Wikisourcler A. Wagner

Was fasziniert Menschen an alten Texten? Warum lohnt sich die mühevolle digitale Aufarbeitung? Nicolas Rück aus dem Team Ideenförderung hat mit Andreas über dessen Engagement in Wikisource gesprochen. Im ersten Teil des Interviews sprach er über die Aufbereitung von Rechtstexten und Texten zu Kunstsammlungen in Wikisource. In diesem Teil erzählt er von seinem Projekt zur Darstellung bilateraler Kulturabkommen in Wikisource und Wikipedia, dem eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) vorausgegangen war.

Was sind Kulturabkommen und wie bist du dazu gekommen, diese für Wikipedia aufzuarbeiten?

Kulturabkommen sind völkerrechtliche Verträge und werden zwischen Staaten abgeschlossen, um den Austausch immaterieller und materieller Kulturgüter grenzüberschreitend zu fördern. Immaterielle Kulturgüter sind z. B. die Förderung des Sprachunterrichts, Durchführung von Ausstellungen und der Austausch von Künstlern und Wissenschaftlern.

Was den Austausch von materiellen Kulturgütern betrifft, gibt es ein ganz aktuelles Beispiel: Ende August war die Bundeskanzlerin in Georgien und hat dort ein seit 1945 verschollenes Gemälde übergeben bekommen. Damit ist der Bezug zum Kulturabkommen mit Georgien gegeben, in dem die Rückführung von verschollenen oder unrechtmäßig verbrachten Kulturgütern an die Eigentümer oder deren Rechtsnachfolger vereinbart worden ist.

Lange verschollen: „Stillleben mit einem Hasen“ von Pietro Francesco Cittadini, das 2018 Kanzlerin Merkel bei einem Georgienbesuch übergeben wurde.

Deutschland hat aktuell mit 100 Staaten derartige Abkommen.  Diese Verträge werden im Bundesgesetzblatt Teil II veröffentlicht und sind damit als amtliche Werke in Deutschland gemeinfrei. Über den Bürgerzugang des Bundesanzeigers können diese Texte als pdf-Dateien heruntergeladen werden. Auch das Institut für Auslandsbeziehungen (IfA) bietet diese Texte zum Download an.

Die auf Wikipedia vorhandene Liste der Kulturabkommen wurde von mir aktualisiert, komplettiert und erweitert. Das Projekt basiert auf einer Idee, die im Rahmen eines von Wikimedia Deutschland organisierten Meetings im Frühjahr diesen Jahres im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) geboren wurde.

Scan des Kulturabkommens mit Argentinien von 1973.

Wenn diese Texte schon allgemein zugänglich sind, warum hast du dich dann damit beschäftigt?

Da ich mich bei Wikisource schon intensiv mit Rechtstexten, meist mit historischen, beschäftigt habe, lag es auf der Hand, ein diesbezügliches Projekt zu starten. Das IfA stellte uns die Texte zur Verfügung, diese liegen teils als image-pdf, teils als lesbare pdf-Datei vor. Ich habe sämtliche Abkommen mittels eines OCR-Programms in e-Text transkribiert und auf Wikisource eingestellt. Damit sind diese Texte mit Suchmaschinen (z. B. Google) durchsuchbar, sie sind einheitlich formatiert und stehen zur Verarbeitung mit weiteren Programmen, z. B. Textverarbeitung, zur Verfügung. Weiterhin wurden sie vertont.

Vertont? Für die Oper?

Nein, natürlich nicht für die Oper. Vertonung nenne ich das Vorlesen mittels einer Software. Seit einiger Zeit gibt es für einzelne Browser elektronische Stimmen für mehrere Sprachen. Das Ergebnis ist ganz passabel und so habe ich für jeden Text eine Audio-Datei angefertigt, auf das freie Medienarchiv Wikimedia Commons hochgeladen und mit den Abkommen verknüpft. Die Texte können auch über das Smartphone gehört werden und so z. B. beim Autofahren, Einkaufen oder vor dem Einschlafen einen intellektuellen Zugewinn verschaffen.

Du erwähnst mehrere Sprachen. Liegen diese Texte auch mehrsprachig vor?

Ja, viele Texte sind 2-, manche auch 3-sprachig. Da wir in Wikisource einen wissenschaftlichen Anspruch haben und unsere Texte so quellengenau wie möglich wiedergeben, war es für mich keine Frage, auch die fremdsprachigen Teile so weit wie möglich zu transkribieren. So liegen auch Texte in Englisch, Estnisch, Flämisch, Französisch, Griechisch (mit Dank an den Benutzer:DerHexer), Italienisch, Lettisch, Niederländisch, Norwegisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Serbokroatisch, Spanisch, Türkisch, Ungarisch und Weißrussisch vor. Arabisch, Hindi, Japanisch und Persisch konnte ich nicht transkribieren und hoffe hier auf sachkundige Unterstützung. Bei der Vertonung klemmt’s beim Estnischen, Lettischen, Serbokroatischen und Weißrussischen, hierzu werden bisher noch keine Stimmen angeboten oder ich habe keine gefunden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Wie werden die Texte in Wikipedia und ihren Schwesterprojekten weiterverwendet?

Die Scans der Gesetzblätter und die Audio-Dateien sind auf Commons unter der „Category:Kulturabkommen (Deutschland)“ zu finden. Auf Wikisource befinden sich die transkribierten Texte unter der Kategorie:Kulturabkommen, diese wurden auf die Wikipedia-Seite: Liste der Kulturabkommen Deutschlands verlinkt. In dieser Liste sind neben dem Abkommen noch weitere Informationen zu finden, wie ein Link auf das jeweilige Land, Daten zum Abschluss, Bekanntmachung und Inkraftsetzung, Fundstellen und Links zu den unterzeichnenden Persönlichkeiten. Es stehen natürlich nicht für sämtliche Persönlichkeiten Artikel zur Verfügung. Neben der deutschen Wikipedia wurden auch Wikipedia-Artikel in anderen Sprachen verlinkt.

Ausschnitt aus der Übersichtsseite der Kulturabkommen auf Wikipedia

Wie geht es nun weiter?

In erster Linie muss ich mir eine aussagekräftige Wikisource-Themenseite einfallen lassen, hier bin ich noch im konzeptionellen Stadium und hoffen auf eine zündende Idee. Weiterhin wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn sich jemand von Wikidata dem Thema annehmen würde. Hinsichtlich dem IfA hoffe ich auf eine Fortsetzung dieser sehr interessanten und sehr guten Zusammenarbeit.

Wie kann man sich an Wikisource beteiligen?

Man kann sich an zahlreichen weiteren Themen und Projekten bei Wikisource beteiligen. Ich finde es faszinierend, historisches Wissen oder auch Belletristik, die jahrzehntelang quasi verschüttet war, wieder ans Licht und damit konsumierbar zu machen. Als Beispiel will ich hier das Projekt der Gartenlaube nennen. Diese Zeitschrift war seit dem Kriegsende verschwunden, jetzt steht sie zum Großteil wieder zur Verfügung und man kann unter anderem die Seifenopern des 19. Jahrhunderts wieder genießen. Auf einen wichtigen Aspekt möchte ich hier noch hinweisen: Mit der Transkription übertragen wir die Texte in Frakturschrift (auch altdeutsche Schrift genannt), die nicht mehr jeder lesen kann, in die heute gebräuchliche Antiqua-Schrift und beseitigen damit eine wesentliche Hürde für den Zugang zu diesen Texten.

Mitarbeiter werden immer gesucht und die Zweitkorrektur eines laufenden Projektes ist ein guter Einstieg, damit kann man erstmal testen, ob einem diese Arbeit liegt. Es gibt es eine Liste der FAQ, wie dies auf neudeutsch heißt. Ich empfehle deren Lektüre für jeden, der bei uns mitmachen möchte.

Zum Abschluss noch ein persönlicher Tipp für das Anlegen eigener Projekte: Großprojekte ohne die notwendige Erfahrung anzuschieben, macht wenig Sinn, es besteht Gefahr, die damit verbundene Arbeit zu unterschätzen. Erstmal mit kleineren Büchern, unter 50 Seiten, anfangen und damit Erfahrung sammeln und diese in überschaubarer Zeit zu Ende bringen. Das damit verbundene Erfolgserlebnis stellt sich dann umso schöner ein. Alles, was man bei uns macht, hat Bestand und das kann einem niemand mehr nehmen. Wenn man dann wie ich zehn oder mehr Jahre dabei ist, kommt man ins Staunen, was man alles geschafft hat und diese Rückblende wirkt wie eine Lebensverlängerung, die Wahrnehmung der vergangenen Zeit unterscheidet sich von der des Alltags.