„People are saying they do activism for Wikipedia. I don’t do it for that, I do it for women on the internet. I’m a librarian and I think strongly about women and representation, and that’s not on the internet or on print resources. So if any small way we can add content each year, we are chipping away at the patriarchy.“

Wikimedia Community-Aktivistin, Gender Equity Report 2018

Gladys Wests Arbeit als Mathematikerin im US-amerikanischen Militär hat maßgeblich zur Entwicklung des heutigen GPS beigetragen. Bis vor gut einem Jahr war sie dennoch weitgehend unbekannt. Anfang 2018 legte die junge Physikerin und Wikipedianerin Dr. Jess Wade einen Artikel in der freien Online-Enzyklopädie über West an, im Mai 2018 stand West auf der BBC 100 Women Liste, im Dezember wurde sie in die Space and Missiles Pioneers Hall of Fame aufgenommen. Ob der Wikipedia-Artikel die späte Anerkennung brachte, kann man nur mutmaßen. Ganz unwahrscheinlich scheint es nicht.

 

 

 

 

Dr. Wade hat mit ihrem Projekt, täglich einen Wikipedia-Artikel über eine Wissenschaftlerin zu schreiben, Schlagzeilen gemacht. Ihr Enthusiasmus steckt an: Um die 60 Wissenschaftlerinnen sind zum “Diversithon”, organisiert vom Berlin Institute of Health, der Charité, dem Max Delbrück Center, dem Leibniz FMP und der Wikipedia-Freiwilligen-Gruppe WomenEdit, gekommen, um Wades Vortrag zu hören und selbst erste Schritte in der Wikipedia zu machen.

Die größte freie Wissenssammlung des Internets hat noch immer große Lücken: Weniger als ein Fünftel der Biographien beschreiben Frauen. Das Gefälle lässt sich nicht allein mit historischen Barrieren und einem Mangel an Quellen zu weiblichen Errungenschaften erklären. Wikipedia reflektiert damit allerdings ein gesamtgesellschaftliches Problem: Nur 19% der von der Time’s Liste der besten Kinderbücher genannten Geschichten haben Protagonistinnen, nur ein Fünftel aller britischen Statuen und Banknoten stellen Frauen dar und rund 20% ist der Anteil der Professorinnen hierzulande. Das Internet spiegelt (und verstärkt teils) die Ungleichgewichte der analogen Welt. Zugang, Gehör, Repräsentation unterliegen allesamt starken “Gender gaps”.

Edit-a-thon der UNESCO in Zusammenarbeit mit der Wikimedia-Community in Paris 2018. Wikinade, Wiki4women – International Women’s Day in 2018 at UNESCO (Paris, France) – 11, CC BY-SA 4.0

Das internationale Wikimedia Movement, dem Wikimedia Deutschland angehört, beschäftigt sich in seiner Zukunftsstrategie Wikimedia 2030 intensiv mit der Frage, wie Freies Wissen und die Wikimedia-Projekte der Vision des gesammelten Wissens der Menschheit näher kommen können. Und es tut sich einiges: Projekte und Initiativen rund um die Welt animieren vor allem Frauen, ihr Wissen zu teilen und die Leistungen von Frauen sichtbarer zu machen. Wikipedia ist dafür die reichweitenstärkste und einzige freie Plattform dieser Art.

Warum Jess Wade Frauen animiert aktiv zu werden? “Was wir [in Wikipedia] bearbeiten, ist geleitet von dem, was wir kennen – nicht bloß in Bezug auf wissenschaftliche Expertise, sondern auch auf unsere gelebten Erfahrungen. Für Frauen und Menschen aus in der Wissenschaft unterrepräsentierten Gruppen heißt das auch ein genaues Verständnis der Arten und Weisen wie unsere Leistungen heruntergespielt oder schlicht aus der Wissenschaftsgeschichte gelöscht werden. Die Wikipedia-Community sollte die Menschen widerspiegeln, die die Enzyklopädie nutzen – in Hautfarbe, Herkunft, Gender und sexueller Orientierung”, wie sie 2018 in Nature schrieb.

Jess Wade, Jess Wade – 2017, CC BY-SA 4.0

Für viele der Naturwissenschaftlerinnen beim Diversithon ist das in der Unterzahl sein die Normalität. Prominente Vorfälle von Diskriminierung in der Wissenschaft sind ihnen Ansporn, Wissenschaftlerinnen und ihre Leistungen sichtbarer zu machen, auch in der Hoffnung, weiblichen Nachwuchs nicht mit (teils fragwürdigen) Kampagnen, sondern der alltäglichen Sichtbarkeit weiblicher Vorbilder für eine Karriere in der Wissenschaft zu begeistern.

Was du tun kannst? Leg selbst los!

Wikipedias ständige Präsenz in unserem Alltag vermittelt vielen den Eindruck, es gäbe nichts mehr zu tun oder aber sie lassen sich von den scheinbar hohen Anforderungen an Mitschreibende abschrecken. Ihr Erfolg wird so auch zur Hürde: Wikipedia braucht engagierte Freiwillige, die Artikel ändern und aktuell halten, Fotos spenden, neue Artikel anlegen. Unser Tutorial führt dazu leicht verständlich durch die ersten Schritte.

Lücken muss man nicht unbedingt selbst suchen: Das Projekt Frauen in Rot gibt einen Überblick über noch fehlende Biographien, oft mit einem Verweis auf bestehende Artikel in anderen Sprachen oder zumindest einem Eintrag in Wikipedias Schwesterprojekt, der freien Datenbank Wikidata. Auch zum Diversithon wurden Vorschläge zusammengestellt, die Liste findest du hier.

In vielen Großstädten gibt es darüber hinaus feste Treffen von Wikipedia-Aktiven, die gerne vor Ort beim Einstieg helfen. In Berlin treffen sich Wikipedianerinnen unter dem Titel WomenEdit regelmäßig zur gemeinsamen Arbeit an Artikeln.

Gleich loslegen? Zum Weltfrauentag rufen Wikimedia-Freiwillige und die UNESCO mit #Wiki4Women zum Mitmachen auf! Wie genau? Das erfährst du unter https://meta.wikimedia.org/wiki/Wiki4Women.

Wikimedia Deutschland unterstützt Gruppen wie WomenEdit sowie Projekte und Veranstaltungen von Freiwilligen. Wenn du selbst eine Idee für ein Projekt rund um Freies Wissen hast, wende dich gerne an uns. Mehr dazu hier.

Happy International Women’s Day!

Women’s Day Cartoon, CC0