Ubuntu steht im südafrikanischen Kontext der Wiederversöhnung nach dem Ende der Apartheid für eine Philosophie der wechselseitigen Anerkennung und „den Glauben an ein universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet“. Für die Wikimania-Teilnehmenden war es vor allem ein Auftrag: Wikipedia erscheint deutsch- und englischsprachigen Lesenden oft beachtlich umfassend, doch der Blick auf Themen und Beitragendenzahlen jenseits Europas und Nordamerikas zeichnet ein anderes Bild. In weiten Teilen des afrikanischen Kontinents werden weniger als 25% der Wikipedia-Bearbeitungen zu lokalen Themen von lokalen Freiwilligen getätigt, verglichen mit 75-86% der Edits in den USA, Deutschland oder Australien (siehe Abbildung, weitere Zahlen dazu in Dr. Martin Dittus’ Keynote hier im Video). Zahlreiche Wikimedia-User Groups (offiziell organisierte lokale Wikimedia-Freiwilligengruppen) setzen sich seit einigen Jahren mit großem Engagement für mehr lokale Beiträge insbesondere in vor Ort gesprochenen Sprachen ein, doch die Differenz bleibt dramatisch.

Forschungsergebnisse aus Dr. Martin Dittus‘ Keynote: Creating Knowledge Equity and Spatial Justice on Wikipedia

Die Bedeutung lokaler Perspektiven war das wiederkehrende Thema der Konferenz: Zu lange war die Unterdrückung von Wissensvermittlung und der eigenen Geschichtserzählung Mittel kolonialer Besatzung. Freie Wissensprojekte wie die Wikipedia bieten das Potenzial, das Internet zu einem gleichberechtigteren, emanzipierenden Ort der modernen Wissensvermittlung zu entwickeln. „Wikipedia ist schon heute faszinierend und umfangreich. Doch sie ist noch immer weit davon entfernt, die Gesamtheit der Welt, in der wir leben, darzustellen – so viel Geschichte, Sprachenvielfalt, Kultur und Völker des afrikanischen Kontinents fehlen ihr noch“, sagte Katherine Maher, Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation.

Das Wikimania-Programm übertrug die abstrakte Vision in über 70 Vorträgen in lebendige Projektvorstellungen, offene Debatten, Lern-Workshops und Podiumsdiskussionen zu afrikanischen Projekten (siehe zum Beispiel Wiki Loves Africa), Wikipedien in afrikanischen Sprachen, Neuerungen bei Wikidata, der Movement Strategy 2030, Wikidata und Technik, gemeinschaftliche Projekte mit GLAMs (Galerien, Bibliotheken (Libraries), Archiven und Museen) und Politik-, Bildungs- und Forschungsarbeit rund um die Wikimedia-Projekte.

Katherine Maher, Geschäftsführerin der WMF, im Gespräch mit Wikipedia-Community-Organisatoren Samuel Guebo, Erina Mukuta, Emna Mizouni und Shola Oluaniyna. Foto: Lisa Dittmer für WMDE, CC BY-SA 4.0

Neben technischen Fortschritten wie der Einbindung lexikographischer Daten in der freien Datenbank Wikidata, die insbesondere kleineren Wikipedien viel manuelle Arbeit in der Aktualisierung von Daten abnehmen, wurde auch über systemische Herausforderungen auf dem Weg zu einem vielfältigeren Wissensschatz diskutiert: Als Enzyklopädie stellt Wikipedia hohe Anforderungen an die Belegbarkeit von Informationen durch externe Quellen. In zahlreichen afrikanischen Sprachcommunitys spielt die mündliche Übertragung von Wissen aber eine große Rolle, historische textliche Quellen zur Aufarbeitung in enzyklopädischer Form, wie Wikipedia sie bislang verlangt, fehlen häufig oder sind nur in Form von Texten der kolonialen Besatzer vorhanden. Wie können wir also Wissen dokumentieren und erhalten, das nicht textlich erfasst ist? Inwieweit kann oder sollte eine Enzyklopädie dies leisten oder braucht es zunächst andere Formate als Zwischenschritt? Projekte wie das ebenfalls auf der Wikimania vertretene Open Source Sprachaufnahmenprojekt Lingua Libre zeigen neue Möglichkeiten auf.

So lud die 14. Wikimania die Teilnehmenden zur (selbst-) kritischen Auseinandersetzung mit dem Umfang, Form und Aufbau der eigenen Wissenssammlung ein. Waren die letzten Wikimania-Konferenzen noch stark davon geprägt, sich als Pioniere des Internets zu verstehen und die Einzigartigkeit der Wikimedia-Projekte zu verstehen, schloss die diesjährige Konferenz stärker an bereits bestehende Diskurse um die Emanzipierung und Dekolonialisierung des Internets an. Neben den Strategie-Workshops wurde über die zukünftige Ausrichtung aber vor allem in Gesprächen zwischen den Hunderten freiwilligen Schreibenden, Softwareentwickelnden, Fotografierenden, Übersetzerinnen und Übersetzern und vielen mehr leidenschaftlich diskutiert, ob beim Frühstück oder nachts an der Bar.

Wikimedia Deutschland förderte die Teilnahme von 28 Freiwilligen aus Deutschland, viele davon haben ihre persönlichen Eindrücke in einer Sonderausgabe des Wikipedia:Kuriers, dem Nachrichtenblatt der Wikipedia-Gemeinschaft, festgehalten. So sei das Fazit Wikipedianer Fabian bzw. Benutzer:Zenith4237 überlassen, der dieses Jahr zum ersten Mal zu einer Wikimania reiste:

„Meine erste Wikimania war cool, anstrengend, bereichernd, den Horizont erweiternd, belustigend, sinnvoll unglaublich.”

Einige der Programmteile wurden aufgezeichnet und sind frei abrufbar: https://wikimania2018.wikimedia.org/wiki/Program.

Martin Kraft, MJK 26491 Wikimania 2018 group photo, CC BY-SA 3.0