Anfang September 2018 nahm Thomas Wozniak an einer Weiterbildung zum „Kulturbotschafter“ in Kassel teil, die in Zusammenarbeit von Wikimedia Deutschland und der Deutschen UNESCO-Kommission veranstaltet wurde. Nachdem er anschließend Kassel in Richtung seiner Heimatstadt Quedlinburg verlassen hatte, fragte er seine Großmutter bei einem kurzen Besuch nach Fotomotiven für 360-Grad-Panorama-Bilder. Mit ihren 94 Jahren Lebenserfahrung hat seine Großmutter natürlich die besten Tipps, sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Edelmetall wert. Geduldig ließ sie sich die Besonderheiten dieser Fotos erklären und schlug dann vor: „Geh doch an die Kreuzung zwischen Hölle und Stieg, da hast Du Fachwerk-Atmosphäre pur.“ Wirklich überrascht war sie zu erfahren, dass ihr Tipp ihrem Enkel den 2. Platz beim 360-Grad-Wettbewerb im Rahmen des weltgrößten Fotowettbewerbs Wiki Loves Monuments 2018 eingebracht hatte. Von der Siegesprämie will sie trotzdem nichts abhaben. Aber ganz der Reihe nach …

Wieso fotografierst du für Wikipedia?
Das UNESCO-Welterbe der Menschheit steht seit einiger Zeit verstärkt im Interesse von Wikimedia Deutschland. Nicht nur um hochwertige Wikipedia-Artikel zu bekommen, werden aber möglichst viele gute Fotos der Objekte benötigt, denn Denkmäler sind vielfältigen Gefahren durch Wetter, Bautätigkeit und Feuer ausgesetzt. Dass Welterbe im Rahmen von Freiem Wissen abzubilden, kann langfristig auch für den Denkmalschutz viele wichtige Details dokumentieren. Da aber der Raumzusammenhang auf zweidimensionalen Fotos nicht wirklich deutlich wird, sind 360-Grad-Fotografien notwendig, um die Atmosphäre spürbar zu machen. Am weltweit größten Fotowettbewerb „Wiki Loves Monuments 2018“, dessen Schwerpunkt in diesem Jahr auf dem Europäischen Kulturerbe lag, konnten diesmal auch 360-Grad-Panoramen teilnehmen.

Weshalb hattest du ein Stativ und einen Nodalpunktadapter im Gepäck?
Von meinem derzeitigen Wohnort Stuttgart aus liegen Kassel und Quedlinburg auf einer Linie, also habe ich mit dem Besuch der Tagung in Kassel mehrere Archiv- und Kirchenbesuche in Quedlinburg verbunden. Gerade für die innen nur schwach beleuchteten Quedlinburger Kirchtürme brauchte ich das Stativ. Der Nodalpunktadapter, der es ermöglicht, die Kamera um eine frei wählbare Achse zu drehen, ist da immer mit dabei, denn gute Motive gibt es ja fast überall.

Thomas Wozniak bei Aufnahmen für ein RTI in der Bartholomäuskirche (Oberschützen) im Sommer 2017, CC BY-SA 4.0

Warum kennt sich deine Großmutter im Welterbe Quedlinburg aus?
Als gebürtige Quedlinburgerin, Jahrgang 1925, hatte sie Zeit genug, sich mit der Stadt auseinanderzusetzen und hat das auch intensiv getan. Die Stadt hat über all diese Zeit riesige Umbrüche erlebt  – von der Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus über die Befreiung durch Amerikaner, Briten und Sowjets, die Zeit des real existierenden Sozialismus bis zur Wiedervereinigung und deren Folgezeit.

Wer braucht schon Panoramafotos mit 360 Grad?
So wie einst Wikipedia die Aufbereitung von Wissen veränderte, als erstmals Webseitentexte nicht nur passiv gelesen, sondern aktiv verändert werden konnten, gibt es nun auch Änderungen im Fotobereich. Panoramafotos ermöglichen es mittlerweile, das Motiv räumlich zu erleben. Bisher konnten alle Texte und Bilder von den älteren Medien wie Papier (oder Pergament) auf die digitalen Displays übertragen werden und andersherum, eben weil alles zweidimensional war. Erst die dreidimensionalen Panoramafotos lassen sich kaum mehr auf den älteren Medien darstellen, weil sie an die digitalen Möglichkeiten gebunden sind. Damit stellt diese Art zu fotografieren einen echten Medienwandel dar. Sie stellt aber auch besondere Anforderungen an das Licht, die Standortwahl und das Motiv.

Das 360°-Panorama gibt es in größerer Auflösung bei Wikimedia Commons. Lizenzhinweis: Thomas Wozniak, De Quedlinburg Stieg 360×180 Panorama 2, CC BY-SA 4.0

Nicht jedes Motiv ist für internationale Wettbewerbe geeignet?
Der Standort, von dem aus ich das Panoramabild aufgenommen habe, ist einer der Knotenpunkte der Quedlinburger Altstadt. Hier kreuzt sich die „Hölle“ von der „Pölle“ kommend mit dem „Stieg“. Die Bezeichnung „Hölle“ als Straßenname soll tatsächlich auf die teuflische Hölle zurückgehen, auf das Inferno, in dem Dante die Sünder bereuen lässt. Der Name „Pölle“ leitet sich ab von Pfählen, die in den Boden getrieben werden, um eine morastige Umgebung trockenzulegen. Auch der „Stieg“ hat daher seinen Namen, denn das ganze Gebiet lag bis zu seiner Trockenlegung im Überflutungsgebiet des Flusses Bode. An anderen Stellen in der Stadt wurde sogar Torf abgebaut. Diese Kreuzung ist in mehrfacher Hinsicht abwechslungsreich, besonders bezüglich der Häuser und ihrer Geschichten. Bei dem Fotowettbewerb „Wiki Loves Monuments“ ist außerdem das Thema „Denkmalschutz“ vorgegeben.

Was ist an den Häusern für dich spannend?
Zunächst steht hier der Fachwerkbau eines ehemaligen jüdischen Gebetsraumes, dessen Tafel auf dem Bild noch zu lesen ist. Gegenüber finden sich zwei sehr große und stattliche Fachwerkbauten, von denen der eine „Alter Klopstock“ genannt wird. Der Vater des Quedlinburger Dichters Klopstock, der zu seinen Lebzeiten häufiger als Goethe gelesen wurde, soll dort gewohnt haben. Der unscheinbare graue Steinbau Hölle 11 auf der anderen Seite zählt zu den ältesten erhaltenen Profangebäuden in Deutschland, mit Dachstuhlresten von 1290 und ist für seine Restaurierung prämiert worden.

Bleibt noch zu fragen, was man alles nicht sieht.
Das Panorama besteht aus 18 Einzelfotos, die hochkant in drei Reihen mit einem 10-mm-Fisheye-Objektiv rundherum um einen Punkt belichtet wurden, um den räumlichen Effekt zu erzeugen. Während ich die mittlere Reihe gerade durchfotografierte, tauchte ein Touristenpärchen auf, sodass ich stoppen musste, bis sie wieder aus allen Motivbereichen verschwunden waren. Deshalb ist die Belichtung auch nicht trivial, denn zwischen dem ersten und dem letzten Bild können schnell fünf bis sechs Minuten liegen. Drei Bilder später liefen vier japanische Touristen den Stieg entlang, die ich zum Glück hörte und so ging es weiter. Bei zusammengesetzten 360-Grad-Panoramen ist also auch spannend, was man nicht sieht.

Schade ist nur, dass es wohl kaum ohne Technik geht?
Um die für eine entsprechende Auflösung notwendigen Bilder zusammenzusetzen, eignen sich professionelle Programme wie PTGui. Nach dem Hochladen der fertigen Datei in Wikimedia Commons ist es wichtig, Kategorien, Beschreibung und Gradangaben hinzuzufügen und einen Warnhinweis, dass es sich um eine große Datei handelt. Smartphones kommen da schnell an ihre Grenzen. Besonders die Webseite von Gunter Wegner war hilfreich, um sich autodidaktisch in die technischen Fragen einzuarbeiten. Da die Wikipedia von ihrer Offenheit für neue technische Entwicklungen lebt, bin ich gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden; vielleicht eine Möglichkeit Reflectance Transformation Imaging abzubilden? Bei dieser Technik kann nachträglich die Beleuchtung der Objekte geändert werden. Noch ein echter Medienwandel, von dem alle profitieren könnten.

Anmerkung: Von Wikimedia Deutschland wurde ein HowTo zum Thema „360°-Fotografie“ herausgegeben.