Logo von Markus Büsges, leomaria, CC BY-SA 3.0

Es gab einmal die Utopie, der digitale Raum ermögliche eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft. Heute ist die Hoffnung verflogen, die Offenheit im Netz schaffe eine gleichmäßigere Verteilung der Sprachgewalt und damit der gesellschaftlichen Gestaltungsmacht aller Menschen.

Die Möglichkeit zur freien Partizipation und Wortmeldung im Netz ermöglicht kollaborative Wissensprojekte wie Wikipedia, bringt aber auch Exzesse sprachlicher Gewalt zutage, die eine echte Gefahr für die Meinungsfreiheit und Vielfalt im Netz bedeuten. Auch im Internet gilt: Sprache ist Macht, und die Frage “Wer spricht?” bleibt als uralter Topos auch im Informationszeitalter die zentrale Frage gesellschaftlicher Machtorganisation.

Freies Wissen & Feminismus

Die Wikipedia-Idee, das Internet für die Erstellung und Verbreitung Freien Wissens zu nutzen, begeistert Menschen weltweit: Das gesammelte Wissen der Menschheit soll allen frei und kostenlos zur Verfügung stehen. Heute ist klarer denn je, wie wichtig faktenbasierte, unabhängige Informationen für die politische Meinungsbildung sind. Doch über welche Art Wissen sprechen wir? Innerhalb der Wikipedia gibt es weltweit eine Unterrepräsentation weiblicher Freiwilliger, wie u.a. Erhebungen der Wikimedia Foundation zeigen. Auch sind deutlich weniger Biografien bedeutender Frauen als Männer in der Wikipedia zu finden.

Diesem content gender gap wirkt die ehrenamtliche Wikipedia-Community entgegen mit Projekten wie Women edit (die bei der Feministischen Sommeruni am 15.9. einen Workshop anbieten!), Women in red oder WikiWomens‘ Collaborative. Regelmäßige Workshops ermutigen Frauen zum Schreiben von Wikipedia-Artikeln. Thematische Schreib-Marathons, wie aktuell zu 100 Jahre Frauenwahlrecht, sollen zu mehr und gehaltvolleren Artikeln über Frauen führen. Initiativen des globalen Netzwerkes, wie Wiki loves Women in Afrika, zeigen, dass sich die Mühen lohnen. Das offene Netz, offene Strukturen und offene Daten, die auch Grundlage der Wikipedia sind, können als Mittler feministischer Anliegen wirken – wenn sie genutzt werden.

Multipliziert sich Antifeminismus im Netz?

Women’s History Month edit-a-thon, Foto: Matthew (WMF), CC BY-SA 3.0

Das größte Versprechen der digitalen Kultur war, dass sich die Organisation von Wissen demokratisiert und so eine gleichmäßigere Repräsentation aller Menschen erreicht wird. Doch stattdessen führte die Zentralisierung von Kommunikation, maßgeblich durch Facebook, innerhalb der letzten 10 Jahre zu diskursiven Aufschaukelungseffekten und so zum Aufstieg der populistischen Rechten in westlichen Staaten. Antifeministische und rassistische Haltungen verstärken sich durch digitale Kommunikation und im Netz bilden sich Gruppen, die Frauenhass verbreiten und in organisierter Form Menschen angreifen, die sich feministisch äußern.

Auch die aktuell gestiegene Sichtbarkeit für das Thema sexualisierte Gewalt durch #metoo zeigt: Wo immer Frauen sich Räume erstreiten, ist auch die Gegenwehr nicht weit – auch im Netz. Tatsächlich ist global ein antifeministisches Rollback zu beobachten, das sich umso aggressiver äußert, je vehementer und selbstbewusster Frauen auftreten. Öffentlich gewordene Fälle wie Gamergate lassen das Ausmaß des Problems nur erahnen, das Netz ermöglicht eine regelrechte Multiplizierung von Hassbotschaften. Doch die gute Nachricht ist: Frauen wehren sich.

Feminismen greifen Raum im Netz

Frauenbewegungen sind weltweit verstärkt aktiv und hörbar. Getreu dem Motto „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, scheint das Netz ermutigend zu wirken. Es lohnt sich, den digitalen Wandel weiterhin als größte Chance zu begreifen, die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung zu verwirklichen – wenn auch nicht auf einfachem Weg.

Einerseits haben sich Strukturen des analogen Lebens im digitalen Raum etabliert und erweitert, die nachträglich schwer zu verändern sind. Gleichzeitig wachsen feministische Projekte und Communitys: Frauen verschaffen sich mit Hack-Spaces wie Heart of Code, Web-Magazinen wie Edition F und Netzwerken wie Digital Media Women oder Future Females mehr Sichtbarkeit im Netz und mehr Gestaltungsmacht über das Netz in Wirtschaft, Journalismus oder IT. Vernetzung und Reichweite im Netz bringen feministische Themen auf das gesellschaftliche Radar, die sonst ein Nischendasein fristeten (etwa intersektionale Diskriminierung) oder als blinder Fleck von weiten Teilen der Gesellschaft nicht diskutiert werden (etwa Gewalt von Männern an Frauen).

Wie für viele anderen Bereiche gilt: Das Netz kann als Verstärker und Multiplikator wirken. Wer durch Sprachgewalt andere beeindruckt, kann das Netz als Resonanzraum nutzen, um die eigene Botschaft zu verbreiten und zu verstärken. Das ist „Fluch und Segen“: Sprachgewalt im Netz begeistert und mobilisiert für Feminismus. Sprachliche Gewalt bringt Menschen zum Schweigen und zum Rückzug aus öffentlichen Debatten.

Wikimedia-Salon „Sprachgewalt. Frauen im Netz“ am 15.9.2018

Klar ist: Das Netz spiegelt weitgehend die Herrschafts- und Machtstrukturen der analogen Welt wieder. Der Umgang mit ihnen erfordert medienspezifische Strategien, die sich gerade erst entwickeln. Was brauchen wir, um die einstige Vision von mehr Teilhabe, Gerechtigkeit und Repräsentation aller Menschen im Netz zu verwirklichen? Diese und andere Fragen diskutieren wir im im Rahmen der Feministischen Sommeruni 2018 im Wikimedia-Salon, zu dem wir herzlich einladen! Anmeldung bitte über salon@wikimedia.de.

Wo: Humbold-Universität zu Berlin, Campus Mitte, Unter den Linden

Wann: 15. September 2018, 18 Uhr

Gäste:

Moderation: Stefanie Lohaus, Publizistin, Chefredakteurin Missy Magazine

 

Wikimedia-Salon

Wikimedia Deutschland lädt seit 2014 regelmäßig Fachleute aus Politik, Kultur und Wissenschaft zum Salongespräch ein. Unter dem Motto „Das ABC des Freien Wissens“ buchstabieren wir verschiedene gesellschaftspolitische Themen durch, die mit der Verbreitung Freien Wissens verbunden sind – von der Entwicklung des Buchmarktes über Open Access in der Wissenschaft bis zur digitalpolitischen Agenda der Bundesregierung.