir einen Sortiervorgang an. Leute wenden sich ab, Leute wenden sich zu. Die Freiheit der Konnektivität und die große Transparenz, die das Internet bietet, macht es für alle Leicht, den eigenen Stamm zu finden. Und ist der gefunden, werden die kognitiven Algorithmen in Gang gesetzt – uralt verdrahtete „Wir gegen Die“-Schemata, die unser Werturteil und sogar unsere Wahrnehmung bestimmen[14]. Beim digitalen Tribalismus greifen technische, soziale und psychologische Algorithmen ineinander und verstärken sich gegenseitig.

In den USA haben Peter Limberg und Conor Barnes das Phänomen „Memetic Tribes“ genannt und eine umfassende Analyse in Form eines Essays veröffentlicht, bei dem sie auch eine Taxonomie von 24 dieser politischen „Memetic Tribes“ auflisten. Darunter Black Lives Matter, Modern Neo-Marxists, Antifa, Establishment Left und Right, New Atheists und Street Epistemologists, Infowarriors und QAnoners, Alt-Lite, Alt-Right und Modern Neo-Nazis, Neoreactionaries, Incels, etc[15].

Ganz so wild ist es in Deutschland noch nicht, aber auch hier finden sich immer mehr kleinteilige, stammesartige Aufspaltbewegungen. Hier ein kleiner, aus der Hüfte geschossener Überblick: Neben der Afd-nahen Blase, die wir untersucht haben, gibt es zum Beispiel eine deutlich zu erkennende Blase von deutschsprachigen Erdogan-Fans, sowie eine Pro-Putin-Blase. Es gibt die “Identitären” und die “neue Rechte”, die sich sehr nah, aber doch verschieden sind. Es gibt „Sifftwitter“ ein ambivalent bis links-orientiertes Troll-Netzwerk, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle möglichen Leute zu belästigen. Es gibt den Streit zwischen den linken „PoMos“ (gemeint sind die „Postmodernen“, womit intersektional orientierte Feminist/innen und Antirassist/innen gemeint sind) und den eher klassisch marxistischen Linken (auch Kommi-Bubble genannt), bzw. auch einigen Teilen der Antifa (die von den PoMos gerne “Manntifa” genannt werden). Hinzu kommen die querfrontlerische und verschwörungstheoretische „neue Friedensbewegung“, die sich vor allem mit linken Gruppierungen im Streit befindet, die sie als „Antideutsch“ bezeichnet. Letztere werden ebenfalls von einer Gruppe bekämpft, die sich „Jugendwiderstand“ nennt. Hinzu kommen oberflächlich politisch, aber doch politisch wirksame Gruppen wie die Hardcore Gamer oder die Maskulinisten, Pick up Artists und andere, die ihr (meist rechtes und frauenfeindliches) Ideologie-Süppchen kochen.

Diese Übersicht ist weder gut fundiert noch erhebt sie einen Anspruch auf Vollständigkeit. Und natürlich gibt und gab es an den politischen Rändern immer schon Sektierereien und Spaltungen, aber es ist unschwer zu sehen, wie die sozialen Medien dabei helfen, solche Strukturen zu ermöglichen und stabilisieren, indem sie ihnen Räume nach innen und Kanäle nach außen geben.

Ist dies also das Schicksal der digitalen Gesellschaft? Wird sie zerfallen in einander verfeindete Stämme, die nichts mehr im Sinn haben, als den Erfolg der jeweils anderen Stämme zu bekämpfen? Ist die anfangs erwähnte Krise der Wikipedia also in Wirklichkeit die Krise der ganzen digitalen Gesellschaft? Eine Gesellschaft, die es aufgegeben hat, sich überhaupt einigen zu wollen und sich damit gewissermaßen selbst aufgegeben hat? War „Gesellschaft“ vielleicht immer schon diese rein „Vorgestellte Gemeinschaft“ – eine Fatamorgana – induziert durch die zentralisierte Synchronizität der Massenmedien, wie es Benedict Anderson immer schon für die Nation vermutete?[16] Eine Illusion, die unter den Bedingungen wirklich freier Kommunikation einfach platzt, wie die Finanzblase 2008?

Rechnet man die identifizierten Trends hoch, dann drängt sich dieses Bild auf.

Die Wikipedia als Lösung

Nein. Ich bin aber noch nicht bereit, den Traum aufzugeben. Ich glaube, die „digitale Gesellschaft“ ist immer noch gestaltbar. Aber sie wird sich nicht von alleine einstellen. Wenn wir sie wollen, müssen wir sie aktiver, sogar aggressiver, vorantreiben. Und wir müssen außerdem mehr einstecken lernen, uns mehr einbringen, uns weniger von Widerständen abbringen lassen. Es wird schwerer als gedacht – aber nicht unmöglich.

Dabei spielt die Idee der Commons-Based-Peer-Production weiterhin eine Schlüsselrolle und die Wikipedia ist nach wie vor das große Vorbild. Die Krise der Wikipedia ist klein im Vergleich zu dem Weltwunder, das sie auch heute noch ist. Und das, was sie groß gemacht hat, ist noch da.

Eine neuere Studie unterfüttert meine Hoffnung. In „The wisdom of polarized crowds“ zeigen Feng Shi, Misha Teplitskiy, Eamon Duede und James A. Evans dass Polarisierung sogar zu messbar besseren Ergebnissen führen kann, wenn die Menschen zusammenarbeiten[17]. Die Arbeit in politisch polarisierten Teams an politisch heiklen Wikipedia-Artikeln führt zu längeren und intensiveren Diskussionen und schließlich zu vollständigeren und qualitativ hochwertigeren Artikeln.

Die Wikipedia ist nicht nur Ausdruck einer Krise der digitalen Gesellschaft, sie ist auch die Lösung. Wie genau diese aussehen wird, müssen wir erst herausfinden, aber das Einbinden der Tribes in gemeinsame Projekte, scheint ein Teil davon zu sein.

Wir dürfen aber nicht zu der naiven Euphorie von Anfang der Nullerjahre zurückkehren. Die strukturellen Probleme der Wikipedia, der Open Source Welt und der digitalen Gesellschaft sind systemisch und sie müssen systemisch adressiert werden. Schaffen wir es, die ersten beiden zu reparieren, ist auch die digitale Gesellschaft wieder in Reichweite.

Doch wir müssen auch außerhalb der Wikipedia und den Open Source-Projekten für die digitale Gesellschaft kämpfen. Bisher hat die offene und kollaborative Zusammenarbeit nicht nur eine Konkurrenz in Form der klassisch kapitalistischen Produktionsweise, sondern auch entschiedene Gegner in der Politik. Sie tun alles, ihr Steine in den Weg zu legen, sei es durch sinnlose Regulierung von kleinen, freien Plattformen oder durch Radikalisierung des Urheberrechts, wie in der geplanten Urheberrechtsnovelle der Europäischen Union. Diese Politiker sind in der Gutenberg-Galaxis groß geworden und können sich jenseits der kapitalistischen Produktionsweise nur die Sowjetunion vorstellen. Deswegen hören sie nur auf die Vertreter angestammter Unternehmen, die ihnen einreden, dass nur drakonische Urheberrechtsgesetze samt Uploadfilter und Leistungsschutzrechte für winzige Wortfetzen die Arbeitsplätze in Europa retten können.

Es ist deswegen ein gutes Zeichen, wenn so viele junge Menschen auf die Straße gehen, um zumindest die schlimmsten Auswüchse der Urheberrechtsreform zu verhindern.

Die Politik muss grundsätzlich umdenken, denn wir brauchen sie an unserer Seite. Sie muss sich fragen, was das Gemeinwohl im Digitalen ist. Und sie muss sich wieder in den Dienst dieses Gemeinwohls stellen und die staatlichen Strukturen, die sie befehligt ebenso.

Ein paar konkretere Vorschläge:

Demonstration gegen Artikel 13 in Berlin. Foto: Leonhard Lenz [CC0]

Eine Antwort können zum Beispiel „Public-Commons-Partnerships“ sein, wo staatliche Strukturen offene Projekte ergänzen, unterstützen oder flankieren[18]. Ein Umschwenken staatlicher IT hin zu Open Source ist ein Vorschlag, den ich dazu immer wieder stark mache[19]. Das Prinzip „Public Money, Public Good“ sollte in Gesetze gegossen werden, so dass alle öffentlich oder staatlich finanzierten Dokumente unter freier Lizenz für alle verfügbar sind. Open Data Initiativen haben bereits viel erreicht, aber die Politik muss von sich aus darauf kommen, dass der Staat und alle seine Strukturen den Bürgern gehören und sie ihnen so zugänglich wie möglich zu machen. Die Politik muss sich außerdem für freie Lizenzen und eine Öffnung des Urheberrechts einsetzen, um das Arbeiten mit und an Informationen allgemeiner möglich zu machen. Ein “freiwilliges offenes Jahr”, bei dem junge Menschen in Open Source Projekte oder in der Wikipedia eingebunden werden und helfen, den Wissensschatz und die öffentliche Software-Infrastruktur zu verbessern. Demokratische Institutionen, die Communities anrufen können, um Streits zu schlichten, oder Prozesse zu moderieren. Stipendien, Preise und Gütesiegel für besonders herausragende Leistungen für das digitale Gemeingut.

Es sind viele Dinge denkbar, die einen grundlegenden, demokratischen und gesellschaftsfördernden Wandel bringen würden. Aber wir müssen endlich die Strukturen der Gutenberg-Galaxis in Richtung digitaler Neuerfindung zwingen, um mit ihrer Kraft die neue, die nächste, die digitale Gesellschaft zu erfinden.

 

Fußnoten:

[1] Harold Innes: Empire and Communications, Toronto 1950.

[2] Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Mein 2007.

[3] Angela Merkel auf einer Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama am 19. Juni 2013, orf.at, https://www.youtube.com/watch?v=2n_-lAf8GB4.

[4] Yochai Benkler: The Wealth of Networks – How Social Production Transforms Markets and Freedom, Yale 2006.

[5] Siehe zum Beispiel: Leonhard Dobusch: Wert der Wikipedia: Zwischen 3,6 und 80 Milliarden Dollar?, in Netzpolitik, https://netzpolitik.org/2013/wert-der-wikipedia-zwischen-36-und-80-milliarden-dollar/, vom 05.10.2013.

[6] Patrick Bernau: Die Wikipedia veraltet, https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/die-wikipedia-verliert-an-aktualitaet-autoren-fehlen-16045021.html.

[7] Aaron Halfaker, R. Stuart Geiger, Jonathan T. Morgan, and John Riedl: The Rise and Decline of an Open Collaboration System: How Wikipedia’s Reaction to Popularity Is Causing Its Decline, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0002764212469365.

[8] So zum Beispiel Leonhard Dobusch, in Netzpolitik, https://netzpolitik.org/2014/kommentar-wie-die-kluft-zwischen-wikipedia-und-wikimedia-zum-autorenschwund-beitraegt/, vom 17.03.2014.

[9] Michael Seemann: Die Multipedia: Schafft ein, zwei, viele Wikipedien! http://mspr0.de/?p=908.

[10] Michael Seemann: Fork! https://www.internet-freiheit.de/fork/.

[11] Michael Seemann, Michael Kreil: Digitaler Tribalismus und Fake News, http://www.ctrl-verlust.net/digitaler-tribalismus-und-fake-news/, vom 29.09.2017.

[12] Siehe vor allem Jonathan Haidt: The Righteous Mind – Why Good People Are Divided by Politics and Religion, 2012.

[13] Siehe Zum Beispiel: Adam Piore: Technologists are trying to fix the “filter bubble” problem that tech helped create – But research shows online polarization isn’t as clear-cut as people think.https://www.technologyreview.com/s/611826/technologists-are-trying-to-fix-the-filter-bubble-problem-that-tech-helped-create/, 22.08.2018.

[14] Vgl. dazu vor allem die Forschungen von Dan M. Kahan: Dan M. Kahan: Misconceptions, Misinformation, and the Logic of Identity-Protective Cognition. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2973067.

[15] Peter Limberg, Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0, https://medium.com/s/world-wide-wtf/memetic-tribes-and-culture-war-2-0-14705c43f6bb, vom 13.09.2018.

[16] Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, 1983.

[17] Feng Shi, Misha Teplitskiy, Eamon Duede & James A. Evans: The wisdom of polarized crowds, https://www.nature.com/articles/s41562-019-0541-6, vom 04.03.2019.

[18] Vgl. Yochai Benkler: From the imagined community to the practice community, https://www.barcelona.cat/metropolis/en/contents/imagined-community-practice-community, vom 19.01.2019.

[19] Michael Seemann: Vorschlag: Open Source als Plattformpolitik, http://www.ctrl-verlust.net/vorschlag-open-source-als-plattformpolitik/, 07.03.2019.